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FRANKREICH Le Führerprinzip

Der Führer des ultrarechten Front national, Jean-Marie Le Pen, tritt an zum letzten Gefecht - gegen seinen Vize Bruno Mégret, der ihn stürzen will.
aus DER SPIEGEL 51/1998

Bevor Jean-Marie Le Pen, 70, sich in seiner klotzigen Villa auf den Hügeln von Saint-Cloud im Westen von Paris Besuchern zuwendet, müssen die erst einmal für eine Weile sein fülliges Hinterteil besichtigen. Der Führer des rechtsradikalen Front national (FN) liebt es, gebückt vor einem Teleskop auf einem Dreibeinstativ, durchs Balkonfenster ferne Horizonte anzupeilen. Wie komisch er in dieser einstudierten Feldherrenpose wirkt, wagen selbst engste Mitarbeiter ihm nicht zu sagen.

In jüngster Zeit trüben dunkle Wolken die Fernsicht des FN-Despoten, der sich mit »le président« anreden läßt und der von sich stets in der dritten Person spricht. Ein seit langem schwelender Machtkampf zwischen dem bulligen Le Pen ("Die Partei bin ich") und dem kleinen, spitznasigen Parteivize Bruno Mégret ist zu einem offenen »Krieg ohne Gnade« (so die Pariser Zeitung »Le Monde") eskaliert.

Letzten Mittwoch wurde die Nummer zwei von der Nummer eins Knall auf Fall gefeuert. Grund laut Le Pen: Rebellion. Doch der Aufständische ignorierte die Entlassung durch den Patron, weil ihn nur das Zentralkomitee abwählen könne, wie er sagte. Er hat nun die Einberufung eines Sonderparteitags gefordert. Er will vorführen, daß die Mehrheit der Frontler bereits hinter ihm und gegen die »Ein-Mann-Diktatur« steht.

Vergebens versuchte der in zahllosen Wahlraufereien und TV-Pöbeleien gehärtete Haudegen Le Pen, den Aufstand gegen seine 26jährige Alleinherrschaft als »Pu-putsch« lächerlich zu machen; Frankreich erlebt nun, wie der grau gewordene Despot mit dem Rücken zur Wand kämpft.

Noch halten alte Clans, eine Kriegskasse von derzeit umgerechnet 30 Millionen Mark und ein Charisma, das Mégret nicht hat, Le Pen am Ruder. Aber der mausäugige Rivale ist ein gerissener Taktiker. Kenner halten ihn überhaupt für ideologisch gefährlicher als den bretonischen Rabauken.

Am vorletzten Wochenende knallte Le Pen im Kampf um »le Führerprinzip« ("Le Monde") plötzlich durch. Als er sich im Pariser »Haus der Chemie« von dem 300köpfigen »Nationalen Rat« für seine eitle Selbstdarstellung Buh-Gejohle und gar »Lügner«-Rufe einhandelte, schrie er zurück: »Ihr Schwulen!«

Die Diadochenkämpfe bei den Ultrarechten sind keine parteiinterne Folklore. Eine Entmachtung des Volkstribunen oder gar eine Spaltung des Front würde Frankreichs Parteienlandschaft gründlich umpflügen. Mit soliden 15 Prozent hat sich der FN hinter den Sozialisten des Premiers Lionel Jospin als große Partei etabliert. Die klassische Rechte, der gaullistische RPR und die rechtsliberale UDF, kann den Ultras nur noch vereint standhalten.

Le Pen und sein Parteifeind Mégret wollen beide die Konservativen aushebeln, aber ihre Strategien laufen einander zuwider. Populist Le Pen glaubt, er könne trotz seines Alters bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2002 als FN-Kandidat antreten und Jacques Chirac schlagen. Der geschmeidige Intellektuelle Mégret hingegen will lieber erst mal den FN »entdiabolisieren« und dadurch bündnisfähig machen.

Mégret konnte in diesem Jahr ein paar Pflöcke einschlagen. Bei den Regionalwahlen im März ließen sich in vier Regionen bürgerliche Rechte mit Hilfe von FN-Stimmen in die Sessel der Parlamentspräsidenten hieven. Seitdem tobt in RPR und UDF der Streit, ob die FNler paktfähig seien. Als sicher gilt, daß die Konservativen ohne den FN die Linke kaum jemals wieder werden besiegen können.

Versailler Richter vermasselten Mégret allerdings im November den Durchbruch. Weil Le Pen im Wahlkampf eine Linkskandidatin malträtiert hatte, war er zu zwei Jahren Unwählbarkeit verurteilt worden. Allein, die Hoffnung Mégrets, er könne dem alten Platzhirsch nun den Spitzenplatz auf der FN-Liste für die Europawahlen im nächsten Juni abknöpfen, erfüllte sich nicht. Ein Berufungsgericht halbierte die Strafe; der bretonische Recke, der im Fall einer Sperre seine Ehefrau Jany antreten lassen wollte, kann nun weitere Rechtsmittel einlegen und dadurch wahrscheinlich selbst kandidieren.

Der Zwist spaltet sogar die Familie. Le Pens fesche Töchter Marine, Mitglied des FN-Zentralkomitees, und Yann, Gattin des Führers der Le-Pen-Jugend, Samuel Maréchal, stehen in Treue fest zum Alten. Aber Marie-Caroline, Mitglied im Pariser Regionalrat Ile-de-France, ist Lebensgefährtin eines Mégret-Intimus. So etwas verzeiht der Herold der Familienwerte nicht: Übers Fernsehen brandmarkte er die mit »einem Führer der Aufständischen liierte Verräterin«.

Gestützt auf seinen Stamm aus katholischen Fundis, Nostalgikern des Hitlernahen Vichy-Regimes und Algerien-Franzosen, hat der Boß jetzt eine Säuberungsaktion eingeleitet und eine Reihe von Mitarbeitern gefeuert, die er für gefährlich hielt, darunter Hubert Fayard, den Zweiten Bürgermeister der Mégret-Stadt Vitrolles am Mittelmeer. Mégret, schimpft Le Pen, stütze sich auf eine »extremistische« und »rassistische Minderheit« in der Partei.

Ein Gericht in Nanterre hat vorigen Monat die Kampfhähne wieder auf eine Linie gebracht: Beide wurden zu 10 000 Francs Geldbuße verurteilt, beide wegen desselben Delikts: Rassismus. LUTZ KRUSCHE

Lutz Krusche
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