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»Langsam, aber teuer sterben«

Einst galt die Region als Herzstück der DDR-Industrie, jetzt gehen im Dreieck Halle-Bitterfeld-Merseburg die Öfen aus. Zehntausende sind arbeitslos, Milliardenkredite zögern den Abstieg des Reviers nur hinaus. In den konkursreifen Betrieben und auf den Arbeitsämtern brodelt Unmut, Experten rechnen mit sozialen Unruhen.
aus DER SPIEGEL 39/1990

Bei Susanne Herbst, 23, war es eine Sache von Minuten. Die Polstergesellin, angestellt bei einer Möbelfirma in Halle, wurde zur Geschäftsleitung gerufen, »da hieß es gleich, ich sei entlassen«. Genauso fix ging es dann beim Arbeitsgericht: »Widerstand ist zwecklos, haben die mir gesagt«, erinnert sich Susanne, »unser Recht sei nicht mehr gültig, und die Westgesetze würden sie noch nicht kennen.«

Den Ingenieur Heinz-Joachim Busch, 49, erreichte die Nachricht auf der Baustelle. »Das Telefon klingelte, ich hatte meine Kündigung«, berichtet er. Mit ihm waren an die 100 Kollegen aus der zur Ducon-Komplex-Engineering GmbH gewandelten Dachorganisation des einstigen Kombinats Anlagen- und Gerätebau rausgeflogen.

Die restlichen 150 Mitarbeiter wurden zumeist auf Kurzarbeit gesetzt. Busch: »Der einzige, der da noch arbeitet, ist der Kombinatsdirektor.«

Die Radio-Fernseh-Mechanikerin Petra Nobel, 30, erfuhr von Kollegen, »über den Buschfunk«, daß ihr Chef sich selbständig machen wolle: Zwei Videotheken seien aus dem Nachlaß des zuvor als volkseigen firmierenden Radio- und TV-Vertriebsunternehmens gebildet worden.

Ein paar Kollegen wurden weiterverpflichtet, die geschiedene Mutter von zwei Kindern aber war beim Aufbruch in die Privatwirtschaft nur unerwünschter Ballast: »Dich können wir leider nicht mitnehmen.« Petra Nobel und die beiden anderen haben mittlerweile eine neue Beschäftigung gefunden: Im Halleschen Stadtteil »Frohe Zukunft« lernen sie jetzt selber das Einmaleins der Marktwirtschaft.

In der Kantine eines Jugendgefängnisses pauken die drei zusammen mit gut 20 anderen Arbeitslosen Kommandos zur Bedienung von elektronischen Textverarbeitungsgeräten. Sie trainieren, sich bei Bewerbungen ins rechte Bild zu rücken, und lernen erste Kunstgriffe aus der geheimnisvollen Wissenschaft kapitalistischer Preiskalkulation.

Den Berufsbildungskurs, organisiert vom Arbeitsamt, leitet ein westdeutscher Diplom-Pädagoge, der daheim in Hannover selber ohne Anstellung war. Immerhin hat der Westler jetzt einen Job. Seine ostdeutschen Schüler hingegen werden wohl noch länger aufs Stempelgeld angewiesen sein.

Zwar sind die Qualifizierungsübungen, mitfinanziert von der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, allemal nützlich für die Arbeitslosen. Doch mit einem neuen Job können nur wenige rechnen. Außer ein paar Banken, die spezielle Kräfte suchen, melden die Betriebe in der Region kaum mehr offene Stellen. Sie beantragen entweder Kurzarbeit oder kündigen Massenentlassungen an.

Etwa ein Viertel der rund 900 000 Erwerbstätigen im Gebiet des alten Bezirks Halle ist faktisch bereits ohne Beschäftigung. Mehr als 35 000 haben sich als Arbeitslose registrieren lassen, über 200 000 sind als Kurzarbeiter ganz oder teilweise zum Nichtstun verdammt.

In den Brikettbetrieben der Vereinigten Mitteldeutschen Braunkohlewerke AG (früher: Braunkohlekombinat Bitterfeld) stehen die Kohlepressen immer häufiger still. Rund um die Giftschleudern Buna, Leuna und Bitterfeld atmen die Leute neuerdings weniger Stinkluft ein, weil einige Reaktionskessel und Rührmaschinen bereits abgeschaltet wurden.

