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VERBRECHEN Leben wie im Gefängnis

Die Täter sind Ex-Liebhaber, Kollegen oder Bekannte - sie verfolgen ihre Opfer, belästigen sie oder töten sie gar. Kriminologen und Forscher wissen inzwischen: Das so genannte Stalking ist ein Massenphänomen. Doch die Gesetze bieten Opfern kaum Schutz.
aus DER SPIEGEL 18/2004

Es passiert nicht oft, dass ein Mörder sein Verbrechen lange vorher ankündigt. Und wenn er es tut, ist in Deutschland noch lange nicht sicher, dass jemand eingreift. Die 32-jährige Mutter Kathrin Richter aus Bad Langensalza in Thüringen bezahlte das mit ihrem Leben.

Der Prozess des Landgerichts Mühlhausen gegen ihren Mörder ist ein Lehrstück über den deutschen Rechtsstaat und darüber, warum er manche Opfer allein lässt: Im August 2002 hatte Kathrin Richter ihrem neuen Freund Jens W. den Laufpass gegeben, weil der sich binnen weniger Wochen von einem anscheinend verständnisvollen Zuhörer zu einem krankhaft eifersüchtigen Peiniger entwickelt hatte.

Doch nach der Trennung schlich der Mann immer wieder um ihr Haus, er lauerte ihr im Gebüsch auf und schlug sie, wenn er sie zu fassen bekam. Er bombardierte sie mit Anrufen und SMS: Wenn sie nicht zu ihm zurückkomme, bringe er sie um. Ihrem Stiefvater kündigte er mehrmals an, er werde sie »abstechen«. Kathrin Richter verließ aus Furcht kaum noch das Haus. Einmal versuchte Jens W., die Wohnungstür aufzubrechen, im Oktober lauerte er ihr mit einem Messer auf.

Bei der Polizei bat die Frau flehentlich um Hilfe. Innerhalb von vier Monaten erstattete sie acht Strafanzeigen gegen Jens W. Das letzte Mal ging sie am 10. Dezember 2002 zur Polizei, am 17. Dezember, so erzählt es ihre Stiefmutter, habe sie die Beamten noch einmal angerufen.

Am nächsten Morgen brach Jens W. dann ihre Wohnungstür auf. 27-mal stach er auf seine Ex-Freundin ein. Kathrin Richter verblutete gegen elf Uhr morgens. Jens W. rief umgehend ihren Stiefvater an: »Hansi, ich hab's getan, ich hab deine Tochter abgestochen wie ein Schwein.«

Ein außergewöhnlich brutaler Fall. Das Phänomen aber betrifft Tausende. »Stalking« nennen Fahnder und Wissenschaftler es, auf Deutsch heißt das »anpirschen«, und genau so fängt es meistens an: Der Täter, von einer fixen Idee oder Besitzansprüchen besessen, beobachtet sein Opfer, bedroht es über Wochen, Monate oder Jahre. Und häufiger als angenommen tötet er es auch.

Vor fünf Jahren kannte kaum jemand in Deutschland solche Fälle, obwohl sie in den USA bereits so weit verbreitet waren, dass alle Bundesstaaten entsprechende Gesetze verabschiedet hatten (SPIEGEL 8/2000). Inzwischen haben deutsche Wissenschaftler und Kriminologen dazugelernt und das »Stalking« erforscht.

Prominente werden verfolgt, aber vor allem Tausende normale Bürger, besonders häufig Respektspersonen wie Ärzte, Professoren und Lehrer. Die Forscher können erklären, was die Täter treibt, und arbeiten nun an Methoden, mit denen sich erkennen lässt, wer womöglich gar zum Mörder wird. Auch die Polizei hat in einigen Bundesländern reagiert: Sie schult Beamte, bildet in Landeskriminalämtern Stalking-Experten aus und veröffentlicht Broschüren für die Opfer.

Doch die Polizisten können wenig tun, wenn Staatsanwälte Ermittlungsverfahren einstellen oder Richter lasche Strafen verhängen. 2001 beschloss die rot-grüne Bundesregierung, etwas halbherzig, mit Gesetzen gegen Stalking vorzugehen. In der Praxis haben die sich als weitgehend wirkungslos erwiesen. »Im deutschen Recht sind die Opfer von Stalking immer noch Freiwild«, klagt der Kasseler Rechtsanwalt Volkmar von Pechstaedt, ein Stalking-Spezialist, der in seiner Kanzlei bislang 600 Fälle bearbeitet hat.

