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INTERNATIONALES / FERHAT ABBAS Le bon papa

aus DER SPIEGEL 44/1959

In der Nacht zum 17. September sitzen in einer Villa im Diplomatenviertel von Tunis zwölf mit den Praktiken des revolutionären Krieges vertraute Männer beisammen. Sie lauschen nervös und angespannt der dunklen Stimme des französischen Staatsoberhaupts, die aus dem Lautsprecher zu ihnen dringt.

Charles de Gaulle, Präsident der V. Republik, spricht an diesem Abend zur französischen Nation. An seinem Schreibtisch im Pariser Elysee-Palast verliest der General jene Rede, die den Algeriern zu Beginn der Uno-Vollversammlung nach fünf Jahren blutiger Kämpfe zum ersten Male, wenn auch für eine ferne, ungewisse Zukunft, das Recht auf Selbstbestimmung verheißt.

Die Villa im Diplomatenviertel »Belvedere«, in der sich die zwölf Rundfunkhörer versammelt haben, diente ursprünglich dem tunesischen Staatschef Habib Burgiba als Wohnsitz. Der Tunesier stellte sie jedoch dem Ministerpräsidenten der - außerhalb Algeriens residierenden - Provisorischen Regierung der Republik Algerien, Ferhat Abbas, als Dienstsitz zur Verfügung. Versäumnisse eines Jahrzehnts französischer Kolonialpolitik haben genügt, um den ehemaligen Deputierten der Pariser Nationalversammlung zum Sprecher der algerischen Revolution zu machen.

Diese Revolution, die 130 Jahre französischer Herrschaft auslöschen soll, spricht und denkt allerdings französisch. Noch nie hat der Nordafrikaner Ferhat Abbas ("Ich kann nicht Arabisch lesen, und ich spreche es wie ein Bauernjunge") eine Rede in arabischer Sprache gehalten. Wenn er mit einem der orientalischen Regierungschefs verhandelt, benötigt er einen Dolmetscher. Seine Koran-Kenntnisse sind dürftig, und selten hat er in anderen als europäischen, von französischem Geist geprägten Begriffen gedacht. Für Abbas, der zum Franzosen erzogen wurde, aber als Algerier in Frankreichs großem Kolonialreich nur ein Mensch zweiter Klasse sein durfte, ist das Land jenseits des Mittelmeers der heimlich geliebte Feind geworden, an dessen Kultur, Gesittung und Geschichte ihn eine innige Haß-Liebe bindet.

Ferhat Abbas und seine Kollegen sind für das offizielle Frankreich Minister in Anführungsstrichen. Ihr Kabinett, am 19. September 1958 in Kairo gegründet, ist nach der Sprachregelung des Quai d'Orsay eine »sogenannte Regierung« (soi-disant) und der Staat, den diese Regierung erkämpfen will, eine »sogenannte Republik«. Noch immer hält Frankreich an der These fest, daß seine zwölf nordafrikanischen Departements ebenso gut französisch seien - oder doch werden könnten - wie etwa die Gascogne und die Normandie.

Dennoch wird diese sogenannte Regierung Algeriens heute von 17 Staaten**, darunter allen arabischen Ländern und der kommunistischen Großmacht China, völkerrechtlich anerkannt. Sie besitzt in 21 Hauptstädten zwischen Tokio und der Uno-Metropole New York ständige diplomatische Vertretungen. Sie verfügt über eine gutgedrillte Armee, die nach algerischen Angaben 130 000 Mann zählt, und

pocht auf ihre wohlgefüllte Kriegskasse. Sie hat das Land, für dessen Befreiung sie kämpft, mit einer straffgeführten Untergrundorganisation überzogen und fesselt seit Jahren in einem zermürbenden Kleinkrieg ein französisches Heer von 550 000 Soldaten - mehr als Napoleon I. brauchte, um Europa zu erobern.

Ihr Ministerpräsident aber, den auch neutrale Mächte wie Indien, Jugoslawien oder Ceylon als Besucher mit den einem Regierungschef zustehenden Ehren empfangen, bereitet sich darauf vor, beim großen Friedensgespräch mit Frankreich der ebenbürtige Verhandlungspartner de Gaulles zu sein. »Wir sind bereit«, wiederholt Ferhat Abbas beharrlich, »an die Stelle des Krieges Verhandlungen zu setzen.«

Die algerischen Minister im tunesischen Exil nehmen die Rede des französischen Staatschefs an diesem Abend auf Tonband auf, das sie in derselben Nacht noch siebenmal abspielen. Siebenmal hören sie die verführerische Formel von der Selbstbestimmung - »spätestens vier Jahre nach der tatsächlichen Wiederherstellung des Friedens«. Siebenmal tönt es ihnen entgegen, daß sie eine »Gruppe ehrgeiziger Führer« seien, die »mit Gewalt und Terror ihre totalitäre Diktatur errichten« will. Siebenmal hören sie sich an, daß es für Frankreich keine Möglichkeit gebe, mit ihnen über das Schicksal Algeriens zu verhandeln.

Aber sie vernehmen auch die Versicherung de Gaulles, daß die Führer des Aufstands - nach der »Befriedung« - den gleichen Platz einnehmen könnten wie alle anderen, »nicht mehr und nicht weniger«. Sie werden, verspricht der General, »den Einfluß erhalten, den ihnen ihre Mitbürger mit dem Stimmzettel zuweisen«.

Die zwölf algerischen Politiker - sieben von ihnen haben in der algerischen Befreiungsarmee gekämpft, ehe sie in das Exilkabinett aufrückten - diskutieren über diese Rede bis zum Morgengrauen. Sie diskutieren heftig und verbissen zwölf Tage lang. Sie beraten mit befreundeten arabischen Regierungen und studieren die Kommentare der Weltpresse. Sie wollen weder eine überstürzte Antwort geben noch sich von dem Amerika-Reisenden Chruschtschow die Schlagzeilen stehlen lassen.

Unter den Führern des algerischen Aufstands, die lange Zeit als ein Kollektiv auftraten, gibt es - wie sie selbst sagen - »Harte« und »Weiche«. Männer, die nach wie vor darauf vertrauen, die Unabhängigkeit mit Waffengewalt erkämpfen zu können. Dickschädel, die eine »Internationalisierung« des Konflikts erzwingen und endlich die Trumpfkarte der chinesischen Waffenhilfe ausspielen möchten. Aber auch geschmeidige Politiker, die in zähen Verhandlungen mit Frankreich vollenden möchten, was mit den ersten Gefechten in den Schluchten des Aurés-Gebirges begann: die algerische Nation im algerischen Staat.

»Jeder von ihnen ist«, urteilte der oppositionelle Pariser »Express« über die Mitglieder des algerischen Exilkabinetts, »am selben Tage, manchmal sogar in derselben Stunde, zunächst 'hart' und dann wieder 'weich'. Die Trennungslinie ist schwer zu ziehen.«

Ferhat Abbas - von Freunden wie Gegnern spöttisch zum »Väterchen der Revolution« (bon papa de la révolution) gestempelt - möchte diese trennende Linie am liebsten ganz verwischen. Der Mann, der seit einem Jahr als Chef der Exilregierung an der Spitze des Aufstands steht, obschon er erst spät in das Lager der Rebellen überwechselte, lebt unter dem Alpdruck, daß sich die algerische Befreiungsfront (FLN) eines Tages in eine »Kriegspartei« und in eine »Verhandlungspartei« spalten und dadurch scheitern könnte. Doch bisher hat es keiner so gut wie er verstanden, die »Harten« zu besänftigen und die »Weichen« anzufeuern.

Beide die »Harten« und die »Weichen«, kämpfen für die Unabhängigkeit und den wirtschaftlichen Aufstieg eines Landes, in dem zehn Prozent der Bevölkerung über 90 Prozent des Sozialprodukts verfügen, während die übrigen 90 Prozent der Bevölkerung sich mit den restlichen zehn Prozent begnügen. Ein Drittel des besten Ackerbodens ist in den Händen von 25 000 Europäern, die zu den einflußreichsten Köpfen der eine Million Algerien -Franzosen gehören; von den 8,5 Millionen algerischen Muselmanen kann nur jeder zehnte lesen und schreiben.

»Algerien ist heute«, so ließ sich die amerikanische »New York Herald Tribune« berichten, »ein Pensionär des französischen Staates«, ein armes, wenig entwickeltes, kaum industrialisiertes Land, das - von den Ölfeldern der Sahara abgesehen - nur über geringe Bodenschätze verfügt. Seine Bevölkerung, ein buntes Gemisch aus Arabern, Berbern, Juden und Europäern, vervierfachte sich in den letzten hundert Jahren von 2,5 auf fast zehn Millionen und wächst heute jährlich um weitere 250 000 hungrige Münder.

Diese muselmanische Bevölkerungsexplosion - bereits 1973 werden nach französischen Berechnungen 12,7 Millionen algerischen Moslems nur 1,2 Millionen Europäer (meist Franzosen) gegenüberstehen - hat bisher alle wohlmeinenden Förderungspläne scheitern lassen, obschon die Pariser Regierung unter dem Druck des Krieges allein in diesem Jahr mehr für Algeriens Wirtschaft und Verwaltung aufwendet, als Washington dem gesamten Mittleren Osten unter der Eisenhower-Doktrin jährlich an Finanzhilfe (200 Millionen Dollar) zugedacht hat. In seinem »Plan von Constantine« hatte General de Gaulle den murrenden Algeriern 400 000 neue Arbeitsplätze innerhalb von fünf Jahren versprochen.

