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Laufen: » Besser als Sex, Drogen und Alkohol«

Durch regelmäßigen Dauerlauf zum schöneren Leben? Anhänger des rasch anwachsenden »Jogger«-Kults erhoffen sich davon Gesundheit. Sie genießen »strömende Glücksgefühle« und laufen sich »Probleme vom Leibe«. Aber ihnen drohen, ohne den alten Gefahren mit Sicherheit zu entgehen, neue Übel an Knochen und Organen.
aus DER SPIEGEL 48/1978

Was Wunderbares muß es sein, dem sie alle so hartnäckig nachjagen. Sie laufen, laufen und laufen, um die neue Glückseligkeit einzuholen -- 25 Millionen Amerikaner mittlerweile, noch einmal genauso viele in anderen Ländern, darunter mehr als 1,6 Millionen Bundesdeutsche.

Eingemummelt in schweißfördernde Strumpfhosen, Kapuzenanoraks und gewickelte Frotteetücher, nehmen die »Jogger« -- wie die Dauerläufer nach angelsächsischem Sprachgebrauch genannt werden -- alles unter die Noppensohlen, was fest genug ist für das Abschnellen zum nächsten Schritt.

Kein Wetter konnte sie aufhalten: Sie tappten durch den verschneiten Englischen Garten in München, ächzten durch Groß-Miamis sonnendurchglühte Mangohaine. hasteten im Dauerregen -- quitsch, quitsch bei jedem Hopser -- durch die Londoner Parks.

Aus freien Stücken, ohne Ansporn einer Klub-Mitgliedschaft. machen sich viele Jogger täglich, die meisten wenigstens dreimal je Woche, auf die Jagd nach dem Köstlichen. Sie brauchen keine Stadien. Einzeln oder in Trupps traben sie über das Trottoir der Market Street von San Francisco, den knirschenden Kies rund um Hamburgs Außenalster, durch den Benzindunst über den kochenden Asphalt von Las Vegas. Moskaus Botanischen Garten, die Kirschbaumalleen im japanischen Kioto oder den Bois de Boulogne in Paris, wo das Schnauben und Prusten der Jogger schon die Reitpferde scheuen ließ.

So ist denn auch die Nacht zum Joggen da: Wer etwa in Berlin-Grunewalds dunklen Villenstraßen hechelnden »Nachtgespenstern« begegnet, mag getrost auf Airline-Piloten tippen, die tagsüber ihr Laufpensum nicht hatten schaffen können.

Ein »strömendes Glücksgefühl bis in die Fingerspitzen« haben Trabläufer bei Befragungen als süßen Lohn ihres Mühens bewertet. »Hinterher«, sagte einer, »fühlt man sich unheimlich gut, wie nach Fieber.« Ein anderer läuft sich »jedesmal meine Probleme vom Leib«.

Wie breit gefächert der Laufgenuß tatsächlich ausschlagen kann, ließ sich die »New Times« von einem US-Jogger erläutern: »Es ist besser als Drogen, besser als Alkohol, manchmal -- ich schwöre -- besser als Sex.«

Von so universellen Segnungen per Dauerlauf mögen sogar Jogger nicht absehen, denen just beim erquickenden Trablauf immer mal wieder gräßliche Erinnerungen zu schaffen machen. An einem bestimmten Baum« überkommt zum Beispiel einen hanseatischen Rechtsanwalt, beim üblichen Lauf durch Hamburg-Blankeneses Hirschpark, »so ein komisches, flaues Gefühl«. Da war nämlich der Partner, 45 Jahre alt, durchtrainiert und scheinbar kerngesund, beim Morgenlauf tot umgefallen.

Ausübende des Lauf-Sports, der gewiß weniger Menschen als fast jeder andere Bewegungssport umgebracht hat, sind meist Midlife-Crisis-Typen zwischen 35 und 60, aber immer häufiger auch Frauen, sehnige Opas, kernige Großmütter, ja ganze Familien mit Kindern. Sie starten mit Vorliebe bei organisierten »Lauf-Treffs«, von denen der »Deutsche Sportbund« im Bundesgebiet schon über 1000 eingerichtet hat.

