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»Lediglich Deutschland aufrütteln«

aus DER SPIEGEL 20/1971

Als die Grenzschützer ihn am Gründonnerstag im Park der Villa Hammerschmidt in Bande schlugen. schien Karsten Thies Rudolf Eggert, 20, das feststehende Messer, das er in der Tasche hatte, Klinge neun mal zwei Zentimeter, durchaus ernst zu nehmen. Jedenfalls wollte er auf dem Weg zur Wache eigentlich blank ziehen, denn er dachte. »Wenn die ein Messer sehen. bekommen die doch 'Muffen'.«

Auf der Wache ließ Eggert laut werden, wenn man ihn nicht erwischt hätte, »dann hättet ihr in drei Tagen Begräbnis feiern können«. Und dunkel dräuend fügte er hinzu: »Wenn ich zum Bäcker gehe, dann kaufe ich auch Brötchen.«

Aus alledem sollte man wohl entnehmen, wie finster dieser deutsche Jüngling entschlossen sei, »die Verräter des deutschen Volkes« Heinemann, Brandt, Scheel und Wehner, oder wenigstens einen von ihnen, »dahin (zu) schicken, wo er hingehört«, sprich: ihn »zu beseitigen«.

Aber dann widerrief Eggert sein Geständnis -- letzten Dienstag vor dem Haftrichter, der daraufhin den Tatverdacht des versuchten Mordes nicht mehr als dringend ansah, den so begründeten Haftbefehl vom 9. April aufhob und tags darauf durch einen neuen ersetzte. diesmal nur begründet durch den Verdacht der Vortäuschung einer Straftat (plus dem Verdacht diverser Eigentumsdelikte).

Das Messer, dessen Wirksamkeit Karsten Eggert in seinen ersten Vernehmungen noch auf Ambition genommen hatte. galt ihm nun als »völlig nutzlose Waffe«. und die zuvor als »Trick« deklarierte Kunde. Heinemann sei gar nicht zu Hause, wollte er nun von Anfang an geglaubt haben. Sollte ihm einer doch mal das Gegenteil beweisen.

Da läßt sich denn nicht länger verheimlichen, daß etwa am 12. April der Rechtsanwalt Wilhelm Schöttler aus Recklinghausen als Eggerts Verteidiger tätig wurde, und zwar auf Rechnung und Betreiben eines Mannes, den er »einen Mäzen« nennt. Den Namen, Gott behüte, nennt er nicht -- -- ein »freier Unternehmer« sei es, heimatvertrieben, und dieser altruistische N. N. lasse sich den Spaß, Eggert rauszupauken, »eine mehrstellige Summe« (wohl ein paar Tausender) kosten. Gleichwohl weist der Rechtsanwalt Schöttler die Annahme »weit von sich«, der Einfall, Eggerts Geständnis zu widerrufen, sei sein Einfall gewesen.

Es muß also wohl die Vorsehung gewesen sein, die Karsten Eggert unter dem 29. April aus dem Knast an seinen Verteidiger schreiben ließ: »Tatsächlich habe ich nie vorgehabt, Herrn Heine mann zu töten. Dazu wäre Herr Heine mann politisch gesehen auch eine viel zu farblose Persönlichkeit.« Zwar, die vier Herren auf seiner vermeintlichen Abstichliste seien »ganz gefährliche Traumtänzer« Aber deshalb muß man sie ja nicht gleich umbringen. »Ich wollte lediglich Deutschland aufrütteln«, das zufolge des »linken Meinungsmonopols im Fernsehen« über die »Schandverträge« von Moskau und Warschau und über die daraus resultierende »Bolschewisierung« dieses Landes falsch unterrichtet sei.

Also, was nun: ein Psychopath, ein verhetzter Mordbube, ein zweiter Rubin? Mir scheint, Karsten Eggert ist nichts davon -- oder von jedem ein bißchen.

Er ist einer on den Überzähligen, den »misfits«, einer von denen, die bald entdecken, daß sie nirgendwo hineinpassen, außer vielleicht in den Schöpfungsplan: die Bindungen suchen, aber nicht finden, ein Vorbild suchen, aber nicht finden, und die sich dann für beides mit Aggressionen rächen, aber bei weitem zu vital und zu geltungsbedürftig und bei weitem nicht dumm genug sind, um einfach bloß herunterzukommen. Sie kommen auch nicht einfach bloß herunter, es gibt schließlich Heime und das Jugendamt. Und eines Tages dann entkommen sie dieser wirren Wirklichkeit in den alten Spießertraum, Zuchtmeister der Nation zu sein.

Die Eltern waren schon ein halbes Jahr geschieden, als Karsten Eggert (am 23. August 1950) in Hamburg zur Welt kam, wollten wieder heiraten, taten es doch nicht, verfeindeten sich vollends. Mit drei Jahren kam der katholische Karsten zum erstenmal in ein Heim, mit acht Jahren bekam er einen Vormund

auf Betreiben der Mutter, die den (seit der Scheidung sorgeberechtigten) Vater mit der minderjährigen Stieftochter verdächtigte, offenbar nicht ganz grundlos. Der Vater, ursprünglich Krankenpfleger, verschwand, fuhr zur See, war weg auf Jahre.

Dennoch hätte Karsten diesen Vater am liebsten heroisiert: wollte Krankenpfleger werden, vielleicht zur See fahren »wie mein Vater": wollte, als er (inzwischen ein achtzehnjähriger, ausgebüxter, ausgebuffter Heim-Zögling) den Vater schließlich wiederfand, wenigstens saufen mit ihm.