Damit sind die Versäumnisse eines Jahrhunderts jedoch nicht wettzumachen. Algeriens Industrie und Handel liegen nach wie vor fest in französischen Händen. Auf jedem dritten, auf jedem besser bezahlten Arbeitsplatz sitzt ein Europäer, der unter der Flagge der »Algérie francaise« nicht nur eine politische Überzeugung, sondern seine berufliche Existenz verteidigt. Das Exportgeschäft, der Weinbau, die wenigen Großbetriebe sind eine Domäne der Franzosen.

Von den 32 000 Industrie- und Handelsunternehmen Algeriens sind 25 000 mit über: 300 000 Beschäftigten in französischem Besitz. Die restlichen 7000 haben zwar muselmanische Inhaber, beschäftigen aber nur 23 000 Menschen. Mindestens eine Million Muselmanen sind arbeitslos. Sie bilden das große Reservoir für die Werber der algerischen Befreiungsarmee, aber auch für die französischen Streitkräfte, in deren Reihen heute angeblich 120 000 Moslems dienen.

Der Lebensstandard der meisten Algerier ist - nach amerikanischem Urteil - »afro-asiatisch«, obwohl der Aufstand den nordafrikanischen Departements eine Art Kriegskonjunktur beschert hat. Mit der französischen Armee kam Geld ins Land. Seitdem wächst die Zahl der Autos in manchen algerischen Städten schneller als in Frankreich. In den Europäervierteln schießen neue Wohnblocks aus der Erde. Und die Winzer - Wein ist Algeriens Hauptausfuhrartikel - erzielen Überpreise.

Drei Viertel aller in Algerien investierten Gelder stammen heute direkt oder indirekt aus dem französischen Staatshaushalt. Auch der Rest kommt zum größten Teil von Konzernen, die ihren Sitz in Frankreich haben. »Wenn die Algerier ein solches Unheil (die Unabhängigkeit) wirklich wünschen«, polterte Staatschef de Gaulle in seiner Fernsehrede, »wird Frankreich aufhören, so viele Milliarden für eine hoffnungslose Sache auszugeben.« Algeriens Exilpremier muß also beizeiten daran denken, den, »Pensionär« der V. Republik auch wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen.

Es spricht für die politische Klugheit der meist viel jüngeren, radikalen, aus proletarischen Schichten aufgestiegenen Chefs der algerischen Rebellion, daß sie den auf Mäßigung bedachten, bürgerlichen Politiker Ferhat Abbas zu ihrem Führer erkoren. Sie wußten, welches Ansehen er im gesamten Maghreb* genoß. Sie kannten seinen Einfluß auf die Führungsschichten der inzwischen von Frankreich unabhängig gewordenen Nachbarstaaten Tunesien und Marokko. Und sie hofften eines Tages auch von jenen Verbindungen zu profitieren, die der ehemalige Deputierte der Nationalversammlung noch immer zu prominenten Politikern der französischen Linken und der Mitte unterhält.

Aber der Sechzigjährige, der nach einer demütigenden Vorbereitungszeit im Zwielicht der illegalen Organisation an die Spitze des Exilkabinetts gestellt wurde, ist von Männern umgeben, die in fünf und mehr Jahren das harte Handwerk des revolutionären Krieges gründlich erlernt haben. Neben ihm steht als Vizepremier und Kriegsminister der bullige Krim Belkassim, 37 Jahre alt, im Zweiten Weltkrieg Offizier der französischen Armee und seit 1947 im algerischen Untergrund tätig. Das Innenministerium, dem die finanzkräftige »Fédération de France« der FLN angegliedert ist, verwaltet Lachdar Ben Tubal, 36, ein alter Weggenosse Belkassims.

Auch das Rüstungs- und Versorgungsministerium hat der Kriegsminister, der

den militärischen Apparat der FLN dirigiert, einem seiner politischen Freunde zugespielt. Machmud Scherif, 45 Jahre alt, kauft Waffen und Munition für die Befreiungsarmee; sein Ressort verfügt über größere finanzielle Mittel als alle übrigen Ministerien der Exilregierung zusammen. Der in Kairo residierende Außenminister Dr. med. Mohammed Lamin Dabbaghin, 42, einer der härtesten und unversöhnlichsten Köpfe der FLN, der von linkssozialistischen Neigungen nicht frei ist, fühlt sich zu den »Militärs« ebenfalls stärker hingezogen als zu seinem Regierungschef.

Das Wirtschaftsministerium und das Informationsministerium werden jedoch von Männern geleitet, die Ferhat Abbas nahestehen. Auch der in Rabat ansässige, erst 33 Jahre alte Minister für nordafrikanische Angelegenheiten, Abd el -Hamid Mehri, gilt als einer der »Gemäßigten«. Wirtschafts- und Finanzminister ist der frühere Arzt Dr. Achmed Francis, 43, ehemals Deputierter der französischen Nationalversammlung, der zusammen mit Abbas im Frühjahr 1956 nach Kairo emigrierte.

Das Informationsministerium leitet der »Westler« Mohammed Jasid, 35, Nachkomme eines französischen Offiziers, ehemals Jura-Student in Paris, später Leiter des FLN-Büros in New York und inoffizieller Beobachter bei den Vereinten Nationen. Jasid ist mit einer Amerikanerin verheiratet und prahlt zuweilen mit seinen guten Beziehungen zu liberalen Angelsachsen und Franzosen.

Als ein Mann des »östlichen« Flügels gilt dagegen Abd el-Hafid Bussuf, der den nichtssagenden Titel eines Ministers für allgemeine Beziehungen und Verbindungen trägt. Bussuf, eine der stärksten Figuren im Exilkabinett, dirigiert den Nachrichtendienst und die Geheimorganisationen der

FLN, darunter die »OS« (Organisation Secréte) der alten Algerischen Volkspartei (PPA). Die Kader der »OS«, die alle Stürme überdauerten, bilden heute das Gerippe der FLN-Macht in den französisch besetzten Teilen Algeriens.

Der Kultusminister der Exilregierung, Achmed Taufik el-Madani, ist ebenso wie sein Ministerkollege Mehri ein ehemaliger Ulema, ein moslemischer Rechtsgelehrter, während mit Jussuf Ben Chedda, dem Sozialminister, ein Arbeiterführer ins Kabinett gelangte, der enge Kontakte zum amerikanischen Gewerkschaftsbund CIO/AFL und zum Internationalen Bund Freier Gewerkschaften unterhält. Ben Chedda, ein Rebell der ersten Stunde, leitete zusammen mit Rüstungsminister Scherif jene erste algerische Delegation, die im Dezember 1958 in Peking über eine rotchinesische Waffenhilfe verhandelte.

Zur Exilregierung gehört außerdem der von den Franzosen auf der Atlantik-Insel Aix in Haft gehaltene Mohammed Achmed Ben Bella, ehemals Geheimdienst -Chef des Messali Hadsch*, später Kampfgenosse Krim Belkassims in den Bergen

der Kabylei, heute zweiter stellvertretender Ministerpräsident und einer der populärsten Männer des Maghreb, dessen Bild in zahlreichen nordafrikanischen Kaffeehäusern hängt. Ben Bella, der manchen »harten« FLN-Funktionären heute als pro französisch gilt, und vier weitere prominente FLN-Mitglieder (jetzt allesamt Staatsminister ohne Geschäftsbereich im Kabinett Abbas) fielen im Oktober 1956 in französische Hände, als der französische Pilot eines marokkanischen Verkehrsflugzeugs sie von Rabat nach Algier statt nach Tunis flog.

Die Aufteilung der wichtigsten Ministerien auf Tunis und Kairo, die Hauptstädte zweier miteinanderverfeindeter arabischer Staaten, die dennoch beide - wenn auch aus unterschiedlichen Motiven - den algerischen Freiheitskampf unterstützen, begünstigt die Fraktionsbildung innerhalb der

FLN, die keine in sich geschlossene Partei, sondern eher eine Art Kriegskoalition des algerischen Nationalismus ist. Tunesien und Marokko wünschen wie die Mehrheit der FLN-Führung, ein unabhängiges Algerien eines Tages in eine Föderation des »Vereinten Arabischen Maghreb« einzugliedern, während am Nil noch immer der Traum vom großarabischen Reich geträumt wird.

In Kairo liegen das Büro des Ministerpräsidenten, das Außenministerium sowie

die Ministerien für Wirtschaft und Kultur. In Tunis haben sich das Kriegsministerium und das Innenministerium niedergelassen. Außerdem beherbergt die tunesische Hauptstadt das algerische Rüstungsministerium, das einem Staatssicherheitsamt ähnelnde »Verbindungsministerium« des Abd el-Hafid Bussuf sowie die Ministerien für Information und Sozialangelegenheiten. Auch das Oberkommando der algerischen Befreiungsarmee und ein algerischer Kurzwellensender genießen Gastrecht in Tunesien, während sich das algerische Ministerium für nordafrikanische Angelegenheiten als einziges in der marokkanischen Hauptstadt Rabat angesiedelt hat.

