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DDR-KULTURPOLITIK Langer Atem

Trotz offizieller Versöhnungsgesten hält die SED weiterhin wachsame Distanz zu den Biermann-Sympathisanten unter den Künstlern.
aus DER SPIEGEL 17/1977

SED-Chef Erich Honecker schlug vor dem Zentralkomitee seiner Partei die sanfte Leier: »Wir wollen und brauchen eine stets vertrauensvolle und schöpferische Atmosphäre der Beziehungen zwischen der Partei und den Kunstschaffenden.« Die »Darstellung von Konflikten«, so ließ der Generalsekretär die Autoren und Artisten der Ost-Republik Mitte März weiter wissen, sei »nicht nur möglich, sondern auch gefordert« -- natürlich »auf festen sozialistischen Positionen«.

Die seit der Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns von der Einheitspartei arg gebeutelten Künstler und Intellektuellen vernahmen die freundlichen Worte mit Erleichterung. Die SED, so deuten die Unterzeichner der Pro-Biermann-Petition vom November vergangenen Jahres die Honecker-Botschaft, habe ihnen vier Monate nach der Ausbürgerung des Liedermachers endgültig Pardon für ihren Protest erteilt.

In der Tat gibt es eine Reihe von Indizien, daß die SED sich nach einer Phase der harten Hand gegen die Biermann-Sympathisanten umgestellt hat: Die im DDR-Fernsehen aufgelegte schwarze Liste wurde Anfang März eingezogen, mit einem Auftrittsverbot belegte Schauspieler und Sänger dürfen wieder auf dem Ost-Bildschirm erscheinen. Der neue Roman »Kindheitsmuster« der nach Anna Seghers renommiertesten DDR-Dichterin Christa Wolf fand bei der offiziellen Kritik wohlwollenden Beifall.

In den letzten Wochen ließen die Behörden zudem außer der Biermann-Ehefrau Tine und der populären Schauspielerin Eva-Maria Hagen mehrere politisch in Mißkredit geratene, aber keineswegs prominente junge Intellektuelle in die Bundesrepublik ausreisen. Und sogar ein schmaler Gedichtband der Lyrikerin Sarah Kirsch, die Ende vergangenen Jahres aus der SED ausgeschlossen worden war, ist inzwischen -- gleichzeitig in Ost und West -- erschienen. Kostprobe aus dem »Rückenwind« betitelten Buch: Dieser Abend, Bettina, es ist Alles beim alten. Immer

Sind wir allein, wenn wir den Königen

schreiben

Denen des Herzens und jenen Des Staats. Und noch Erschrickt unser Herz

Wenn auf der anderen Seite des Hauses Ein Wagen zu hören ist.

Der liberale Schein indes könnte trugen. Denn allzu groß ist jenes »Vertrauen unserer Partei zu den Schriftstellern, Künstlern und Kulturschaffenden«, das Honecker vor dem ZK beschwor, nun auch wieder nicht.

»Der Ausbürgerungsbeschluß gegen Wolf Biermann war einer der klügsten Beschlüsse der Partei«, tönte nur wenige Tage nach der verbalen Versöhnungsgeste des SED-Chefs der Direktor des Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften, Gerhard Ziegengeist. Die »unerhörte Reife, die unerhörte Weisheit« der SED-Führung, so Ziegengeist vor einem vertraulichen Parteizirkel der Akademie, habe ein »reinigendes Gewitter an der Kulturfront« bewirkt.

Doch sauber sei die Luft noch lange nicht. Ziegengeist: »Was wir alle nicht wußten: wie tief der sogenannte Eurokommunismus eingedrungen ist. Bei einem großen Teil der Kulturschaffenden ist ein Sozialismusbild eingespeichert, das aus linken, revisionistischen und SPD-Elementen besteht. Außerdem gibt es weitverbreitet unglaublich wirre Vorstellungen von sozialistischer Demokratie.« Manche Schriftsteller, so der Institutsleiter erbost, »kamen mit der »Humanité'* unter dem Arm zum Parteiverfahren«.

Und genau in derlei politischen Regungen sieht die SED das Schreckgespenst einer weitverzweigten Konterrevolution, die sich zur gleichen Zeit auch in anderen Ostblockländern, vor allem in der CSSR, erhoben habe. Ziegengeist: »Neu ist, daß erstmals seit 1953 in der DDR eine konterrevolutionäre Aktion stattgefunden hat«, deren »Speerspitze« Biermann, deren »Inspirator« der Regimekritiker Robert Havemann gewesen sei.

Im »Vergleich zu den anderen Bruderländern« habe die DDR jedoch gegenüber »dieser ganzen konterrevolutionären Bewegung« die »reifste Haltung« gezeigt nach der Devise: »Der Gegner wird mit politisch-ideologischen, aber nicht mit administrativen Mitteln geschlagen.«

So sei es taktisch klug gewesen, fuhr Ziegengeist fort, den Bittbrief der Biermann-Sympathisanten an Honecker nicht zu veröffentlichen, denn »wir hätten ja alle abstempeln müssen als Teilnehmer einer konterrevolutionären Aktion. Wie sollten wir diese Schauspieler und Autoren danach noch auftreten lassen können?«

Und auch gegen Havemann greife die Partei deshalb nicht schärfer durch, weil »wir ihn dann international als

* Zentralorgan der französischen KP.

Gesprächspartner akzeptieren würden«. Jede härtere Praxis, befand Ziegengeist, hätte nur die Geschäfte des Gegners besorgt: »Ein langer Atem über Jahre hinweg ist nötig.«

Wie sehr die Partei schon jetzt auf der Hut ist, bekamen die Abweichler bei den Vorstandswahlen der Berliner Sektion des DDR-Schriftstellerverbandes zu spüren, in der rund die Hälfte der knapp 800 ostdeutschen Autoren organisiert ist.

Bereits im Dezember waren aus der Sektionsspitze alle Mitglieder entfernt worden, die sich an der Biermann-Aktion beteiligt hatten. Als Ende März die längst überfälligen Neuwahlen anstanden, präsentierte der amtierende Vorstand lauter linientreue Kandidaten. Die von einer Minderheit vorgeschlagenen Biermann-Protestler Sarah Kirsch und der Erzähler Günter de Bruyn kamen nicht einmal auf die Vorschlagsliste, nachdem der mächtige Vizepräsident des Gesamtverbandes, SED-Mitglied Hermann Kant ("Die Aula"), die beiden gewogen und für zu leicht befunden hatte.

Kants Begründung: Für den Vorstand brauche man politisch zuverlässige Leute.

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