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PORTUGAL / SALAZAR Lebenslänglich

aus DER SPIEGEL 7/1961

Schwere Vorhänge dämpfen das Sonnenlicht. Eine Lampe erhellt den breiten Schreibtisch im Lissabonner Sao -Bento-Palast, an dem Portugals Premier Antonio de Oliveira Salazar werktags von zehn bis zwei und von fünf bis neun Uhr abends regiert.

Ministerialbeamte und Offiziere nähern sich diesem Zentrum portugiesischer Staatsmacht, das seit Jahrzehnten mit der Präzision eines Uhrwerks arbeitet, nur auf Zehenspitzen, deponieren ihre Akten und verlassen geräuschlos den Raum.

Der dienstälteste Diktator des 20. Jahrhunderts, ehedem Professor für Wirtschafts- und Finanzwissenschaft an Portugals ältester Universität in Coimbra, Junggeselle, Nichtraucher, Vegetarier und Frühaufsteher, wünscht in seinen Gedanken nicht gestört zu werden. Salazar: »Ich bin einfach zu bequem zum Reden.«

Portugals regierender Professor erteilt seine Anordnungen schriftlich. Kabinettssitzungen finden selten statt. Die Ein-Mann-Regierung im Palacio de Sao Bento, dem Lissabonner Parlamentsgebäude, entscheidet in wichtigen Fragen allein.

Der Tageslauf des Diktators ist minuziös geregelt: Er steht um 6.30 Uhr auf, geht zur Frühmesse, liest die Morgenzeitungen und begibt sich ins Amt.

Sein Mittagessen verzehrt Salazar in knapp 15 Minuten allein; dazu trinkt er ein dreiviertel Glas verdünnten Portwein.

Dem Essen folgen ein Spaziergang von 60 Minuten und dann - falls nicht Besucher warten - eine Ruhepause, ehe der Regierungschef, mit einer Wolldecke über den Knien, den zweiten Teil seines täglichen Büropensums absolviert.

An das einsame Abendessen schließt sich das häusliche Studium der ausländischen Presse in seiner Drei-Zimmer -Wohnung, die unmittelbar neben dem Parlamentsgebäude liegt.

»Ich liebe dieses Leben nicht«, raunzt der Mann, der neun Millionen weiße und dreizehn Millionen farbige Portugiesen mit der väterlichen Milde eines Klosterabts drangsaliert. »Es gibt Leute, die glauben, ich wäre bald am Ende. Welch ein Unsinn! Ich habe es nicht eilig, in den Himmel zu kommen. Aber anstatt zu regieren, möchte ich lieber zwischen Weinbergen leben und ein ruhiges Dasein haben.« Und schließlich bitter: »Ich bin in meiner - Amtszeit nichts als ein Gefangener gewesen.«

Paraden, Staatsempfänge, Festansprachen, Interviews sind dem menschenscheuen Premier, der sich selbst zu lebenslänglicher Fron im Sao-Bento -Palast verurteilt hat, ein Greuel. »Ich habe Dr. Salazar in zwei Jahren nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen«, grollt ein westlicher Botschafter. »Wir tauschten einen flüchtigen Händedruck bei einem Empfang in der brasilianischen Mission.«

Ausländische Journalisten sind selten bis zu Salazars Schreibtisch vorgedrungen; nur zwölf empfing der Diktator in 32 Amtsjahren. Nr. 13 war jüngst Indro Montanelli vom Mailänder »Corriere della Sera«.

»Denken Sie an die armen Portugiesen, die sich seit 30 Jahren'in den Cafés treffen«, lamentiert der Italiener, immer in der Hoffnung, einmal über Sie schlecht reden zu können. Aber sie finden einfach nichts, was sie an Ihnen aussetzen könnten. Diese Leute müssen Sie doch hassen; ich würde es an ihrer Stelle auch tun.«

Und der blasse, gebrechliche Mann im hohen Lehnstuhl erwidert: »Vielleicht haben Sie recht. Dreißig Jahre der Ordnung, der Sicherheit, der Ruhe... sind lang. Das kommt fast einer Verurteilung zu lebenslänglichem Kerker gleich.« Mit mattem Lächeln fügt er hinzu: »Aber was wollen Sie? Ich bin jetzt 71. Das ist etwas spät, um eine neue Karriere als Sünder zu beginnen.«

Publizist Montanelli hat im öden Gleichmaß der Diktatur und hinter jener penetranten Wohlanständigkeit, die das Portugal Salazars wie mit einem Firnis überzieht, den tieferen Grund der Unzufriedenheit entdeckt, die seit Jahren zahlreiche Bürger des »Estado Novo«, des mit seinem Gründer alt und krank gewordenen »neuen Staates«, erfüllt:

In 30 Jahren hat Jesuitenzögling Salazar, ursprünglich zum Priester bestimmt, das Land nach seinem Charakterbild geformt. Nun ist es zwar - so urteilt »The Saturday Evening Post« - »nüchtern und fleißig, sparsam, enthaltsam, melancholisch, fromm und vor allem - wohlgeordnet«. Aber es ist auch scheußlich langweilig.

Portugal hatte in diesen drei Jahrzehnten

- nur einen Premier, António de

Oliveira Salazar,

- nur eine Partei, die von Salazar 1931 gegründete, inzwischen zum Mitläufer-Verein herabgesunkene »Uniao Nacional«,

- ur eine Jugendorganisation, die von Salazar nach dem Vorbild der Hitler-Jugend 1936 geschaffene, mit grünen Hemden ausstaffierte »Mocidade Portuguesa«, und

- eine nach Salazars Wünschen von der staatlichen Vorzensur gegängelte Presse.

Eine legale Opposition existiert nicht.

