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»Laßt uns für unsere sieben Helden beten«

SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge über den Schock der Amerikaner nach der Katastrophe *
Von Helmut Sorge
aus DER SPIEGEL 6/1986

Im nachhinein«, bekennt Bürgermeister Truman Scarborough, mache er sich Vorwürfe. »Ja, überheblich« sei er gewesen. Diese Flüge hätten ihn »nicht mehr wirklich fasziniert«.

Auch am Dienstag letzter Woche hatte er sich »keine besondere Mühe gemacht«, den Start der Raumfähre zu beobachten. Auf dem Weg zur Post warf er nur »einen Blick nach oben«.

Was Scarborough sah, ließ ihn aber »erschrecken, erstarren - die Challenger taumelte«. Fünf, sechs Starts der Raumfähre hatte der Bürgermeister verfolgt, »so war der Ablauf nie gewesen«. Da wird »der Mund trocken, und man wird erfaßt von absoluter Hilflosigkeit«, sagt das Stadtoberhaupt von Titusville einem 40000 Einwohner zählenden Städtchen in Sichtweite des Kennedy-Space-Centers.

Scarborough ahnte sogleich: »Das wird eine Tragödie.« Und was eine Nasa-Tragödie für Titusville oder andere Orte an der »Weltraumküste« bedeutet, »muß man mir nicht lange erklären«. 1967, als die Nasa ihr Apollo-Programm vorübergehend verzögert hatte, geriet die Wirtschaft mancher Stadt nahe an den Zusammenbruch. Und mühsam war die Erholung.

Nicht die Rentner aus Chicago, Denver oder New York, die in Floridas mildem Klima überwintern, sichern die wirtschaftliche Stabilität dieser Region, sondern die Raumfahrt. Drei der Stadträte von Titusville sind Nasa-Angestellte. Hunderte von Zulieferern, aber auch Motels mit Namen wie Satellite, Schulen wie die Apollo-Elementary-School, existieren von oder mit den Weltraumprojekten.

Ein Ende des Shuttle-Programms, das einige Wissenschaftler nun fordern, ist für Scarborough »einfach unvorstellbar«, schlicht »nicht möglich«. Da denkt der Bürgermeister wie sein Präsident.

Das Land sei von Pionieren erschlossen worden. Warum sollte Amerikas Wille, »die Unendlichkeit zu ergründen«, am Tod der Astronauten zerbrechen, fragen die Menschen hier. Die Raumfähre symbolisiert für sie, was der Planwagen im 19. Jahrhundert war - den Aufbruch ins Ungewisse und Unendliche. Shuttle bedeutete Pioniergeist, die Bereitschaft zu Risiko und Abenteuer, die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten - so traurig die Suche nach den Überresten der Raumfähre und ihrer Besatzung jetzt auch ist.

Einen versengten Handschuh - möglicherweise mit Überresten einer Hand? - hat eine Strandwanderin gefunden. Auf dem Picknick-Gelände an der Hafeneinfahrt in Port Canaveral stehen Dutzende von Photographen und Fernsehcrews und nehmen den Shuttle-Schrott auf, den Kutter der Küstenwache aus der See fischen.

Manche Reste werden in Leinensäcken angeliefert. Ein am Strand entdeckter Knochensplitter soll nun in einem Nasa-Kühlschrank verwahrt werden. Nur, welche Folgerung ist wohl daraus zu ziehen, falls es tatsächlich der Knochen eines Menschen ist?

An den Highways, die Titusville und Cocoa, Canaveral und Melbourne verbinden, propagieren Hähnchen- und Bulettenbrater auf ihren Leuchttafeln derzeit nicht ihre fettigen Produkte. Auf ihren Werbeflächen heißt es: »Gott segne die Challenger-Crew.« »Wir trauern mit, laßt uns für unsere sieben Helden beten.« McDonald's flaggt halbmast, in Blumenläden stehen vor Kränzen Ehrentafeln mit den Namen der sieben Opfer.

Die Modelle von Raketen und Raumschiffen im Washingtoner Air and Space Museum sowie im Spaceport USA nahe der Abschußrampen des Weltraumzentrums in Florida zählen zu den großen Touristenattraktionen des Landes. Einen Tag nach der Shuttle-Katastrophe zahlte die Nasa im Spaceport 4000 Besucher.

Zwar sind die Bustouren über das Weltraumgelände gestrichen. Doch im »Theater 2« lief weiterhin der Film »The Dream Is Alive«, der Traum lebt, über eine Shuttle-Expedition, in dem zwei bei der Katastrophe getötete Astronauten Hauptrollen spielen.

Allein Amerikas Technologie und Talente, davon sind die Bürger überzeugt, können den Weltraum erschließen. Jeder Shuttle-Start bestärkte die Nation in ihrem Glauben, im All seien die USA »at its best«, unerreichbar, einzigartig. Ein Astronaut wie John Glenn wurde zum Senator gewählt und bewarb sich, wenn auch erfolglos, als Präsidentschaftskandidat. Frank Borman ist Chef der Fluggesellschaft Eastern Air Lines.

Autoren glorifizierten die All-Flieger in ihren Werken, Science-fiction-Schreiber Ray Bradbury propagierte die Erschließung des Weltraums als »den besten Krieg, den die Menschheit je geführt hat - nicht untereinander, sondern gegen das Unendliche«.

