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»Laßt den mal, der bringt uns die Arbeiter«

Politische Gegner verspotten ihn als »Clown«, Parteifreunde sorgen sich wegen seiner kühnen Sprüche. Arbeitsminister Norbert Blüm schafft in Bonn Gesprächsstoff und Aufregung. Mit seinen Ideen eckt er bei Gewerkschaftern ebenso an wie bei Unternehmern. Doch Blüm ist Kohls wichtigster Mann im Wahlkampf.
aus DER SPIEGEL 2/1983

Auf dem Friedhof von Rüsselsheim hält der Meßdiener seinem Pfarrer das Weihrauchschiffchen hin. Mit güldenem Löffel füllt der Geistliche drei Harzkörner auf die glimmende Holzkohle des silbernen Rauchfasses. Plötzlich eine Stichflamme, Rauch, Ruß - vorbei war's mit dem himmlischen Wohlgeruch.

Der Knabe, der vor etwa 35 Jahren den Weihrauch mit Schwarzpulver aufmischte, hieß Norbert Blüm. Seine Lust am Feuerzauber brachte ihn damals um den begehrten Trinkgeldjob als Meßdiener.

Pulverdampf und Rauchschleier sind auch heute noch die Markenzeichen des Norbert Blüm. Seit Helmut Kohl den quirligen, stämmigen Hessen vor gut drei Monaten zum Arbeitsminister machte, verwirrt Blüm durch markige Sprüche und verwegene Alleingänge Freund und Feind.

Norbert Blüm - der so redet, als hätte er Mühe, den Kopf über Wasser zu halten - läßt kaum einen Tagesschau-Abend aus. Mit schlagzeilenträchtigen Auftritten half er den Medien über die stille Zeit zwischen den Jahren.

Und stets hatte irgend jemand Anlaß, sich zu ärgern. In wenigen Wochen vergrätzte Blüm Wohlgesonnene, trieb er seinen Gegnern den Zorn ins Gesicht - ein Bonner Hansdampf auf allen Kanälen.

Kaum vereidigt, setzte er ohne Absicherung beim Kanzler oder bei Gewerkschaftsfreunden das Schlagwort von der »Lohnpause« in die Welt. Die Gewerkschaftsführer schrieen auf. Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Horst Ehmke verhöhnte den CDU-Mann als »Pausenminister«.

Dann, vorige Woche, nahm Blüm die Unternehmer an. Sie sollten sich gefälligst S.20 auf ihre Aufgabe besinnen: etwas unternehmen, investieren, neue Arbeitsplätze schaffen.

Zuvor schon hatte er durch eine andere Initiative versucht, sich und seine Partei wieder vom Geruch der Gewerkschaftsfeindlichkeit zu reinigen. Die Union, so schlug er vor, könne beispielsweise den Spitzensatz der Einkommensteuer anheben. »Die Reichen«, so Blüm, »müssen aufjaulen.« Die Arbeitgebervereinigung und ihr Präsident Otto Esser fanden diese Forderung »geradezu absurd«.

Die Attacke auf die Unternehmer überzeugte einen langjährigen Mitstreiter aus den Sozialausschüssen, dem Arbeitnehmerklub der CDU, nicht mehr. Einen Tag nach Weihnachten trat Gerhard Orgaß, seit 22 Jahren stellvertretender Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse, verbittert von seinem Amt zurück. Leichtfertig, so der Christdemokrat, habe Blüm, der Vorsitzende der Sozialausschüsse, den unsozialen Mietrechtsänderungen der Koalition zugestimmt. Die Sozialausschüsse würden zu Hilfstruppen des Ministers degradiert. Orgaß: »Blüm spricht inzwischen wie ein Wirtschaftsboß.«

Sozialdemokraten verspotten Blüm als »Clown« und »Büttenredner«. Hinter dem Spott aber steckt Sorge; Blüm wird als Gegner im Wahlkampf ernst genommen.

Trotz aller Scharmützel mit den organisierten Arbeitnehmern ist das IG-Metall-Mitglied Norbert Blüm der einzige Mann in Kanzler Kohls Truppe, dem die Gewerkschaftsführer abnehmen, daß er sich für die Interessen der Werktätigen einsetzt.