Diesen weitverästelten Apparat einer Revolutionsregierung ohne Land, die dennoch heute die stärkste mohammedanische Armee zwischen Atlantik und Chaiberpaß kommandiert und bereits mit jugendlich naivem Eifer an großartigen Projekten für den Frieden arbeitet, leitet ein Mann, der es noch vor zwei Jahrzehnten nicht gern hatte, als, »Nationalist« bezeichnet zu werden. »Ich werde nicht für das algerische Vaterland sterben«, bekannte Ferhat Abbas 1936 in einem vielzitierten Zeitungsartikel, »weil dieses Vaterland nicht existiert. Ich habe es nicht entdekken können. Ich habe die Geschichte befragt, die Lebenden und die Toten. Ich war auf den Friedhöfen: Niemand hat mir davon erzählt... Man baut nicht auf den Wind....«

Zwanzig Jahre später hatte sich Abbas diesem »Wind« verschrieben. Denn aus dem Wind war Sturm geworden, der heiß über Algerien fegte. Ein anderes Abbas-Wort machte nun in Nordafrika die Runde: »Wir ziehen zehn Millionen Leichen zehn Millionen Sklaven vor.« Der politisierende Apotheker aus der ostalgerischen Kleinstadt Sétif hatte das algerische Vaterland endlich gefunden. Dennoch blieb er bei der nüchternen Erkenntnis, »daß wir die Franzosen nicht gut ins Meer werfen können«.

Über dieses Meer war im Juni 1830 eine Flotte von 350 französischen Kriegs- und Transportschiffen gesegelt, um das alte Piratennest Algier auszuheben. Der Kriegsgrund war paradox. Drei Jahre zuvor hatte Dei Hussein von Algerien den Konsul Frankreichs durch einige ungnädige Schläge seiner Fliegenpatsche beleidigt, weil die Bourbonen sich weigerten, dem muselmanischen Fürsten einen Kredit von einer Million Goldfranken zurückzuzahlen, den das Direktorium der I. Republik 1798 in Algier aufgenommen hatte. Das algerische Gold war dazu benutzt worden, das hungernde Frankreich mit Getreide und die Armee des Generals Bonaparte mit Pferden und Maultieren zu versorgen.

Nun landete - drei Jahrzehnte nach Frankreichs großer Revolution - der Kriegsminister König Karls X., Marschall de Bourmont, an der Seeräuberküste und stürmte mit 37 000 Soldaten die Festungswerke der algerischen Hauptstadt. Das skeptische Paris jedoch nannte diese Expedition einen politischen Bluff, der dazu bestimmt sei, von den inneren Schwierigkeiten der von Napoleons Kriegsgegnern restaurierten Monarchie abzulenken.

Am 5. Juli 1830 kapitulierte der Dei (Dazu de Gaulle heute: »Seit die Welt besteht, hat es nie eine algerische Souveränität gegeben"). In der Pariser Kathedrale Notre-Dame erklang damals ein Tedeum zu Ehren dieses großen Sieges über die Ungläubigen. Dennoch wurden drei Wochen später die französischen Bourbonen vom Thron gestürzt und hinterließen ihrem

Nachfolger, dem »Bürgerkönig« Louis-Philippe, in Nordafrika ein schwieriges Erbe.

Der sagenumwobene Emir Abd el-Kader hatte die algerischen Bergstämme zum »Heiligen Krieg« gegen die Franzosen aufgerufen. Über anderthalb Jahrzehnte, in denen der französische Marschall Bugeaud wie ein altrömischer Kolonisator herrschte und die ersten Siedler nach Algerien zog, dauerten die blutigen Kämpfe. Erst 1847 unterwarf sich Abd el-Kader. Doch blieb Algerien nach der Eroberung durch die von Bugeaud geschaffene »Armee d'Afrique« noch bis 1871 unter Militärverwaltung, die erst von der III. Republik aufgehoben wurde.

»Algerien ist ein arabisches Königreich, eine europäische Kolonie und ein französisches Militärlager«, schrieb Napoleon III., Kaiser der Franzosen, 1857 an seinen nordafrikanischen Statthalter Marschall Mac -Mahon, der - wie Frankreichs Generale heute - unaufhörlich mit der »Pacification«, der Befriedung des immer wieder rebellierenden Landes beschäftigt war:

Kolonie und Militärlager ist das abermals von einem grausamen Krieg heimgesuchte Algerien auch jetzt - nach, acht nahezu friedlichen Jahrzehnten, in denen Frankreich zwar in ganz Nordafrika Städte und Straßen, Fabriken und Häfen baute, jedoch den Stolz solcher Männer wie Ferhat Abbas kränkte, für deren nationalen Ehrgeiz die französische Kolonialmacht keinen Raum ließ.

Der junge Abbas, 1899 im algerischen Taer geboren, hätte - wie sein Vater - eine honorige Karriere in französischen Diensten durchlaufen können, denn er war der Sohn eines Kaid, eines Verwaltungsbeamten, der das Kommandeurskreuz der französischen Ehrenlegion trug. Doch der europäisch erzogene junge Mann, dem Französisch zur Muttersprache wurde, studierte an der Universität Algier Pharmazie und geriet bald in den Strudel der Politik.

Apotheker Abbas, der sich in der dünnen Oberschicht französisch gebildeter, wohlhabender Araber bewegte, wurde Parteigründer. Seine »Algerische Volksunion für die Erringung der Menschen- und Bürgerrechte« (UPA) forderte in den Jahren 1937/38 dasselbe, was heute die französischen Colons und die Ultras der »Algérie Francaise« auf ihre Fahnen geschrieben haben: die völlige Gleichstellung Algeriens Lind seiner Bewohner mit Frankreich.

Der assimilationsfreudige UPA-Führer eilte 1939 als Kriegsfreiwilliger zur französischen Armee und diente als Feldapotheker bis zum Zusammenbruch der III. Republik im Juni 1940. Nach Algerien zurückgekehrt, betätigte sich Ferhat Abbas als Verfasser politischer Denkschriften. Anfang 1941 schrieb er dem Vichy-Staatschef Marschall Pétain. Nach der alliierten Landung in Nordafrika im November 1942 waren Admiral Darlan und General Giraud, die Chefs der freifranzösischen Streitkräfte, die Adressaten seiner Exposés, in denen er politische und soziale Reformen für Algerien vorschlug. Abbas erhielt keine Antwort. Der algerische Kriegsfreiwillige war zum unbeachteten Querulanten geworden.

Im Frühjahr 1943 riskierte Abbas eine kühnere Sprache. Er verkündete das »Algerische Manifest« und forderte ein freies, autonomes Algerien in enger Gemeinschaft mit einem befreiten Frankreich, eigene algerische Staatsbürgerrechte und eine algerische Nationalflagge. Damit wurde er zum Wortführer großer Teile der algerischen Bevölkerung - und ein Kenner französischer Gefängnisse. Aus der Haft entlassen, gründete er 1944 die Bewegung der »Freunde des Manifestes und der Freiheit« (AML).

Am 8. Mai 1945 sollte zum ersten Male Blut für die von Ferhat Abbas geforderte Flagge Algeriens fließen. Die 35 000 Bürger seines Wohnorts Sétif, darunter 10 000 Europäer, feierten ebenso wie die Einwohner anderer algerischer Städte die deutsche Kapitulation mit einem Marsch zum Kriegerdenkmal und einer Kranzniederlegung. Dem Zuge voran flatterten die französische Trikolore, die Farben der Verbündeten Frankreichs und, von »Freunden des Manifestes« getragen, die algerische Fahne, weiß-grün mit rotem Halbmond und rotem Stern.

Polizeikommissar Olivieri, ein Franzose korsischer Herkunft, forderte die Entfernung der algerischen Nationalfarben und

einiger nationalistischer Spruchbänder. Die Abbas-Anhänger weigerten sich. Nach heftigem Streit feuerte der bedrängte Olivieri einen Schuß in die Luft. Seine Polizisten jedoch schossen nun blindlings in die Menge. Die Algerier wehrten sich mit Messern und Knüppeln. Es gab Tote und Verwundete. Den Träger der algerischen Fahne streckte ein Kopfschuß nieder.

Die Unruhen von Sétif griffen rasch auf andere Orte des Departements Constantine über. Präfekt Carbonel alarmierte Fremdenlegionäre und Senegalschützen, die zusammen mit Polizei und Gendarmerie die Araberviertel der Städte durchkämmten. Zum ersten Male wurden auch Bomber und Artillerie eingesetzt, um der Revolte Herr zu werden. Die algerischen Opfer dieser grausamen Vergeltungsaktion zählen auch in den vorsichtigsten Schätzungen nach Tausenden. Ferhat Abbas kam wieder ins Gefängnis. Seine Manifest-Bewegung wurde aufgelöst, seine Zeitung »Égalité« verboten.

Die blutigen Maitage von 1945 wurden zu einem Wendepunkt für den algerischen Nationalismus. Die Radikalen, die nun auf den revolutionären Kampf gegen Frankreich drängten, trennten sich von den Gemäßigten, die noch immer - wie Ferhat Abbas - auf eine Verständigung hofften. Die Geheim-Organisation (OS) der Algerischen Volkspartei des Messali Hadsch entstand, die sehr bald von Ben Bella, dem heute in Frankreich gefangengehaltenen Vizepremier des Exilkabinetts, geführt wurde. Der arabische Bauernsohn aus dem algrerisch-marokkanischen Grenzgebiet; der während des Zweiten Weltkrieges als Feldwebel in der französischen Armee gedient hatte, bereitete auf eigene Faust den bewaffneten Aufstand vor. Die »OS« war damit zur Keimzelle der algerischen Freiheitsarmee geworden.