Hunderttausende hecheln regelmäßig bei »Volksläufen« in aller Welt dem Ziel entgegen. 600 derartige Wettbewerbe fanden im vergangenen Jahr allein im Bundesgebiet statt -- von der vollen Marathondistanz über 42,2 Kilometer bis zu einem allgemeinen »Trimm-Trab« wie am Maschsee in Hannover, wo jeder Teilnehmer nach »1978 Metern für die Gesundheit« einen »Trimm-Taler« einheimsen konnte. Rund 6000 Teilnehmer wurden jüngst beim Lauf um den Nürburgring gezählt -- eine neue Rekordmenge für deutsche Volksläufe.

So braves Traben wirkt fast dilettantisch im Vergleich zu einer unheimlich anmutenden Steigerung des Jogger-Phänomens, wie sie in Amerika von Monat zu Monat deutlicher sichtbar wird.

Millionen hat dort erfaßt, was in der Bundesrepublik erst bei etwa hunderttausend Freizeit-Joggern aufgetreten ist: ein offenkundig unablässig wachsender, schier unstillbarer Laufhunger, der immer höhere Laufleistungen erzwingen möchte. Immer mehr Läufer gerieten in eine Art Teufelskreis, der ihnen auch noch Vergnügen bereitete: anfangs mäßig, dann regelmäßig, nun mit einem Male unmäßig.

Die Jogger-Bewegung gelangte auf eine höhere Ebene -vom eher gemütlichen Trab, meist sogar ohne Stoppuhr und festgelegte Strecke, zum sogenannten Running auf längeren Strecken und mit steigenden Trainingsanforderungen wie bei Wettbewerbsläufen für Meisterschaften. Die Folge: Läufer traten nun nicht mehr nur einzeln oder in kleinen Trupps, sondern häufig in Horden auf.

Das gemäßigte Jogging war zunächst als Modeerscheinung abgetan worden, »verrückter freilich als die Mode, im Angesicht von Pflanzen Monologe zu halten«, wie »Time« schrieb. Der zum Running hochentwickelte neue Laufkult dagegen, befand unlängst »U. S. News & World Report«, »hat die Ausmaße einer nationalen Manie erreicht«. Irritiert registrierten USA-Touristen, daß die Welt in Amerika endgültig auf Trab ist: »Überall in den Staaten«, berichtete der Berliner USA-Reisende Karl-Heinz Krüger, »hört man plötzlich den stampfend-klatschenden Schritt und das Schnauben der Läufer im Rücken.«

So dichtgedrängt traten die derart beflügelten Jogger schon auf, daß sie zu Verkehrshindernissen wurden. »In Sechserreihen, Gruppen bis zu 100 Personen bildend, blockieren die Läufer die Straße und weigern sich, die Fahrbahnen freizugeben«, klagte der Bürgermeister von Los Altos Hills im US-Staat Kalifornien, wo bereits erwogen wird, Joggen auf der Fahrbahn mit Strafen bis zu 500 Dollar und sechs Monaten Gefängnis zu bedrohen.

Nur die führenden Läufer fanden problemlos Raum für ihre Füße, als statt der üblichen 1200 Teilnehmer plötzlich 12 000 Läufer zum Rennen um die Bucht von San Francisco starteten. Parole: »Lauf oder werde totgetreten.«

Ein normaler Marathonlauf ist für so gestählte Jogger längst zum Läufer-Alltag geworden. Etliche haben schon einen 80 Kilometer langen Super-Marathon bewältigt, Super-Super-Marathonläufe über 160 Kilometer, ja sogar »im Laufschritt in 80 Tagen um die Welt« sind geplant.

Eine erste Etappe dazu hat die sechsfache südafrikanische Großmutter Mavis Hutchinson, 53, genannt »galoppierende Omi«, schon abgeleistet: Sie lief 14 Stunden am Tag und durchmaß die Strecke Los Angeles-New York (4679 Kilometer) in 69 Tagen, zwei Stunden, 40 Minuten, finanziert von einer Kosmetikfirma, die ihre Läuferin aus zwei begleitenden Camping-Wagen versorgen ließ.

Der Zielort dieses Laufs ist wegen der dort besonders üppig gedeihenden Lauf-Manie längst von Fun-City in Run-City umgetauft worden.

Nacht-Jogger, mit eigens für sie entwickelten Leuchtkanten an den Schuhen, haben dort sogar die Machtverhältnisse im notorisch »unsicheren« Central Park umgekehrt. Die sonst so gefürchteten »Mugger« (Straßenräuber) geraten nämlich selber in Gefahr, von einem vorüberstampfenden Trabläufer-Pulk über den Haufen gerannt zu werden.