Mit seiner kumpelhaften Offenheit könnte der neue Arbeitsminister durchaus bei den Arbeitnehmern ankommen. Selbst die Sozialdemokraten im Parlament bezweifeln nicht, daß ihn die hohe Arbeitslosigkeit quält.

So genau wissen die Gewerkschafter allerdings nicht, wo sie ihren Blüm hinstecken sollen.

Kaum hatte ihn der Bonner Kreisvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes wegen seines Lohnpausenvorschlags als Redner zur kommenden Mai-Kundgebung ausgeladen, nahm ihn der DGB-Bundesvorstand in Schutz. Der Affront, so Vorstandsmitglied Irmgard Blättel, sei »schädlich und dem Zusammenhalt der Einheitsgewerkschaft abträglich«.

Kanzler Kohl mißt seinem Blüm die wichtigste Rolle im Wahlkampf zu. Nur Blüm könne verhindern, glaubt Kohl, daß christliche Arbeitnehmer, von den Kürzungen bei den Sozialausgaben verprellt, zur SPD abwandern. Blüm soll vor allem die Facharbeiter für die Union einnehmen.

Deshalb wurde Blüm dort in den Wahlkampf geschickt, wo die Arbeitslosigkeit besonders drückt: Der Arbeitsminister erhielt einen Wahlkreis in Dortmund.

Wegen der Bedeutung, die Kohl ihm zumißt, genießt Blüm mehr Freiheiten als jeder andere seiner Kabinettskollegen. Kohl: »Laßt den mal machen, der bringt uns die Arbeiter.«

Von Blüm profitieren will auch die FDP. Genscher verlangte zwar von seinen Unions-Partnern öffentlich, das Blüm-»Gerede« über neue Bürden für Wohlhabende zu stoppen. Doch sein Adlatus Jürgen Möllemann räumt ein, daß solche Sprüche gern vernommen werden: »Der Union bringt er vielleicht tatsächlich ein paar Arbeiter. Aber er verprellt Mittelständler und treibt sie zur FDP.«

Selbst die konservative »Frankfurter Allgemeine Zeitung« findet, daß der »Einzelkämpfer Blüm« der Union nur nützlich sein kann: »Blüm ist eine Farbe in der Volkspartei CDU. Das wissen die aufgeklärten Anhänger dieser Partei, und sie drücken die Augen zu.«

Damit ist Blüm wieder einmal in der Situation, die er schon seit Jahren kennt:

Von den Sozis wird er als soziales Feigenblatt, als Stimmenfänger ohne wirklichen Einfluß geschmäht; von seinen Freunden wird er als sozialpolitischer Vorkämpfer in einer von Manchester-Kapitalisten beherrschten Union gefeiert.

In der Politik, glaubt Norbert Blüm erkannt zu haben, dürfe er sich nicht danach richten, was die Leute über ihn denken. Sonst, sagt er, »gehst du kaputt«. Sein Credo: »Du bist, wer du bist]«

Wer aber ist einer, der Schlosser gelernt hat und dann Doktor der Philosophie geworden ist? Der gern mit dem Mann aus dem Volk an der Theke einen hebt und philosophische Aufsätze verfaßt? Der den Rummel in der Öffentlichkeit liebt, in den Ferien sich aber am liebsten in die Einsamkeit der Berge oder in finnische Wälder verzieht?

Blüm, Sohn eines Kraftfahrzeugschlossers, zeigte schon frühzeitig Ehrgeiz und Unternehmungsgeist. Mit den katholischen St. Georgspfadfindern zog er durch Europa, verdiente sich das Geld dazu als Bauarbeiter, Lkw-Fahrer und Kellner, baute in Griechenland Straßen und verdingte sich in der Türkei bei einem Kunstschmied.

Der Werkzeugmacher Blüm bei Opel in Rüsselsheim kämpfte sich schnell zum Spitzenfunktionär der Betriebsjugend empor. Blüm, Sproß einer Mischehe, führte katholische und protestantische Jugend zusammen und schlug Jusos und Kommunisten aus dem Feld. S.21

Damals fand er sein Idol, den Nestor der katholischen Soziallehre Oswald von Nell-Breuning, den er heute noch fast als »Heiligen« verehrt.