Ferhat Abbas erhielt 1946 durch eine Amnestie die Freiheit wieder. Als Führer einer neuen Partei, der »Demokratischen Union des Algerischen Manifestes« (UDMA), warb er wiederum für einen liberalen Ausgleich der französisch algerischen Gegensätze. Zusammen mit zehn weiteren UDMA-Prominenten wurde er in die Verfassunggebende Nationalversammlung der IV. Republik gewählt.

In Paris versuchten Abbas und seine Freunde vergebens, ihre politischen Wünsche parlamentarisch durchzusetzen. Das gelang weder im Rahmen der neuen Verfassung noch mit dem 1947 verabschiedeten Algerien-Statut. Vor der gefährlich brodelnden Nationalversammlung forderte der UDMA -Chef die Autonomie für Algerien und die staatsbürgerliche Gleichberechtigung für seine moslemischen Bewohner. Erst 60 000 moslemische Algerier (Von acht Millionen) hatten bis dahin die vollen französischen Bürgerrechte erlangt.

Von den 120 Sitzen der Algerischen Versammlung - eines Pseudo -Parlaments, das den nordafrikanischen Departements durch das Algerien-Statut zugestanden war, aber niemals wirkliche Vollmachten erhielt - vermochte die Abbas-Partei 1948 nur acht Sitze zu erringen; denn in Algerien war, wie der französische Historiker. Charles André Julien spottete, »der Wahlbetrug eine staatliche Einrichtung geworden, die als legitim angesehen wurde, um die französische Souveränität zu verteidigen«.

Dennoch saß der politisierende Apotheker aus Sétif acht Jahre lang, geduldig hoffend und kaum beachtet, in dieser Versammlung. Der gemäßigte Nationalist Abbas »Ich bin als Gemäßigter geboren, ich habe als Gemäßigter gelebt, und ich werde als Gemäßigter sterben") war auf ein politisches Abstellgleis geraten. Seine Partei führte ein Schattendasein. Ihre radikalen Konkurrenten überrundeten sie. Und der Mann aus Sétif, der seit 15 Jahren mit einer blonden Französin verheiratet ist - sie wohnt heute mit ihrem zwölfjährigien Sohn im schweizerischen Montreux -, kam allmählich in den Geruch, ein »Kollaborateur« der Kolonialmacht zu sein.

Als am 1. November 1954 der bewaffnete Aufstand ausbrach, nannte ihn Abbas entsetzt ein »beinahe verbrecherisches

Abenteuer«. Der Terror der FLN erschreckte ihn. Die Grausamkeit des revolutionären Krieges stieß den bürgerlich erzogenen Beamtensohn ab.

Noch im Juli 1955 riet der algerische Verständigungspolitiker den Franzosen, »einen echten Zusammenschluß freier Völker und Nationen einzuleiten, in dem jedes Volk seine eigene Heimat aufbaut und dennoch zu einem größeren gemeinsamen Ganzen gehört. Diesem Gebäude muß Algerien als föderativer Staat eingefügt werden«.

Doch dieser Rat verhallte ungehört. Drei Jahre später bildete er allerdings die Formel, nach der de Gaulle die Beziehungen Frankreichs zu den zwölf autonomen Republiken des Schwarzen Afrika innerhalb der Französischen Gemeinschaft (Communauté) ordnete. Für Algerien blieb der Weg zur Autonomie versperrt. Frankreichs Armee, die Colons und die Ultras der »Algérie francaise« stemmten sich gegen eine solche Entwicklung.

Mitte 1955 nahm Ferhat Abbas vorsichtig ersten Kontakt zur FLN auf. Er traf sich heimlich mit einem ihrer prominentesten und »härtesten« Führer, Amar U-Amram, der dem damals höchsten Organ der Befreiungsfront, dem »Nationalrat der Algerischen Revolution«, angehörte. Zum Beweis seiner »inneren Wandlung« mußte der altgediente Parlamentarier zunächst untergeordnete Parteiarbeit verrichten. Man ließ ihn nachts zusammen mit Schülern und Studenten illegale Flugblätter verteilen und Spenden einsammeln, während er bei Tage als »Gemäßigter« mit Frankreichs Generalgouverneur Jacques Soustelle in Algier konferierte.

Im Frühjahr 1956 - die Algerische Versammlung war inzwischen aufgelöst worden, so daß Abbas seine letzte öffentliche Funktion verlor - tat der Apotheker aus Sétif den eklatanten Schritt ins ägyptische Exil, nachdem er zuvor bekannt hatte, daß seine ganze bisherige Politik »falsch und unwirksam« gewesen sei.

Die kollektive FLN-Führung beschäftigte den würdigen, gepflegten Herrn zunächst als Werbereisenden in westlichen und nahöstlichen Ländern. Doch bereits im Oktober 1956 zählte er zu den 17 Vollmitgliedern des Revolutionsrats. Zehn Monate später rückte Abbas in das Koordinations- und Exekutiv-Komitee auf. Damit war der oft als weich und nachgiebig geschilderte Politiker einer der neun Köpfe des »Generalstabs« der FLN geworden, der sich im September 1958 unter seiner Führung in die Provisorische Regierung Algeriens verwandelte. Der Apotheker aus Sétif ist seitdem Sprecher der algerischen Revolution.

Für seine Politik fand Ferhat Abbas vor einigen Monaten bei einem Besuch in Beirut eine einprägsame Formel: »Wir verfolgen mit unserem Krieg das Ziel; über die Weltöffentlichkeit einen Druck auf Frankreich auszuüben und es schließlich zu zwingen, unser Recht auf Unabhängigkeit anzuerkennen.«

Diesen Druck der Weltöffentlichkeit spürt Frankreich von Jahr zu Jahr stärker. Die Algerien-Debatten der Uno-Vollversammlung in New York - auch in diesem Herbst haben 25 Mitglieder der afro asiatischen Staatengruppe eine solche Debatte beantragt - sind das untrügliche Barometer, an dem sich ablesen läßt, wie lange Frankreich noch dem algerischen Drängen nach Unabhängigkeit Widerstand leisten kann, ohne sich politisch verhängnisvoll zu isolieren.

Bereits im Dezember 1958 hatten 35 Länder in der Vollversammlung der Vereinten Nationen bei nur 18 Gegenstimmen eine Resolution des afro-asiatischen Staatenblocks gebilligt, die das Recht des algerischen Volkes auf Unabhängigkeit anerkannte. Zu diesen 35 Staaten gehörte auch der Nato-Verbündete Griechenland, während fünf weitere Nato-Alliierte, darunter die USA, sich zusammen mit 23 anderen Staaten der Stimme enthielten. Nur eine Stimme fehlte damals zur Zweidrittelmehrheit (der gültig stimmenden Uno -Mitglieder), und Frankreich wäre von den Vereinten Nationen wegen seiner Algerien-Politik verurteilt worden.

Um einer solchen diplomatischen Katastrophe vorzubeugen, sprach Frankreichs Staatschef am Abend des 16. September zur französischen Nation: Zwar erkannte General de Gaulle das algerische Recht auf Unabhängigkeit nicht unmittelbar an - was er auch nicht hätte tun können, ohne den Widerstand der in Nordafrika kämpfenden Armee herauszufordern, die ihren Krieg behalten will , aber er räumte zum ersten Male ein, daß sich die algerische Bevölkerung nach der

»tatsächlichen Wiederherstellung des Friedens in freier Wahl für die volle Unabhängigkeit, für die Integration mit Frankreich oder für die Autonomie innerhalb der Französischen Gemeinschaft entscheiden könne. Der algerische Krieg hatte damit seinen Wendepunkt erreicht.

Ferhat Abbas und sein Stellvertreter, der Kriegsminister Krim Belkassim, konferierten sofort mit dem tunesischen Staatschef Burgiba. Sie beorderten ihren Informationsminister Mohammed Jasid, der in New York die Reaktion der Uno -Delegationen auf die Vorschläge de Gaulles studiert hatte, zur Berichterstattung nach Tunis, während Verbindungsminister Bussuf nach Rabat reiste, um mit König Mohammed V. von Marokko zu verhandeln. Auch der zweite Vizepräsident der Exilregierung, der in Frankreich, in Haft gehaltene Ben Bella, in dem manche französischen Politiker einen geeigneten Verhandlungspartner sehen, wurde in die Beratungen der FLN-Führung eingeschaltet. Sein Verteidiger, einer der Kronräte Mohammeds V, flog als Kurier von Frankreich nach Tunis.