Autofahrer wiederum mußten erkennen, daß Konflikte unausweichlich sind, wenn das höchstmotorisierte Land der Erde plötzlich mehr Fußgänger auf Trab bringt als jeder andere Staat. Immer häufiger wurde die Polizei zu Karambolagen zwischen Autos und Joggern gerufen.

So stürmisches Wachstum ging einher mit einer totalen Vermarktung des Lauf-Phänomens, das längst den Tennisboom überrundet hat.

In Deutschland führt eine Fachzeitschrift für Läufer ("Spiridon") ein Aschenputteldasein, bedienen sich allenfalls die Hersteller von Vitaminpräparaten der Jogger als Werbevehikel. Und nur wenige Prominente, so die Industriemanager Philip Rosenthal, Berthold Beitz und der Sänger Udo Jürgens, bekennen sich als jener Welt zugehörig, in der Seitenstechen und der -- Erschöpfung signalisierende -- Geschmack von Kupferpfennigen gewohnte Erscheinungen sind.

In Amerika dagegen sind die Jogger einer offenbar willkommenen Sturzflut an Läufermagazinen wie »Runner's World«, »The Runner« oder »On the Run« ausgesetzt, die alle ruckartig zu Auflagen bis um die 200 000 Exemplare hochschnellten. Ein Untertitel verheißt, was fast alle überzeugten Jogger und Runner ohnehin glauben: »Laufen ist der Schlüssel zum Leben.« »Wenn du kotzen mußt, mach zehn Minuten Pause.«

Für zahlreiche fix formulierende Buchautoren war Laufen der Schlüssel zur großen Kasse, allen voran ein gewisser James F. Fixx, dessen zehn Dollar teures Schnaufer-Opus »The Complete Book of Running« ("Alles über Laufen") sich über ein Jahr an der Spitze der amerikanischen Sachbuch-Bestsellerliste hielt.

Alle prominente Welt fühlte sich zum Trab animiert, und sei's nur, weil die Lauferei »in« ist: Senator William Proxmire (täglich acht Kilometer) joggt ebenso wie »Love-Story«-Autor Erich Segal, Nobel-Preisträger Linus Pauling, Shirley MacLaine oder Jacqueline Onassis. In dem Erfolgsfilm »House Calls« trabt Jogger Walter Matthau in der angenehmen Gesellschaft von Glenda Jackson, in »Marathon Man« rennt sich Dustin Hoffman die Seele aus dem kurzen Leib, und in neuen Krimiserien gehören appetitlich trabende Blondinen zu den offenbar unentbehrlichen Einsprengseln.

Sogar ein Jogging-Computer wird angeboten, mit dem sich jeder selber optimal programmieren kann. Neuester Hit auf dem wachsenden Berg von Jogger-Schuhtypen: Adidas in Herzogenaurach, mit einem Tagesausstoß von 180 000 Paar Sportschuhen Spitzenreiter in der Welt, brachte einen Super-Laufschuh für den »unheimlichen Boom« (so ein Firmensprecher) heraus -- er heißt »Formel I« und hat Rillen mit Stoßdämpfereffekt.

Welche Eigenschaften den durchschnittlichen Jogger besonders auszeichnen, haben unlängst Soziologen der Indiana University und der Wake Forest University in einer Studie über 276 Läufer ermittelt: Intelligent, phantasiebegabt, zurückhaltend, hochmütig, nüchtern, scheu, offen und ein wenig introvertiert sind die einsamen Traber demzufolge -- aber vielleicht auch ein gut Teil kritiklos.

Denn es scheint kaum einen von ihnen zu irritieren, daß die Fachleute längst nicht einer Meinung sind über Motivation und Auswirkungen des Joggens, dessen Grenzbereiche unter der Last der Überanstrengung von den Joggern gemeinhin nach einer Art Faustformel überwunden wurden: »Wenn du grünlich kotzen mußt, mach zehn Minuten Pause.«

Die sportmedizinische Fachwelt urteilt kraß unterschiedlich über Jogging und Running:

* Laufen sei »die einfachste und billigste Möglichkeit, gesund zu bleiben«, formulierte etwa Professor Erich Lang, Erlangen, die Ansicht zahlreicher Kollegen.