So normal und routiniert waren die Reisen der Raumgleiter schon geworden, daß die Sowjets darauf verzichteten, zu den Starts ihre Spionageschiffe vor der amerikanischen »Space Coast« zu ankern. Amerikanische Zeitungen meldeten die Raumflüge nur noch im Innenteil, nicht selten unter der Rubrik Vermischtes; die drei großen Fernsehgesellschaften übertrugen die Starts nicht mehr direkt.

Vor jedem Start ermunterten die Weltraumbehörden zwar ihre Astronauten,

ein Testament zu hinterlassen, zumindest aber einen Brief an die Angehörigen. Auch erhält das auf Notfälle Vorbereitete Shands-Krankenhaus im nahen Gainesville medizinische Unterlagen über jedes Besatzungsmitglied.

Doch »irgendwie sahen die meisten Amerikaner den Raumflug schon als modernes Disneyland an - jeder einmal ins All, um die Schönheit und das Abenteuer zu genießen«, beobachtete Apollo7-Astronaut Walter Cunningham, »die wissen einfach nichts über die enormen Risiken«.

Seit Dienstag ist das anders: Die Fernsehgesellschaften ließen keinen Zweifel, daß dies mehr sei als eine Tragödie. Vielleicht ein halbes, hundertmal wiederholten die TV-Stationen den Todesflug; in Zeitlupe, langsamer und langsamer.

Oft kam dazu der Hinweis des Sprechers: »Noch zehn, noch fünf Sekunden, gleich sehen Sie die Explosion.« Kein Blut, keine Körperteile, keine Schreie störten die Fernsehbilder - ein scheinbar schönes Ende. Dazu ein Feuerwerk in ungewöhnlicher Farbkombination. Im Johnson Space Center dämpfte ein Nasa-Experte die Begeisterung der zunächst ahnungslosen Schulkinder über die bunten TV-Bilder: »Dies ist kein Steven-Spielberg-Film.«

Hollywoods Regisseure hätten es gleichwohl nicht besser treffen können. Zuerst Nahaufnahmen: Tränen der Rührung auf der Ehrentribüne des Kennedy Space Center. Sekunden danach ganz andere Nahaufnahmen: Entsetzen, Verzweiflung der Eltern, Schwestern und Freunde der Astronauten.

Dann Einblendung eines vor dem Start aufgenommenen Films über die sechsjährige Tochter der getöteten Lehrerin: »Ich will nicht, daß meine Mami fliegt.« Im Wetterbericht zeigten die Fernsehsender Satellitenphotos von der Wolkenbildung über dem Space Center - eine kleine Wolke wird rasch größer, die vor dem Start nicht erkennbar war: die Explosionswolke, das Ende der Raumfähre Challenger.

Über fünf Stunden lang verzichtete das Fernsehen auf jedwede Werbung. »In Zeiten wie dieser«, notierte die »Washington Post«, »wird Amerika zu einer Kleinstadt, zu einer Trauergemeinde, die sich um die Fernsehgeräte sammelt - nicht allein in Erwartung von Nachrichten, sondern von Hoffnung.«

Fernsehkommentatoren und Zeitungskolumnisten verglichen den Schock, der die Nation erfaßte, mit den Stunden nach dem Attentat auf John F. Kennedy oder dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor. »Unauslöschbar«, prophezeite die »New York Times«, werde sich die Raumschiff-Explosion im »nationalen Bewußtsein festsetzen«.

Die Szenen vom Kennedy-Tod im texanischen Dallas konnte ein Amateurfilmer, verwackelt und unscharf, festhalten. Dieses Desaster vor der Küste Floridas erreichte über das Fernsehen nahezu jedes Wohnzimmer der Nation. Schlimmer noch: Millionen von Kindern saßen an den Geräten. Dieses nämlich sollte »the teacher's mission« sein, die Reise der Lehrerin.

Aus dem All herab wollte die »Teachernaut« (Lehrerin-Astronautin) Schulkindern ihr Abenteuer beschreiben, zugleich die Technologie entmystifizieren und die Raumfahrt vermenschlichen. Mit einer verheirateten Lehrerin, einer Mutter dazu, so die Überlegung der Nasa, könnten sich sowohl die Kinder wie deren Eltern identifizieren. Wer hat nicht im Leben eine Lehrerin gekannt, sich mit ihr auseinandergesetzt?

Dieses Symbol wurde »buchstäblich in den Wohnzimmern der Bürger zerstört«, diagnostizierte Elliot Wineburg, Psychiater an der »Mount Sinai Medical School« in New York - unerwartet, in Farbe.

Die Fernsehgesellschaft NBC bat sogleich einen Kinderpsychologen ins Studio, der Eltern traumatisierter Kinder raten sollte, wie sie den geschockten Kleinen helfen können.

Nun schreiben die Kinder Aufsätze über die Explosion, reimen Gedichte, malen Bilder. Aber der acht Jahre alte Sohn des Bürgermeisters von Titusville, der eigentlich als Berufswunsch Astronaut genannt hatte, reduzierte seinen Traum nach dem Unfall nun doch. Er will nur noch Wissenschaftler werden.

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