Als sich nach dem Sturz der Monarchie-König Manuel II. ging 1910 ins britische Exil - jede Art von Opposition sechzehn Jahre lang ungehindert austoben durfte, explodierten in Lissabon 325 Bomben. 38 Menschen fielen diesen Attentaten zum Opfer. 22 Staatsstreiche- und Revolutionen belebten die politische Szene. Die Republik verkonsumierte 40 Kabinette und zehn Präsidenten, ehe sie mit einer Schuldenlast von 134 Millionen US-Dollair dem Staatsbankrott zutrieb.

Finanzexperte Salazar hat den Staatshaushalt saniert; eine harte Währung geschaffen, die Handelsflotte verdoppelt, für bedächtigen ökonomischen Fortschritt gesorgt und bisher Portugals überseeische Besitzungen, klug zusammengehalten.

Aber der strenge, ein wenig altmodische Schulmeister eines kleinen Volkes, das aus den Erinnerungen an seine große Vergangenheit nur schwer in die nüchterne industrielle Gegenwart findet, mußte mit seinem autokratischen Regiment unweigerlich jene explosive Langeweile erzeugen, die unter südlicher Sonne so rasch in Haß umschlägt.

Der schmächtige Mann im Sao -Bento-Palast, der weder Uniform noch Orden trägt, hat keine kriegerischen Abenteuer inszeniert und keine zwielichtigen Skandale geboten. Er hat weder pikante Liebschaften gehabt noch sich an der Staatskasse bereichert. Er ist kein Magier des Wortes; kein Hypnotiseur der Massen wie seine früh verblichenen Diktator-Kollegen in Deutschland und Italien. Er ist nur mächtig, tugendhaft und fad.

»Ich kann dem Volk nicht schmeicheln«, stöhnte Salazar in jenen Jahren, als ihm die Portugiesen noch zujubelten. »Unsere Regierung ist populär, aber sie ist kein Regime der Massen... Diese Leute, die mir heute zuwinken, können morgen ebensogut gegen mich rebellieren ... »

Und nun rebellierten sie wirklich, wenn auch zunächst nur im Geiste. Nun diskutierten sie in den Cafés und rissen den Zeitungsjungen auf der Avenida da Liberdade, der Lissabonner Prachtstraße, die noch druckfeuchten - vorzensierten - Blätter aus den Händen, um sich an

den Abenteuern des grauhaarigen Hauptmanns Henrique Galvao zu delektieren, der im Karibischen Meer die »Santa Maria« (SPIEGEL 6/1961); das Flaggschiff der portugiesischen Handelsmarine, in kühnem Handstreich gekapert hatte. Weggewischt waren ödes Gleichmaß und penetrante Wohlanständigkeit. Portugal hatte in den letzten zwölf Tagen nicht nur einen tugendhaften Schulmeister, sondern auch wieder einen heimlichen Helden, der mit großmäuligen Worten ebenso trefflich zu streiten wußte wie die schwertklirrenden Karavellen-Kapitäne zu Zeiten Heinrichs des Seefahrers (1394 bis 1460), als Portugal den halben Erdball eroberte.

»Wir werden uns niemals ergeben«, funkte Rebell Galvao, »eher versenken wir das Schiff.« Und das Salazar-treue Lissabonner »Diário da Manha« geiferte: »Das ist der Tiefpunkt eines exhibitionistischen Lotterlebens ohne jedes moralische Gewissen.«

Henrique Galvao, vor zehn Jahren noch Mitglied in Salazars »Uniao Nacional« und Abgeordneter des Lissabonner Ein-Partei-Parlaments, später Insasse portugiesischer Gefängnisse, politischer Emigrant und schließlich Pirat, sprach im Namen einer »Junta zur Befreiung Portugals«, die den unterlegenen und nach Brasilien emigrierten Präsidentschaftskandidaten von 1958, Fliegergeneral Humberto Delgado, als den legitimen portugiesischen Staatschef betrachtet.

Was zwei todesmutige Puertorikaner 1950 für ihre halbvergessene mittelamerikanische Insel taten; was 1958 die Castro-Rebellen mit der Entführung des argentinischen Automobil -Weltmeisters Juan Manuel Fangio bezweckten das erreichte auch Exhauptmann Galvao für seinen Chef: Er eroberte dem unbekannten Delgado die Schlagzeilen der Weltpresse.

Im November 1950 waren Oscar Callazo und Grisello Torresola, zwei puertorikanische Nationalisten, in den Garten des Blair-Hauses in Washington eingedrungen, das Präsident Truman damals bewohnte, und hatten ein Feuergefecht mit der Leibwache des Präsidenten geführt. Torresola und ein Geheimpolizist wurden dabei getötet, Callazo schwer verletzt.

Die Schüsse im Vorgarten, die Truman aus seinem Mittagsschlaf schreckten, brachten den Unabhängigkeitskampf der kleinen, von den USA als Kolonialbesitz behandelten Zuckerinsel in die Schlagzeilen und nötigten dem amerikanischen Präsidenten die Erklärung ab, er trete für die Selbstregierung Puerto Ricos ein. Seit 1952 ist die Insel autonom, wenn auch weiterhin mit den USA assoziiert.

Das Beispiel Puerto Ricos animierte Castros kubanische Untergrundkämpfer. Auch ihr Kleinkrieg gegen den Insel-Diktator Batista brauchte größere Schlagzeilen. Castro bekam sie, als zwei seiner Lederjacken-Männer im Februar 1958 den argentinischen Weltmeister Fangio kurz vor dem Rennen um den »Großen Preis von Kuba« aus dem Lincoln-Hotel in Havana entführten. Batista wütete gegen die Rebellen, das Rennen wurde abgebrochen, und Fangio griente nach seiner Freilassung: »Wenn er (Castro) glaubte, es geschehe für eine gute Sache, dann akzeptiere ich das als Argentinier.« Die »New York Herald Tribune« aber konstatierte: »So ein Tort ist noch keinem Tyrannen der Geschichte angetan worden.«

Nur das Piratenstück des 65jährigen Hauptmanns Galvao (siehe Karte Seite 40), das zwei Wochen lang Regierungen und Redaktionen in Atem hielt, übertrifft die Frechheit der Fangio-Entführer, die den gestürzten Batista zehn Monate später ins Exil trieben.