* Der menschliche Körper sei »nicht zum Laufen gemacht, sondern zum Gehen«, meinte hingegen Edward Farnharn, Chef der »Nautilus Sport Medical Industries«, Lake Helen (Florida), der rund 400 Fitness-Zentren beliefert; seine Ansicht teilen viele Fachleute, die zudem warnen vor Herz- und Kreislauf-Kalamitäten sowie irreparablen Schäden am Skelett, an Knorpeln und Gelenkkapseln.

* Psychologen schließlich erblicken in der Läufer-Manie eine neue Art von höherem Selbstbetrug -- die ausschweifend aktiven Jogger versuchen, ihrem Tod davonzulaufen. Wie ein neuer Mythos entfaltete sich die Heilslehre vom Laufen zuerst in Amerika, dem Land mit den höchsten Herzinfarktraten und den größten Zivilisationsgefahren.

»In den fünfziger Jahren war es der Alkohol, in den Sechzigern die Droge,

* Der Bundespräsident bei der Eröffnung einer »Trimm-Trab«-Aktion mit Ex-Gesundheitsministerin Katharina Focke und Sportbund-Präses Willy Weyer (r.).

nun sieht es aus, als ob Jogging die Fußnote der siebziger Jahre abgeben wird«, stellte das US-Magazin »Business Weck« fest. »Dieses Buch«, schrieb James Fixx in seiner Läufer-Fibel, »wird Ihnen zeigen, wie Sie gesünder und glücklicher werden können, als Sie sich je haben vorstellen können.«

Wie sich solche Botschaft auf Amerikas Läufer-Boom auswirkte, beschrieb die »New York Times« so: »Es war, als sei Pheidippides (der legendäre siegverkündende Läufer von Marathon) wiedergeboren mit der Nachricht, Angst, Fettleibigkeit und Cholesterin wären auf dem Blachfeld von Marathon versickert.«

Joggen war nun endgültig »in«, wie Salat-Essen und Nichtrauchen. Über das »New York Marathon 1978«, bei dem vor zwei Millionen Augenzeugen 11 200 Läufer und Läuferinnen lostrabten, berichtete ein bundesdeutscher Augenzeuge: »Ich habe so eine Massenraserei noch nicht gesehen.«

Als leuchtendes Vorbild aller US-Jogger gilt ihr Landsmann Frank Shorter, Goldmedaillengewinner im Marathonlauf der Olympischen Spiele 1972 in München, als Urheber des Läufer-Booms eher Dr. Kenneth Cooper, einst Fitness-Forscher der US-Luftwaffe. Er postulierte den Lauf als wirksamste, »aerobische« -- den Sauerstoffumsatz ankurbelnde -- Körperübung: »Laufen kostet nicht viel Zeit und Geld.«

Cooper empfahl das Laufen (notfalls »auf der Stelle") als Lebenshilfe für »Menschen aller Altersstufen«. Sein Kredo, manifestiert in vier Büchern: »In den Muskelgeweben öffnen sich (durch regelmäßiges Lauftraining) neue Blutgefäße, neue Transportwege für den Sauerstoff.« Wichtige Voraussetzung, laut Cooper: »Geben Sie nicht auf.«

Der Lohn solcher Mühe, unter Schmerzen in Brust und Bronchien, liegt im günstigen Effekt auf Herz und Kreislauf: Jegliche Art körperlichen Ausdauertrainings »ökonomisiert« die Herzarbeit.

Der hohle Muskel, beim Gesunden ausgestattet mit durchschnittlich 750 Kubikzentimetern, erweitert als Trainingsfolge sein Volumen. Es steigt auf rund 1000, bei Ausdauersportlern, vor allem Radrennfahrern, sogar auf mehr als 1500 Kubikzentimeter.

Wer liebt sie schon, die Männer mit dem Flackerblick?

Ein größeres Herz aber braucht sich auch dann nur seltener zusammenzuziehen, wenn in den Muskeln -- infolge Belastung -- der Blutbedarf steigt. Pro Kontraktion drückt ein Sportherz bis zum Dreifachen der Blutmenge in den Kreislauf, die ein untrainiertes Herz schafft.

Mangels Volumen bleibt dem Herzen eines körperlich untrainierten Menschen im Belastungsfall nichts anderes übrig, als seine Schlagfolge drastisch zu erhöhen: Der Puls steigt von normal 70 Schlägen auf das Doppelte, manchmal das Dreifache -- und eben dies gilt unter Kreislaufforschern als »unökonomisch«. Es strengt den Herzmuskel an, weil ihm keine Reserven bleiben.