Das Industriedreieck Halle-Bitterfeld-Merseburg, einstmals die Großküche der sozialistischen Planwirtschaftler, in der 40 Prozent aller DDR-Chemie-Erzeugnisse zusammengemixt wurden, ist jetzt in Gefahr, zu einem riesigen Ruinenfeld zu verkommen.

Schon muß in der Schmutzstadt Bitterfeld nordöstlich von Halle beinahe jeder zweite mangels Arbeit zu Hause bleiben.

In dem Bergarbeiterrevier Mansfeld stachen Hüttenwerker vorvergangene Woche mit Sirenengeheul und schwarzen Fahnen einen der letzten Hochöfen ab: Mit Schließung der Kupferhütten im Westen von Halle werden einige tausend Kumpel arbeitslos.

Die S-Bahn-Züge, die zwischen der Arbeitersiedlung Halle-Neustadt und den weiter südlich gelegenen Buna- und Leunawerken pendeln, brausen jetzt manchmal wie Geisterzüge halbleer durch die Nacht: Rund 35 000 Chemiearbeiter bleiben auf Geheiß von oben immer mal wieder der Schicht fern.

Die Schuhfabrik hat keinen Absatz mehr, beim Glühlampenhersteller gehen die Lichter aus. Kleinere Kunststoffwerke, die mit Hilfe der Buna-Plaste etwa Tapeten, Fußbodenbeläge oder Spielwaren herstellen, feuern ihre Belegschaften. Sogar beim Sportklub Chemie-Halle müssen die 114 Trainer zwangspausieren.

Noch ist die offizielle Arbeitslosenquote (in Halle-Stadt 4,07 Prozent) vergleichsweise niedrig. Denn die meisten Betriebe hängen am Treuhand-Tropf. Mehr als eine Milliarde Mark an Liquiditätskrediten pumpt die Treuhandanstalt seit der Währungsunion Monat für Monat in die Region. Zudem fließt ein nicht genau bezifferbarer, vermutlich kaum geringerer Betrag an Kurzarbeitergeld den Betrieben zu.

Doch schon jetzt spielen sich soziale Tragödien ab, weil das Arbeitslosengeld - oftmals unter 500 Mark - nicht das Existenzminimum sichert. Da drohte, in der Auszahlstelle des Arbeitsamts Bitterfeld, eine Frau mit Selbstmord; ein anderer Stellungsloser zückte gar ein Messer. Unmut entlädt sich auch in den Betrieben, die Angst vor gewaltsamen Arbeitskämpfen wächst.

Dabei wird die eigentliche Talfahrt erst beginnen, wenn die Zuschüsse für die Unternehmen ausbleiben.

Spezialisten aus westdeutschen Arbeitsämtern, zur Zeit vor Ort, um ihren ostdeutschen Kollegen Hilfestellung zu geben, rechnen damit, daß sich die Anzahl der Arbeitsplätze im Ballungsraum Halle halbieren wird. Regionalplaner Wolfgang-Hans Müller, 54, von der Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wibera, befürchtet gar »bis zu 60 Prozent Freisetzungen«, mithin über 500 000 Arbeitslose, »im nächsten Jahr«. Buna-Betriebsrat Horst Sladecek, 60, ein CDU-Mitglied, warnt: »Wir haben hier eine soziale Notstandsregion.«

Auch im Erzgebirge und an der Ostseeküste, in Nordhausen und in Neuruppin steigen die Arbeitslosenzahlen bedenklich an. Etwa 1,8 Millionen der knapp 9 Millionen Erwerbstätigen in der Noch-DDR sind schon stellungslos oder arbeiten kurz; bis zum Frühjahr könnten nach Expertenschätzung im Ostteil Deutschlands drei oder vier Millionen Menschen ohne Beschäftigung sein.

Doch in den Ballungsgebieten entscheidet sich, ob die DDR zum Armenhaus des neuen Deutschland mit einer Masse von Langzeit-Arbeitslosen wird oder ob der Bundeskanzler mit seiner Prognose vom Aufschwung recht behält.

Auf dem Marktplatz in Halle hämmerte Helmut Kohl (CDU) letzten Monat 10 000 Zuhörern ein, nach gewissen »Durststrecken in dem einen oder anderen Fall« werde die Region als »blühendes Land« wiederauferstehen. Ein paar junge Leute und PDS-Anhänger, laut Kohl »Vertreter des politischen Pöbels der DDR«, werfen Eier zum Podium; viele Ältere stehen unschlüssig herum.