Die Soziallehre des Jesuiten Nell-Breuning, inzwischen auch von manchen Sozialdemokraten geschätzt, setzt auf die »Selbstverantwortung« des Menschen und auf »kleine Gemeinschaften«. Sie ist für Blüm eine Position der Mitte zwischen den »Einseitigkeitstheorien« des Individualismus und des Kollektivismus.

Die Ideen der Soziallehre spielen in Blüms politischer Welt eine vorherrschende Rolle. Der Arbeitsminister wird nicht müde, an die Selbstverantwortung der Bürger zu appellieren. Den Renten- und Krankenversicherungsträgern möchte er am liebsten eine stärkere Selbstverwaltung verpassen.

Seine Begeisterung für Nell-Breuning hat Blüm den Vorwurf des stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Gerd Muhr eingebracht, er verbräme eine unsoziale Politik mit falschen Auslegungen der katholischen Soziallehre. Nell-Breuning sei nämlich davon ausgegangen, daß der Staat die Bürger zunächst einmal in die Lage versetzen müsse, für sich selbst zu sorgen.

Ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit können aber auch die Arbeitnehmer-Funktionäre dem ehemaligen Werkzeugmacher von Opel nicht absprechen. Blüm ging steinige Wege. Sein Abitur machte er auf der Abendschule; danach studierte er Philosophie, Theologie, Germanistik, Geschichte und schloß mit dem Dr. phil. ab.

In der Zwischenzeit legte Blüm die Grundsteine für seine steile Karriere bei den CDU-Sozialausschüssen, der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). In deren Adam-Stegerwald-Haus räumte er während seiner Studienzeit die Bibliothek auf und arbeitete für die Redaktion der Hauszeitschrift »Soziale Ordnung«.

Schon damals verstand Blüm es, durch Presserummel ins Rampenlicht zu kommen. 1968 wurde er Hauptgeschäftsführer, neun Jahre später war er Bundesvorsitzender der Sozialausschüsse.

Freunde nehmen ihm heute noch übel, daß er seinen Ziehvater Hans Katzer ziemlich brutal aus dem Vorsitzenden-Amt gedrängt hat. Der habe seinerzeit an einer Infektionskrankheit gelitten und sich nicht gegen Blüms Machtergreifung wehren können.

Er habe Katzer gegenüber stets mit offenem Visier gekämpft, verteidigt sich Blüm. Katzers Ämterhäufung, seine Einbindung in die Bonner Fraktionsführung, habe die Unabhängigkeit der Sozialausschüsse gefährdet.

Daß er heute selbst Minister, CDU-Präsidiumsmitglied und Vorsitzender der Sozialausschüsse zugleich ist, ficht ihn nicht an. Blüm: »Wenn einer da wäre und verlangt, ich solle den CDA-Vorsitz abgeben, ich wäre dafür.«

Als Kohl ihn 1981 nach Berlin schickte und er dort Bundessenator wurde, mochte Blüm jedoch nicht von seinen Bonner Pfründen lassen. Am CDA-Vorsitz hielt er eisern fest, weil er wußte, daß dies die beste Plattform für einen neuen Start in Bonn sein würde.

Zielstrebig hat Blüm seine Bonner Karriere seit Mitte der siebziger Jahre verfolgt. Er hielt zu Helmut Kohl auch in den schweren Zeiten nach der Wahlniederlage 1976.

Damals, nach dem Kreuther Trennungsdekret des Franz Josef Strauß, schienen die Tage Helmut Kohls an der Partei- und Fraktionsspitze gezählt. Blüm setzte dennoch auf Kohl und behielt recht.

1980 konnte es der Arbeitnehmervertreter Blüm auch durchaus mit seinem politischen Gewissen vereinbaren, tatkräftig den neuen Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß zu unterstützen. Er organisierte eine Arbeitnehmer-Initiative für den CSU-Vorsitzenden, ohne allerdings seine enge Bindung an Kohl aufzugeben.

Strauß nahm, als unverbindliche Gegenleistung, eine Garantie der paritätischen Montanmitbestimmung in sein Programm auf. Blüm-Freund Karl Heinz Hoffmann von der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV): »Er findet da Freunde, wo er sie braucht.«

Bei seinem Aufstieg mußte Blüm durchaus auch Niederlagen verkraften: S.22 Erfolglos trat er beispielsweise für die Zustimmung seiner Partei zur Ratifizierung der Verträge mit Warschau und Moskau ein. Die Union blieb bei ihrem Nein. Und mit einem Entwurf für eine paritätische Mitbestimmung scheiterte er auf dem Hamburger CDU-Parteitag 1973 kläglich.

