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Laßt Särge sprechen

aus DER SPIEGEL 37/1949

Über 31 früheren deutschen Kommunalschulen nördlich der dänischen Grenze bleibt »Endgültig geschlossen!« stehen. Auch für die restlichen 45 Privatschulen liegen die Sterbe-Urkunden schon bereit. Zu den gedämpften Tisch-Schlägen dänischer Versteigerer-Hämmer wurden die ersten fünf am 23. August auf der Insel Alsen zu Grabe getragen

Drei Tage später fanden im Kreis Apenrade Schul-Beisetzungen statt. Und letzte Woche läutete Dänemarks rot-weißes Sterbeglöcklein elf Privatschulen von Gravenstein bis Bau an der deutsch-dänischen Grenze ein. Als unbefriedigter Gläubiger nahm sie das dänische Finanzministerium für einen Stückpreis von 20000 bis 40000 Kronen in Empfang.

Als die Alliierten 1945 den Schlußstrich unter die NS-Unterbilanz zogen, versuchten die Dänen ihrerseits, die deutsche Volksgruppe in Nordschleswig endgültig zu liquidieren. »Die deutschen Schulen waren die Brutstätten des Nazismus«, erklärten die eben erst besatzungsbefreiten königlichen Demokraten und machten sie umgehend dicht.

In diesem Argument erblickten manche Dänen, die bei kühlem Verstande geblieben waren, einen billigen Vorwand zur Ausrottung des Deutschtums. Aber sie hielten ihre Ansicht lieber bei sich, wenn sie weiterhin als »gute Dänen« gelten wollten

Vier Jahre später können sie schon eher den Mund aufmachen. »Wir haben die deutsche Minderheit in Nordschleswig kollektiv bestraft«, beichtete der dänische Pastor H. C. Madsen dieses Frühjahr mit Bekennermut. Aber es gehört noch keineswegs zum guten Ton, den Deutschen in Süd-Dänemark wenigstens nachträglich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

89mal drehten dänische Behördenhände 1945 in deutschen Schultüren den Schlüssel um. Zunächst »zwecks Ueberprüfung der Schulbücher«. Die waren so voll mitmarschierenden Geistes, daß sie in Acht und Bann getan wurden. Mit Ausnahme des biblischen Gesangbuches. Darin stand nichts über Hitler.

Aber auch mit geretteten Chorälen konnten die Bücherlosen den Schulbetrieb nicht wiederaufnehmen. Erstens saßen 90 Prozent der deutschen Lehrer wegen Pg-Betätigung hinter Stacheldraht und Gitterfenstern.

Zweitens blieben die Schulschlüssel als Faustpfand tief in amtlichen Hosentaschen stecken. Für unbezahlte Rechnungen in Höhe von 3,8 Millionen Kronen. Die hielt die Kopenhagener Nationalbank den Nordschleswig-Deutschen vor die Nase.

Neuer Schulweg. Fünf Jahre lang hatten Gesandtschaft und Wehrmacht im Namen des Reiches ihre Hand auf die Banknotenbündel des dänischen Staates gelegt. Davon bezahlte man den Landsern Wehrsold, den dänischen Befestigungsarbeitern Lohn und den für deutsche Rüstungsrechnung liefernden dänischen Fabrikanten die Produktion.

Der Einfachheit halber zahlte man davon auch den deutschen Schulvereinen in Nordschleswig die Unterstützungsgelder. Sonst waren sie durch einen speziellen Clearing-Kanal von Berlin aus regelmäßig über die Grenze geflossen. Umgekehrt rollten vor dem Krieg dänische Kronen nach Südschleswig. Dieser Wechselstrom war schon zu Weimars Zeiten durch gütliches deutschdänisches Uebereinkommen vertraglich geregelt worden.

Nach Dänemarks Besetzung hielt man sich deutscherseits weniger streng an diese Regelung. Von Dänemarks Nationalbank für nordschleswig-deutsche Schulklassen abgezweigte Gelder blieben ohne deutsche Gegenleistung. Da Kopenhagen sie auch nachträglich nicht mehr zu bekommen fürchtete, ließ es die Schulgebäude beschlagnahmen.