Hernach, beim Bier in der düsteren Mitropa-Gaststätte im S-Bahnhof Halle-Neustadt, die im Volksmund »die Schiene« genannt wird, erzählen sich die Arbeiter, wen es jetzt wieder erwischt hat. Einer im schwarzweiß gestreiften Pullover geht von Tisch zu Tisch und schimpft, er müsse seit heute kurzarbeiten. Ein Kollege im roten Hemd ist schon arbeitslos, er will »in den Westen rübermachen«.

Am Nachbartisch sitzt der Schlosser Wolfgang Kluge vom Buna-Störungsdienst, der mit seinen 47 Jahren »zu alt zum Umschulen und zu jung für den Vorruhestand« ist. »Keene Perspektive da«, nuschelt er und und bestellt noch schnell ein Bier: »Die Zone hier ist tot, zehn Jahre bestimmt.«

Jedenfalls werden viele der neugegründeten GmbH und Aktiengesellschaften wohl früher oder später sterben müssen. Nach Schätzung der Treuhandstelle Halle ist gut ein Drittel der ihr zugeordneten 514 Betriebe akut konkursbedroht. Nur fünf bis zehn Prozent seien überhaupt wettbewerbsfähig.

Die Prognose kann stimmen, muß aber nicht. »Was eigentlich in den Firmen los ist, die wir verwalten, wissen wir nicht«, räumt der stellvertretende Treuhand-Chef in Halle, Gerhard Bätz, 50, freimütig ein: »Ich kriege weder ''ne belastbare Betriebsbilanz in die Hand, noch habe ich ''ne Statistik.«

An der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, im Industriegebiet Halle-Ost, sind die Pleitekandidaten schon erkennbar. Da wühlt, in der Taschenfabrik Halefa GmbH, der Bereichsleiter Wolfgang Franke, 55, verzweifelt in Stapeln von Rucksäcken und Reisetaschen, die allesamt keine Abnehmer mehr finden. Franke: »Der Handel ist doch bescheuert, daß er die Ware nicht kauft.«

Um wenigstens etwas Geld hereinzubekommen, hat die Firma schon Lagerräume an einen Getränkevertrieb vermietet. »Ob wir den September überstehen, wissen wir nicht«, sagt Franke.

Gleich nebenan thront Ducon-Chef Frithjof Kleen, 57, zwischen den leeren Büros seiner noch verbliebenen, freilich kurzarbeitenden Mitarbeiter und berichtet: »Die Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben ist echt gestört.« Der Mann, einstmals SED-Mitglied und Generaldirektor des Kombinats Anlagen- und Gerätebau, hatte mal 40 Betriebe mit 6000 Mitarbeitern unter sich.

Diese Betriebe arbeiten jetzt als eigenständige Unternehmen. Für die Firma mit dem anspruchsvollen Namen Ducon-Komplex-Engineering bekam Kleen nur den Wasserkopf des alten Kombinats aus Bilanzierern und Projektanten mit. Da sitzt er nun, öffnet immer mal wieder den Plastikumschlag mit dem schönen, aber leider recht allgemeinen Firmenkonzept und erwartet, wie Dornröschen bald erlöst zu werden.

Welcher Prinz die Rettung bringen wird, ist ungewiß: Um einen Partner für seine Wasserkopf-Werkstatt hat sich der Diplom-Ingenieur noch nicht bemüht.

Weiter stadteinwärts auf der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft vegetiert eine Großhandels-GmbH dahin, die früher konkurrenzlos Säfte, Seifen und Soßenpulver (DDR-Jargon: »Waren des täglichen Bedarfs") umgeschlagen hat. Der Umsatz ist gefährlich gesunken. Am Werktor hat der Chef einen verzweifelten Appell an die Belegschaft ausgehängt: »Auf Biegen und Brechen« müsse jetzt »das Planziel erfüllt werden«. Wie der Plan erfüllt werden soll, steht nicht auf dem Papier.

In Halle sind die neuen Chefs zumeist die alten geblieben. An den Strukturen in den Betrieben hat sich, zehn Monate nach der Wende und zwei Monate nach der Währungsunion, kaum etwas geändert: Immer noch sind die Verwaltungs- und Direktionsetagen völlig überbesetzt, nur in den unteren Rängen wird aussortiert.

