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2000: Deutschland LEBE WOHL, ALTE BUNDESKEGELBAHN

Es wird immer schwieriger, »typisch deutsche« Eigenarten zu finden. Die Globalisierung hat auch den Volkscharakter erfasst. Dennoch bleibt die Frage: Was ist deutsch? Es folgt eine typisch deutsche Antwort. VON HENRYK M. BRODER
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 52/1999

A ls die deutsche Frage noch ungelöst im Raum stand, die Westdeutschen ihre Päckchen nach drüben schickten und zu Weihnachten Kerzen in die Fenster stellten und die Ostdeutschen für eine Packung Idee-Kaffee und eine Strumpfhose von Elbeo gern auf den Sozialismus verzichtet hätten, da wussten die Menschen in Ost und West, was ihnen zum Glück fehlte: die nationale Einheit. Dann kam sie, und die Deutschen waren einen Moment lang »das glücklichste Volk der Welt« (Walter Momper). Doch das erhabene Gefühl hielt nicht lange vor.

Man kann die Deutschen aus dem Unglück holen, aber nicht das Unglück aus den Deutschen. Ausgerechnet die Nachfahren von Luther, Lessing und Ludendorff beweisen die ewige Gültigkeit eines alten jüdischen Fluches: Mögen deine größten Wünsche wahr werden!

Die deutsche Frage ist gelöst, dafür stehen die Deutschen ratlos im Raum und fragen sich: Wer sind wir? Was wollen wir? Was ist deutsch? Sind wir anders als die anderen? Und wenn ja: warum? Zumindest die letzte Frage lässt sich relativ einfach beantworten.

Deutschland ist das Land mit den ältesten Studenten und den jüngsten Rentnern, den kürzesten Arbeits- und den längsten Urlaubszeiten, der militantesten Friedensbewegung und der friedlichsten Armee, den männlichsten Feministinnen und den weiblichsten Männern.

Ja, wir sind anders als die anderen. Eine Widerspruchsgemeinschaft mit über 8o Millionen Teilnehmern, die ausländischen Mitbürger eingeschlossen, ein manisch-depressives Kollektiv, das nur zwei Zustände kennt, ausrasten oder einknicken, was in der Praxis auf das Gleiche hinausläuft. »Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich selbst kommen wollen«, hat schon Kurt Tucholsky festgestellt.

Trotzdem oder gerade deswegen bleibt die Frage: Was ist deutsch? Versuchen wir es mit dem deutschen Alphabet:

A wie Auschwitz, B wie Bayreuth, C wie Currywurst, D wie Duden, E wie Euthanasie, F wie Fahrbereitschaft, G wie Gründgens, H wie Hasso, der Schäferhund, I wie Imperativ, kategorischer, J wie Jedermann, K wie Karneval in Köln, L wie Lustangst, M wie Musikantenstadl, N wie Nürnberg, O wie Otto-Katalog, P wie Paulskirche, Q wie Quotenfrau, R wie Raststätte, S wie Schienenersatzverkehr, T wie Trabant, U wie Uhse, Beate, V wie Volkswagen, W wie Wagner, X wie Xenophobie, Y wie Yoga und Z wie Zyklon B.

Das müsste reichen, es reicht aber nicht, denn auch das deutsche Alphabet währt keine 1000 Jahre. A könnte man inzwischen wie Aktienoption schreiben, D wie Döner, K wie Klezmer, M wie Mallorca und Z wie Zivilgesellschaft. Sind also alle Unterschiede aufgehoben, sind die Deutschen im Zuge der europäischen Integration und der Globalisierung einfach deutsche Europäer oder Weltbürger geworden, die sich von den anderen Mitbürgern dieser Erde nur noch dadurch unterscheiden, dass sie als Autofahrer kein Tempolimit kennen und als Fußgänger auch dann an einer roten Ampel stehen bleiben, wenn weit und breit kein Auto kommt?

Man sollte zwischen »den Deutschen« und »Deutschland« unterscheiden. Wann immer von der »Normalität« gesprochen wird, ist Deutschland gemeint. Die deutsche Teilung ist aufgehoben, die deutsche Souveränität wieder hergestellt, deutsche Soldaten, die noch vor ein paar Jahren allenfalls bei Sturmfluten ihre Kasernen verlassen durften, werden nun zu Friedenseinsätzen in alle Welt geschickt, die D-Mark ist, bis zur Umwandlung in Euro, in halb Europa Ersatz- oder Leitwährung.