Habib Burgiba, des langen Krieges an der tunesischen Westgrenze müde, riet den Algeriern zu Verhandlungen mit Frankreich, ebenso König Mohammed V. von Marokko. Die beiden nordafrikanischen Nachbarländer*, auf deren Gebieten die algerische Befreiungsarmee Ausbildungslager und Nachschubbasen unterhält, drängen auf ein Ende des Krieges, denn sie müssen fürchten, eines Tages in ihn hineingerissen zu werden. Der tunesische Staatschef ermutigte Ferhat Abbas, das Selbstbestimmungsrecht zu akzeptieren und das Spiel de Gaulles zu spielen, ja, er empfahl sogar, die Exilregierung solle sich auflösen und die FLN in Algerien als legale politische Partei reorganisieren.

Dieser Rat stieß allerdings auf den entschiedenen Widerstand der »Harten« innerhalb der FLN-Führung, die ihre Armee nicht für ein paar Parlamentssitze opfern wollen. Das »chinesische Lager« in der FLN rebellierte, von Kairo angestachelt, wo man prophezeite, die Algerier würden - über Ferhat Abbas hinweg - die Erklärung de Gaulles scharf zurückweisen. Darauf Informationsminister Jasid: »Die Ägypter lügen. Die Antwort der FLN wird gemäßigt und konstruktiv sein.«

Zwei Tage später bestätigte Ferhat Abbas diese Voraussage. Der Chef der Exilregierung, der in den vergangenen Monaten mehrfach Gelegenheit hatte, seinen angeblichen Rücktritt zu dementieren, hatte die »Harten« abermals gebändigt und den »Weichen« den Rücken gestärkt. Abbas akzeptierte das Selbstbestimmungsrecht für Algerien, aber er verwandelte es aus einem Geschenk de Gaulles in einen Erfolg des algerischen Aufstands.

»Diese Entwicklung war nur möglich«, erklärte Ferhat Abbas im tunesischen Hotel »Majestic« den seit Tagen wartenden ausländischen Journalisten und Diplomaten, »weil das algerische Volk seit mehr

als fünf Jahren siegreich einem der blutigsten Kriege der kolonialen Wiedereroberung standhält.«

Gleichzeitig empfahl sich der europäisch gekleidete Chef der Exilregierung wiederum als der geeignete Gesprächspartner Frankreichs:

»Die Provisorische Regierung der algerischen Republik... leitet den Widerstand des algerischen Volkes, und den Befreiungskampf der Nationalen Befreiungsarmee. Deshalb kann es nur mit ihrer Einwilligung eine Rückkehr zum Frieden geben. Das kann jedoch unverzüglich geschehen. Die Provisorische Regierung der algerischen Republik ist zu diesem Zweck bereit, mit der französischen Regierung Verhandlungen aufzunehmen, um die politischen und militärischen Bedingungen einer Waffenruhe und die Bedingungen und Garantien für die Anwendung der Selbstbestimmung zu diskutieren.«

Mit dieser Erklärung, die Abbas vor Rundfunk-Mikrophonen und (französischen) Fernseh-Kameras in makellosem Französisch vortrug, verzichtete die Exilregierung stillschweigend auf einige ihrer früheren Forderungen. Sie besteht nicht mehr auf Verhandlungen an neutralem Ort. Sie betrachtet die Anerkennung der Unabhängigkeit Algeriens nicht länger als Voraussetzung jeglicher Gespräche zur Beendigung des Krieges. Mehr noch: Sie begrenzt ihre eigene Existenz bis zu dem Tage, an dem die Bevölkerung Algeriens sich »frei ausgesprochen hat«.

Aber die Exilregierung stellt zwei Bedingungen: Die freie Wahl des algerischen Volkes, von der sie die Unabhängigkeit erwartet, soll nicht unter dem Druck einer Besatzungsarmee von 500 000 Soldaten und eines Verwaltungsapparats - »dessen Traditionen der Wahlfälschung bekannt sind« - vor sich gehen. Außerdem darf Algerien nicht als Folge dieser Wahl geteilt werden.

Die Teilung - das Rezept des 20. Jahrhunderts für viele mit Waffengewalt nicht zu lösende politisch-territoriale Probleme - hatte de Gaulle bereits in seiner Fernseh-Erklärung dunkel angedeutet. Falls sich die Algerier in der künftigen Volksbefragung für die »sécession«, die Trennung von Frankreich, entscheiden

sollten, würden sie, so sagte er, »ohne Frankreich das Gebiet verwalten, das sie bewohnen«.

Der General wurde dann deutlicher: »In diesem traurigen Falle versteht es sich von selbst, daß die Algerier, gleich welcher Herkunft, die Franzosen bleiben möchten, es auch bleiben würden und Frankreich, falls es notwendig wäre, für deren Umsiedlung und Niederlassung Sorge tragen würde.«

Eine derartige Umsiedlung würde, so kalkuliert man in Paris, der europäischen Bevölkerung die fruchtbaren Küstengebiete Algeriens zuweisen, in denen ihre Mehrheit heute wohnt, und den Algeriern das gebirgige Landesinnere überlassen. Auch für den Fall einer algerischen Autonomie innerhalb der Französischen Gemeinschaft (Communauté) hat Frankreichs Staatschef ähnliche Vorstellungen. Denn dann soll »das innere Regime Algeriens föderativen Charakter haben, damit die verschiedenen Teile der Bevölkerung, Franzosen, Araber und Kabylen ... die Sicherung ihres Lebens und den Rahmen für ihre Zusammenarbeit finden«. Das »Werk

Frankreichs«, worunter de Gaulle den Abbau, den Transport und die Verschiffung des Sahara-Öls versteht, will der General »unter allen Umständen sicherstellen":

Angesichts solcher fragwürdigen Pläne, die für Algerien den Bürgerkrieg in Permanenz bedeuten würden, sprach Abbas von der »unbeugsamen Entschlossenheit des algerischen Volkes, sich jedem Teilungsversuch zu widersetzen«. Wiederholt hat auch die FLN-Führung angedeutet, daß sie in einem unabhängigen Algerien die Rechte der europäischen Minderheit sowie alle ausländischen Investitionen - auch in der Sahara - unter internationaler Aufsicht zu garantieren wünscht; denn sie weiß, daß die Furcht der Siedler vor einem algerischen Regime das stärkste Hindernis für eine Verständigung mit Frankreich ist.

Während das offizielle Frankreich noch zur Abbas-Rede schwieg, wähnte der tunesische Staatschef das Kriegsende bereits in unmittelbarer. Nähe. »Es ist ein Verbrechen, den algerischen Krieg fortzusetzen«, verkündete Burgiba, »nachdem General de Gaulle das Selbstbestimmungsrecht anerkannt und die provisorische algerische Regierung dieses Prinzip akzeptiert hat.«

Seinem algerischen Kollegen riet der sich, als Vermittler anbietende Tunesier: »Wenn ich an der Stelle von Ferhat Abbas wäre, würde ich an de Gaulle telegraphieren: Eintreffe Paris, um mit Ihnen zu diskutieren. Schicken Sie jemand zum Flugplatz, der mich abholt.«

In der Tat wäre ein solches Gespräch, um das Abbas seit Monaten in zahllosen Zeitungsinterviews und volltönenden Regierungserklärungen wirbt, der Höhepunkt seiner politischen Laufbahn, auf den er sich seit langem sorgfältig vorbereitet. Niemand könnte dem ehemaligen französischen Kriegsfreiwilligen, dem geduldigen Verständigungspolitiker, den eine verfehlte Kolonialpolitik ins Exil trieb, den Platz an der Spitze eines künftigen algerischen Staates mehr streitig machen, wenn Abbas die Friedensbedingungen mit Frankreichs langem General unter vier Augen ausgehandelt hätte.

»Ich bin zu einem Gipfeltreffen mit de Gaulle bereit, wenn er mich als Chef der algerischen Regierung empfängt«, lockte der algerische Emigrant bereits im November vergangenen Jahres in einem Interview mit der Hamburger »Welt«. Aber die ersehnte Einladung aus Paris blieb aus. »Ministerpräsident« Ferhat Abbas behielt bis heute seine Anführungsstriche.

Wenn jedoch für Frankreich gilt, daß nur ein Mann wie de Gaulle der in Algerien kämpfenden Armee und den nationalistischen »Ultras« die gefürchtete Vokabel »Autodetermination« (Selbstbestimmung) aufzwingen kann, so heißt das für Algerien, daß nur ein Politiker wie Ferhat Abbas wirkliche Verhandlungen führen und die »Ultras« der algerischen Seite von Kurzschlußreaktionen abhalten könnte. Stürzt Abbas, weil das französisch-algerische Friedensgespräch nicht zustande kommt und die »Harten« im Exilkabinett ungeduldig werden, so verliert Frankreich seinen wichtigsten Gegenspieler auf dem algerischen Ufer des Mittelmeeres. Das diplomatische Geschick des FLN-Chefs hat bisher verhindert, daß sich an dem algerischen Feuerchen ein großer Krieg entzündet.

Fünf Jahre blutiger Kämpfe, die nach französischen Berechnungen etwa 150 000 Tote gefordert haben, während Abbas etwas summarisch von 800 000 (SPIEGEL -Gespräch, 34/1959) spricht, haben bewiesen, daß

- keine der beiden Parteien einen militärischen Sieg erringen,

- Frankreich nicht zur bedingungslosen Preisgabe seiner nordafrikanischen Departements gezwungen, aber auch

- die algerische Exilregierung nicht zum politischen Selbstmord getrieben werden kann.