Dreitausend deutsche Kinder mußten sich an einen neuen Schulweg gewöhnen. Der führte in Klassenzimmer mit dänischer Unterrichtssprache und dänischen Königspaar-Bildern an den Wänden.

280 von den 3000 konnten ein Jahr später wieder in eine deutsche Schule gehen. In vier Städten Nordschleswigs und im Grenzdorf Seth wurden auf Behelfsunterkunfts-Basis fünf neue Privatschulen zusammengebastelt. Anfang 1949 bot man den Deutschen dazu 13 ihrer früheren Privatschulgebäude wieder an. Falls sie die darauf ruhenden Nationalbank-Schulden bezahlen wollen. Sie wollen schon. Ob sie es können, steht auf einem anderen Blatt.

Binde und Stahlhelm. Den dänischen Widerstandskämpfern hatte die Schließung der deutschen Schulen und Pastorate 1945 keineswegs ausgereicht. Ihr Programm war umfangreicher.

Als die deutschen Besatzer am 5. Mai ihre Schießeisen weggelegt hatten, traten die Widerständler aus dem Untergrund ans Tageslicht. Erstmalig präsentierten sie sich im Landkriegs-ordnungsmäßigen Dress mit Armbinde und Stahlhelm.

Zahlreiche Deutsche landeten im Internierungslager Faarhus. Das war von Gestapo-verhafteten Dänen gerade geräumt.

Den Leitern der deutschen Volksgruppe - in Personalunion zugleich die Führer der NSDAPN (= NSDAP-Nordschleswig) - räumte man keine Fluchtchancen über Stacheldrahtzäune ein. Tierarzt Dr. Jens Möller, der einarmige kaiserliche Ex-Oberleutnant Peter Larsen und Chefredakteur Dr. Harboe Kardel von der »Nordschleswigschen Zeitung« wanderten mit ihren Kreisleitern und den Führern der SK (Schleswigsche Kameradschaft = SA) in die Gefängnisse.

Kraft inzwischen erfolgter Verurteilung nach rückwirkenden Gesetzen werden sie dort noch bis zu zwölf Jahren bleiben. Sie hatten am 9. April 1940 die Besatzungsdeutschen begrüßt und unterstützt und Nordschleswig-Freiwillige für die Ostfront geworben.

Auch der fast 80jährige frühere deutsche Abgeordnete im dänischen Reichstag, Pastor D. Johannes Schmidt-Wodder, lernte auf seine alten Tage noch eine Gefängniszelle kennen.

Verdunkelungs-Plakate. Die Widerstandsmänner feierten den Sieg auf ihre Art weiter. In Nordschleswigs Städten verdunkelten sie die Schaufenster deutscher Geschäfte mit dänisch-englischen Boykott-Plakaten. »Zutritt für alliierte Soldaten verboten!«. Dann wußte auch die dänische Kundschaft Bescheid.

Der britische Befehlshaber wußte dagegen nicht Bescheid, weil er gar nicht erst gefragt wurde. Seinem Aerger machte er schnell Luft. Wütende Tommies mußten mit vielen »damn's« die Plakate wieder abkratzen.

Dann besannen sich die Widerstandsleute auf ansehnliche Restbestände untergründigen Sprengstoffs. Als Auftakt ihres Dauer-Feuerwerks flog am 13. Mai 1945 das deutsche 1864-Kriegerdenkmal auf den Düppeler Schanzen in die Luft. Dann brachten Siegesbomben bei Bäckermeister Wetzel in Sonderburg Brote und Brötchen und bei Schlachtermeister Kurzke Würste und Gehacktes durcheinander.

In Tondern schloß ein Festball zu Ehren der englischen Waffenbrüder mit Bombenanschlägen auf sechs deutsche Geschäfte ab. Das Klubhaus des deutschen Rudervereins Apenrade mit 13 Rennbooten wurde durch Brandstiftung aus der dänischen Welt geschafft.