Mehr noch: Ständig wird Deutschland aufgefordert, eine »stärkere Rolle zu spielen« und »mehr Verantwortung zu übernehmen« - von der Durchsetzung des Euro bis zur Mitsprache bei der Friedensregelung im Nahen Osten. Für die Armen von Bangladesch bis Zaire ist Deutschland das Paradies, sie riskieren Leib und Leben, um es auf alten Frachtern und in muffigen Containern zu erreichen.

Wie in dem Märchen von dem Scheinriesen erscheint Deutschland umso größer, schöner und begehrenswerter, je weiter die Betrachter vom Objekt ihrer Begierde positioniert sind. Die mögliche Schließung der deutschen Goethe-Institute in Reykjavik, Palermo und Katmandu bedeutet sowohl für die Isländer wie die Sizilianer und die Nepalesen eine Katastrophe und löst heftigste Proteste aus, die wiederum in Deutschland als Liebesbeweise verstanden werden.

Doch zugleich muss Deutschland erfahren, dass Liebe nur die softe Version von Angst ist. Dieselben Freunde und Verbündeten, die von Deutschland »mehr Einsatz« fordern, warnen zugleich vor der neuen »Großmacht«, die in der Mitte Europas heute schon den Ton angibt. Und wenn sich irgendwo ein paar Kostümnazis zusammenrotten, dann liegt nicht ein Versagen der Polizei vor, die entweder pennt oder wegschaut, dann setzt sich sogleich das »Vierte Reich« in Bewegung und bedroht den Frieden in Europa.

Nach dieser Logik steckt in jeder Bärbel Schäfer eine BDM-Braut und in jedem Glatzkopf ein Hitlerjunge Quex. Das Beste, was man über das Verhältnis der Völker zu Deutschland sagen könnte, wäre: Es ist ambivalent. Deutschland soll zwei Erwartungen zugleich erfüllen: beweisen, dass es ganz anders und doch das alte geblieben ist.

Die Deutschen geben sich große Mühe, die an sie gerichteten Erwartungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu erfüllen. In fast jeder deutschen Brust schlagen zwei Seelen, weswegen sich zum Beispiel demonstrierende deutsche Antifaschisten so verkleiden, dass man sie von den Neonazis kaum unterscheiden kann. Und ein Film von und mit Tom Gerhardt, dem letzten hässlichen Deutschen mit Massenappeal, heißt »Voll normaaal!«, was so viel wie »Vollkommen durchgeknallt« bedeutet.

Der altdeutsche Brauch, Probleme unbedingt lösen zu wollen, statt sich mit ihnen zu arrangieren, hat dem Verlangen Platz gemacht, sich mit allem zu arrangieren, ohne sich einem Problem stellen zu müssen. Kanzler Gerhard Schröders Lieblingssatz »Dazu gibt es keine Alternative« artikuliert nicht den Mangel an möglichen Optionen, sondern nur die Weigerung, über wirkliche Alternativen nachzudenken.

Statt die Voraussetzungen für neue Arbeitsplätze zu schaffen, wird ein »Bündnis für Arbeit« ins Leben gerufen, statt die letzten NS-Opfer schnell und großzügig zu entschädigen, werden Wettbewerbe für ein Holocaust-Mahnmal ausgeschrieben, statt Atomkraftwerke zu schließen, wird über den Einstieg in den Ausstieg diskutiert.

Die neue deutsche Anstatt-Kultur hat auch ihre Als-ob-Variante. Die Berliner Love-Parade, bei der alljährlich der halbe Tiergarten verwüstet wird, ist als »politische Kundgebung« anerkannt, weil der Organisator, ein DJ mit dem Namen »Dr. Motte«, von Frieden, Liebe und Toleranz schwafelt, während seine Firma mit Übertragungslizenzen und Werberechten dicke Geschäfte macht.

Wo eine Techno-Party als politische Demo durchgeht, da wird auch eine Fahrt in ein ehemaliges KZ als »Bildungsurlaub« gutgeschrieben.