Vergebens hatte das französische Außenministerium bereits im September 1958 nach der Errichtung der Exilregierung gewarnt: »Die in Kairo proklamierte, angebliche algerische Regierung hat keinerlei territorialen Besitz und übt keinerlei Souveränität aus. Juristisch hat diese Regierung keine Wirksamkeit.« Die arabischen Staaten, deren Beziehungen zu Frankreich seit der Suez-Krise ohnehin gespannt sind, vollzogen sämtlich die diplomatische Anerkennung - als erster Nassers Vereinigte Arabische Republik, gefolgt von Tunesien und Marokko. Auch der Libanon entschied sich nach längerem Gewissenskonflikt gegen die traditionelle Freundschaft mit Frankreich und für die arabische Solidarität.

Die Erklärung des Quai d'Orsay, daß eine »eventuelle Anerkennung dieser angeblichen Regierung durch andere Staaten... als unfreundlicher Akt gegenüber der französischen Regierung erscheinen« müsse und daher nicht ohne Folgen bleiben könne - eine Art Hallstein-Doktrin, die jedoch nicht praktiziert wird -, hat noch keinen französischen Botschafter, der in seinem Gastland bei Staatsbanketten oder Cocktailpartys mit Vertretern der Regierung Abbas zusammentrifft, zum Kofferpacken veranlaßt, obschon Premierminister Debré diese Warnung zehn Monate später noch verschärfte. Vor der Nationalversammlung drohte er allen Staaten unverblümt mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen, die es wagen würden, die »sogenannte Regierung Algeriens« anzuerkennen.

Jede Anerkennung des Abbas-Regimes, zürnte auch das französische Außenministerium, sei »gleichbedeutend mit der Verstärkung der Hilfe, die gewisse Staaten dem Mord und dem Terrorismus gewähren«. Dennoch folgten Indonesien und die beiden afrikanischen Staaten Ghana (de facto) und Guinea, das erst bei der Volksabstimmung über die Verfassung de Gaulles

seine Unabhängigkeit erlangte, dem arabischen Beispiel, während das rote China, das die Anerkennung zusammen mit seinen fernöstlichen Satelliten vollzog, darin eine willkommene Chance sah, sich zur Führungsmacht der unterdrückten farbigen Welt aufzuschwingen.

In Moskau vermied man einen solchen demonstrativen Schritt, obschon auch die Sowjet-Union und ihre osteuropäischen Verbündeten die Exilregierung de facto als kriegführende Partei behandeln. Chruschtschow schickte jedoch an Abbas eine freundliche Einladung, ihn in Moskau zu besuchen. Dieses Angebot wies der Exilpremier mit der Bemerkung zurück, vor einer formellen Anerkennung durch die UdSSR sei ihm eine so folgenschwere Reise nicht möglich.

Auch andere Staaten, etwa Indien und Jugoslawien, die mit den rebellierenden Algeriern sympathisieren und deren Forderungen in der Uno-Vollversammlung unterstützen, haben die völkerrechtlichen Folgen einer formellen Anerkennung sehr genau erwogen. Indiens Premier Nehru ließ es bei einem farbenprächtigen Empfang für den Werbereisenden Abbas bewenden, während Marschall Tito im Juni mit dem Exilpremier ein gemeinsames Kommuniqué unterzeichnete, in dem zum Ärger der französischen Regierung von der »weiteren Unterstützung des algerischen Befreiungskampfes« die Rede war.

»Die 'Algerische Republik', als deren vorläufige Regierung sich die Exilregierung in Kairo ausgibt, besteht als unabhängiger Staat und Völkerrechtssubjekt bislang noch nicht«, urteilte ein neutraler Wissenschaftler, der deutsche Völkerrechtler Dr. Thomas Oppermann*, über die diffizile Frage der Anerkennung. »Hierzu fehlen ihr die elementarsten Voraussetzungen der Staatlichkeit, vor allem das eigene Staatsgebiet, dessen Bewohner von einer selbständigen staatlichen Organisation effektiv kontrolliert, verwaltet und regiert werden.«

Zwar behauptet die Exilregierung, mit ihrer Armee rund ein Drittel des 2,2 Millionen Quadratkilometer großen Landes zu beherrschen, doch handelt es sich dabei um die unzugänglichsten Gebiete: das Aurés -Gebirge, die Berge im Norden des Departements Constantine, das kabylische Bergland, die gebirgigen Teile des Departements Oran und einige Streifen entlang der tunesischen und der marokkanischen Grenze. In diesen »befreiten Gebieten«, deren Existenz das französische Verteidigungsministerium bestreitet, hat das Kabinett Abbas eine Art Zivilverwaltung geschaffen, die von ständigen Staatssekretären überwacht wird. Auch einige Minister, etwa Krim Belkassim, Scherif oder Verbindungsminister Bussuf, sind in diesen Zonen häufig zu Gast.

Dennoch hat eine, solche sporatisch ausgeübte - Souveränität bisher nicht ausgereicht, um die Bedenken zahlreicher neutraler - auch farbiger - Staaten gegen eine Anerkennung der Abbas-Regierung auszuräumen. Die Hoffnungen, die man innerhalb der FLN -Führung an die Proklamation der Exilregierung geknüpft

hatte, haben sich demnach nur zum Teil erfüllt. Die diplomatische »Internationalisierung« des Konflikts, die man sich davon versprach, ist - trotz der biederen Galionsfigur Ferhat Abbas - bisher nicht gelungen.

Nun bleiben nach dem Angebot de Gaulles und der Abbas-Erklärung zwei Möglichkeiten offen:

- Friede durch Verhandlungen, die in einer international kontrollierten Volksabstimmung münden, oder

- militärische »Internationalisierung« des algerischen Krieges, wodurch die Chinesen ins nordafrikanische Spiel kämen.

In diesem Fall, so kalkulieren die Anhänger des »chinesischen Lagers« innerhalb der FLN, würden die Verbündeten Frankreichs alles daransetzen, die Pariser Regierung an den Konferenztisch zu bringen. Fraglich bleibt allerdings, ob die Gesprächspartner dann noch Charles de Gaulle und Ferhat Abbas hießen.

Die algerische Befreiungsarmee ist auf eine Fortsetzung des Krieges vorbereitet. »Wir brauchen den Frieden nicht so dringend, wie Frankreich ihn braucht«, versicherte Kriegsminister Krim Belkassim. »Unsere Finanzen sind in Ordnung. Unsere Soldaten sind nicht kampfesmüde, sondern brennen darauf, die Befreiung des Vaterlandes fortzusetzen.« Prahlerisch fügte der algerische Vizepremier hinzu: »Wir können, wenn es sein muß, noch einmal fünf oder auch zehn oder fünfzehn Jahre durchhalten. Wir haben dabei nur zu gewinnen.«

In der Tat hat der kabylische Bauernsohn, der, an der Italienfront des Zweiten Weltkriegs wegen hervorragender Tapferkeit zum Leutnant und später zum Hauptmann der französischen Armee befördert wurde, in den vergangenen Jahren eine militärische Leistung vollbracht, die auch von seinen Gegnern anerkannt wird. Heute wird Belkassim immer dann als Abbas -Nachfolger genannt, wenn über eine Umbildung der Exilregierung in ein »Kabinett der Harten« spekuliert wird.

Als Belkassim, den der bärtige Freiheitsmann und Volksführer Messali Hadsch zum »Banditen« erklärte, weil der bereits 1949 eigenmächtig losschlug, im November 1954 im Aurés-Gebirge und in der Kabylei den großen Aufstand entfesselte, standen ihm nur 3000 Bewaffnete zur Verfügung, die mit Vogelflinten, Jagdgewehren und einigen Maschinenpistolen gegen die französische Kolonialherrschaft antraten. Dennoch erklärte die »Front der Libération Nationale« damals in ihrem Manifest zuversichtlich: »Die Befreiung Algeriens wird das Werk des ganzen Volkes und nicht nur eines Teiles der Algerier sein.«

Heute verfügt die Befreiungsarmee, die in einem Gebiet von der vierfachen Größe des ehemaligen Deutschen Reiches, operiert, selbst nach französischen Angaben über 35 000 Soldaten, von denen 20 000 in Algerien kämpfen, während 10 000 in Tunesien und 5000 in Marokko stationiert sein sollen. Das algerische Oberkommando behauptet dagegen, 130 000 bis 150 000 Mann einsetzen zu können, während eine tunesische Quelle von 42 000 FLN-Soldaten spricht.

Neben der regulären Armee stehen die nichtuniformierten Hilfsverbände, die Mussabbilin. Diese jungen Männer und Frauen halten ihre Waffen und Ausrüstungsstücke nach Partisanenart versteckt, solange sie nicht im Einsatz sind. Kommen kampfmüde Soldaten der Befreiungsarmee ins Dorf, sorgen sie für Verpflegung, übernehmen den Wachdienst oder leisten als Ortskundige Späher- und Kurierdienste. Einige der Mussabbilin gehören in jedem Ort zu den Geheimagenten des Verbindungsministers Abd el-Hafid Bussuf oder sind als Funker sowie im Sanitätsdienst ausgebildet.

