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Laue Eminenzen vorn

aus DER SPIEGEL 39/1999

Pfui-TV, der Kanzler tobt, Naddel am Pranger von »Bild« - die Aufregung um die RTL-2-Show »Peep!« und deren puppenlüsterne Angriffe auf den Unterleib von Gerhard Schröder ist schnell verraucht. Die Principeepa Nadja ab del Farrag ackert wieder harmlos und rührend unbeholfen im Schrebergarten des Schmuddelfernsehens zwischen strammen norddeutschen Amateurstripperinnen und neckisch knapp behosten Dienern. Den Gummizahn der Satire haben ihr die Aufpasser erfolgreich gezogen, das Abendland ist gerettet.

Der Lärm um Naddel übertönte für einen Moment die neuen, leiseren Töne des Fernsehens. Die Zeiten, da sich das Medium selbstsicher und siegesbewusst selbst überbot, sind vorbei.

Das Genre Talk ist ausgereizt, Neulinge wie Ricky auf Sat 1 reißen quotenmäßig nichts mehr gegenüber den lauen Eminenzen des Gewerbes, Bärbel und Meiser. Die Comedysierung des Programms rund um die Uhr stößt mit der »MorningShow« an Grenzen.

Optische Orgien mit Spielfilmanspruch, wie sie Pro Sieben liebt, ändern nichts daran, dass geschicktes Traditionsrecycling à la »Stahlnetz« an der Quotenkasse siegen. Das Soap-Boot - gutes Zeichen? Schlechtes Zeichen? - ist voll: Für »Mallorca« und »City-Express« bleibt kein Platz.

Ein noch so aufgepopptes Magazin wie Springers »Newsmaker« kommt gegen die bewährte Ulrich-Meyer-Sendung »Akte 99« nicht an. Fußball bleibt, trotz inflationärer Ausweitung, oben in den Charts. Neue Shows wie »Die Stunde der Wahrheit« mit Ex-»Herzblatt« Christian Clerici überzeugen durch Schlichtheit - der martialische Gladiatoren-Aufwand einer »100 000-Mark-Show« ist Weh von gestern.

Und Satire kann so schnell keine neuen Pferde, Verzeihung, naddeln: Da reitet seit eh und je dirty Harald Schmidt.

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