Das schafft Wut in den Fluren des Arbeitsamts. Da erzählt jemand, sein Boß habe 200 Leuten gekündigt und fahre jetzt einen Alfa Romeo als Dienstwagen. Ein anderer berichtet von einer Schlägerei im Chefbüro. »Wir haben einen Fehler gemacht«, schimpft ein Dritter: »Wir hätten im Oktober nicht vor den Betrieben haltmachen dürfen.«

Viele der alten SED-Direktoren haben längst ihre Pfründen gesichert. Bei den Leunawerken etwa leisteten sich die Leitenden nach Berichten des Betriebsrates Wolfgang Weise, 39, noch kurz vor der Währungsunion großzügige Gehaltsverbesserungen, »rückwirkend ab 1. April«. Als dann im August die von der IG Chemie durchgesetzten 35prozentigen Lohnerhöhungen wirksam wurden, waren die Führungskräfte wieder mit dabei.

Ähnlich lief es bei der Ammendorfer Plastwerk GmbH, einer Buna-Tochtergesellschaft in Halle, die mittels der »Plaste und Elaste aus Schkopau« (Buna-Werbung) Strukturtapeten und Fußbodenbeläge herstellt. Nach einem im Werk aushängenden Flugblatt hatten die Oberen, vom Hauptbuchhalter bis zum Betriebsdirektor, im Frühjahr noch einmal kräftig in den Lohnfonds gelangt und sich gegenseitig Einkommenserhöhungen bis zu 450 Mark zugeschoben. Was die Herren laut Flugblatt miteinander verband: »Sie waren alle vor der Wende in der SED.«

Das Unternehmen kann seine 1200 Mitarbeiter derzeit nur mit Hilfe von Finanzspritzen aus der Treuhandkasse (10 Millionen Mark bis Ende September, noch einmal 7,5 Millionen bis zum Jahresende) bezahlen. Wenn überhaupt: Rund 650 Leute, die halbe Belegschaft, sollen bald entlassen werden. Geschäftsführer Gerhard Geipel, 53, hat »bis Ende November keinen Absatz«.

Auch die ganz Großen der Region, ob Bunawerk (17 000 Mitarbeiter) oder Braunkohlebetriebe mit im Raum Halle rund 30 000 Arbeitskräften, die Leunawerke AG (26 000) bei Merseburg oder die Chemie AG (16 000) in Bitterfeld - alle sind derzeit auf massive Finanzhilfen angewiesen. Aus eigener Kraft werden sie kaum je in die schwarzen Zahlen kommen. Allein die Region Halle wird, hochgerechnet bis zum Jahresende, vermutlich an die zehn Milliarden Mark an Krediten und Kurzarbeitergeldern verschluckt haben. Dabei halten Experten die massive Alimentierung der Ostbetriebe für hochproblematisch.

Das Münchner Ifo-Institut etwa urteilt, die Unterstützung führe zu einer »neuen Form verdeckter Arbeitslosigkeit«. Der notwendige Umstrukturierungsprozeß, so auch der Frankfurter Unternehmensberater Roland Dumont du Voitel, 43, werde durch das »blind verpulverte Geld« nur hinausgezögert, weil sich die Betriebe weiterhin vor der Marktrealität drücken könnten: »Das Sterben wird langsamer, aber teurer.«

Die Treuhand-Kredite rauschen durch, das Geld vom Arbeitsamt wird mancherorts nachgerade als Sterbehilfe zweckentfremdet. In Halle und Umgebung etwa haben viele Firmenchefs die Kurzarbeit schon zur sozialistischen Solidaritätsaktion umfunktioniert.

Weil damit erhebliche Gehaltseinbußen verbunden sind, lassen sie nicht nur in den maroden Bereichen die Arbeit ruhen, aus Gründen der Gerechtigkeit wird auch in den Abteilungen kurzgearbeitet, die eigentlich die Sanierungskonzepte entwickeln müßten - auf daß sich der Betrieb vollends ruiniere.

Sinnvoller als Kurzarbeitergeld und Endloskredite, meinen die Fachleute, seien gezielte Strukturhilfen für die Region, mit denen die anstehenden Massenentlassungen wenigstens annähernd aufgefangen werden könnten. Denn so oder so müssen die Großen abspecken.

