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SOWJET-UNION Lauter Millionäre

Gorbatschow erkundete Jugoslawiens Reform-Erfahrungen - Beispiel oder Abschreckung? *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Benjamin Franklin, Mitautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, gab allen Staatsmännern den Rat, sich beizeiten darauf einzustellen, daß alle großen Reiche irgendwann auseinanderfallen - eine Lehre auch für das letzte Imperium, dessen nationale Minderheiten und assoziierte Völkerschaften jählings an allen Ecken aufbegehren, die Sowjet-Union?

»Regeln zur Reduzierung eines großen Imperiums in ein kleines«, nannte Franklin seine Studie, in der er 1779 bemerkte, »daß ein großes Reich wie eine große Torte am leichtesten an den Rändern schrumpft«.

Staatsmann Stalin, der Architekt des mit Hilfe der Roten Armee zusammengefügten Sowjetimperiums, wußte Rußlands traditionellen Landhunger zuweilen auch zu zügeln; er verzichtete auf unhaltbare Positionen: Finnland gab er preis, und als sich Jugoslawiens Tito von Moskau lossagte, rief er zu dessen Sturz auf, intervenierte aber nicht mit Militärgewalt.

40 Jahre später legte ein sowjetischer Generalsekretär an Titos Grab in Belgrad statt der obligaten roten Nelken einen Frühlingsstrauß in vielen Farben nieder und nannte den Abtrünnigen einen »revolutionären Theoretiker und Organisator": Michail Gorbatschow besichtigte in den fortgeschrittensten Bundesländern Jugoslawiens, in Slowenien und Kroatien, den real existierenden Reformkommunismus.

Als Gorbatschow noch Traktorist war, hatte Andrej Gromyko, heute Senior im Moskauer Politbüro, Tito in einer amtlichen Note als »Agenten imperialistischer Kreise« eingestuft. Am Anfang seiner Parteikarriere erlebte Gorbatschow den Canossa-Gang Chruschtschows nach Belgrad und dessen Scheitern.

Der Provinzparteisekretär Gorbatschow konnte 1974 in der »Iswestija« lesen, was Kolumnist Alexander Bowin - heute Perestroika-Verfechter - über die jugoslawische »Selbstverwaltung« dachte: Sie schwäche die Rolle der Partei und öffne der Konterrevolution die Tür.

Jetzt erkundigte er sich selbst bei den Arbeitern einer Belgrader Rüstungsfabrik, die für den Export in die UdSSR arbeitet, nach deren Wohlergehen. Antwort: »Gut, aber es könnte bessergehen.« Ein Arbeiter fragte zurück: »Wieviel Prozent von unserer Selbstverwaltung gedenken Sie zu übernehmen?« Gorbatschow, der soeben seinen Staatsbetrieben eine Selbstverwaltung auferlegt hat, äußerte sich vorsichtig. Dann billigte er eine Deklaration, die jugoslawische Selbstverwaltung sei eine Pionierleistung »von höchster Bedeutung«.

Sowjetische Zeitungsleser, die von Jugoslawiens akuter Wirtschafts- und Staatskrise kaum etwas erfahren, muß das Nahziel einer Jugoslawisierung der Sowjet-Union locken: Glasnost für die Medien, Reisefreiheit der Bürger, die überall im Ausland arbeiten können, gar das Zusammenleben im Vielvölkerstaat (Parteiparole: »Brüderlichkeit, Einheit") - Gorbatschows Perestroika scheint ihnen in Jugoslawien längst verwirklicht.

Das Belgrader Magazin »Nin« veröffentlichte vor Gorbatschows Ankunft eine Einladung der Leser zur Subskription von Solschenizyns »Archipel Gulag«. Der Wirtschaftsprofessor Aleksander Bajt, 67, in Ljubljana fordert Freigabe aller Preise: »Der Markt ist das wesentliche Element des Selbstverwaltungssystems, aber den hat man völlig vergessen.«

Das Warenangebot in Belgrader Schaufenstern schockt Sowjetkonsumenten heute schon. Gorbatschows Ehefrau Raissa inspizierte einen Supermarkt und entzückte sich über Tomatenketchup, in einem wohlsortierten Möbelladen vermißte sie die Käufer und erfuhr, daß Sessel und Sofas zu teuer sind; die Lady erkundigte sich nach der in Rußland unbekannten Ratenzahlung und staunte, daß ein Teppich zu 100 Prozent aus Wolle war, griff schließlich verwundert nach dem ersten Lolli ihres Lebens.