Galvaos Handstreich zwang den vergrämten Alleinherrscher im Lissabonner Sao-Bento-Palast, in allen Teilen des weitverstreuten portugiesischen Imperiums Truppen und Kriegsschiffe gegen die 70 »Santa Maria«-Rebellen zu mobilisieren. Dabei mußte er mißtrauisch abwägen, welche Bataillone, welche Schiffsbesatzungen, welche Offiziere vielleicht heimliche Sympathien für die Aufrührer hegen könnten.

Mehr noch: Salazar sah sich genötigt, bei seinen großen Alliierten Amerika und England um Hilfe gegen das Rebellen-Schiff zu bitten, die von beiden Regierungen überaus vorsichtig dosiert wurde, und dabei seine eigene militärische Schwäche zu offenbaren. Portugal hat nur vier Zerstörer, zwölf Fregatten und drei kleine U-Boote auf See. Galvao aber, zu raschem Schlagzeilenruhm gelangt, verhandelte mit amerikanischen Admiralen. Delgado wechselte Telegramme mit dem Uno-Hauptquartier und dem State Department. Und Brasiliens neuer Präsident, Janio Quadros, nannte den »Santa Maria«-Piraten seinen »alten Freund«, dem er »alle Garantien« geben werde. Quadros: »Galvao weiß, daß ich das Schiff keinesfalls den portugiesischen Behörden übergeben werde, wenn es einen brasilianischen Hafen anläuft.«

Dieses Quadros-Wort, das den »Santa Maria«-Rebellen den Hafen von Recife öffnete, war ein böser Schlag für Salazar und die von ihm sorgsam gepflegte »Lusitanidade"*, jene »brüderliche Schicksalsgemeinschaft« zwischen Portugal und seiner ehemals größten Kolonie Brasilien, die von den Regierungen der beiden Portugiesisch sprechenden Nationen 1955 mit einem Staatsvertrag besiegelt wurde der Vertrag gewährt den Angehörigen der Luso-Brasilianischen Gemeinschaft ein doppeltes Staatsbürgerrecht.

Unter Quadros-Vorgänger Kubitschek, den das Salazar-Regime im August 1960 noch als Staatsgast überschwenglich feierte, hatte Pirat Galvao mit Internierung und Auslieferung zu rechnen. Nun schien ihm nicht nur politisches Asyl, sondern sogar wohlwollende Unterstützung sicher.

Der Premier im Sao-Bento-Palast begriff, weshalb Brasiliens neuer Staatschef, der schnurrbärtige Jurist aus Sao Paulo, ihm während seines jüngsten Privatbesuchs in Lissabon nicht einmal eine Höflichkeitsvisite gemacht hat: Den großen Säuberungsbesen, den der exzentrische Quadros jetzt in Brasilien schwingt, sollte künftig Sao-Paulo-Emigrant Delgado in einem Salazar-freien Portugal führen.

Da gelang Salazars Juristen Ende vergangener Woche ein überraschender Treffer: Ein Gericht der brasilianischen Hafenstadt Recife gab einer Klage der Schiffseigentümerin, der portugiesischen »Companhia Colonial de Navegacao«, statt und entschied, die »Santa Maria« müsse beschlagnahmt und an die portugiesische Schiffahrtsgesellschaft zurückgegeben werden.

In nächtlichen Konferenzen suchte Brasiliens neuer Außenminister Alfonso Arinos aus diesem Dilemma einen Ausweg, der den geheimen Zusicherungen seines Staatschefs an Hauptmann Galvao gerecht wurde, ohne brasilianisches oder internationales Recht zu verletzen

Quadros, damals noch nicht Präsident, sondern Privatmann, und sein heutiger Außenminister waren mit Galvao vor dessen Piratenstreich zu vertraulichen Gesprächen in Carácas zusammengetroffen. Arinos, von Journalisten bedrängt, bestritt jedoch, die Pläne des Rebellen-Hauptmanns gekannt zu haben.

Das Gericht in Recife hatte Galvao eine Frist von zehn Tagen eingeräumt: in dieser Zeit hätte er gegen die Beschlagnahme Einspruch erheben können. Als jedoch nach der Landung nicht nur die 621 Passagiere, sondern auch die Mitglieder der Besatzung in wilder Flucht von Bord drängten und schließlich auch etliche Männer aus dem Rebellenteam in Brasilien um Asyl baten, gab der »Santa Maria«-Pirat das Spiel verloren: Galvao lieferte das Schiff der brasilianischen Marine aus.

Portugals ergrautem Alleinherrscher blieb es noch einmal erspart, jener Lächerlichkeit anheimzufallen, die auch für Diktatoren gefährlich ist. Das Schlagzeilen produzierende Rebellenschiff verschwand vom Atlantik, ohne daß der endlich vor Brasiliens Küste eingetroffene portugiesische Zerstörer »Pero Lobo« einen scharfen Schuß abgefeuert hatte.

Dennoch könnte der Popularitätsgewinn des Seeräuber-Hauptmanns, dessen Schicksal bald die Breitleinwand nichtportugiesischer Kinos füllen wird, am Ende größer sein als der Respekt vor Portugals tugendhaftem Schulmeister.