Das Gegenstück zu den Mussabbilin auf den Dörfern sind die Fidajin in den

Städten - junge Männer, die ihr Leben dem Heiligen Krieg gegen die französische Kolonialherrschaft geweiht haben. Sie übernehmen selbstmörderische Attentate und Gefangenenbefreiungen. Die algerische Exilregierung ist stolz darauf, daß es kaum einen Wohnbezirk gibt, in dem der Befreiungsarmee nicht Mussabbilin oder Fidajin zur Verfügung stehen.

Um der algerischen Befreiungsarmee diesen Rückhalt bei der Zivilbevölkerung zu nehmen, hat die französische Armee im Aufstandsgebiet seit 1957 »verbotene Zonen« geschaffen, aus denen die Bevölkerung oft innerhalb weniger Stunden evakuiert und in sogenannte »Umgruppierungslager« gebracht wird.

Das Elend in diesen Lagern ist so furchtbar, daß eine von dem französischen Generaldelegierten für Algerien, Paul Delouvrier, eingesetzte Untersuchungskommission die katholische Kirche Frankreichs zu Hilfe rief. Hinter Stacheldraht zusammengepfercht, ungenügend verpflegt und gekleidet, kaum ärztlich betreut, vegetieren seit Jahren fast eine Million Menschen, zum großen Teil Kinder und Jugendliche.

Von den 8,5 Millionen algerischen Muselmanen lebt heute jeder fünfte in einem

solchen Lager oder hinter französischen Gefängnismauern, kämpft im Maquis oder arbeitet im Exil. Allein 250 000 Algerier, davon die Hälfte Kinder, flohen aus den Grenzgebieten nach Tunesien und Marokko, wo sich das Internationale Rote Kreuz ihrer annimmt.

Das FLN-Oberkommando hat Algerien in sechs Militärbezirke (Wilajas) eingeteilt, die jeweils von einem Oberst befehligt werden, dem - wie auch jedem untergeordneten Truppenführer - ein Politischer Kommissar zur Seite steht. Generale gibt es nach einem alten Beschluß der FLN-Führung in der Befreiungsarmee bisher nicht.

Die einzelnen Wilajas sind in Zonen, Regionen und Sektoren unterteilt. Der Sektor entspricht der kleinsten taktischen Formation (Firka = Zug), in der die Befreiungsarmee zu operieren pflegt. Der Firka-Führer, nach französischem Vorbild Sektionschef genannt, ist ein Feldwebel oder Fähnrich. Er befehligt 35 bis

40 Mann, die meist wochenlang ganz auf sich allein gestellt sind. Nur auf der Halbinsel Collo, im Aurés-Gebirge und im Uled-Nail operieren, wie auch das französische Oberkommando bestätigt, Katibas (Kompanien) in Stärke von 120 Mann oder auch Failaks (Bataillone) mit etwa 350 Soldaten, die dann auch über schwere Waffen verfügen.

Für die Grenzbezirke im Osten und Westen Algeriens sind die »Befehlshaber der Grenzgebiete« zuständig, und zwar an der marokkanischen Grenze Oberst Bumeddin, an der tunesischen ein legendenumwobener Oberst namens Nasser, der deutscher Herkunft sein und im deutschen Afrikakorps gedient haben soll. Die beiden Obersten sind für den gesamten Nachschub der drei nächstgelegenen inner algerischen Wilajas verantwortlich.

Um Algerien gegen das unabhängige, mit den Rebellen sympathisierende Tunesien abzuschirmen, errichtete die französische Armee die sogenannte »Morice -Linie«, ein System von elektrisch geladenen Drahtverhauen, von Wachttürmen und Minenfeldern, das sich mit 25 bis 80 Kilometer Abstand von der politischen Grenze Tunesiens etwa 320 Kilometer weit nach Süden erstreckt. Das Niemandsland zwischen der Morice-Linie

und der tunesischen Grenze wurde zur »Ost-Basis« der Befreiungsarmee. Dort liegen heute ihre Ausbildungslager, Nachschubzentren und Kaderschulen, die über Tunesien frei zugänglich sind.

An die Stelle der altertümlichen Vogelflinten, mit denen Belkassims Krieger 1954 in den Kampf zogen, sind längst moderne automatische Waffen, Granatwerfer und Feldgeschütze getreten, die teils aus den arabischen Ländern, teils aus dem Ostblock stammen oder auf dem internationalen Waffenmarkt erworben worden sind. Seit Marokko und Tunesien ihre Unabhängigkeit erlangten, stehen die bis 1956 noch von Frankreich beherrschten Häfen Casablanca, Tunis und Sfax dem algerischen Nachschub offen. An Geld für den Ankauf des zur Weiterführung des Krieges benötigten Kriegsmaterials scheint es der Exilregierung nicht zu fehlen.

Die Gelder der FLN stammen vor allem aus zwei Quellen:

- der Finanzhilfe der übrigen arabischen Staaten, und

- einem drakonischen, aber gut funktionierenden Steuersystem, dem alle Algerier in und außer Landes unterworfen werden.

Die Hilfsgelder für die algerischen Rebellen werden in den Haushaltsplänen der feindlichen arabischen Brüder an Nil und Euphrat ebenso veröffentlicht wie in dem hauptsächlich aus angelsächsischen Quellen gespeisten Budget des Königs von Libyen, Idris el-Senussi, der nicht vergessen hat, daß seine Väter aus der algerischen Stadt Mostaganem stammen. Der König von Jordanien und seine Minister pflegen für die FLN gelegentlich ein Monatsgehalt zu spenden. Auch die reichen Erdöl-Scheichs am Persischen Golf greifen tief in die Tasche, wenn eine algerische Delegation an ihren Höfen erscheint.

Der Rat der Arabischen Liga hat im vergangenen Jahr beschlossen, der algerischen Exilregierung aus seinem Budget jährlich zwölf Millionen ägyptische Pfund zur Verfügung zu stellen, obgleich es die Algerier - mit Rücksicht auf Israel und die algerischen Juden, von denen nicht wenige in der Befreiungsarmee dienen - bis heute vermieden haben, sich der Liga anzuschließen.

Das Steuersystem der FLN beruht auf dem biblischen Zehnten. Wo immer ein Algerier Einkommen erwirbt - ob als Nomade am Rande der Wüste oder als Händler in der Kasbah von Algier: überall erscheint pünktlich der Steuereintreiben der Exilregierung. Es gibt in Algerien nur wenige Moslems, die sich dieser Besteuerung entziehen können. Sie zahlen selbst dann, wenn sie in der französischen Generaldelegation ein und aus gehen oder im Jubelspalier stehen, sobald General de Gaulle das Land bereist.

Selbst die französischen Colons lassen sich zu braven Steuerzahlern der Regierung Abbas erziehen, weil ihnen dadurch mancher Scheunenbrand erspart bleibt. Tribut-Unwillige gelten als »Staatsfeinde« der Republik Algerien, und unter diesen Staatsfeinden ist die Sterblichkeitsquote sehr hoch.

Was die französischen Behörden als Banditentum und Terrorismus bezeichnen, entschuldigen die Führer der FLN mit dem Hinweis, daß ihr Fiskalsystem unter »erschwerten Bedingungen« funktionieren muß. Die Tätigkeit ihrer Steuereintreiber erstreckt sich ja nicht nur auf jene Gebiete, die mehr oder weniger fest in der Hand des Befreiungsheeres sind, sondern auch auf die Zentren der französischen Kolonialverwaltung und sogar auf Frankreich selbst, wo etwa 300 000 Algerier leben.

Auch diese Menschen, meist junge Bau - oder Fabrikarbeiter, zahlen - freiwillig oder unter Druck - den Steuereinnehmern der algerischen »Fédération de France"* die verlangten Abgaben. Davon bleiben auch kriminelle Elemente nicht verschont. Das Pariser »Milieu«, zu dem neben vielen Korsen auch zahlreiche Algerier gehören, hilft die Kassen des Finanzministers der Exilregierung monatlich mit einigen Millionen harten Francs füllen.

Die Auslandsalgerier, von denen die meisten, in den arabischen Ländern leben, werden von der Exilregierung ebenfalls besteuert, und zwar selbst dann, wenn ihre Ahnen das Land schon in der Türkenzeit verlassen haben. Unter den Nachkommen der algerischen Emigranten von 1830 bis 1840 entdeckte Finanzminister Dr. Francis nicht wenige reiche Händler und Großgrundbesitzer, die sich unter sanftem Druck ihrer algerischen Vorfahren und der sich daraus ergebenden finanziellen Verpflichtungen erinnerten

Nach algerischen Angaben werden inner - und außerhalb Algeriens von den Steuereintreibern der FLN etwa 3,5 Millionen »Steuerpflichtige« erfaßt, wobei allein aus dem Zehnten etwa 1,4 Milliarden Mark jährlich in die Kassen des Dr. Francis fließen sollen. Aus zahlreichen Sonderumlagen sowie Geldbußen für säumige Zahler sollen weitere 600 Millionen Mark stammen. Auch die in Algerien investierende Industrie vergißt nicht, der FLN ihren Tribut zu entrichten. Die Finanzhilfe der arabischen Staaten, die meist für Waffenkäufe verwendet wird, dürfte ebenfalls mehrere hundert Millionen Mark jährlich erreichen.