Weder sein Hang zu Übertreibungen noch die gelegentliche Realitätsferne in seinen Vorstellungen schadeten der Karriere. Seine Clownerien, seine Fehltritte verleiteten, im Gegenteil, so manchen seiner innerparteilichen Widersacher dazu, Blüm zu unterschätzen.

Bei alledem ist dem Aufsteiger Blüm eine für Politiker ungewöhnliche Empfindlichkeit eigen. Im Oktober, nach dem Lohnpausen-Gerede, brachte die Gewerkschaftszeitung »Metall« eine Titelbildmontage, die Blüm mit Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff zeigt; dazu die Zeile »Der Marktgraf und sein Musterschüler«.

Blüm reagierte auf Titelbild und die Geschichte im Innenteil nicht gerade souverän: Den Chefredakteur des Blatts, der zu einem Treffen von Gewerkschaftsjournalisten mit dem Minister anreisen wollte, lud er umgehend aus.

Vor viereinhalb Jahren entfachte er einen Sturm der Entrüstung unter ehemaligen Frontsoldaten. In einem SPIEGEL-Beitrag, in dem es um die Verantwortung für den Nazistaat ging, hatte Blüm zwei knallige Sätze formuliert: »Ob einer im KZ Hitler gedient hat oder an der Front, macht in meinen Augen nur einen graduellen Unterschied aus. Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt.«

»Du Schwein, du neurotischer Psychopath, am besten ist's, du hängst dich auf«, schrieb ihm ein H. E. aus Bochum, Träger des Deutschen Kreuzes in Gold. Es kamen viele Briefe, und Blüm mußte sich entschuldigen. Er habe nicht »einer ganzen Generation von Soldaten weh tun wollen«.

Drei Jahre später legte sich Blüm, Vater von drei Kindern, mit der Frauen-Lobby an. In Thesen zur »sanften Macht der Familie« argumentierte er, die Erwerbstätigkeit der Mutter sei die eigentliche Ursache nahezu jeder Familienkrise. Die Frauen sollten gefälligst in Haus und Hof wirken. Sie ersparten damit der Gesellschaft »die Kosten für Gewaltbekämpfung und Psychiatrien«.

Daß die jüngere Generation längst ein verändertes Rollenverständnis vom Leben der Frau in der Gesellschaft hat, daß sie mehr Gleichheit zwischen Mann und Frau im privaten wie im öffentlichen Leben verlangt, scherte den Katholiken Blüm wenig. Die CDU-Frauen hängten ihm den Spitznamen »Ajatollah Chomeini« an.

Trotz all dieser seltsamen Sprüche hat Kohl nach der Kanzlerwahl sein Versprechen erfüllt und Blüm zu dessen Traumjob verholfen.

Der Arbeitsminister behauptet heute, in der Vergangenheit nie deshalb auf Kohl gesetzt zu haben, weil er in seinem Mentor eine »gewinnträchtige Aktie« vermutet habe. Blüm fröhlich: »Daß es aber doch so gekommen ist, ist doch gut.«

Gut für Blüm, aber auch gut für Arbeiter und Arbeitslose, für Rentner und Behinderte - oder wenigstens für die eigene Partei?

Blüm jedenfalls ist jetzt in einer ungewohnten Lage: Er muß seine flotten S.23 Sprüche in Taten umsetzen. Die schönen Tage, da der kesse Draufgänger sowohl die Partei als auch den politischen Gegner durch provozierende Thesen folgenlos in Rage bringen konnte, sind erst einmal dahin.

Wie schwer Wort und Tat in Einklang zu bringen sind, hat Blüm in den knapp drei Monaten seiner Ministerzeit bereits gemerkt.

Öfter als andere Kollegen des Kabinetts Kohl beklagt der Sozialminister, in Kanzler Kohls Runde oder in der Öffentlichkeit, das bittere Los der Millionen Arbeitslosen. Genausowenig wie die anderen aber weiß er ein Mittel, die erforderlichen neuen Arbeitsplätze zu schaffen.