Das Bunawerk hat nach derzeitigem Stand mit der Marler Hüls AG immerhin einen westdeutschen Partner in Aussicht. Doch der will nur einsteigen, wenn Buna einige hundert Millionen Mark Altschulden gestrichen und die Kosten für den Sozialplan von anderer Stelle übernommen werden - 6000 bis 10 000 Mitarbeiter sollen gehen.

Die Giftküchen in Bitterfeld und Leuna will niemand ernsthaft übernehmen, beide Werke sind konkursgefährdet. In Bitterfeld sollen bis zum Jahresende 6000 Chemiewerker nach Hause geschickt werden, Leuna versetzt 4000 Beschäftigte in den Vorruhestand.

400 Vietnamesen sollen mit der Kündigung gleich das Rückflugticket bekommen. »Wenn die hier noch bleiben«, sagt Leuna-Betriebsrat Weise, »würden das unsere Leute nicht verstehen.« Wie viele der restlichen 32 000 Mitarbeiter bei den beiden Chemieriesen bleiben können, ist ungewiß.

Kaum besser steht es um die Braunkohle AG. Rund 15 000 Bergleute sollen im Raum Halle in den nächsten Jahren entlassen werden, weil die Förderung der stark schwefelhaltigen Kohle aus Umweltgründen gedrosselt wird. Auch den 21 Brikettfabriken des Unternehmens droht bald das Aus.

Noch sind keinerlei Rettungskonzepte in Sicht. Zwar wurde der Wibera-Prüfer Müller vor etwa sechs Wochen vom Bonner Wirtschaftsminister beauftragt, die Strukturprobleme der Region zu untersuchen. Doch der Regionalplaner kann keine kurzfristigen Erfolgsrezepte bieten. Müller: »Ich träume bereits ganz schrecklich von Halle.«

Für den Experten ist es schwierig, die Gefahrenpotentiale auszuloten. Betriebe mauern, das Ost-Berliner Wirtschaftsministerium rückt nur zögerlich Daten heraus, die Treuhand wurschtelt vor sich hin. Nur eines scheint allen Beteiligten klar: Aus eigener Kraft wird sich diese Region wirtschaftlich nicht erholen.

Zukunftsträchtige Branchen aus dem Dienstleistungssektor sind völlig unterentwickelt, und dem Handwerk geht es kaum besser: Nach dem jüngsten Arbeitsmarktbericht haben jetzt »verstärkt kleinere private Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe Existenzprobleme«.

Da hilft auch die »Ausbildungsoffensive« wenig, die der Kanzler bei seinem Besuch in Halle ankündigte. Mit immerhin 13,5 Millionen Mark finanziert die Bundesregierung ein Bildungszentrum der Handwerkerschaft im Stadtteil Osendorf, 340 Lehrlinge sollen dort geschult werden. Mit Blasmusik und Trachtengruppen eröffnete der Kanzler das Gebäude, das inmitten von Industrieruinen steht. Kohl: »Ich wünsche uns allen, daß dieses Beginnen hier in Halle ausstrahlt auf die ganze DDR.«

Kohls Parteifreund Sladecek sieht noch gar kein Beginnen. »Wenn sich hier nicht bald was tut«, fürchtet der Buna-Betriebsrat, »platzt eine soziale Zeitbombe.« Auch der Unternehmensberater Dumont du Voitel, der schon im Februar, seinerzeit noch im Auftrag des Runden Tisches, in Halle erste Rentabilitätsuntersuchungen angestellt hat, hält besondere Strukturhilfen in dem Gebiet für dringend notwendig. Sonst, fürchtet er, drohe »eine große Phase der Hoffnungslosigkeit«.

Mehr noch als in Westdeutschland bedeuten Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit für Ostbürger einen sozialen Abstieg: Bei den derzeit niedrigen Gehältern machen 63 bis 68 Prozent des Monatsnettolohnes gerade 450 bis 800 Mark aus. Weil aber Lebensmittel teurer geworden sind und die Mieten in nächster Zeit steigen werden, reicht die Alu oftmals nicht aus, um eine Minimalexistenz zu führen.

Familien, die bisher leidlich ihr Auskommen hatten, werden auf diese Weise zu Sozialfällen. Andere driften ab in die Kriminalität. Das hat die Polizei in Halle schon zu spüren bekommen. In der Leipziger Straße etwa, dem Einkaufsboulevard der City, mußte sie kürzlich in einer Woche neun Einbruchsdiebstähle bearbeiten - »früher undenkbar«, sagt Volkspolizeirat Steffen Klaus, 39.