Dornen im Auge. Bis zum 5. Oktober dauerte das Freiheits-Feuerwerk. Weitere deutsche Denkmäler einschließlich des Bismarck-Turms auf dem Knivsberg verwandelten sich in Trümmerhaufen. In der Druckerei der »Nordschleswigschen Zeitung« ließen sich nicht einmal mehr Visitenkarten drucken. Bombenschutz für eine andere deutsche Druckerei lehnte die Polizei ab. So unterblieb die Geburt einer Ersatz-Zeitung.

Das umfangreiche Papierlager wurde über die Grenze nach Flensburg gerollt. Es setzte das papierlose Dänenblatt »Flensborg Avis« in die Lage, in Südschleswig Separatismus zu predigen.

Derweil tappte die dänische Polizei fortgesetzt im Bombenlager-Dunkel einher, ohne bisher über eine Spur zu stolpern.

Das halbamtliche Kopenhagener Nachrichtenbüro Ritzau und diverse Pennälerblätter dänischer Gymnasien waren besser unterrichtet und warteten mit Augenzeugenberichten auf. Am Knivsberg-Turm beispielsweise seien 38 Herren zwei Damen und 850 Kilogramm Sprengstoff beteiligt gewesen.

Polizeiliche Versuche, am Redaktionsgeheimnis teilzunehmen, verliefen im Sande. Dänische Tages-Gazetten freuten sich freimütig schwarz auf weiß über das Verschwinden der deutschen Denkmals-Dornen aus Nordschleswigs dänischen Augen.

Zu Hitlers Geburtstag. In Tingleff war diese Freude nur von kurzer Dauer. Dort hatten lichtscheue Dänen die Marmorplatte eines Denkmals demontiert, weil die Inschrift »eine unnötige Herausforderung eines unserer Alliierten« darstelle. »Es starben für Kaiser und Reich im Feldzug 1870/71« hatte da über drei Namen gestanden.

Ein paar Tage vor dem 20. April ließ Tingleffs deutscher Kriegerverein eine neue Tafel anbringen. »Man erreichte also, daß sie gerade zu Hitlers Geburtstag wieder da war«, erboste sich Dänen-Pastor Sigfred Riishöjgaard.

Die neudänischen Argumente des »Flensborg Avis« sind ebenso zündend. Täglich liefert er mit seinen Meldungen über Terrorisierung dänisch gesinnter Südschleswiger Reisig für deutschfeindliche Feuer.

Gekräftigte dänische Bizepse treten dann gegen turnende und pfadfindende Deutsche in Aktion. Gegen dürftige Grundmauern eines neuen deutschen Schulwesens ging man wiederum mit Sprengstoff vor. Nach drei Drohbriefen bekam Bauer Christian Stabel in Enstedt eine Bombe ins Haus geschickt, weil er seine gute Stube für deutschen Heimunterricht hergegeben hatte. Prompt fand auch Bauer und Schulvereins-Vorsitzender Peter Jensen in Uk eine Mordandrohung in seinem Briefkasten, als er sich für eine neue Privatschule eingesetzt hatte.

Der Tennisklub in Tondern schloß alle deutschen Mitglieder aus. Die freiwillige Feuerwehr in Hadersleben beschloß, künftige Brände ohne deutsche Beteiligung zu löschen.

Weihnachts-Schießen. In der Nacht zum 28. Dezember 1948 forderte die antideutsche Dauerpropaganda sogar ein Todesopfer. In Lügumkloster feuerte Widerstands-Veteran Johan Christensen von der Straße aus eine Reihe von »Schreckschüssen« - wie es vor Gericht hieß - in den Hotelsaal, in dem 350 Deutsche bei der Weihnachtsfeier beisammensaßen. Lehrerfrau Wilhelmine Saß wurde durch Kopfschuß auf der Stelle getötet.

