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Libyen »Laßt mich meine Schafe hüten«

aus DER SPIEGEL 14/1995

Rotter, 53, ist Professor für Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft an der Universität Hamburg.

Oberst Muammar el-Gaddafi ist als unberechenbarer böser Bube der Weltpolitik schon jetzt Legende.

Jeder junge Bursche, so ist in der arabischen Welt zu hören, träumt von zwei Lebenszielen: entweder Staatschef oder ein berühmter Literat zu werden. Den ersten Traum hat sich Gaddafi erfüllt. Nun scheinen ihm der Bann, mit dem ihn der Westen belegt hat, und die politische Isolation, in die er selbst bei seinen arabischen Brüdern geraten ist, die Muße zu geben, sich in fortgeschrittenerem Alter auch den zweiten zu erfüllen.

Zwar ist er der Weltöffentlichkeit bereits durch das Grüne Buch - in dem er eine libysche Variante von Basisdemokratie propagiert - als Autor bekannt; doch war dies mehr politisches Programm als literarisches OEuvre. Kürzlich aber hat er ein schmales Bändchen mit zwölf Erzählungen und Essays vorgelegt. Es trägt den bizarren Titel »Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten"*.

Die Lektüre lohnt sich, sagt das Buch über die gegenwärtige innere Befindlichkeit des libyschen Revolutionsführers doch mehr aus als manche noch so scharfsinnige politologische Analyse.

Die ersten beiden Essays sind eine Wehklage über die Stadt, »den Friedhof der sozialen Bindung«, und über das Würmer- und Mäuseleben ihrer Bewohner: »Die Stadt, das ist entwurzeltes Dasein, ein einziger Schrei, Verblendung, törichte Nachahmung, widerwärtiger Konsum, ein Habenwollen ohne Nützliches zu geben, sinnlose Existenz«, schreibt der Beduinensohn.

Auf dem Lande dagegen genieße der Mensch »die Bindung der Familie, den Zusammenhalt der Sippe und die Solidarität des Stammes«. Dort »gibt es keine Furcht vor dem Polizisten, dem staatlichen Recht und dem Gefängnis«. Das Leben kreise um das Sinnvolle und Notwendige. Und nur auf dem Lande, wo »Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Morgendämmerung und Abendrot«, Sonne, Mond und die Plejaden noch eine _(* Muammar el-Gaddafi: »El-karja, ) _(el-karja, el-ard, el-ard, wa-ntihar raId ) _(el-fada«. El-Sawija 1423 (= 1994 n. ) _(Chr.). ) Bedeutung hätten, sei die Größe der göttlichen Schöpfung zu begreifen.

In einem Essay und einer Erzählung spinnt Gaddafi diesen Grundgedanken fort. Die Erde preist er als Mutter der Menschen. »Ihr die Haare abzuschneiden«, soll heißen, ihre Vegetation zu zerstören, ist ihm ein Frevel. Lediglich »die Fingernägel« müsse man ihr säubern, sie von Unrat und Müll befreien.

Der schon im Titel genannte Astronaut erschießt sich, nachdem er die Unbewohnbarkeit der anderen Planeten des Sonnensystems erkannt hat, auf die Erde zurückgekehrt ist und feststellen mußte, daß er unfähig ist, seine Nahrung aus eben dieser Erde zu gewinnen - im Gegensatz zum Bauern, der zwar mit offenem Mund seiner Schilderung aus den Weiten des Weltalls lauscht, ihm am Ende aber nur ein Trinkgeld gibt.

»Was soll ich armer, herumirrender Beduine in einer verrückten modernen Stadt?« Dieser Satz, der auch als Motto über den ersten vier Texten stehen könnte, findet sich in der fünften Geschichte, der Schlüsselerzählung dieses Bändchens.

Das Thema ist heikel, der Alleinherrscher Gaddafi stellt hier ausgerechnet Betrachtungen über die Tyrannis an. Dabei unterscheidet er zwischen der Tyrannei eines Herrschers und jener der Massen. Erstere erscheint ihm relativ unbedeutend, da ein Tyrann leicht zu beseitigen sei.

Aber Gaddafi sieht sich natürlich nicht als Despoten. Er fürchtet »die Tyrannei der Massen«, die ihre »Erretter« zunächst auf den Schultern tragen, um sie dann gnadenlos zu erniedrigen oder gar umzubringen. Aufschlußreich für seine Selbsteinschätzung ist die Liste der historischen Beispiele, die er anführt: Hannibal, Savonarola, Danton, Robespierre, Mussolini, Nixon.

Und Gaddafi hat Angst vor den Massen: »Sie lieben dich, aber Erbarmen mit dir haben sie nicht . . . Ich fühle, daß sie mich verfolgen, verbrennen.« Er fleht sie an: »Ich bitte euch, laßt mich meine Schafe hüten, die ich im Wadi unter der Obhut meiner Mutter zurückgelassen habe. Warum beraubt ihr mich meiner Ruhe?«

Endlich entschließt er sich zu fliehen - in die Hölle. Dorthin wünschte ihn Ronald Reagan, doch für Gaddafi ist es der ersehnte Ort der Ruhe und des Friedens. Der Abstieg in die Unterwelt, während die Massen ihn »durch die Spinnweben und die Blätter des Halfagrases« verfolgen, ist ein Abenteuer: »Ich schwöre euch, es ist kein Hirngespinst. Ich bin tatsächlich schon zweimal in die Hölle geflohen vor euch, nur um meine Freiheit zu retten, da mich eure Freiheiten bedrücken.«

Ein müder, desillusionierter und vereinsamter Diktator outet sich hier, der als Beduinenbursche naiv ausgezogen war, die Welt, zumindest die arabische, zu verbessern. Gescheitert ist er nicht nur an der eigenen verstädterten Bevölkerung, der er die Sucht nach nutzlosem Tand vorwirft, sondern vor allem an »Amilika«, wie er den Namen Amerika verballhornt. Die drei Konsonanten m-l-k stehen im Arabischen für »Herrschaft«, in Gaddafis Sicht für Weltimperialismus.