Die wünschenswerte Umstellung der Herzaktion von Pulsbeschleunigung auf Volumenerweiterung ist freilich nicht ohne Gefahren. Je älter und je strapazierter ein Herz ist, desto schlechter läßt es sich trainieren. Jenseits des dreißigsten Lebensjahres sind besondere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich: Ein vorheriger Herztest auf dem Fahrrad-Ergometer mit gleichzeitiger Kontrolle per Elektrokardiogramm, dazu nach Meinung vieler Ärzte die Empfehlung, die sportliche Belastung wohldosiert zu steigern, sie am besten »submaximat« zu halten.

Maximale Belastung bis zum Umfallen bringt nicht mehr ein als »submaximale« -- dabei bleibt dem Läufer ein letztes Quentchen Kraft und Luft, das er notfalls noch zulegen könnte. Der Effekt auf Herz und Kreislauf ist gleich, nur das Risiko ist geringer.

Maximale Erschöpfung kann zu Mangeldurchblutung von Herzmuskelpartien führen, im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt. Auf der Strecke blieb beispielsweise der Trainer des Ratzeburger »Gold-Achters«, der ehrgeizige Oberstudienrat Karl Adam, 64. Sogar die Russen, sonst beim Hochleistungstraining nicht zimperlich, warnen. Ihnen ist der nur 48jährige Zatopek-Gegner und Weltrekordler Wladimir Kuz am Herzinfarkt gestorben. Und im vergangenen Jahr starb die meisterhafte australische Tennisspielerin Karen Krantzcke, 30, jählings den Joggertod. Das gleiche Schicksal traf jüngst Robert Summers, 55, Verwaltungs-Direktor des Herzforschungs-Instituts Miami, beim Joggen auf der Straße.

In Deutschland, dem Land mit den nach Amerika fleißigsten Freizeit-Rennern, hat der Jogger-Kult gleichsam gerade erst die Startlöcher verlassen, gewiß beeinträchtigt durch die seit Jahren unterhaltenen »Trimm-Parcours« -- kurzes Traben mit vielen Pausen für gymnastische Übungen. Immerhin lassen sich Deutschlands Jogger auch durch die einbrechende Nacht nicht am Lauf hindern -- wenn sie sich, wie auf Feldwegen bei Mettmann am Düsseldorfer Stadtrand, Taschenlampen an die Köpfe schnallen müssen.

Als »Fanal für den weiteren Aufstieg des Dauerlauf-Gedankens in Mitteleuropa nach amerikanischem Muster« betrachtet sich die Jogger-Postille »Spiridon«, die deutsche »Zeitschrift für Lauf und Ausdauersport«. Ihr Mit-Herausgeber, Sportarzt Dr. Ernst van Aaken, beansprucht die Urheberschaft der von Kenneth Cooper entwickelten Jogging-Ideen in Amerika.

Unter allen Jogging-Opfern in der Welt dürfte van Aaken selber eines der tragischsten sein: Ihm wurden beim nächtlichen Gesundheitstrab beide Beine abgefahren. Vom Rollstuhl aus berät er unverdrossen seine Anhänger und Leser. Sie erfahren, wie der Jogger Beklemmungsängste im Brustkorb überwindet ("Abwarten, dann weiterlaufen"), werden aber auch über längst vergangene Jogger-Herrlichkeiten aufgeklärt -- etwa darüber, daß griechische Langstreckler vor 2000 Jahren täglich trainierten, keinen Alkohol tranken und hauptsächlich Quark aßen.

Doch gerade Coopers Methode, die im Prinzip auch von deutschen Joggern vertreten wird, zeigt eindringlich, wie groß die Gefahr ist, durch immer höhere Anforderungen Schaden zu nehmen.

In Coopers »Aerobics Center« zu Dallas in Texas, errichtet für zwei Millionen Dollar, fahren die ersten Kunden schon morgens um fünf Uhr vor, um ihr Punkte-Pensum, möglichst aber mehr, abzutraben.