Die Würzburger »Akademie Frankenwarte«, eine volkserzieherische Einrichtung der sozialdemokratischen Friedrich- Ebert-Stiftung, bietet ein Seminar zum Thema »... ganz normale Männer? Männlichkeit und Auschwitz heute« an. Zielgruppe sind »Männer jeden Alters, die bereit sind, sich mit den Folgen von Auschwitz und mit sich selbst auseinander zu setzen«. Was irgendwie dasselbe bedeutet.

War Auschwitz eine »typisch deutsche« Erfindung, schlimmer als jedes Gulag-Lager, Endstation eines singulären Plots? Vielleicht. Ist der heutige Umgang mit Auschwitz, das Pendeln zwischen der »Sechs-Millionen-Lüge« für die Revisionisten und einer Fortbildungsstätte für frustrierte Männer, eine typisch deutsche Attitüde?

Ganz gewiss. Man muss schon lange zwischen Nordkap und Feuerland hin und herfahren, um eine solche Mischung aus Frivolität, Verlogenheit und Wehleidigkeit zu finden, die sich mal abwehrend und mal affirmativ austobt.

Auschwitz ist und bleibt das bedeutendste deutsche Bauwerk des 20. Jahrhunderts, Brennpunkt des »deutschen Sündenstolzes« (Hermann Lübbe). Inzwischen haben wir aus der Geschichte gelernt, wir bauen nicht, wir lassen bauen: Ein Brite rekonstruiert den Reichstag, ein polnischer Jude macht uns das Jüdische Museum und ein Amerikaner das Holocaust-Mahnmal. Wir besetzen derweil ein paar Nischen und freuen uns, dass es immer Deutsche sind, die wenigstens als Bösewichter in James-Bond-Filmen eingesetzt werden: zuerst Gert Fröbe, dann Gottfried John und letztens Claude Oliver Rudolph, der eigentlich ganz lieb aussehen könnte, wenn er beizeiten etwas gegen Akne unternommen hätte.

Alles »typische Deutsche«, während Eichmann, Himmler und Mengele eher atypisch waren, weil man ihnen nicht ansehen konnte, was für Schurken in den Hüllen steckten.

Mit der Phänomenologie allein kommt man nicht weit. Höchstens bis zum Ballermann 6, wo sich der typische deutsche Tourist die Hucke voll säuft, während andere typisch deutsche Touristen einen weiten Bogen um den Platz machen, aus Angst, für typisch deutsche Touristen gehalten zu werden. Deutsche können nicht deutsch sein, ohne auf ihre Stammeszugehörigkeit stolz zu sein oder sich ihrer zu schämen.

Und das ist nicht erst seit Auschwitz so, nur haben die einen seitdem noch einen Grund mehr, sich in Grund und Boden zu grämen, und die anderen noch einen Mühlstein mehr um den Hals, den sie abwerfen müssen, um wieder frei atmen zu können.

Es war noch nie leicht, als Deutscher durch die Welt zu wandeln. Deutschlands Dichter und Denker wussten das schon immer.

Für Johann Wolfgang von Goethe zeichnete sich der »Charakter der Deutschen« dadurch aus, »dass sie über allem schwer werden und dass alles über ihnen schwer wird«. Richard Wagner stellte fest: »Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.« Heinrich Heine dichtete: »Franzosen und Russen gehört das Land, das Meer gehört den Briten, wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten.« Friedrich Nietzsche fasste die Endlosdebatte in einem Satz zusammen: »Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage, was ist deutsch, niemals ausstirbt.«

Da liegt es nahe, sich Hilfe suchend an das Ausland zu wenden. Wenn der ungarische Essayist László Földényi schreibt: »Der bezeichnendste Charakterzug der Deutschen ist vor allem der, undeutsch sein zu wollen«, kann er sich der heftigen Zustimmung all jener sicher sein, die er meint. Und wenn er dann noch einen Schritt weiter geht und den deutschen Selbsthass beklagt - »Paradoxerweise scheint gerade dieser Hass auf viele wie Balsam zu wirken« -, dann wirken solche Sätze wie Balsam auf die deutschen Seelen.

Von den Strapazen einer Existenz als Selbsthasser kann man sich nur mit fremder Hilfe und am besten in der Fremde erholen, in der Toskana die einen und auf El Arenal die anderen, nur nicht daheim, wo jede Begegnung mit dem Briefträger, dem Nachbarn oder dem Karten-Kontrolleur in der U-Bahn eine neue Ladung Selbsthass aktiviert.