»Ich bin ein Mann, der jederzeit bereit ist, zurückzutreten«, behauptete Salazar im Juni 1958 vor seinen Parteifunktionären, »ich möchte nicht sagen, ohne Trauer, aber ohne Illusionen.« Dann ergänzte er: »Die Macht ermüdet, verbraucht und enttäuscht diejenigen, die sie innehaben, auch wenn kein Grund dazu vorliegt.«

Portugals Diktator hatte damals Anlaß zu solchen resignierten Betrachtungen. Zwar war sein Protege, der 66jährige Konteradmiral Américo Deus Rodrigues Tomás, als Sieger aus der Präsidentenwahl hervorgegangen; doch hatte der unabhängige Kandidat der Opposition, Fliegergeneral Humberto Delgado, nach offizieller Zählung 23,5 Prozent der abgegebenen Stimmen errungen, während weitere 20 Prozent der Stimmberechtigten der Wahl fernblieben.

Das Wahlresultat wäre vielleicht noch ärger ausgefallen, hätte die Salazar -Regierung nicht am Morgen des Wahltages vorsorglich verboten, daß Vertreter der Opposition der Stimmenauszählung beiwohnten.

»Ein hartnäckiges Gerücht behauptet«, schrieb Verlierer Delgado Monate später als Emigrant um »Contemporary Review«, »einige Regierungsangestellte hätten zugegeben, daß sie die Stimmenanteile der beiden Kandidaten- vertauscht haben.« Mit anderen Worten: Nicht Salazar-Protegé Tomás, sondern Salazar-Gegner Delgado wäre heute von Rechts wegen portugiesischer Präsident.

Delgado, der als Militär-Attache in Washington die Praktiken amerikanischer Wahlkämpfe studiert hatte, war mit so massiven Werbeslogans aufgetreten, daß es dem Premier ratsam schien, es zu einem solchen Wahlkampf nie wieder kommen zu lassen. Der 54jährige Fliegergeneral gerierte sich als Vorkämpfer der »verfolgten Intellektuellen, unterdrückten Künstler, vernachlässigten Techniker und mit einem Maulkorb bedachten Journalisten« und drohte: »Wenn ich Staatspräsident werden sollte, werde ich Salazar entlassen.«

Ein solches Ende des Salazar-Regimes, um das sich die Delgado-Wähler betrogen glauben, wäre nach dem Verfassungstext von 1933, den Portugals Alleinherrscher selbst ausgearbeitet und dem Volk zur Abstimmung unterbreitet hatte, durchaus legal gewesen, denn der auf sieben Jahre vom Volke gewählte Präsident hat das Recht, den Premier zu ernennen.

Der Ministerpräsident aber ist - nach einem offiziellen Verfassungskommentar des einstigen Salazar-Stellvertreters Marcello Caetano. - »der Beauftragte des Staatsoberhaupts und in dieser Eigenschaft Inhaber der Regierungsgewalt, die übrigen Mitglieder der Regierung sind lediglich seine Assistenten.«

Verfassungsvater Salazar hätte die Stellung des Regierungschefs in seiner »unteilbaren Republik auf korporativer (ständischer) Grundlage« kaum mit solcher Machtfülle ausgestattet, wenn er nicht sicher gewesen wäre, von jedem künftigen Präsidenten im Amt bestätigt zu werden.

Dafür sorgt eine doppelte Sicherung: Die von Salazar dirigierte Staatspartei »Uniao Nacional« bestimmt, wer für die Präsidentschaft kandidiert, während seine Geheimpolizei Pide (Policia Internacional e de Defesa do Estado) die Wahl selbst nach Wunsch manipuliert.

Solange der greise General Oscar de Fragoso Carmona, einer der führenden Militärputschisten von 1926, Staatspräsident war, funktionierte das salazaristische System. Erst als der 81jährige General 1951 während seiner vierten Amtsperiode starb, begannen die Schwierigkeiten.

Salazar wurde zunächst amtierender Präsident, weigerte sich jedoch, selbst zur Galionsfigur des von ihm geschaffenen Ständestaates zu werden, obgleich ihn die Funktionäre der »Uniao Nacional« gutgläubig dazu drängten. Er fühle sich »moralisch nicht widerstandsfähig genug«, das höchste Staatsamt zu übernehmen, heuchelte der Premier.

Präsident wurde abermals ein General, der Dr. Salazar auch pflichtgemäß zum Regierungschef ernannte, sich jedoch mit der ihm zugedachten Statistenrolle nicht zufriedengeben wollte: Craveiro Lopes. Da ihm bald Beziehungen zu oppositionellen Gruppen nachgesagt wurden, kam er für eine zweite Kandidatur nicht in Frage.

1958 entschied sich Salazar für einen Marine-Offizier, für den biederen, beim Aufbau der Handelsflotte bewährten Konteradmiral Tomás. Der tat nach der Wahl seine Statistenpflicht, aber nun hatte Portugals altgedienter Diktator zum ersten Male Sorgen mit der Opposition.

Sein vorsichtiger Frontenwechsel während des Zweiten Weltkriegs von der Seite der totalitären Achsenmächte zu den westlichen Alliierten, bei denen Portugal als Lieferant wertvoller Luftstützpunkte auf den Azoren seit 1942 die Rolle des »kollaborierenden Neutralen« spielte, zwang Salazar auch zu einigen demokratischen Schönheitsreparaturen an der Fassade seines »Estado Novo«.

Zwar wurde ein zaghaftes Experiment mit der Pressefreiheit im Oktober 1945 sofort wieder aufgegeben, aber die oppositionellen Gruppen erhielten nun das Recht, einen Monat vor Neuwahlen frei zu agitieren. Dennoch blieben sie aus Protest - gegen Polizei-Schikanen meist den Wahlen zur Nationalversammlung fern.

Erst die Präsidentenwahl 1958 verhalf der Opposition, zu der jetzt auch altgediente Salazaristen zählten, zu einem Achtungserfolg, der Salazar veranlaßte, endlich den letzten Unsicherheitsfaktor bei der Bestimmung des Staatspräsidenten zu beseitigen: die Volkswahl.