Er hofft jetzt auf das Justizministerium des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU): Dort arbeiten Fachleute an einem Gesetz, das Stalking zur Straftat erklären soll. Hessen will es in den Bundesrat einbringen.

Rückenwind dürfte Kochs Initiative durch alarmierende Zahlen der ersten repräsentativen Stalking-Studie Deutschlands bekommen, die demnächst veröffentlicht werden soll: 3,7 Prozent der Männer und erstaunliche 17,3 Prozent der Frauen werden mindestens einmal im Leben Opfer von Stalking, so Harald Dreßing, Leiter der Untersuchung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Ein erheblicher Teil aller Täter wird irgendwann gewalttätig. Und allein in Hessen werden jedes Jahr 10 bis 15 Frauen von ihrem Verfolger getötet, hat das Landeskriminalamt (LKA) Wiesbaden ermittelt. Hochgerechnet auf die gesamte Republik wären das mehr als 100 Todesopfer im Jahr.

Bevor Männer ihre Ex-Frauen töten, bedrohen und belagern sie ihre Opfer fast immer über Wochen oder Monate, so der Leiter der Forschungsstelle Forensische Psychologie an der Technischen Universität Darmstadt, Hans-Georg Voß.

Im Mordfall Kathrin Richter kam bei dem Prozess im Spätsommer vergangenen Jahres sogar heraus: Schon seit 14 Jahren hatte ihr Mörder Jens W. jede Frau, die ihn verließ oder die nichts mit ihm anfangen wollte, verfolgt, drangsaliert, angegriffen. Seine erste Frau »schlug er ins Gesicht, bis sie ihm sagte, dass sie ihn liebe«, heißt es im Urteil. Seit 1996 stand er immer wieder vor Gericht.

Die Richter fanden seine Attacken auf Frauen aber nie wirklich schlimm. Seine zweite Frau bedrohte er noch, als sie schon vor ihm ins Frauenhaus geflohen war. Das Urteil: Geldstrafe. 1996 schlug er sie, würgte und prügelte ihren Begleiter. Das Urteil: Geldstrafe. 1998 gab es erneut nichts als eine Geldstrafe, obwohl Jens W. gedroht hatte, das Haus seiner Ex-Freundin anzuzünden. Selbst im Gerichtssaal pöbelte er erneut, er werde sie umbringen. Eine andere Ex-Freundin verletzte er mehrfach.

Die nächste hielt er sogar gefangen und schnitt ihr mit einem Messer in den Hals. Nach der Messerattacke verurteilten sie Jens W. immerhin zu 20 Monaten Haft. Danach machte er weiter - und tötete Kathrin Richter. Erst dann bestraften die Richter ihn schwer: lebenslänglich, mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er hat Revision eingelegt.

Das LKA Hessen hat die Vorgeschichte solcher Morde analysiert, um zu erkennen, welche Stalker dazu neigen, ihre Opfer umzubringen. Die Oberkommissarin Gaby Goebel, die dort normalerweise als so genannte Profilerin Serientäter jagt, hat eine Checkliste für Polizisten erarbeitet, damit sie erkennen, wann es heikel wird. Der gefährlichste Tätertyp: ein Ex-Partner mit Drogen- oder Alkoholproblemen, der früher schon gewalttätig war und Waffen besitzt. Kündigt er dann an, sein Opfer umzubringen, und bedroht auch die Kinder, könnte bald Blut fließen.

Eigentlich nahe liegend, doch obwohl viele Täter bereits vorher aus dem Verkehr gezogen werden könnten, handelt die deutsche Justiz meist erst, wenn es zu spät ist. So

* verurteilte das Landgericht Dortmund im Februar einen 26-jährigen Bäckergesellen zu achteinhalb Jahren Haft, nachdem er die Wohnung angezündet hatte, in der seine Ex-Freundin schlief. Zuvor hatte er sie drei Monate lang belästigt und bedroht, immer wieder war sie zur Polizei gegangen - ohne dass die Beamten helfen konnten;

* verurteilte das Landgericht Bremen im Dezember in erster Instanz einen 59jährigen Werftarbeiter: Er hatte seine Ehefrau nach der Trennung zwei Monate lang verfolgt und gedroht: »Ich trinke dein Blut.« Schließlich erstach er sie auf offener Straße. Auch sie hatte zuvor Anzeige erstattet;

* nahm im Mai 2002 ein 22-Jähriger in Wiesbaden seine 18-jährige Ex-Freundin in der Praxis, in der sie arbeitete, als Geisel und schoss mit einer Pistole um sich. Er hatte die junge Frau immer wieder bedroht, sie war zur Polizei gegangen. Nun tötete ein Scharfschütze den Mann, um die Frau und Unbeteiligte zu schützen.