Coopers Punktesystem, individuell nach Kondition und Lebensalter im Labortest auf dem Laufband abgestimmt, bewertet zum Beispiel in einer bestimmten Kategorie fünf Läufe über 1600 Meter (Zeit: zehneinhalb Minuten) je Woche mit 15 Punkten. Nach Coopers Empfehlung sollen zum Beispiel je Woche ein 90jähriger 30 Punkte, Läufer unter 20 Jahren 50 Punkte und Dicke mehr als 30 Punkte ("zusätzlich Diät") ableisten.

Die hochmögende Klientel, die unter persönlicher Aufsicht des großen Knorpel-Gurus im Morgengrauen aufkreuzt, leistet auf dem Meilen-Rundkurs ihre Runden ab. Danach füttern die Schweißnassen ihre Laufzeiten in den Computer, erfahren ihre Punktesumme und karriolen in ihre Büros. Jeweils zum Monatsende druckt ihnen der Computer das Punktekonto aus. 30 Punkte pro Woche halten laut Cooper die Kondition auf einem soliden Stand -- aber manche Verbissene schaffen pro Woche 400 Punkte.

Bei solchen Eiferern wird die abgeleistete Übung gleichsam zu einem zweiten Beruf und verändert offenbar nicht nur den Körper, sondern auch das Gemüt.

Masochistische Züge, bei Marathonläufern längst gesichert, formen sich wohl auch beim Running-Fan aus, der versucht, dem unvermeidlichen Ende zu entkommen: Solche Männer quälen ihren alternden Leib, weil sie ihn nicht mehr akzeptieren können. Leib und Seele sind zerfallen. Sportliche Aktivität ohne rechte Freude verkürzt womöglich das Leben, statt es zu verlängern.

Wer liebt sie schon, die Männer mit dem Flackerblick, die stets so tun, als hätten sie, erkauft durch unablässige Tortur, einen aufschiebenden Pakt mit dem Jenseits geschlossen? »Langstreckenläufer«, schrieb »Time«, »sind einsam, weil sie unerträglich sind.« Es seien häufig Leute um 40, die einst »keinem über 30« trauten und sich nun fanatisch um alles bemühen, was ihnen an ihrem Körper nicht mehr jugendlich vorkommt.

Langstreckenläufer Werner Sonntag, der in seinem Buch »Irgendwann mußt du nach Biel« die Selbstfolter eines 100-Kilometer-Laufs beschrieb, fragte denn auch bang: »Bin ich vielleicht doch nicht verrückt, sondern nur Neurotiker?«

Gleichwohl haben manche Konzerne, so etwa General Foods, Xerox, Exxon und Coca-Cola, ihre Mitarbeiter zum täglichen Lauf ermuntert -- zumindest ausgehend von der Vermutung, daß etliche Runden Trablauf besser sind als vier Martinis vor dem Mittagessen.

»Kein anderer Sport bietet ein höheres Verletzungsrisiko.«

Jogger Jesse Beil, Präsident der Kosmetik-Firma Bonne Beil, ließ nahe seiner Fabrik in Cleveland (Ohio) sogar ein kleines Jogging-Stadion errichten. Pro Meile Trablauf, so versprach er seinen Mitarbeitern, wolle er einen Dollar zahlen. Als manche der Firmen-Traber sich zusätzliche Summen von 250 Dollar erliefen, zog der Chef seine Zusage zurück.

Den amerikanischen Fachärzten bescherte die Jogger-Mode einen Patienten-Boom. Die Zahl der Fußleiden stieg steil an. Mittlerweile sind 87 Prozent aller Amerikaner, die ärztliche Hilfe suchen, von Fußplagen befallen, hauptsächlich von Zerrungen, Entzündungen und Anrissen an der Achillessehne sowie Gebresten am Knöchel, bei Fachärzten als »Jogger-Knöchel« längst so selbstverständlich klassifiziert wie der »Tennisarm«. Andererseits ließen die Ergebnisse von Vergleichsmessungen erkennen, unter dem Einfluß läuferischer Übungen zeichne sich bereits ein erster Erfolg ab im Kampf gegen den Leibesspeck: Das Gesamtgewicht aller Amerikaner, so die Statistiker, habe sich binnen Jahresfrist um etwa 128 Millionen Kilogramm gesenkt.