Künftig sollen Mitglieder der Nationalversammlung und der Ständekammer

- beide beherrscht von Salazars Staatspartei - zusammen mit Vertretern der überseeischen Provinzen in einem besonderen Ausschuß den Kandidaten wählen, den der alte Herr im Sao-Bento -Palast zuvor bezeichnet hat. »Jetzt ist es ganz schlimm«, grollte ein portugiesischer Sozialist nach dieser Verfassungsänderung, »nun haben wir nicht einmal mehr das Recht, zu wählen und zu verlieren.«

Das Wahlrecht ist in Portugal, das unter den neun Millionen Einwohnern des Mutterlandes noch 40 Prozent Analphabeten zählt, ohnehin an besondere Bedingungen geknüpft. Männer dürfen nur wählen, wenn sie lesen und schreiben können und eine ordnungsgemäße Steuererklärung vorlegen; von den Frauen wird sogar das Abschlußzeugnis eines Gymnasiums oder einer Berufsschule verlangt. Deshalb gibt es nur 1,1 Millionen Wahlberechtigte.

Die Erfahrungen bei den Präsidentenwahlen, aus denen Portugals Premier die »Entwicklung eines umstürzlerischen Prozesses« herauszulesen glaubte, veranlaßten Salazar zu schärferen Maßnahmen gegen die Opposition. Die von Innenminister Schulz kommandierte Geheimpolizei, die einreisende Fremde überwacht, Auslandsreisen portugiesischer Staatsbürger genehmigt und etwa 3000 politische Häftlinge in Gewahrsam hält, bekam damit neue Arbeit.

In einer Rede vor Funktionären der »Uniao Nacional« verkündete der Regierungschef zuvor folgende Grundgedanken:

- »Es ist weder möglich noch angebracht, eine Oppositionspartei zu schaffen.«

- »Die Zensur hat... (uns) eine Handlungsfreiheit erlaubt, die wir bei anderen, angeblich liberalen Regierungsformen nicht sehen.«

- »Der Streik gilt bei uns als Verbrechen

... Es erscheint uns absolut wesentlich, daß der Arbeiter in der heilsamen Überzeugung lebt, nur die Ordnung könne ihm Arbeit sichern.«

- »Ich habe (meinen) Rücktritt nicht forciert, in der Hoffnung, einen Grad der Festigung des Regimes zu erreichen, der es ihm erlaubt, ohne Schwierigkeiten weiterzuarbeiten.« Die Starrheit dieses Gedankengebäudes, das über Jahrzehnte-hinweg unerschüttert geblieben war, überraschte selbst einen geistlichen Briefschreiber, der etwa zur gleichen Zeit die Feder ergriff. In einem acht Seiten langen Dokument, das der Bischof von Porto, Antonio Ferreira Gomes, an den Regierungschef richtete, verlangte der resolute Kirchenmann die Zulassung einer christlich-demokratischen Partei und forderte das Streikrecht für Portugals Arbeiter. Der Bischofsbrief, den Salazar schroff zurückwies, geht seitdem - insgeheim vervielfältigt - von Hand zu Hand.

»Die traurige Wahrheit ist«, grollte Monsignore Gomes, »daß die Kirche in Portugal mehr und mehr das Vertrauen ihrer Gläubigen, der Arbeiter und der Jugend verliert.« Und weiter: »Der portugiesische Ständestaat hat sich in Wirklichkeit zu einem Instrument zur Ausplünderung der Arbeiter entwickelt... Hunger und Elend sind noch immer weit verbreitet.«

Nach dieser bösen Attacke forderte Salazar vom Vatikan die Abberufung des Bischofs. Der Heilige Stuhl weigerte sich, doch reiste Gomes zunächst auf Urlaub nach Rom, ehe er einen Lehrauftrag am Priesterseminar im spanischen Valencia erhielt. Für das verwaiste Bistum Porto, von jeher ein Zentrum der Salazar-Gegner, ernannte der Papst einen apostolischen Administrator. In einer Protestschrift forderten 300 katholische Geistliche inzwischen die Rückkehr ihres vertriebenen Kirchenfürsten.

Ähnliche Gedanken wie sein Amtsbruder Gomes äußerte der Kardinal -Patriarch von Lissabon, Manuel Goncalves Cerejeira, in vertraulichem Gespräch mit seinem ehemaligen Studienkollegen Salazar. Doch war der strenge Landesvater, zu dessen politischen Prinzipien die strikte Trennung von Staat und Kirche zählt, den fortschrittlichen Ideen seines geistlichen Freundes so wenig aufgeschlossen, daß sich die beiden prominenten Junggesellen, die einst an der Universität Coimbra die Wohnung miteinander teilten, jetzt nur noch einmal in jedem Jahr begegnen: am Weihnachtsabend. »Der Herr Kardinal -Patriarch«, spöttelte Salazar nach der letzten frostigen Unterhaltung, »hatte von jeher einen viel liberaleren Geist als ich...«

Nach diesen Scharmützeln zwischen Kirche und Diktatur zogen es der unterlegene Präsidentschaftskandidat Delgado und andere prominente Politiker der Opposition vor, reihum in den Lissabonner Botschaften der lateinamerikanischen Republiken um Asyl zu bitten.

Eine Änderung des Regimes von innen her schien ausgeschlossen, solange der starrsinnige Alte, den im Winter oft Grippeanfälle, Lungenentzündungen und Herzattacken quälen, den Lehnstuhl im Sao-Bento-Palast gegen jeden möglichen Nachfolger verteidigt. Der Anstoß mußte von außen kommen, vielleicht von der Schwesternation innerhalb der Luso-BrasilianischenGemeinschaft, vielleicht aus den 1951 durch Gesetz in Übersee-Provinzen umgewandelten Kolonien, die längst den »Wind der Veränderung« (Macmillan) spüren, den Portugals Alleinherrscher noch immer hinwegzudisputieren sucht.