Die Sache sieht anders aus, wenn Ausländer näher heranrücken. Mitte 1998 kam es in Berlin zu einem kleinen Skandal, nachdem der damalige Innensenator Jörg Schönbohm erklärt hatte, es gäbe Viertel, in denen »man sich nicht in Deutschland« fühlen würde.

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama, sprach daraufhin von einer »Blut-und-Boden-Ideologie« und einem »bräunlich angedunsteten Muff von Stammtischen« - und avancierte über Nacht zum Buhmann, der die Stadt spaltet, während Schönbohm zufrieden Zensuren verteilte: »Das steht auch einem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde nicht zu. So kann man nicht miteinander umgehen.«

Die Geschichte hatte einen typisch deutschen Dreh. Indem sich der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde mit den Ausländern solidarisierte und Position gegen den Innensenator bezog, gab er zu erkennen, dass die Juden sich den Ausländern näher fühlen als der politischen Klientel von Senator Schönbohm. So viel Undankbarkeit musste umgehend abgemeiert werden, denn die Juden sind das amtlich anerkannte »missing link« zwischen den Deutschen und den Ausländern - »jüdische Mitbürger« eben, privilegierte Aliens sozusagen.

Während es überall sonst in der Welt »Bürger« und »Fremde« »Citoyens« und »Étrangers« gibt, »Citizens« und »Foreigners«, hat man in Deutschland eine dritte Kategorie erfunden, die »Mitbürger«, die vor allem an Gedenktagen und während der »Woche der Brüderlichkeit« aktiviert werden, wenn Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit eine kurze Auszeit nehmen - auch dies eine typisch deutsche Regelung, die man sonst nirgendwo findet.

Dankbar stellen wir also fest, dass es in dem globalen Einerlei einer formatierten Welt doch noch ein paar deutsche Besonderheiten gibt, die wir auch im kommenden Jahrhundert nicht ablegen werden. Unter anderem die Fiktion, Deutschland sei kein Einwandererland, und das Ausländerproblem ließe sich mit einem Doppelpass lösen auf Zeit.

Dass unser deutsches Volk im kommenden Jahrhundert rapide schrumpfen wird - jedenfalls in der nationaltypischen Kategorie der Germanisch-Blütigen -, geht allenfalls in den »demografischen Faktor« einer Rentenformel ein - ansonsten wird es verdrängt. Den europäischen Nachbarn kann es nur recht sein, wenn sich die vermehrungsunlustige Volksgenossenschaft auf polnisches oder französisches Format dezimiert.

Als ginge es darum, Adornos Satz zu bestätigen, die Deutschen könnten gar nicht anders als an ihre eigenen Lügen zu glauben, wird die »Ausländerfrage« so behandelt wie das Importverbot für britisches Rindfleisch. Mal lässt man mehr, mal weniger zu. Das Ausländerproblem hält einen riesigen bürokratischen Apparat auf Trab. Es gibt »Kriegs-», »Konventions-» und »Kontingent-Flüchtlinge« und dazu noch Unter- und Zwischenkategorien von Menschen, die gern in Deutschland leben und arbeiten möchten. Polen zum Beispiel brauchen für einen Aufenthalt bis zu drei Monaten kein Visum.

Richtige Ausländer, die man schon am Aussehen erkennt, werden dagegen strenger behandelt. Ein Koch aus Asien könnte eine befristete Aufenthaltserlaubnis bekommen, aber nur wenn sein Arbeitgeber nachweist, dass es ohne ihn nicht geht.

Der Inhaber einiger Thai-Restaurants wurde von der Ausländerbehörde belehrt, solange es tausende arbeitsloser deutscher Köche gäbe, müssten keine thailändischen Küchenmeister eingeflogen werden. Das Gegenargument, wer eine Kartoffelsuppe zubereiten kann, wüsste nicht automatisch, wie ein Curryhuhn schmeckt, zeigte keine Wirkung.

Dem Restaurateur blieb nichts übrig, als die Köche, die er haben wollte, als Touristen einreisen zu lassen und sie mit deutschen Frauen zu verheiraten, »richtig mit allem Drum und Dran«, wie er betont, und nicht wie bei den Scheinasylanten »nur pro forma«.