Voller Sorge warnen jedoch die Fachmediziner. »Kein anderer Sport«, so gab Sportarzt Dr. Roger Michael, Baltimore, zu bedenken, berge ein »höheres Verletzungsrisiko als Jogging«, weil zu viele Ungeübte sich zuviel zutrauen. Es besteht sogar die Gefahr, so der Orthopäde Dr. Leonard Winston, Chicago, daß sich unzählige Jogger buchstäblich »die Füße ablaufen«. Gefährdete Läufer seien häufig derart laufsüchtig, daß sie weiterrennen, obwohl Füße und Knie bei jedem Schritt schmerzen. Die Selbstquäler, meint Winston, meiden notwendige Behandlungen, weil sie fürchten, sie könnten danach längere Zeit nicht laufen.

Bei etlichen US-Joggern wurde zudem nach dem Lauf eine »Jogger-Niere« diagnostiziert -- verdächtige Mengen Eiweiß und rote Blutkörperchen im Urin, die auf einen bedenklichen Nierenbefund hindeuten. Der deutsche Sportmediziner Professor Wildor Hollmann, Köln, allerdings wiegelte ab: Das Phänomen sei schon seit 40 Jahren bekannt, gehe bald vorüber und verlaufe harmlos ("Pseudo-Nephritis").

Die Frauen scheinen mit speziellen Handikaps dafür bezahlen zu müssen, daß sie sich -- immer zahlreicher antretend -- auch beim Trablauf emanzipiert haben. Rätselhafte Kümmernisse und Verzögerungen der Menstruation plagen sie, zusätzlich noch ein »Joggers Nipples« genanntes Scheuer-Übel an wippenden, bisweilen blutenden Brustwarzen.

In einer Jogger-Bilanz hat das Magazin »New York« 14 Vorzüge und 16 Nachteile des Dauerlaufs aufgelistet, von »Verlangsamung des Alterungsprozesses« bis zu »Krämpfen im Gedärm«. Nachteile des Joggens suchen die beiden US-Autoren Vic Ziegel und Lewis Grossberger zu nutzen. Sie brachten unlängst »Das Buch der Nicht-Läufer« (Preis: 2,95 Dollar) auf den Markt, »um angesichts der Läufer-Epidemie den Leuten eine Alternative zu bieten« (Grossberger). Darin behandeln sie zum Beispiel Themen wie »Nicht-Laufen für Anfänger« und »Übungen« um außer Form zu bleiben«. »Wem Joggen zur Tortur wird, der soll es lieber lassen.«

Schon haben auch Psychiater das Jogging als Therapie entdeckt. Rund 3000 US-Ärzte bekennen sich zur Lauf-Behandlung als Mittel gegen Depressionen. Psychiater Ronald Lawrence, Begründer der Therapie, rennt neben den Erkrankten her. Schon bald will er an der lieblichen kalifornischen Malibu Beach eine erste, großangelegte »Talkand-Jog«-Therapie durchführen -- Honorar: 75 Dollar je Stunde.

Segen und Übel des Joggens freilich ereilen vorwiegend Angehörige einer bestimmten Gesellschaftsschicht: Meist Männer und Frauen bis zu 60 Jahren, der Mittelschicht zugehörig, berufstätig, aufstiegsorientiert, lauffreudig nicht der Gesundheit, sondern ihrer Arbeitsfähigkeit wegen.

Arme Leute laufen nicht. »Wofür sollen sie sich fit halten?« fragte Thomas Tutko, der den Jogging-Bereich als Sportpsychologe am San Jose State College untersucht hat. Da die Armen »nur wenig haben, für das sie leben, sehen sie keinen Grund, sich in Form zu bringen -- es würde ihr Leben nicht ändern«.

Genau das aber glauben überzeugte Jogger ihrem Sport abzugewinnen: einen »neuen Atemrhythmus« mit »dem beruhigenden Effekt eines Mantra«, die Fähigkeit, im Laufschritt Depressionen und Aggressionen abzubauen oder gar ihr Sexualleben zu bereichern. »Läufer«, fand der Psychologe Professor William Morgan von der University of Wisconsin, »können Gefühle der Allmacht entwickeln, fangen an, sich für unüberwindlich zu halten.«

»Nichts«, beschrieb »Time« den redseligen Typus des täglich trainierenden, gläubigen Protzathleten, »nicht mal das Training selber, ist ermüdender, als zuzuhören, wie ein cholesterinfreier Windbeutel darüber hyperventiliert, wie sich seine Energie verdoppelt, sein Triglycerid-Spiegel gesenkt, seine sexuelle Leistungskraft vervielfacht und seine Lebenserwartung sich derjenigen einer Galapagos-Schildkröte angenähert hat.«

Genauso dubios mutet der Rang an, den Sportmediziner dem Dauerlauf bei der Behandlung von Infarkt-Kranken zuerkennen. Etliche Ärzte gehen davon aus, daß für Infarktpatienten schon ein zehnminütiges leichtes Lauftraining pro Woche jene Reize auf den genesenden Herzmuskel ausübt, die optimal mögliche Erfolge gewährleisten.