Delgado, wegen »Feindschaft gegen die Interessen des Staates« aus der Armee entlassen, durfte ungehindert nach Südamerika reisen, ebenso der aus dem Gefängnis entwichene spätere »Santa Maria«-Pirat Galvao. Frau Delgado verzehrt seitdem in Lissabon, der Sanftmut des christlichen Diktators vertrauend, die Pension ihres abwesenden Gatten, Salazar: »Delgado soll alles werden, nur kein Märtyrer.«

Zwar wurde der verhinderte Märtyrer inzwischen zum Prediger des Aufstands gegen die väterlich-milde Tyrannei Salazars, doch haben Exgeneral und emeritierter Professor - 70 Jahre sind in Portugal das gesetzlich vorgeschriebene Pensionsalter - ein großes Stück ihres Lebensweges gemeinsam zurückgelegt.

Als der junge Artillerie-Leutnant Delgado im Mai 1926 unter Marschall de Costa und General Carmona nach Lissabon marschierte, um in Portugals unblutigster Revolution (zwei Verwundete) die mißratene Republik zertrümmern zu helfen, hatte der 36jährige Professor Salazar bereits wissenschaftlichen Ruhm gewonnen, der sogar dem putschenden Marschall zu Ohren gekommen war.

Salazar sollte Finanzminister der Militär-Junta werden, aber er lehnte ab. Erst zwei Jahre später bewilligte ihm Carmona jene Vollmachten, die der inzwischen gestürzte de Costa unwillig verweigert hatte: ein Veto gegen jede Ausgabe der Regierung. Die Staatsschuld hatte damals die für portugiesische Maßstäbe astronomische Summe von 134 Millionen US-Dollar erreicht, das jährliche Haushalts-Defizit betrug 32 Millionen.

Im selben Jahr machte Delgado mit Rekordflügen von sich reden und wurde Staatssekretär im Unterrichtsministerium. Der Finanzminister aber stoppte die Papiergeld-Produktion der Notenbank, reduzierte drastisch die Staatsausgaben - darunter auch die Beamtengehälter - und führte neue Steuern ein. Damit vollbrachte er jenes portugiesische Wunder, von dessen Ruhm er heute noch zehrt.

Innerhalb eines Jahres hatte der Professor aus Coimbra mit rigorosen Sparmaßnahmen den Staatshaushalt des kleinen Landes ausgeglichen; nach vier Jahren, auf dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, war Portugals Auslandsschuld bezahlt. Salazar avancierte zum Premier, Delgado zum Reisebegleiter des Staatspräsidenten Carmona.

Zweimal hatten diese beiden, heute zu Gegenspielern gewordenen Männer eng miteinander zu tun: 1941 führte Delgado, einziger Offizier der Luftwaffe im portugiesischen Generalstab, im Auftrag Salazars die Geheimverhandlungen mit England über die alliierten Flugstützpunkte auf den Azoren; 1944 verlangte Salazar von ihm, die Versäumnisse von 16 Jahren in drei Monaten aufzuholen. Delgado, später zum Generaldirektor der Zivilluftfahrt ernannt, sollte aus »einem Flugzeug, einem Piloten und einem Mechaniker« - so witzelte die amerikanische Konkurrenz - eine portugiesische Luftverkehrsgesellschaft machen. -

Schon damals-zeigte sich, daß Portugals pedantischer Diktator zwar das Sparen zur Meisterschaft entwickelt hatte, aber im-Geldausgeben ein Stümper geblieben war. Zwar hat der alte Herr bis heute etwa 880 Millionen US -Dollar in Gold und Devisen als Währungsreserve angesammelt, zwar ist sein Imperium schuldenfrei, aber das portugiesische Durchschnittseinkommen erreicht mit 220 US-Dollar (924 Mark) pro Jahr gerade ein Zehntel des amerikanischen (2057 Dollar).*

»Obgleich Portugal für die Nato nur eine mikroskopische Streitkraft bereitstellt«, schimpft Exgeneral Delgado, »verschlingen die Verteidigungsausgaben übet 30 Prozent des Staatshaushalts, während für Erziehung in einem Lande, das praktisch den höchsten Prozentsatz an Analphabeten in Europa hat, weniger als zehn Prozent ausgegeben werden.«

Die kostspielige portugiesische Armee zählt ganze 65 000 Mann, die »Portugiesische Legion«, eine Mischung aus Volkssturm und Technischer Nothilfe, die im spanischen Bürgerkrieg den Truppen General Francos mit Freiwilligen zu Hilfe eilte, etwa 60 000. Eine Infanterie-Division und zwei Flugplätze stehen der Nato zur Verfügung, zu deren Gründungsmitgliedern Portugal gehört.

Die 16 000 Volksschulen des Landes aber reichen nicht aus, um auch nur der Hälfte aller über sieben Jahre alten Portugiesen Lesen und Schreiben beizubringen. Auch Schulmeister Salazar hat nicht vermocht, die allgemeine Schulpflicht, die 1911 von der Republik eingeführt wurde, in seinen 32 Amtsjahren zu verwirklichen.

Ergeben hingenommene Armut und Unwissenheit, die Portugal bis heute vor jenen Anfechtungen des Kommunismus bewahrt haben, unter denen seide wohlhabenderen romanischen Nachbarn leiden, sind denn auch die wichtigsten Stützen des Salazar-Regimes. Seine Nutznießer bleiben die von Emigrant Delgado heftig attackierten »fünfzig Familien«, in deren Taschen Salazars harte Escudos fließen; sie haben seit Jahrzehnten den Wohlstand des Landes in ihren Händen monopolisiert.

