Zur Ausgabe
Artikel 57 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Sprachen Latein unserer Tage

Englischkurse in London wurden zum gewinnträchtigen Devisenbringer.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Im Menschenstrom auf der Londoner Oxford Street verteilen Jugendliche Handzettel für die »Mayfair School": »Englisch - Vier-Wochen-Kurse 130 Pfund, Zwölf-Wochen-Kurse 295 Pfund«.

Die Schule ist nur eines von Dutzenden Sprachinstituten im Umkreis der Oxford Street. Das »King Street College« im Stadtteil Hammersmith unterbietet die Preise. Es verspricht auf Werbezetteln »sieben Leistungskurse von Anfängern bis zum Cambridge-Examen«.

Rund 800 solcher Schulen wetteifern in Großbritannien jährlich um etwa 500 000 ausländische Sprachschüler. Die meisten Lernwilligen - allein in diesem Sommer 250 000 Neuanmeldungen - kommen im Juli, Schulabgänger aus Spanien wie der Bundesrepublik, aus Griechenland wie der Türkei. Die meisten lassen sich in London nieder, wo es in den drei Sommermonaten, so spottet das Stadtmagazin Time Out, »in der Oxford Street mehr qualifizierte Englischlehrer gibt als Tauben auf dem Trafalgar Square«.

Die Sommerkurse sind Teil eines boomenden Wirtschaftszweiges. Englisch, so das Forschungsinstitut des Economist-Verlages, wurde »Exportgut für einen wachsenden, lukrativen Markt«, und die Vermittlung der Sprache entwickelt sich zu einer »Industrie mit weltweiten Milliardenumsätzen«.

Großbritanniens Lern-Englisch-Branche setzt im Jahr 900 Millionen Pfund um - bei einem weltweiten Umsatz der Englisch-Kurse von 6,25 Milliarden Pfund. Sie ist eine der bedeutendsten Devisenquellen im Dienstleistungsbereich. 1992 sollen die Sprachlehrgänge gar 1,5 Milliarden Pfund bringen.

Längst ist Englisch eine Art Latein unserer Tage: 80 Prozent aller elektronisch gespeicherten Texte sind auf englisch abgefaßt. Weltweit werden 70 Prozent aller Briefe auf englisch geschrieben. 60 Prozent aller Wissenschaftler können Fachartikel auf englisch lesen.

Das berühmte Pariser Pasteur-Institut erhielt im vergangenen Jahr 250 Manuskripte. Von denen waren nur mehr sechs Prozent auf französisch verfaßt, obwohl die Hälfte der Beiträge aus frankophonen Ländern stammte. Das Institut will jetzt seine ruhmreichen Annalen nur noch in englisch herausbringen.

Der Vormarsch der angelsächsischen Sprache ist nicht zu stoppen. Politiker verschiedener Zunge - wie Helmut Schmidt und Valery Giscard d'Estaing - reden englisch miteinander, ebenso Fluglotsen und Piloten der Welt.

Anderthalb Milliarden Menschen in 63 Ländern sprechen Englisch als offizielle oder zweite Sprache. Als Muttersprache sprechen es immerhin 320 Millionen in Großbritannien, den USA und Commonwealth-Staaten.

Die Briten nutzen die Wertschätzung, die ihre Sprache in der Welt genießt. Der British Council - finanziert von der Regierung, oberster Schirmherr: die Krone - unterhält in über 80 Ländern Kultur- und Sprachinstitute. Die öffentlichrechtliche BBC lehrt seit 1944 Englisch übers Radio und verschickt heute Kurse auf Tonband an 300 Rundfunkstationen in 90 Staaten.

Das ganz große Geschäft aber erhoffen sich die Sprachschulen vom europäischen Binnenmarkt Anfang 1993. Die Berlitz School in Barcelona erhöhte die Zahl ihrer Englischlehrer von einem auf elf. Zu ihren Kunden gehören 22 Firmen. Das »Centre d'etudes des langues« im französischen Champagne-Städtchen Troyes beschäftigte 1984 drei Englischlehrer, heute sind es 20.

Die meisten Schüler schickt ein weltbekanntes Unternehmen der Region, der Champagner-Produzent Moet & Chandon. f

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.