Andere empfehlen hingegen tägliches und hartes Training, sogar Wettkämpfe, als handele es sich hier lediglich um eine verordnete Überdosis Vitamin C, die der Körper bei Verwertungsmangel ohne Schaden wieder abstoßen kann. Beim Volks-Marathonrennen von Honolulu im Dezember 1977 beispielsweise starteten rund 3000 Läufer, darunter mehr als 100 Optimisten, die Infarkte und andere schwere Defekte des Herzens und Kreislaufs gerade überstanden hatten.

Auf die bislang erarbeiteten Forschungsgrundlagen ist offenbar wenig Verlaß. »100 Jahre mag es dauern«, meinte Arthur Fans, Forschungsdirektor an der »US-Sports Academy« in Mobile, Alabama, »bis zuverlässig dokumentierte Forschungen über den Zusammenhang zwischen sportlicher Belastung und Gesundheit vorliegen.«

»Wem die Joggerei zur Tortur wird, der soll es lieber lassen«, rät der südafrikanische Herzverpflanzungs-Pionier Professor Christiaan Barnard, »denn die Sache ist nicht narrensicher -- ich habe einen Marathonläufer am offenen Herzen operiert.«

»Die gegenwärtige Theorie rät zum Training, ohne sich zu strapazieren«, faßte Fans zusammen -- der »Spaß« dürfe nicht zu kurz kommen.

Doch auch den Gesunden unter den Joggern droht Gefahr -- sogar dann, wenn bei ihnen Kreislaufsystem und Herzmuskel auf das von manchen Sportmedizinern empfohlene Strapazentraining günstig reagieren.

Da Gelenkknorpel und Sehnen nicht trainierbar sind, gleichwohl bei erhöhter Belastung rascher als sonst abnutzen, muß ein scharf Trainierter jenseits der Vierzig eigentlich bei jedem Jogger-Schritt mit der Katastrophe rechnen: daß er mit seinem hochtrainierten, überdehnten Sportherzen plötzlich dasitzt wie mit einem zusammenfallenden Kartoffelsack, weil er nicht mehr laufen kann -- Opfer der Logik des Knorpels.

Gerade das Knie hat schon manchem Trimm-Aktivisten klargemacht, daß sein kalendarisches Alter noch annehmbar, der Abnutzungsgrad dieser wichtigen Beinscharniere jedoch schon fortgeschritten ist. Wer die weichen Knorpelseheiben in seinem Kniegelenk über Gebühr strapaziert, der hört über kurz oder lang die rohen Knochen knirschen. Das Leben mit dem »Meniskusschaden« wird durch ein kräftiges Herz nicht eben leichter.

Doch welcher Jogger genießt nicht seine »strömenden Glücksgefühle« nach dem Lauf doppelt, wenn er von den jüngst in Texas abgehaltenen Fitneß-Tests erfährt?

Untersucht wurden durchtrainierte Jogger zwischen 40 und 59 Jahren. Dabei erwies sich, daß die Kondition dieser Herren nicht nur ihren untrainierten, lässiger im Leben stehenden Altersgenossen weit überlegen war. Vielmehr zeigte sich auch, daß ihr Fitneß-Standard jenen von 20 Jahre jüngeren Männern in guter Kondition vergleichbar war.

Aber wer wirklich alt werden möchte, der sollte womöglich vom Sport ganz absehen. Unter ganz alten Menschen, das zeigt ein Blick in die Altersheime, findet sich kein Ex-Sportler.

Organisierter Sport »gehöre ins Reich der Unfreiheit«, denn er suche »dem Leib einen Teil der Funktionen zurückzugeben, welche ihm die Maschine entzogen hat«, befand der übergewichtige Philosoph und Nicht-Sportler Theodor Wiesengrund Adorno. Er starb mit 65 Jahren am Herzinfarkt.

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