Der zum Führer der Salazar-Feinde aufgestiegene Militär Delgado hat dem Regime des Diktators, dem er die besten Jahre seines Lebens in Treue diente, indes nur recht unklare Vorstellungen über das entgegenzusetzen, was in einem Salazar-freien Portugal anders werden soll.

»Ich bin eigentlich kein Politiker«, erklärte Delgado bei einem Besuch in London. »Ich kämpfe auch nicht für eine besondere Partei ... Wir haben in Portugal seit 30 Jahren keine Parteien mehr... Ich kämpfe für Gerechtigkeit und historische Freiheit.«

Mit dem niedrigsten Lebensstandard in Westeuropa ist Salazars Portugal, in dem die Uhren seit 1933 stillzustehen scheinen, inzwischen zum billigsten Touristenland des Kontinents geworden: In der Tat müssen auch die Devisen-Einnahmen aus dem Fremdenverkehr, dem Export der überseeischen Gebiete und die Geldüberweisungen der Auslandsportugiesen dazu dienen, Jahr für Jahr das Glanzstück des Salazar -Regimes, den Aktiv-Saldo der Zahlungsbilanz, herzustellen; die Handelsbilanz ist stets passiv.

Nur zögernd begriff der Wirtschaftsprofessor aus Coimbra, der sein Lissabon zur ordentlichsten Stadt der Welt machen wollte - alle zwei Jahre sollen laut Regierungsdekret die Häuser frisch gestrichen werden -, daß ein christlicher Ständestaat auch investieren muß, wenn er nicht hinter den übrigen Nationen zurückbleiben will.

»Der wirtschaftliche Liberalismus ist tot«, dozierte Dr. Salazar, pries sein Korporativsystem und zog die Bilanz des ersten Sechsjahresplans (1953 bis 1958), der Portugals Sozialprodukt jährlich um 3,3 Prozent vergrößert hat, während die durchschnittliche westdeutsche Zuwachsrate im gleichen Zeitraum mehr als doppelt so hoch gewesen ist.

Der zweite Sechsjahresplan (1959 bis 1964) steigert die Investitionen zwar- auf 730 Millionen US-Dollar, aber auch dadurch wird sich nichts daran ändern, daß Portugal ein bitterarmes Land bleibt, in dem etwa eine Landarbeiterin in Salazars Heimatprovinz Beira in zwölfstündiger Arbeit nicht mehr verdient, als eine Tasse Kaffee in einem Lissabonner Hotel kostet.

An diesem armen Land hängen jedoch riesige unterentwickelte Gebiete (2,08 Millionen Quadratkilometer), die Salazars Staatsgebilde mit der fortschreitenden Liquidation der übrigen Kolonialreiche zum räumlich größten, aber militärisch und finanziell schwächsten der alten europäischen Imperien machen. »Für ernsthafte junge Portugiesen«, konstatiert die amerikanische »Saturday Evening Post«, »ist ihr eigener Staat ein einziger Anachronismus.«

Für den melancholischen Alten hinter den Fenstervorhängen des Sao-Bento -Palastes, der gern mit mildem Lächeln von der »Gnade, arm zu, sein« spricht und sich selbst nur ein Monatseinkommen von etwa 2300 Mark bewilligt, liegt jedoch in diesem Anachronismus die portugiesische Zukunft.

»Die überstürzte Preisgabe zahlreicher afrikanischer Gebiete durch die europäischen Mächte ist ein Verbrechen, das sich mehr gegen den schwarzen als gegen den weißen Mann richtet«, grollt Salazar im Dezember vor der Lissabonner Nationalversammlung. Portugal werde sich daran nicht beteiligen.

»Wir sind seit 400 Jahren in Afrika«, verkündet der Diktator, »und das ist mehr, als wenn wir erst gestern angekommen

wären. Wir haben eine Doktrin mitgenommen, und das ist nicht das gleiche, als wenn uns nur selbstsüchtige Interessen geleitet hätten.«

Die portugiesische Doktrin für Afrika und Asien (siehe Karte Seite 42) besteht aus einem einzigen Wort: Assimilierung. Die farbigen Bewohner der portugiesischen Übersee-Provinzen können vollberechtigte Staatsbürger werden, wenn sie sich taufen lassen, lesen und schreiben lernen, die portugiesische Sprache beherrschen, sich europäisch kleiden, Wehrdienst leisten und Steuern zahlen. Eine Rassenschranke besteht nicht.

Unter den 4,4 Millionen Negern Angolas, gibt es neben 200 000 Europäern ganze' 20 000 »Assimilados«, in Mozambique unter 6,3 Millionen Schwarzen nur ein paar Tausend. Die portugiesische Doktrin ist also nicht einmal im letzten Jahrzehnt so erfolgreich gewesen, daß die Salazar-Regierung ihre Ergebnisse befriedigt vorweisen könnte. Dennoch verteidigt sie - auch gegenüber der Uno - beharrlich die Fiktion, diese afrikanischen Gebiete, die in wenigen Jahren von unabhängigen Negerrepubliken umgeben sein werden, seien gleichberechtigte, innig miteinander verschmolzene Teile der -portugiesischen Republik.

Als einzige europäische Kolonialmacht schickt Portugal in diesen Monaten nicht nur Truppen nach dem unruhigen Afrika, sondern auch weiße Kolonisten; als gelte es, sich dort in imperialistischer Unschuld für weitere 400 Jahre einzurichten. 55 000 Portugiesen waren es in den letzten fünf Jahren, die sich in Angola mit Regierungshilfe in peinlicher Primitivität ansiedelten.