Seinen »ersten Eindruck als Mann auf der Straße« beschrieb auch Sowjetjournalist Wiktor Zoppi ("Moskauer Nachrichten") so: »In den Läden gibt es alles. Exzellente Lebensmittel in hübscher Verpackung, elegante Schuhe und Kleider, hohe Preise, aber keine Schlangen.«

Doch dann hörte er von dem slowenischen ZK-Mitglied Mitja-Ciril Ribicic, der Lebensstandard sei spürbar gesunken, und der Chefredakteur ("Socijalizm") Milija Komatina warnte den Sowjetkollegen: »Die Wirtschaftsreform kann, bis zu einem gewissen Grad und für einige Zeit, das Vertrauen der Sowjetbürger in ihre materielle Sicherheit - wichtigstes Ziel des Sozialismus - zerstören ... Sowjetmenschen mußten niemals Arbeitslosigkeit fürchten, anders als die Menschen im Westen.«

Und in Jugoslawien: Jeder siebente ist arbeitslos, 300 000 verdienen ihren Unterhalt allein in Westdeutschland. 1987 haben 288 000 gestreikt. Auslandsschulden: 20,5 Milliarden Dollar.

Die Preise stiegen voriges Jahr um 170 Prozent, für Gorbatschow nicht nachvollziehbar: »Dann seid ihr hier alle Millionäre«, beschied er eine Arbeiterin, die ihm ihren Lohn genannt hatte: 30 Millionen alte Dinar (360 Mark).

Ein Musterland dafür, wohin Reformen führen können? Die Gründe der jugoslawischen Misere sind Gorbatschow sehr wohl vertraut: Sie liegen im weiterwuchernden Widerstand der Bürokraten, dem Monopol der Staatspartei. »Gorbatschow sagt mit Recht, daß ihr erst anfangt, Demokratie zu lernen«, eröffnete »Borba«-Chefredakteur Stanislav Marinkovi seinem russischen Gast Zoppi, und: »Dasselbe gilt für uns.«

»Demokratische Lösungen« postulierte Gorbatschow denn auch für das Nationalitätenproblem in seiner Heimat. Freilich: Eine Ablösung von der Union (obwohl laut Sowjetverfassung zulässig) komme nicht in Frage, jede Nationalität sei der UdSSR »unlösbar« verbunden.

Welch Glück für Jugoslawien und die anderen osteuropäischen Volksdemokratien, daß Stalin die 1945 besetzten Territorien nicht allesamt seiner Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken eingemeindete - wie es die Partisanen-Republik in Montenegro 1942 schon beschlossen hatte.

Der Vielvölkerbund UdSSR gilt in Gorbatschows Sicht für ewig, womit er seinen Gastgebern gefiel, die das vorwiegend von Albanern besiedelte Unruhegebiet Kosovo auch nicht hergeben möchten. Hätte der Besucher diese Gegend inspiziert, wäre er Zuständen wie im sowjetischen Aserbaidschan begegnet: Die Albaner provozieren die Serben im Lande so lange, bis jene weichen.

Osteuropa, der Vielvölkerblock am Rande der Sowjet-Union, gilt indes nicht mehr als unauflöslich - das jedenfalls insinuiert Gorbatschows Verzicht auf Gewaltanwendung für den Zusammenhalt in der Zukunft. In der gemeinsamen Deklaration mit den Jugoslawen erledigte der Kreml-Emissär die berüchtigte Breschnew-Doktrin einer begrenzten Souveränität von Bruderstaaten.

Will Moskau nie mehr Panzer in Marsch setzen, um sozialistische Staaten wieder an sich anzubinden - war der Einfall in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 ein Fehler, der in Afghanistan 1979 sowieso?

Wenn auch Gromyko dem zustimmt, kündigt sich eine neue Ära an: Unabhängigkeit für nationale Kommunisten, Dissidenten, Demonstranten außerhalb der Sowjetgrenzen - da bleibt keine letzte Sanktion mehr, wenn sich die 10 000 Protestler auf den Straßen von Budapest am vorigen Dienstag einmal verhundertfachen, kein Machtmittel mehr gegen Polens »Solidarität« oder den menschlichen Sozialismus des Alexander Dubcek.

Doch was geschieht, wenn die Nationalkommunisten im Kaukasus oder der Ukraine, unlösbar in der UdSSR, dieselben Rechte fordern wie ihre verlorenen Brüder in Osteuropa? Benjamin Franklin, der Ratgeber zur Reduzierung eines Imperiums, hatte empfohlen, die entfernteren Teile erst gar nicht voll zu inkorporieren, um sie leichter als erste wieder aufgeben zu können.

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