Ein ganz anderer Gaddafi offenbart sich in den letzten vier Texten, in denen er sich als aggressiver Satiriker mit bemerkenswertem Witz entpuppt. Als äußeren thematischen Rahmen wählt er den Fastenmonat Ramadan. Die erste Erzählung trägt den Titel: »Brecht das Fasten, wenn ihr die Mondsichel seht!« Diese Parabel über die Uneinigkeit der Araber hat Gaddafi während des Kuweit-Konflikts geschrieben, in dem er Partei für Saddam Hussein ergriff.

Die Vorschrift, das Fasten erst beim Erscheinen der neuen Mondsichel zu beenden, »stürzt alljährlich die Moslems in Probleme": Da der Mond zum Beispiel in Indonesien um Stunden früher erscheint als in Mekka, sei das Fastenbrechen wie auch der Beginn des Pilgermonats unter den Moslems der Erde nicht zu koordinieren. »Nur in diesem Jahr (1991) ist das Problem gelöst worden« - dank General Schwarzkopf ("möge es ihm Gott mit Gutem vergelten!"), denn, so fabuliert Gaddafi, der US-Kommandeur habe als Herr über Mekka und Medina die Zeit des Fastenbrechens auf die Minute festgelegt, und zwar für Medina auf 6.00 Uhr, für Mekka auf 6.50. »Die übrigen Moslems«, endet der Erlaß Schwarzkopfs und damit auch die Geschichte, »sind verpflichtet, ohne Diskussion den Unterschied zwischen den beiden Zeiten einzuhalten«; wodurch - und diesen Schluß muß der Leser nun selber ziehen - wieder ein heilloser Streit ausbrechen wird zwischen jenen Moslems, die der Zeit von Mekka folgen, und anderen, die sich an Medina orientieren.

Wird hier indirekt vor allem der saudische König verspottet, »der Hüter der beiden heiligen Stätten«, so nimmt sich Gaddafi in den beiden folgenden Texten die Islamisten vor. Die Art der Satire erinnert zuweilen an Farag Foda, jenen liberalen ägyptischen Autor, der 1992 wegen seiner Polemik gegen islamische Umstürzler von den religiösen Eiferern umgebracht wurde.

In der Geschichte »Das Gebet am letzten Freitag im Ramadan« bindet Gaddafi sich selbst zum Schein den Turban des islamistischen Predigers ums Haupt: »Unser Versagen liegt darin, daß wir Milliarden für die Industrialisierung ausgeben und nicht für den Neudruck vergilbter Bücher.«

In dem angesprochenen Gebet, »das erst kürzlich gleichzeitig mit der Kobaltstrahlung entdeckt wurde«, fordert er die Moslems ironisch auf, nicht mehr ihre Zeit damit zu vergeuden, Bücher über »unnütze« Wissenschaften wie Chemie oder Mathematik zu lesen, sondern anhand der »vergilbten Bücher« sich essentiellen Fragen des Lebens zuzuwenden - etwa jener, ob man sich den Bart mit Henna färben und mit Shampoo waschen dürfe oder ob Moslem-Frauen einen Schleier tragen könnten, der maschinell oder gar von Ungläubigen hergestellt wurde.

Gaddafis mokanter Vorschlag: Wenn alle Moslems der Welt gemeinsam am letzten Freitag im Ramadan zur gleichen Zeit das Gebet mit dem selben Wortlaut vortragen, »werden das zionistische Gebilde und die Nato erbeben und vielleicht auch der israelische (Spionage-)Satellit vom Himmel fallen«.

Aus dem großen Sieg der Moslems über die Ungläubigen wurde aber nichts, wie schon der Titel des anschließenden Textes verrät: »Der Freitag ging vorbei - ohne Gebet.« Man konnte sich mal wieder nicht einigen.

Gaddafis Frustration über absurde innerarabische und innerislamische Querelen, über das Scheitern aller bisherigen Vereinigungsversuche arabischer Staaten und über die Umtriebe der Islamisten hat hier ihren Höhepunkt gefunden.

Der Vorwurf der Wissenschaftsfeindlichkeit, den er gegen die Islamisten erhebt, steht allerdings in eklatantem Widerspruch zu den ersten Texten, in denen er das einfache Leben auf dem Lande propagiert. Doch frei von Widersprüchlichkeiten ist der »bukolische« Dichter seinen Zeitgenossen ja noch nie erschienen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Oberst Gaddafi *

hat sich als Irrlicht der arabischen Welt zum politischen Außenseiter gemacht. Nun setzen ihm seine alten Quälgeister, die Amerikaner, immer heftiger zu: Seit vergangener Woche versuchen die USA, das internationale Uno-Embargo gegen seinen Wüstenstaat zu verschärfen. Mit strikten Sanktionen sollen weltweit alle Ölexporte Libyens verhindert werden. Washington will damit den 56jährigen Revolutionsführer endlich zur Übergabe von zwei Geheimdienstlern zwingen - Hauptverdächtigen für das Flugzeugattentat über dem schottischen Lockerbie im Dezember 1988, bei dem 270 Menschen umkamen.

* Muammar el-Gaddafi: »El-karja, el-karja, el-ard, el-ard, wa-ntiharraId el-fada«. El-Sawija 1423 (= 1994 n. Chr.).

Gernot Rotter
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