So hat sich der Mann nicht nur um die Vielfalt des kulinarischen Angebots, sondern auch um eine multikulturelle deutsche Gesellschaft verdient gemacht: asiatisch aussehende Kinder, die fließend Deutsch sprechen und mit Stäbchen essen - für viele richtige Deutsche ein Alptraum, noch schlimmer als die Vorstellung, die Kohlroulade auf Mallorca auf spanisch bestellen zu müssen.

Ende 1997 lebten im neuen Deutschland rund 82 Millionen Menschen, davon knapp 7,4 Millionen Ausländer, also weniger als zehn Prozent. Darunter waren 1,8 Millionen »Mitbürger« aus EU-Ländern, 120 000 Amerikaner und Kanadier, 300 000 Afrikaner, 800 000 Asiaten und 2,1 Millionen Türken, die größte ethnische Gruppe. Unter diesen Umständen von einem »Ausländerproblem« zu sprechen und die »Ausländerfrage« lösen zu wollen, mutet wie ein paranoider Witz an.

Natürlich fühlen sich auch Paranoiker wirklich verfolgt, wollen ernst genommen und getröstet werden, obwohl ihre Leiden imaginiert sind. In Gegenden faktisch ohne Ausländer müssen dunkelhäutige und kraushaarige Reisende um ihr Leben fürchten, während in Ballungsräumen mit bis zu 20 Prozent Ausländern die deutsche Mehrheit sich zivilisiert benimmt, nicht unbedingt weil sie die Fremden liebt, sondern weil sie keinen Krieg auf den Straßen riskieren möchte. Aber auch das ist ein guter Grund, Aggressionen zurückzuhalten.

Deswegen kann Fremdenfeindlichkeit, das Komplementär-Gefühl zum deutschen Selbsthass, nur gegen und nicht mit Rücksicht auf die Paranoiker bekämpft werden. Gäbe es überall in Deutschland zehn Prozent Ausländer, gäbe es nirgendwo »national befreite Zonen«, würde es den Deutschen besser und nicht schlechter gehen.

Und würde man darüber hinaus die Zahl der Deutschen, die ins Ausland fahren dürfen, kontingentieren, so wie die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge kontingentiert werden, weil den Ausländern zu viele Deutsche nicht zuzumuten sind, wäre der Fremdenhass ratz, fatz am Ende. Lieber lässt der Deutsche ein paar Asylanten mehr ins Land, als dass er auf seinen Urlaub an der Costa del Sol verzichtet.

»Typisch deutsch« ist nicht der xenophobe Rassismus, der ist in der Schweiz, in Frankreich und in Schweden noch stärker. Typisch deutsch ist die Unschuld, mit der fremde Bräuche adaptiert, Döner, Pizza, Falafel, Gyros und Grappa konsumiert werden, während »Ausländerbeauftragte« die in Deutschland lebenden Ausländer vor der Willkür der Behörden zu schützen versuchen. Einige sehen den Sinn ihrer Arbeit auch darin, die Ausländer zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen.

Auch die Liebe zur jüdischen Kultur - keine Feier ohne Giora Feidman und seine Klarinette - konnte sich erst entfalten, nachdem die Träger dieser Kultur ausgerottet wurden. In Berlin gibt es eine Klezmer-Kapelle, deren Mitglieder - allesamt Nichtjuden - untereinander Jiddisch reden und sich beim Trinken »Le 'Chajim!« (Zum Wohle!) zurufen.

Diese Form der Mimikry ist in der Tat »typisch deutsch«, deutscher als die Lederhosen tragenden Bayern, die wortkargen Friesen, die nuschelnden Sachsen und jede andere Karikatur des typischen Deutschen.

Der typische Deutsche von heute ist ein moderner Zeitgenosse, der sich wie eine Stereoanlage aus verschiedenen Elementen zusammensetzt. Er bewegt sich wie Dieter Bohlen, spricht wie Hans Eichel, fährt Auto wie Michael Schumacher, kocht wie Alfred Biolek, lacht wie Wolfgang Joop und zeigt Gesinnung wie der letzte bekennende 68er, der Verleger Klaus Wagenbach, indem er demonstrativ rote Socken trägt.

Bye-bye Eisbein mit Sauerkraut, adieu Lodenmantel, lebe wohl du alte Bundeskegelbahn! Und wer einen echten deutschen Gartenzwerg haben möchte, der muss weit laufen. Die schönsten gibt es gleich hinter der Grenze nach Polen.

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