Täglich werden jetzt Autos geknackt, Radios geklaut oder auch die schönen Funktelefone der westdeutschen Geschäftsleute. Die Einbrüche in Betriebe und Wohnungen haben sich verdoppelt, die Anzahl der Handtaschendiebstähle auf den Straßen hat bereits »bundesdeutsches Niveau« (Klaus).

Der Polizist sieht direkte Parallelen zwischen Arbeitslosigkeit und Klaukriminalität: »Das ist halt eine andere Art, den Unterhalt zu erwerben.« Auch eine Reihe von Verzweiflungstaten führt der Ordnungshüter auf die soziale Situation zurück.

Da stürzte sich ein ehemaliger Betriebsdirektor von der Uni-Mensa, und in der Trabanten-Siedlung Halle-Neustadt sprang ein junger Mann aus dem neunten Stock. Klaus: »Bei den Nachfragen erfuhren wir, die hatten ihren Job verloren.«

Der Stadtteil Halle-Neustadt, Anfang der sechziger Jahre unter dem Motto »Chemie schafft Schönheit, Brot und Wohlstand« aus dem Boden gestampft, hat beste Chancen, ein sozialer Brennpunkt der neunziger Jahre zu werden: endlose Häuserreihen an durchnumerierten Straßen, ein paar Schulen und Polikliniken, ein Dutzend Klubs und Kneipen, ein Kino, eine Polizeistation - und sonst nichts außer Beton und 90 000 Einwohnern.

Die Leute in den Blocks kennen einander zumeist nicht. Wenn''s dunkel ist, traut sich keiner mehr auf die Straße. Vor der Kaufhalle torkeln tagsüber schon Betrunkene. In einigen Häusern, berichtet die Polizei, beklauen sich die Nachbarn. In anderen Wohnblocks sitzen vornehmlich alte Leute ängstlich hinter dreimal verriegelten Wohnungstüren.

Tür-Spione sind zum Verkaufsschlager im Handel geworden. Auch Verteidigungswaffen fänden »reißenden Absatz«, berichtet das Hallesche Boulevardblatt _(* Am 28. August auf dem Marktplatz in ) _(Halle. ) Express: »Spring-, Klapp- und Rambomesser« vor allem.

In der Nähe des Saaleufers richtet die Stadtverwaltung jetzt ein Obdachlosenheim ein - das erste seit 40 Jahren. In seiner Behörde am Platz der Völkerfreundschaft erwartet der Sozialamtschef Roland Schulz, 34, bald »Randale«. Die Stimmung in den schmalen Gängen des kleinen Gebäudes ist schon jetzt hochexplosiv. Schulz ist »froh, daß die Fenster unten vergittert sind«. Weil der Sozialhilfesatz (800 Mark für eine Mutter mit zwei Kindern) jetzt oftmals über dem Arbeitslosengeld liegt, wächst der Ansturm auf das Amt von Tag zu Tag. Knapp 14 Millionen Mark stehen Schulz bis zum Jahresende zur Verfügung. Der Behörden-Chef: »Ich will hoffen, daß das Geld reicht.«

Keine Arbeit, wenig Geld, und die alten SED-Bonzen sitzen als neue Geschäftsführer weiter im Sattel - so hatten sich die Leute den Einzug des Kapitalismus nicht vorgestellt. Auch den Gewerkschaftern und Betriebsräten trauen viele nicht mehr über den Weg.

»Die Saubande sitzt wieder zusammen«, schimpfen Arbeiter im Plastwerk Ammendorf, als sie erfahren, daß der Chef mit den Betriebsräten diskutiert. Leuna-Mann Weise fühlt sich von der Belegschaft als »Kungelbruder« verachtet.

Der Mann vom Betriebsrat hat »Angst vor Gewalttätigkeiten« im Werk. Ihm fallen neuerdings sogar Parallelen zu den zwanziger Jahren ein, als Halle noch das »rote Herz Mitteldeutschlands« war und sich die Leuna-Werker blutige Gefechte mit der Reichswehr lieferten.

»Was sich im vergangenen Jahr friedlich in Leipzig vollzogen hat«, meint Weise, »könnte sich bald ganz anders wiederholen.«

* Am 28. August auf dem Marktplatz in Halle.

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