Rund die Hälfte aller Stalker seien Ex-Liebespartner, so Psychologieprofessor Voß. Opfer und Täter würden bei dieser klassischen Konstellation oft in einen Teufelskreis aus Abhängigkeit, Gewalt und immer neuen Versöhnungen geraten. Der amerikanische Sicherheitsexperte Gavin de Becker bringt es auf den Punkt: Das Drama beginne, wenn »Männer, die nicht loslassen können, Frauen wählen, die nicht Nein sagen können«.

Aber nicht nur: 25 Prozent der Verfolger sind, auch das wissen die Forscher inzwischen, keineswegs enttäuschte Liebhaber, sondern Bekannte, Nachbarn, häufig Kollegen. FDP-Chef Guido Westerwelle musste 2002 einer Mitarbeiterin verbieten lassen, sich ihm zu nähern - sie hatte ihn über Monate belästigt.

Die restlichen 25 Prozent der Täter haben gar keine persönliche Beziehung zu ihrem Opfer - dieser Typus ist die Plage vieler Prominenter: Britische Behörden wiesen vor einem Monat einen Kanadier aus, der das Supermodel Claudia Schiffer über Wochen hinweg hartnäckig verfolgt hatte.

Manchmal erwischt es freilich auch ganz normale Frauen wie Christel Breitbarth, 44, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Weimar. Die Kosmetikerin hat nicht die geringste Ahnung, wer ihr seit Jahren den Alltag zur Hölle macht. Ein Stalker bestellt in ihrem Namen bei Herstellerfirmen oder Versandhäusern Möbel, Kreuzfahrten, Klappräder, Erotikartikel. Manchmal kommen acht Pakete pro Tag, gelegentlich fahren sogar schwere Lastwagen vor, etwa mit Containern voller Bürostühle.

Im Dorf tuscheln die Leute, und Breitbarth ist manchmal den ganzen Tag damit beschäftigt, alles wieder zurückzuschicken. Im Hinterkopf immer die Angst, sie müsste sonst tatsächlich bezahlen, was ihr ungewollt vors Haus rollt. »Ich bin so misstrauisch geworden, bei jeder Nachbarin, jedem Bekannten habe ich gedacht: Ist der das vielleicht?«

Auch ihr Auto wurde schon zerkratzt, bei ihrer Versicherung ging daraufhin ein Schreiben ein, Breitbarth wolle das Unternehmen betrügen. Der Frau fallen die Haare aus, sie leidet unter Nervenentzündungen und Depressionen.

Die Polizei hat in den sieben Jahren den Täter oder die Täterin nicht gefunden. Und so schickt Christel Breitbarth weiter Kisten zurück und wimmelt Lieferwagenfahrer ab: »Das sind meine Lebensinhalte. Andere Leute arbeiten oder fahren in den Urlaub.« Sie ist verbittert: »Mir fehlt ein ganzes Stück Leben.«

Die Täter verhalten sich oft wie Verrückte, verwenden viel Zeit und Energie für aberwitzige Aktionen - und trotzdem sind sie nur selten geisteskrank. Wissenschaftler Voß: »Normal kann man sie alle nicht nennen, aber richtig krank im Sinne einer klinischen Definition sind nur sehr wenige.« Die Täter litten in der Regel unter Persönlichkeitsstörungen und schwankten manchmal im Minutentakt zwischen Anhimmeln, Wut und Verzweiflung. Behandeln lassen wollen sie sich kaum. »Die fühlen sich selten therapiebedürftig und sagen: Ich bin doch der Betrogene«, sagt Voß.

Die Hoffnung mancher Opfer, ihr Peiniger könne in die Psychiatrie eingewiesen werden, erfüllt sich daher nur selten. Richter könnten Stalker zur Rechenschaft ziehen. Zumindest theoretisch. Da aber Stalking bislang kein eigener Straftatbestand ist, müssen die Opfer meist vor Zivilgerichten klagen. Das dauert zu lange, verlangt Zähigkeit und einen guten Anwalt. Die Erfolgsaussichten: zweifelhaft.

Die Bundesregierung vermag trotzdem keine Gesetzeslücken zu erkennen: »Es gibt ja Gesetze gegen Nötigung, Beleidigung, Bedrohung«, so Ulf Gerder vom Justizministerium. Die Koalition hatte 2001 das so genannte Gewaltschutzgesetz verabschiedet. Es sollte gegen prügelnde Partner, aber auch gegen Stalker helfen: Gewalttätige Männer können etwa der gemeinsamen Wohnung verwiesen werden, Richter können ihnen verbieten, sich ihrer Ex auf Rufweite zu nähern.