Lauter als andere hält Blüm den Sozialdemokraten die »Erblast« vor, die sie angeblich dem Kabinett Kohl hinterlassen haben. Aber mit immer neuen verwirrenden Auftritten und Vorschlägen gerät Blüm in Gefahr, daß die Bürger seiner Reden überdrüssig werden und daß er von ihnen nicht mehr ernst genommen wird.

Dabei hat Blüm nicht nur Sprüche geklopft. Ihm gelang, was die Sozialdemokraten in der Koalition mit den Liberalen nicht durchsetzen konnten: Blüm hat den Ärzten gegen das Votum des Wirtschaftsministers eine kostensparende Reform der Gebührenordnung für Privatpatienten aufgezwungen. Die Ärzte-Lobby tobt noch immer.

Erfolgreich hat Blüm, im Verein mit Lambsdorff, die Kumpel im Ruhrgebiet noch einmal besänftigen können. Er versprach der IG Bergbau, deren Mitglieder durch wachsende Halden und Zechenschließungen verängstigt sind, weiterhin staatliche Hilfe: Anpassungshilfen für ausscheidende Bergleute, Schutz vor Importkohle, Subventionen für den Verbrauch heimischer Kokskohle und Weiterbeschäftigungsgarantien für den Fall neuer Stillegungen.

Beim Antrittsbesuch in seinem Dortmunder Wahlkreis brachte Blüm - den 6. März immer fest im Blick - ein weiteres ansehnliches Geschenk mit. Auf sein Drängen hatte das Bonner Kabinett beschlossen, die zulässige Frist für die Zahlung von Kurzarbeitergeldern in den Stahlwerken an Ruhr und Saar von 24 auf 36 Monate zu verlängern. Tausende von Stahlarbeitern hätten sonst noch vor dem Wahltag entlassen werden müssen.

Doch der Erfolg hat auch bei Blüm stets eine Kehrseite. Schon verlangen auch Textilwerker und Werftarbeiter großzügige Hilfen, wie sie die Stahlindustrie bekommen hat. Damit aber würde Bonn nur Anpassungsprozesse in der Wirtschaft verzögern, die längst fällig sind.

Als Leistung rechnet Blüm sich auch an, daß die sozialen Krankenkassen jetzt vielfach die Beiträge senken. Doch dieser Erfolg ist zweifelhaft. Denn erstens sparen die Versicherer vor allem, weil sich die Arbeitnehmer aus Angst um den Arbeitsplatz weniger krank melden. Zweitens aber reißt die Hilfe, die Blüm den Kassen zusagte, an anderer Stelle Finanz-Löcher auf.

Anders als von den Sozialliberalen geplant, zahlt nämlich die Bundesanstalt für Arbeit nach wie vor 100 Prozent des Krankenversicherungsbeitrages für Arbeitslose aus Steuermitteln. Und eben deshalb mußte der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung mehr als vorgesehen erhöht werden. Dem Arbeitnehmer bringt es wenig, wenn die Krankenkasse billiger wird, die Arbeitslosenversicherung aber teurer.

Ein weiteres Ergebnis Blümscher Politik trägt ebenfalls nur bis zum 6. März. In den Kabinettsberatungen ist es Blüm zwar gelungen, die Rentenversicherung 1983 über die Runden zu bringen. Er weiß aber, daß sich schon im nächsten Jahr wieder Milliardenlöcher auftun. Mit hoher Wahrscheinlichkeit können die nur durch Beitragsanhebungen gestopft werden. Davon aber spricht Blüm ("Die Wahrheit sagen, ungeschminkt S.24 die Wahrheit sagen") jetzt noch nicht.

Sehr verhalten nur dringt aus dem Arbeitsministerium auch, was die angekündigte Reform von Ausfallzeiten im Rentenrecht bedeutet: weniger Rente für Versicherte mit langen Ausbildungs- und Arbeitslosenzeiten. Erfolg und Mißerfolg liegen bei Blüm ganz dicht beisammen. Die Art und Weise, wie der engagierte Gewerkschafter die »Lohnpause« ins Spiel gebracht hat, ist ein Beleg dafür, daß Tugenden wie Spontaneität und Originalität politisch viel Schaden statt Nutzen stiften können.