Diese Mittel reichen zwar aus, um den inneren und den auswärtigen Apparat der FLN zu unterhalten und den Krieg - bei

kleiner Flamme - weiterbrodeln zu lassen. Sie gestatten aber nicht, den militärischen Druck, falls erforderlich, so zu verstärken, daß Frankreich an den Verhandlungstisch gezwungen würde. Die Gelder und Waffen dazu könnten aus China kommen, auch wenn die Exilregierung, dem Leitwort ihres Außenministers Lamin Dabbaghin - »Von keinem zuviel« - folgend, die verlockende Offerte der roten Mandarine bisher sehr zurückhaltend aufgenommen hat.

Im Dezember 1958 ging die erste algerische Delegation nach Peking, geführt von den Ministern Scherif und Ben Chedda. Ihr folgte bald eine zweite, der auch Männer von der Front angehörten und die von Staatssekretär Amar U-Seddik geleitet wurde, einem im Untergrundkampf bewährten FLN-Funktionär, der in der Umgebung von Algier residiert. Auch zu den Zehnjahresfeiern der Chinesischen Volksrepublik waren zwei algerische Minister in Peking.

In den Verhandlungen mit den Algeriern (Abbas: »Die chinesische Hilfe ... fällt in

das Gebiet der militärischen Geheimhaltung") erklärte sich die Pekinger Regierung bereit,

- modern bewaffnete Freiwilligen-Verbände nach Nordafrika zu schicken,

- 20 bis 25 Jagdbomber zur Verfügung zu stellen, und

- größere Mengen automatischer Waffen zu liefern.

Das Freiwilligen-Angebot hat die Exilregierung zunächst dankend abgelehnt. Für die Jagdbomber gäbe es zwar - in Syrien ausgebildete - Piloten und Flugplätze, die das Königreich Libyen bereitstellen will, doch soll auch diese Offerte nur in äußerster Not akzeptiert werden. Die automatischen Waffen dagegen, die China zu günstigen Bedingungen liefert, sind der Exilregierung willkommen. Sie dienen der Ausrüstung von 60 neuen Kompanien der Befreiungsarmee, die gegenwärtig im marokkanischen Grenzgebiet aufgestellt werden. Auf ein älteres Unterseeboot, das die Chinesen außerdem noch offerierten, konnten die Algerier leichten Herzens verzichten. Das Mittelmeer eignet sich wenig für heimliche Unterwasserfahrten.

Jede Ausweitung des Algerien-Krieges, die der französischen Armee die Handhabe gibt, auch die tunesische und marokkanische Etappe der Befreiungsarmee in ihre Operationen einzubeziehen, will freilich reiflich erwogen sein. Sie würde auf schärfsten Widerstand der beiden befreundeten Nachbarländer stoßen und zugleich den militärischen Apparat der Befreiungsarmee, ihre Ausbildungslager, Nachschubzentren und Führungsstäbe gefährden. Ein solch selbstmörderisches Unternehmen - »Wir sind eine Art Polen Afrikas, eine Märtyrer-Nation«, kommentierte ein FLN -Militär diese Überlegungen - wird gewiß nur dann von der FLN gewagt werden, wenn sie keine andere Möglichkeit mehr sieht, die Weltmächte in den algerischen Konflikt einzuschalten.

Ferhat Abbas hat das Amt des Exilpremiers - wenige Monate nach der Machtübernahme Charles de Gaulles in Frankreich - mit anderen Hoffnungen und Wünschen angetreten. »Wenn ich mich an die Spitze der provisorischen algerischen Regierung gestellt habe«, bekannte er einem spanischen Journalisten vor zwölf

Monaten in Madrid, »so deswegen, um alle friedlichen Mittel zur Regelung der Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich anzuwenden, die bis jetzt gescheitert sind.«

Auch heute hat der Apotheker von Sétif mit Reden und Reisen kaum mehr erreicht als vor einem Jahr. Damals brachte er die »Harten« in den eigenen Reihen dazu, die Terrorwelle der algerischen »Fédération de France« im französischen Mutterland zum Stehen zu bringen, mit der sie der Welt ihren halbvergessenen Krieg wieder ins Gedächtnis rufen wollten. Heute hofft er darauf, daß der alternde General im Pariser Elysee-Palast seiner »Ultras« Herr wird, die jetzt ihren Terror gegen die Politik des französischen Staatschefs richten. Erst dann könnte das große Friedensgespräch beginnen, das durch mancherlei vertrauliche Kontakte vorbereitet wurde.

Am Tage danach aber, am Tag nach dem Sieg, möchte der Kleinbürger Abbas, der als »bon papa de la révolution« um die halbe Welt reiste, in das ostalgerische Städtchen Sétif zurückkehren und, wie er einem Reporter der »New York Times« klarzumachen suchte, »wieder Apotheker sein«.

Algerisches Exilkabinett*: Die Revolution spricht französisch

Regierender Vizepremier Belkassim

Jeder von ihnen ist zunächst »hart« ...

Verhafteter Vizepremier Ben Bella

... und dann wieder »weich«

Madame Marcelle Abbas, Nichte: Ehe im Exil

Algerische Partisaninnen: Gemäßigt sterben?

Tunesischer Staatschef Burgiba

Die arabischen Nachbarn drängen...

Marokkanischer König Mohammed V.

... auf ein Ende des Krieges

Werbereisende Abbas (M.), Ben Chedda, Inderin*: Blumen in Neu-Delhi und ..

... Waffen aus Peking: Algerier Ben Chedda, Scherif (r.), Chinas Vizepremier Peng Teh-huai

Messali Hadsch

Gefangene Algerier: Terror als militärischer Zeitvertreib

Hamburger Echo

Das wäre doch gelacht: Was die andern können, kann ich auch

** Die algerische Exilregierung wurde bisher anerkannt von: Guinea, Indonesien, Irak, Jemen, Jordanien, Kuweit, Libanon, Libyen, Marokko, Saudi-Arabien, Sudan, Tunesien, der Vereinigten Arabischen Republik sowie den vier kommunistischen Volksrepubliken China, Nordkorea, Nordvietnam und Äußere Mongolei.

* Zum Maghreb (arabisch = der Westen) gehören nach Auffassung arabischer Geographen die seit 1956 unabhängigen Staaten Marokko und Tunesien, das unter französischer Herrschaft stehende Algerien sowie der Landesteil Tripolitanien des Königreichs Libyen. Die Libysche Wüste trennt den Maghreb, dessen rasch wachsende Bevölkerung gegenwärtig 23 Millionen Menschen (darunter 1,5 Millionen Europäer) zählt, vom »Maschrik«, dem arabischen Osten.

* Der »grand old man« des algerischen Nationalismus, Achmed Ben Messalt Hadsch, 61, der als erster die Unabhängigkeit forderte, lebt seit Jahren in französischem Gewahrsam in Frankreich. Er gründete 1926 als erste nationale Bewegung, die zugleich radikale soziale Forderungen erhob, den »Stern von Nordafrika«, aus dem Mitte der dreißiger Jahre die Algerische Volkspartei (PPA), anschließend die »Bewegung für den Triumph der demokratischen Freiheiten« (MTLD) und schließlich die »Algerische Nationalbewegung« (MNA) wurde, die seit langem - insbesondere in Frankreich - in einen grausamen unterirdischen Bruderkrieg mit der FLN verstrickt ist. 1946 versuchte Messali Hadsch vergebens, mit Ferhat Abbas ein gemeinsames Aktionsprogramm zu entwerfen.

* Tunesien (125 000 qkm groß mit vier Millionen Einwohnern) und Marokko (445 000 qkm mit neun Millionen Menschen), von einheimischen Dynastien regiert, gerieten im 19. Jahrhundert unter französische und spanische Vormundschaft, als Nordafrika zum Schauplatz einer Intensiven europäischen Kolonisation wurde, an der sich vor allem Franzosen, Spanier und Italiener beteiligten. 1681 unterwarf sich der Bel von Tunis der französischen »Schutzherrschaft«. 1912 mußte auch der Sultan von Marokko das französische und das spanische Protektorat über sein damit in Einflußzonen der Kolonialmächte aufgeteiltes Land anerkennen. Dem erwachenden arabischen Nationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg verdanken beide Staaten Ihre Unabhängigkeit, die sie im März 1956 nach mehreren Jahren voller blutiger Unruhen erzwangen.

* Sucheta Kripalani, Abgeordnete des indischen Unterhauses.

* Thomas Oppermann: »Die algerische Frage«, Rechtlich-politische Studie; Verlag W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart; 1959; 225 Seiten; 18 Mark.

* Die »Fédération de France« der FLN ist die algerische Untergrundorganisiation im französischen Mutterland, die ebenfalls in Wilajas, Zonen und Sektoren gegliedert ist und auch über eigene Kampfverbände verfügt. Die Kampftrupps der »Fédération de France« beunruhigten Frankreich von Juli bis September 1958 mit einer Welle von Sabotageakten, Brandstiftungen und Altentaten. Die »Fédération« führt auch einen erbitterten Kleinkrieg gegen die konkurrierende Kampf-Organisation des Messali Hadsch.

* Sitzend v. l.: Dr. Francis (Finanzen), Belka sim (Vizepremier), Abbas, Dr. Lamin Dabbagh (Äußeres), Madani (Kultus). Stehend v. l.: Jasid (Information), Scherif (Rüstung), Mehri (Nord afrika), Ben Chedda (Soziales), Bussuf (Verbindungswesen), Ben Tubal (Inneres).

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