Nur gebracht hat das wenig, wie die Juristin und Stalking-Expertin Stephanie Gropp durch eine Studie in Kiel herausfand. Das ist auch die Erfahrung des Opferanwalts Guido Göttling aus Hamburg: Richter erließen zwar schnell Verfügungen - Verstöße dagegen würden aber nicht bestraft.

Straftaten anzuzeigen hilft auch nicht viel weiter: Die Verfahren werden häufig eingestellt. »Da sieht der Staatsanwalt eben nur zwei abgebrochene Autoantennen und einen zerstochenen Reifen und nicht den größeren Zusammenhang«, so Rolf Oehmke, Leiter der Präventionsdienststelle der Bremer Polizei.

Bevor ein Stalker in Haft landet, muss sehr viel passieren. »In der Praxis gibt es Gefängnis erst dann, wenn einer drei verschiedene Frauen mit dem Messer nicht nur kratzt, sondern massiv verletzt«, sagt eine Strafrechtlerin. Ansonsten sei es den Gerichten »offenkundig lästig, sich mit Problemen herumzuschlagen, die sie für Privatangelegenheiten halten«, klagt Anwalt Volkmar von Pechstaedt.

Das musste die Altenpflegerin Kirsten Jürs, 35, aus Hamburg-Poppenbüttel schmerzvoll erfahren. Seitdem sie sich von ihrem Freund getrennt hat, steht der tagelang vor ihrer Tür, ruft nachts immer wieder an oder belästigt Jürs' Vater bei der Arbeit. Im September vergangenen Jahres griff der Mann sie auf dem Heimweg an, trat und schlug sie. Die Frau erstattete Anzeige, »aber die Polizisten haben mich belächelt, es sei ja nichts wirklich Schlimmes passiert«.

Ein paar Wochen später wurde bei ihr eingebrochen, der Täter verteilte Messer zwischen ihren Kleidern und zerschnitt ihre Unterwäsche. Ihr war sofort klar, wer es war, aber die Polizei konnte keine Beweise finden. Mittlerweile hat Kirsten Jürs auf Grund ihrer Angst 20 Kilo abgenommen, nachts schläft sie nur noch mit Hilfe von Tabletten. Sie geht ungern allein aus dem Haus. Als sie doch einmal kurz nach fünf Uhr morgens allein zur Arbeit ging, lauerte der Ex-Freund ihr auf und schlug ihr einen Zahn aus.

Jürs unternahm alles, was das Recht hergibt: Durch zwei Instanzen klagte sie gegen ihren Peiniger, erfolglos. Kollegen bringen die blasse Frau inzwischen grundsätzlich nach Hause, in die Fenster ihres Hauses ließ ihr Vater Panzerglas einsetzen. Allerdings, eine normale Sicherheitstür einbauen kann er nicht, da zeigt sich das deutsche Recht unerbittlich, denn das Haus steht unter Denkmalschutz. Immerhin kassierte ihr Verfolger im Februar doch noch eine Strafe, aber auf Bewährung. »Ich lebe wie im Gefängnis, und er kann draußen das Leben genießen«, klagt sie.

Wahrscheinlich würde es ihr in Bremen besser ergehen. Dort hat inzwischen jede Polizeiinspektion einen Stalking-Beauftragten, der sich um die Opfer kümmert. Die meisten Beamten sind trainiert, Stalking schon früh zu erkennen. »Wir erfassen Belästigung, bevor sie die Grenze zur Straftat überschreitet«, sagt Fachmann Oehmke. Alle gravierenden Stalking-Fälle gehen zu zwei speziell geschulten Staatsanwältinnen, die gründlich überlegen, bevor sie ein Verfahren einstellen.

Und noch ein Gutes hatte die Offensive der Bremer Behörden: Angeregt durch die Diskussion ums Stalking gründete die Bremerin Edith Tholen die erste Selbsthilfegruppe. Inzwischen hat sie mehr als 50 Frauen und Männer beraten.

Vor einigen Jahren wurde sie selbst von einem Unbekannten belästigt, der sie immer wieder anrief, mal anhimmelte, mal beschimpfte. Ein Polizist redete ihm ins Gewissen. Da ließ er von ihr ab.

Der Mann sitzt nun im Gefängnis. Er hatte eine andere Frau belästigt und versucht, ein junges Mädchen mit einem Messerstich in den Hals umzubringen.

CORDULA MEYER

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