Als Hauptmann Galvao vor dreizehn Jahren in der Lissabonner Nationalversammlung den Mund auftat, um über die wirtschaftliche Rückständigkeit jener Gebiete zu berichten, die er als Inspekteur der Regierungin Angola bereiste, als er die von Amts wegen organisierte Zwangsarbeit schilderte, die er dort angetroffen hatte - da war seine politische Karriere plötzlich zu Ende. Hinter Gefängnismauern lernte er, daß es auch der sanfteste Diktator übelnimmt, wenn man seine Illusionen zerstört.

Der Diktator im Parlamentspalast, der mit pedantischer Pünktlichkeit seine Bürostunden absolviert - wenn er kränkelt, gestattet er sich allenfalls, um 8.30 statt um 6.30 Uhr aufzustehen -, kennt die Welt nur aus Büchern und aus den Hofberichten seiner Diplomaten (von denen keiner in einer kommunistischen Hauptstadt sitzt).

Salazar hat in seinem Leben nur drei größere Reisen unternommen: einmal als Lourdes-Pilger nach Frankreich und zweimal als Staatsgast nach Spanien.

Sein Arbeitszimmer im Sao-Bento -Palast, seine Junggesellenwohnung in der Lissabonner Rua da Imprensa, das als Sommerresidenz hergerichtete Kastell in Sao Joao do Estoril am Atlantik und sein Elternhaus in Santa Comba, in dem er meist seine Ferien verbringt - das ist die kleine Welt, in der sich seit Jahren ein größer Mann bewegt, der sich jetzt auf so peinliche Weise herausgefordert sah.

Alles schien in diesem Leben vorbedacht und vorgeplant, seit der einzige Sohn des kleinen Bauern Antionio aus Santa Comba sich an den Gedanken gewöhnt hatte, die Vorsehung habe ihn dazu bestimmt, sein Land zu retten.

Er, der schmächtige Doktor Salazar, der die Todesstrafe abgeschafft hat und nur die schlimmsten seiner Feinde einsperren ließ, hat die große Tat - das »portugiesische Wunder« - vollbracht und hat danach versucht, die Zeit volle dreißig Jahre lang stillstehen zu lassen, zumindest in seiner kleinen portugiesischen Welt, in der er konservieren wollte, was ihm, dem auserwählten Schulmeister seines Volkes, gut und richtig schien: die Zensur und das Streikverbot, die vormilitärische Jugendertüchtigung und die Zwangskorporationen für Unternehmer und Arbeiter.

Seit Jahren haben seine Freunde und Gegner jedes Hüsteln überwacht, das aus seinem Arbeitszimmer drang. Seit Jahren halten sie sich bereit, die Nachfolge anzutreten, sobald dem großen Salazar die Macht entgleiten sollte.

Den ehrgeizigen Dr. Marcello Caetano, ehemals Vizepremier und Präsident der Staatspartei, hatte der Diktator mit dem Rektortitel der Lissabonner Universität abgefunden, als der Stellvertreter einflußreicher zu werden drohte als der Chef.

Dem Marschall Francisco Craveiro Lopes, der mehr als eine Marionette sein wollte, entwand er das Staatspräsidentenamt. Seitdem konspiriert der Marschall mit Teilen des Offizierskorps und hält Kontakt zur Opposition.

Sein Name fiel vor kurzem zusammen mit dem des Verteidigungsministers General Botelho Moniz beiläufig in einem Hochverratsprozeß. Die Angeklagten kamen nach dem Hinweis auf so wertvolle Beziehungen mit gelinden Strafen davon.

Einziger Freund unter lauter Ambitionierten: Vizepremier Dr. Pedro Theotonio Pereira, 58, der sich für seinen Regierungschef als Botschafter in Spanien, Brasilien, den USA und England umgesehen hat, in jener Welt, die der Diktator Salazar nicht kennt.

»Das portugiesische Regime«, versichert der designierte Nachfolger des alternden Alleinherrschers, »verfügt über alle erforderlichen Mittel, um weiterzubestehen, falls Dr. Salazar eines Tages den Wunsch haben sollte, sich in die Stille des Privatlebens zurückzuziehen.«

Der gescheiterte Pirat Galvao aber hat einer gaffenden Welt zwölf Tage demonstriert, wie ohnmächtig der dienstälteste Diktator unseres Jahrhunderts außerhalb jener 92 000 Quadratkilometer portugiesischer Erde ist, die er beherrscht.

»Es mag sein«, so rechtfertigt Dr. Salazar drei Jahrzehnte seines. Lebens, daß wir unterliegen werden. Aber damit ist nicht gesagt, daß wir unrecht gehabt haben.«

* Lusitania hieß die altrömische Provinz, der etwa das heutige Portugal entspricht.

* Bundesrepublik 1959: 3644 Mark je Einwohner.

Zeitungsleser Salazar: Zu alt ...

Rebellen-Schiff »Santa Maria«

... für eine Sünder-Karriere

NeWs of the World, London

»Keine Sorge, Herrschaften! Hat absolut nichts mit Politik zu tun. Ist nur ganz altmodische Seeräuberei.«

Portugals Staatsjugend: Ein Zeitalter wird besichtigt

Portugals Kardinal-Patriarch Cerejeira

Tugend macht mürrisch

Premier Salazar, Vorgesetzter Carmona (1941): Macht macht müde

Diktator Salazar, Verbündeter Franco (1922)*: Ein Schiff wird kommen

Brasilien-Boß Quadros

Erste Hilfe...

»Santa Maria« Boß Galvao

... für einen alten Freund

Salazar-Gegner Delgado: Wurden die Urnen vertauscht?

Designierter Nachfolger Theotonio: Notfalls auch ohne Salazar

Tomás

Evening Standard, London

»Wenn diese Piraten aus einem Land hinter dem Eisernen Vorhang gekommen wären, würden wir sie selbstverständlich Freiheitskämpfer nennen.«

* Mitte: Alberto Martin Artajo, spanischer Außenminister von 1945 bis 1957.

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