Kaum vereidigt, hatte Minister Blüm christdemokratische Gewerkschaftsfreunde in sein Haus nach Remagen eingeladen. Dort erwartete die Gäste aus den Vorständen einiger Einzelgewerkschaften aber nicht ein Kollege, der mit ihnen über Löhne und soziale Fragen diskutieren wollte. Dort gab es, so ein verärgerter Blüm-Kollege, eine »turbulente Inthronisierungsfete« mit viel Kölschem Bier.

Was Blüm den Gewerkschaften abforderte, erfuhren seine Gäste, darunter Karl Heinz Hoffmann (ÖTV), Irmgard Blättel (DGB) und Klaus-Dieter Zemlin (Postgewerkschaft), erst am nächsten Tag aus dem Rundfunk: Der Arbeitsminister hatte seine Idee der Lohnpause in die Welt gesetzt, ohne Rücksprache mit dem Bundeskanzler, mit Arbeitnehmervertretern oder Arbeitgeberfunktionären zu halten.

Entsprechend schroff waren die Reaktionen. Die Gewerkschafter hielten Blüm vor, mit seiner Idee sei kein einziger Arbeitsplatz zu sichern; die zusätzlichen Gewinne würden nicht investiert, da die Betriebe bei weitem nicht ausgelastet seien. Die Arbeitnehmervertreter äußerten öffentlich Zweifel, ob Kollege Blüm noch auf der richtigen Seite stehe. IG-Metall-Vorsitzender Eugen Loderer nannte den Arbeitsminister verächtlich einen »Anwalt des großen Geldes«.

Der »promovierte Opel-Arbeiter« (Dregger über Blüm) war beleidigt. Er habe schließlich nicht nur eine Lohnpause verlangt, sondern auch Zurückhaltung der Unternehmer bei den Preisen, beschwerte er sich immer wieder. Doch hängen blieb die Lohnpause.

Blüm, so klagte Gewerkschaftsführer Loderer bei einem Treffen im Kanzlerbungalow, habe ihm mit seinen öffentlichen Vorstößen das Geschäft erschwert, eine halbwegs vertretbare Lohnforderung durchzusetzen. Der Arbeitsminister hielt dagegen, wenn er einer Witwe zumute, ein paar Monate länger auf Erhöhung ihrer kleinen Rente zu warten, dann könnten gefälligst auch die Arbeitnehmer mitziehen.

Doch das Argument kam nicht an. Er solle ihm nicht mit der Witwenrente kommen, konterte DGB-Vorstandsmitglied Gustav Fehrenbach (CDU). Da sei doch eher zu fragen, warum die Gutverdienenden ihren Beitrag nur in Form einer Zwangsanleihe leisten, die schon bald wieder zurückgezahlt werde.

Der Kollege Minister begriff schnell, daß er mit den Gewerkschaften wieder ins reine kommen mußte. Als erstes holte er sich deshalb Hanshorst Viehof, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, als Ministerialdirektor ins Haus. Der soll Kontakte pflegen.

»Auf die Dauer«, kommentierte Fehrenbach, »kann er im Konflikt mit den Arbeitnehmerorganisationen in seinem Amt nicht bestehen.«

Die Wahlniederlage der Union in Hamburg beschleunigte Blüms Lernprozeß. Auf der ersten Präsidiumssitzung nach der Schlappe an der Elbe bot der Arbeitsminister seiner Partei plötzlich ein anderes sozialpolitisches Rezept an. Unbeeindruckt von allen bisherigen festgefügten Positionen der Union, verlangte Blüm plötzlich, nun müßten, als sozialer Ausgleich und zur Beruhigung aufgebrachter Wähler aus den unteren Schichten, auch die Reichen geschröpft werden.

Niemand in der CDU-Führung protestierte. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht machte sogar einen konstruktiven Vorschlag: Die Zwangsanleihe solle nicht zurückgezahlt werden.

Doch da wollte Blüm nun wieder nicht. Genau das, eine Ergänzungsabgabe nämlich, hatten die Sozialdemokraten schon immer gefordert. Wenn das christliberale Kabinett nun auf diese Linie einschwenke, warnte Blüm, käme das für ihn einem öffentlichen Schuldbekenntnis gleich.

