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Eisenbahn Learning by doing

Eine Pannenserie im neuen Elektronik-Stellwerk von Hamburg-Altona verbittert die Kunden der Deutschen Bahn AG.
aus DER SPIEGEL 14/1995

In der Kabine des postmodernen Stellwerks auf dem Bahnhof Hamburg-Altona wird Zugansager Helmut Behring, 55, derzeit stimmlich stark belastet. Mit sonorem Tenor muß er »dreimal häufiger« als sonst Durchsagen machen, die die Bahnkundschaft verbittern: »Der Zug nach Kiel beginnt und endet zur Zeit nur in Pinneberg.«

In Altona ist der Werbeslogan »Unternehmen Zukunft« der Deutschen Bahn AG (DB) von der Gegenwart eingeholt worden. Eine beispiellose Pannenserie in der Schaltzentrale und das völlig überforderte Personal konterkarieren wirkungsvoll alle DB-Bemühungen, ihr Ansehen zu verbessern.

Das Tohuwabohu in Altona brachte den mühsam ausgetüftelten Bahnfahrplan in ganz Deutschland durcheinander.

In Kassel ärgerten sich DB-Kunden vergangene Woche über verspätet einlaufende ICE. In Duisburg kamen die Eurocitys aus dem Norden so spät an, daß die Umsteiger ihre Anschlußzüge verpaßten. Selbst in München sorgte die Panne im Norden für Konfusion.

Viele Bahnfahrer fühlen sich verschaukelt - wie Hans Cramer aus Husum. Auf dem Weg nach Bremen blieb er vergangene Woche auf der Strecke stecken. Nach einer Stunde Zwangsstopp in Altona knöpfte ihm der DB-Zugbegleiter einen Zuschlag von sechs Mark für den nächsten Intercity ab - der fahrplanmäßige InterRegio war schon weg.

Der Greifswalder Student Jan Stümpel, 23 ("Ich finde das hier zum Kotzen"), versäumte seinen Anschlußzug im schleswig-holsteinischen Pinneberg. Vergebens suchte er einen Bahnbediensteten, der ihm weiterhelfen könnte. Um 18.45 Uhr waren die Schalter auf dem derzeit wichtigsten Ausweichbahnhof der Bahn AG geschlossen.

Reisende einer Regionalbahn verloren 300 Meter vor dem Zielbahnhof Altona die Nerven. Sie öffneten die Türen des liegengebliebenen Nahverkehrszugs und marschierten zu Fuß weiter - Abenteuer Bahnfahren.

»Learning by doing«, erklärt der Hamburger DB-Sprecher Helmut Kujawa den Kuddelmuddel zwischen den Gleisen. Der Ausfall des weltweit modernsten elektronischen Stellwerks Mitte März traf die Bedienungsmannschaft unvorbereitet. »Der menschliche Faktor«, sagt DB-Technikvorstand Peter Münchschwander, 57, »ist nicht zu unterschätzen.«

Mit der kostenlosen Ausgabe von 10 000 Partybrötchen an die aufgebrachte Kundschaft hofften die DB-Manager zunächst, die Pendler in den Morgenstunden des 24. März zufriedenzustellen. Aber kurz darauf kam es erneut zu einer Panne. Und zwei Tage später waren der »plötzliche Kälteeinbruch und die Temperaturschwankungen« schuld.

Der Chaos-Bahnhof Altona ist ein herber Rückschlag für die Deutsche Bahn, auch finanziell. Noch zum Jahresanfang konnte DB-Vorstandschef Heinz Dürr zum erstenmal »schwarze Zahlen« des einst defizitären Staatsunternehmens vorlegen. Für das erste private DB-Jahr vermeldete Dürr im Nahverkehr ein Plus von nahezu 6 Prozent. Der Fernverkehr legte um 1,1 Prozent zu. Vor allem der InterCityExpress (ICE) zieht immer mehr Kunden an, seit 1991 _(* Am 13. März. ) nutzten den Schnellzug mehr als 70 Millionen Menschen.

DB-Vorstand Münchschwander verhandelt bereits über Schadenersatzforderungen mit dem Siemens-Konzern, der das Stellwerk konstruiert hat.

Eine elektronische Winzigkeit hat nach ersten Erkenntnissen der Siemens-Techniker einen der größten deutschen Bahnhöfe mit 100 000 Reisenden, 900 durchlaufenden Zügen und täglich 1100 Rangierfahrten lahmgelegt. Unter den Hunderten in einem Spezialchip für das Stellwerk abgespeicherten Programmbefehlen war einer falsch.

»Zwei falsche Ziffern«, sagt Manfred Brandt, 63, Leiter der Sicherheitssysteme Deutsche Bahn bei Siemens, bewirkten, daß dem Rechner bei mehreren Arbeiten an den 160 Weichen, 250 Signalen und 200 Gleisstromkreisen der Arbeitsspeicher »überlief«. Das Herzstück des Rechners, ein gewöhnlicher PC-Prozessor vom Typ Intel 80486, wurde durch die schlampig programmierte Software schachmatt gesetzt.

Die Siemens-Experten entschuldigten sich damit, daß anfangs gedacht wurde, der fehlerhafte Speicherbefehl würde ohnehin nie vom Computer benötigt. Brandt: »Finden Sie mal einen Fehler, der nicht auftritt.«

Nach Ansicht internationaler Sicherheitsexperten keine Entschuldigung für den Datencrash. Der Weltkonzern, so die Informatikprofessorin Devorah Weber-Wullf von der Technischen Fachhochschule in Berlin, habe »die Qualitätssicherung nicht im Griff«.

Ein Dutzend Techniker im Siemens-Zweigwerk Braunschweig üben derzeit an einer Art elektronischer Märklin-Eisenbahn mit »Simulationsmodellen« weitere Krisenszenarien für den Bahnhof Altona durch.

Für die crashträchtige Kombination von Kopfbahnhof, hohem Rangieraufkommen, Fernverkehr und Regionalbahnen gibt es bundesweit kein Vorbild. Einmalig im DB-Netz ist auch, daß immer noch ab Hamburg - wie in der Kaiserzeit - nur Dieselloks durch Schleswig-Holstein nach Skandinavien fahren können. Die elektrische Oberleitung soll bis Ende des Jahres installiert sein.

Solange sind Verspätungen weiterhin programmiert, die sich auch bundesweit auswirken. »Wir versuchen Vollast zu fahren«, sagt Hans Jürgen Stroh von der Hamburger DB-Niederlassung, »aber wir haben ununterbrochen Schwierigkeiten.« Das Stellwerk kann derzeit nur 70 Prozent der Züge bewältigen.

Mindestens bis zum Sommerfahrplan, der am 28. Mai anläuft, muß die Bahn im Norden improvisieren. Ob die Zuglage sich dann dauerhaft entspannt, ist zweifelhaft: Als nächstes soll das Stellwerk im Frankfurter Kopfbahnhof auf High-Tech umgerüstet werden. Y

* Am 13. März.

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