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DENKMÄLER Las Vegas am Tor

Der Berliner Senat verzichtet bei der Sanierung des Brandenburger Tores auf Millionen-Einnahmen und schiebt sie einer privaten Stiftung zu.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Berlin ist für lange Zeit um eine Touristenattraktion ärmer. Das Brandenburger Tor, der Hauptstadt liebstes Fotomotiv, soll bis ins übernächste Frühjahr eingerüstet und verhängt bleiben - ein harter Schlag für Stadtbummler und Hobby-Fotografen.

Das verschmutzte Wahrzeichen soll saniert werden. Dazu verschwindet es ab dem 1. November unter einer Bauplane mit gigantischer Telekom-Werbung. Bausenator Peter Strieder (SPD) beruhigte die Gemüter, das Land zahle für die Säuberung diesmal keinen Pfennig. Sämtliche Kosten würden Sponsoren tragen.

Hinter dem verhängten Tor werkelt allerdings ein Konsortium, das in der Restauratorenzunft erhebliche Verärgerung ausgelöst hat. »Filz und Vetternwirtschaft spielen da ,Las Vegas' am Brandenburger Tor«, argwöhnt etwa das Schweinfurter Unternehmen Maar.

Der Berliner Senat hat der »Stiftung Denkmalschutz Berlin« das Brandenburger Tor bis ins Jahr 2002 überlassen. Die Arbeit der im vergangenen November neugegründeten Stiftung ruht im Wesentlichen auf zwei Herren: dem in seiner Firma Wert-Konzept mit denkmalgeschützten Großimmobilien befassten Berliner Unternehmer Reinhard Müller sowie dem Privatier Helmut Engel. Der war 28 Jahre lang Berliner Landeskonservator. Im Mai ging Engel in den Ruhestand und wurde Geschäftsführer der Stiftung.

Seitdem residiert er kostenlos in den repräsentativen Turm-Räumen von Wert-Konzept am Frankfurter Tor. Laut Vertrag zwischen Kultursenat und Stiftung darf die private Stiftung sämtliche Millionen kassieren, die durch Plakatwerbung am Tor anfallen. Das Land Berlin, heißt es, überträgt der Stiftung »den unmittelbaren Besitz« des Brandenburger Tores zwecks »Ausübung der Bauherreneigenschaft«.

Die Plakatwerbung am Tor spült, so Müller, mindestens zehn Millionen Mark steuergünstig in Engels Stiftungskasse. Die Maßnahmekosten, gibt der Unternehmer an, betragen ihrerseits »knapp zehn Millionen«. Er betont »knapp«, denn ab zehn Millionen Mark muss nach EU-Recht zwingend öffentlich ausgeschrieben werden.

Stiftungsgründer Müller findet es toll, den Staat auf diese Weise zu entlasten. »Public-Private-Partnership« heißen solche werbewirksamen Geschäfte heute - früher hießen sie schlicht »Berliner Filz«.

Als die Bayern-Metropole München von 1995 bis 1999 ihr Siegestor restaurieren ließ, wurden die Arbeiten wie üblich öffentlich ausgeschrieben. Knapp drei Millionen Mark aus der Plakatreklame flossen selbstverständlich in das Stadtsäckel.

Ganz anders in Berlin: Stiftungschef Engel bekam praktisch freie Hand von Bausenator Strieder sowie Kultursenator Christoph Stölzl und vergab den millionenschweren Sanierungsauftrag an einen Herrn namens Michael Pauseback, der laut Wert-Konzept-Chef Müller »hin und wieder« für ihn »was gemacht hat«. Der Kölner Pauseback ist ein Unbekannter in der Branche, ohne besondere Referenzen, ohne langjährige Erfahrung im Metier.

Pauseback, der sich selbst als »Archäologen und Philosoph« beschreibt, hat sich mal mit einer Kunstgalerie, mal mit einer Fotoausstellung versucht. Zuletzt war er zwei Monate in einer Berliner Umzugsfirma namens Care Technology und Relocation. Im Mai gründete er die Care! Technology NovaPlast GmbH, die im Internet unter »Referenzobjekte« aufzählt: »Brandenburger Tor, Peters Dom, Eiffelturm«. Die Erwähnung des vatikanischen Petersdoms nennt Pauseback einen »Scherz« seines Sohnes.

Am 23. August stampfte er eine weitere Firma aus dem Boden, die Caro - Restaurierung und Technologie GmbH. Unternehmenszweck: »die Akquisition, Projektierung, Kalkulation und Vermittlung von Restaurierungsarbeiten«.

Mit dieser Pauseback-Gründung schloss Engels Stiftungsvorsitzender, der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU), einen Vertrag als Generalübernehmer für die Arbeiten am Tor. Geschäftsführer Engel begründet die Entscheidung lapidar: »Ich kenne Pauseback schon lange, von bestimmten Projekten.« Von welchen? »Bestimmten Probearbeiten.«

Laut Satzungszweck soll die »Stiftung Denkmalschutz Berlin« lediglich Tagungen, Ausstellungen und wissenschaftliche Forschungen ermöglichen, einen Preis vergeben sowie die Restaurierung öffentlicher Denkmäler fördern. Von einer Tätigkeit als Bauherr steht in der Satzung nichts.

Auch in Bonn, wo seit langem die »Deutsche Stiftung Denkmalschutz« Bauten in der ganzen Bundesrepublik restaurieren hilft, wundert man sich: Die Bonner Stiftung ist nie Bauherr, sondern gibt ihr Fördergeld grundsätzlich nur an den Eigentümer des Denkmals, etwa eine Stadt, die dann ordnungsgemäß ausschreibt.

Kein Wunder, dass Pausebacks Konkurrenten sauer sind. Die Firma Maar, die an der Restaurierung des Reichtags mitgearbeitet hat, will die Rechtmäßigkeit juristisch klären lassen. Maar-Anwalt Markus Jacoby: »Wenn das Land Berlin eine private Stiftung einsetzt, die nach den Vorstellungen des Landes ein im öffentlichen Eigentum stehendes Objekt durch Dritte sanieren lässt, liegt unzweifelhaft ein öffentlicher Auftrag vor, der eine Ausschreibung zwingend erfordert.«

Firmenchef Stefan Maar hatte bereits im März 1999 Bausenator Strieder brieflich angeboten, in nur sechs Monaten das Brandenburger Tor in Stand zu setzen. Die Kosten, schlug er vor, höchstens sechs Millionen Mark, sollten durch Werbung gedeckt werden. Statt Strieder reagierte Engel, damals noch Landeskonservator. Man traf sich, so Maar, in dessen Amtsbüro am 7. April vergangenen Jahres. Für Maar war die Botschaft eindeutig: »Engel winkte rigoros ab: Werbung am Tor? Niemals!«

Engel indes kann sich an so ein Gespräch nicht erinnern: »Mit ehrlichem Gewissen: nein.« PETER WENSIERSKI

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