Da die Christdemokraten aber nun schon in der »Folterkammer des Sozialismus« (Graf Lambsdorff) nach Werkzeugen wühlten, entschieden sie sich für eine Anhebung des Spitzensteuersatzes. Kohl selbst wollte ausloten, ob dies mit der CSU zu machen sei.

Sein Arbeitsminister preschte inzwischen wieder vor: Wenige S.25 Tage nach der Präsidiumssitzung »enttabuisierte« er in der »Augsburger Allgemeinen« die Erhöhung des Spitzensteuersatzes.

Da glaubten viele Sozialdemokraten an einen redaktionellen Irrtum.

Dann teilte Blüm seinen zweiten Schlag nach rechts aus. Er schalt die Unternehmer, weil sie zuwenig investierten.

Das machte zwar wenig Sinn, weil die Unternehmer - mit oder ohne Ermahnung - erst dann wieder investieren werden, wenn Absatz und Gewinn stimmen. Beim Wahl-Publikum aber könnte die Unternehmer-Schelte schon einige Punkte bringen.

Der Kanzler selbst hatte seinen Minister ermuntert. Immer mehr Unternehmer, klagte Kohl, vergäben Investitionsaufträge mit einer Revisionsklausel: Wenn die Union nach dem 6. März nicht mehr am Ruder sei, solle die Order nicht mehr gelten. Diese Zurückhaltung, so Kohl, sei für die Union verhängnisvoll, Blüm sollte doch einmal einen »Stein ins Wasser werfen«.

Auf die Frage, warum Blüm, wußte ein Kanzlerberater die Antwort: »Weil der so tapfer ist.«

Tapferkeit allerdings, so fürchtet der neue Blüm-Freund vom rechten Flügel, Fraktionschef Alfred Dregger, könne auch in Tollkühnheit umschlagen. Es bestehe die Gefahr, sinnierte Dregger, daß Blüm sich »selbst verbrenne«. Sein Problem sei, »daß er seine unbändige Formulierungslust nicht unter Kontrolle hat«.

Die Idee mit dem Spitzensteuersatz hat die Schwesterpartei CSU inzwischen vom Tisch gefegt. Am vergangenen Wochenende ließ Blüm dann auch die in Wildbad Kreuth versammelten Unionschristen des Franz Josef Strauß wissen, daß darüber zu reden gar nicht mehr lohne. Er habe ja auch nur zeigen wollen, daß die Frage des Spitzensteuersatzes kein Tabu sei.

So nimmt es kaum Wunder, daß Blüms Versuche, bei den Gewerkschaften Boden gutzumachen, bislang nur bei den staatstragenden Spitzenfunktionären Wirkung zeigten. So lobte Loderer den Arbeitsminister öffentlich wegen der Verlängerung der zulässigen Fristen für die Zahlung von Kurzarbeitergeld. Die Masse der aktiven Gewerkschafter aber hat Blüm offenbar nachhaltig verärgert.

Am gleichen Tage, als Blüm die Verlängerung der Zahlung von Kurzarbeitergeld verkündet hatte, wurde er im Dortmunder Westfalen-Stadion ausgepfiffen. Und Blüms Parteifreund Karl Heinz Hoffmann, stellvertretender ÖTV-Chef, wurde auf Versammlungen mit dem Argument konfrontiert, daß Blüm sich ausgerechnet die »Rolle zumißt, die früher Lambsdorff gespielt hat«.

Viele Gewerkschafter halten Blüms jüngste Attacken schlicht für Opportunismus. Nach der Lohnpausen-Idee nehmen sie die Unternehmer-Schelte nicht mehr ernst.

Solche Vorwürfe sind dem »optimistischen Aufklärer« (Blüm) im Ministerrang unverständlich. »Wenn ich A sage«, erklärt Blüm seine Art des Angriffs nach allen Seiten, »kann sich doch jeder auf das B verlassen.«

Ein Politiker, so heißt einer der Blümschen Grundsätze, sei immer auch dafür verantwortlich, wie er verstanden werde. Daß Blüm bisweilen nicht so verstanden wird, wie er es sich wünscht, mußte er häufig genug erfahren.

Doch auch für diesen Fall hat der Philosoph wieder eine tiefe Erkenntnis parat. »Die Wahrheit«, so spricht Norbert Blüm, »offenbart sich nie ganz.«

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