Ueber das Amtsgerichtsurteil - fünf Monate Gefängnis - staunten die Dänen selbst. Das Landgericht brachte dann den Schreck-Schützen auf 18 Monate hinter Schloß und Riegel.

Seitdem wird den Lügumkloster-Deutschen diskret angedeutet, wohin die Dänen sie wünschen. Vor drei Wochen erhielt eine deutsche Familie einen Begräbniskranz. Statt Beileids-Schleifen hing daran ein Zettel mit handfesten Drohungen.

Einer anderen Familie brachte ein Beerdigungsunternehmer aus Tondern einen pseudonym bestellten Sarg ins Haus. Eine dritte erhielt »die von Ihnen erbetene« Offerte für Lieferung eines Grabsteins zugeschickt. Bei der Sparkasse in Lügumkloster fragte der Feuerbestattungsverein Apenrade telefonisch an, wann man den verstorbenen Buchhalter ins Krematorium überführen solle. Die Apenrader staunten, als die Leiche selbst an den Apparat kam. Sie waren einem deutschfeindlichen »Scherz« aufgesessen.

In allen Fällen hatten die Firmen schriftliche Aufträge mit gefälschten Unterschriften deutscher Ehefrauen erhalten. Mit »Witwe« vor dem Namen.

Nazi-Methoden. »Im übrigen haben wir Dänen in bezug auf Nazi-Methoden den Vogel abgeschossen«, kommentierte Nordschleswigs einstiger sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter J. P. Nielsen die antideutsche Sturmflut.

Bei der Wahl im Oktober 1947 hielten die Dänen gespannt Ausschau, um wieviel Stimmen das Deutschtum wohl weniger geworden sei. Aus ihrem großen Enttäuschungskatzenjammer konnte man hinterher die Hoffnungen ersehen, die sie sich gemacht hatten.

Die Deutschen brachten 7611 Stimmen auf. Dabei war einigen Tausend von ihnen, die insgesamt 5000 Jahre Gefängnis abzusitzen haben, das Wahlrecht aberkannt. 500 ihrer Frauen ging es nicht anders. Wer Wohlfahrtsunterstützung bezieht, darf in Dänemark nicht wählen. Einige hundert weitere Deutsche waren an der Stimmabgabe verhindert, weil sie als nordschleswigsche Ostfront-Freiwillige heute noch in der Sowjetunion sitzen.

Den Dänen fielen ganze Berge vom bangenden Herzen, als der deutsche Kandidat durchfiel. Mit seinen 74 Jahren hätte Dr. med. Waldemar Reuter den neuen Reichstag als Alterspräsident eröffnen und das vorgeschriebene Hoch auf den König ausbringen müssen.

Abermals als fester Block. Ansonsten waren die Dänen über die deutsche Stimmenzahl wenig erfreut. »Die Deutschen erwiesen sich abermals als fester Block, der nicht verschwinden will«. Jetzt wollen sie den Prozentsatz des deutschen Bevölkerungssatzes mit anderen Mitteln drücken.

Neue Industrien und Menschen aus dem dänischen Altreich sollen in Nordschleswig angesiedelt werden. Mehrere tausend Hektar enteigneten deutschen Bodens stehen zur Verfügung.

Mit ähnlichen Methoden wurde schon früher Nordschleswigs Landkarte rot-weiß übertüncht. In die Stadt Tondern beispielsweise wurden nach ihrer Abtretung 1920 einige tausend Dänenstimmen in Form von Garnisonen und Behörden hineingetrieben. Sogar die 7 km südlich amtierenden Grenzgendarmen mußten in Tondern Wohnung nehmen. So brachte man es im Lauf der Jahre endlich zu einem dänischen Bürgermeister.

Vorher war Tondern zu 90 Prozent deutsch. Die Verhandlungssprache im Stadtrat war deutsch. Deutsche Straßenschilder blieben an den Eckhäusern. Und wenn König Christian X. Tondern besuchte, hieß ihn der deutsche Bürgermeister auf dem Marktplatz respektvoll willkommen. Auf deutsch

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