Man kann fragen, wen man will. Eltern, Heimleiter, Lehrherren, die Kameraden bei der Bundeswehr, sie geben alle die gleiche Beschreibung: Karsten Eggert ist ein Junge, der um beinah jeden Preis im Mittelpunkt stehen will und sich dabei durch überzogenes Posieren. durch Spinnereien isoliert; ein Junge, der alle Leute im ersten Anlauf durch übergroße Höflichkeit, durch eine sehr bewußte Liebenswürdigkeit ungemein für sich einzunehmen versteht und sich dann keine Mühe mehr gibt, keine Ausdauer hat, kein Stehvermögen in widrigen Situationen; ein Junge, der immer wieder Anschluß »nach oben« sucht, um das Wohlwollen der Vorgesetzten wirbt und sofort aggressiv wird, wenn er den Anschluß, das Wohlwollen nicht findet.

Karsten Eggert »durchläuft« ein rundes Dutzend Heime, einige davon mehrmals, offene und geschlossene, Lehrheime und Asyle für Aufgegriffene. Auch so kann man die Volksschule absolvieren. eine Lehre zumindest anfangen; auch so kann man sieh was fürs Leben erwerben, nämlich Bauernschläue und eine einschichtige Cleverness, freilich auch eine Wut auf die Umwelt und unter Umständen Homosexualität. Das Überlebenstraining, das solche Heime zweifellos bieten, ist zu hart, um in der bürgerlichen Welt von Nutzen zu sein. Die vier Lehr- und Arbeitsstellen. in denen Karsten Eggert außerhalb der Heime ein Gärtner zu werden, zu sein versucht, bleiben Episoden. enden mit Flucht. Zerwürfnissen. mißglückten kriminellen Abenteuern.

In einem Heim hingegen fällt Karsten Eggert zum erstenmal auch als »Nazi« auf, mit 17 Jahren im Landesfürsorgeheim Glückstadt. Der damalige Erziehungsleiter bemerkt, Eggerts Aggression gehe so weit. »daß er mit Vorliebe bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit zu erkennen gibt, daß er sich mit den 'Alten Nazis' identifiziert. Er sei nicht davon abzubringen. »daß Hitler der größte aller Zeitgenossen war und ist. Zur Unterstreichung seiner Gesinnung tätowierte er sich auf dem Oberarm ein Hakenkreuz«. Der inzwischen wieder verheirateten Mutter und dem Stiefvater, die ihn verblüfft fragen, wie er denn an so was komme, sagt er von oben herab, er lese schließlich Bücher, und »wir diskutieren hier darüber«.

Das ist offensichtlich geprahlt. Nichts spricht dafür, daß Karsten Eggerts rechter Extremismus durch andere als die allergröbsten Reize hervorgerufen worden ist. Er hat für politisch halbwegs differenzierte Quellen (auch für den »Bayernkurier") nie echten Bedarf gehabt. Die NPD. der er zumindest zeitweilig angehörte. war ihm »zu lau«, die »Aktion Widerstand« und die »Europäische Befreiungs-Front« beziehungsweise die »Deutsche Befreiungsbewegung«, auf die er sieh bei seinen Vernehmungen zuweilen beruft, sind neonazistische Sektierer-Klubs mit rabaukischem »Verrat!«-Vokabular, aber ohne Belang.

Von einem bestimmten, nicht genau zu ermittelnden Punkt seines »Heim-Weges« an hat Karsten Eggert vielmehr ein Anti-Vorbild gebraucht und eine provozierende Hülse für seine Aggressionen. Und am besten hat diesen Bedarf offenkundig die »Führer«-Verehrung befriedigt und dieser vertrotzt nachempfundene Nazi-Kult mit »Mein Kampf« und mit politisch pervertierten Poesie-Alben voller Klebebildehen von Hitler. Göring. Gochbels und diversen Wehrmachts-Generalen.

Als er zum erstenmal von der Bundeswehr wegläuft, wo er intensiver als anderswo das Nest gesucht und es noch weniger als anderswo gefunden hat, als er zum erstenmal desertiert also, gerät er bei einer von linksextremen Studentengruppen in Hamburg veranstalteten Protest-Demonstration gegen den Einmarsch der Amerikaner in Kambodscha vorübergehend auf die »andere Seite«. in den Bereich des anderen Extrems. Das mindert keineswegs die Wollust der protestierenden Aktion. Karsten Eggert läßt seine Uniform. ehe er nach München verschwindet, in einer Hamburger Kommune und erzählt noch Wochen später in der Haft ganz begeistert von den »Genossen«, bei denen er »toll mitgewirkt« habe.

Aber vielleicht sind es ja immer die Verwirrten, die überzähligen, die schließlich zum Messer greifen. Und vielleicht haben sie es dann gar nicht so gemeint. Das wird nie wirklich zu ergründen sein -- so wenig wie die Frage. ob dieser Karsten Eggert den Bundespräsidenten Heinemann nun erstechen wollte oder nicht. Es ist, mit Verlaub. auch nicht so wichtig.

Wichtig ist, was aus Karsten Eggert wird, wenn er wieder einmal frei ist; ob er dann die Bindung und das Vorbild, die er bislang vergebens gesucht hat. abermals nicht finden kann. Es ist wichtig nicht nur für ihn, sondern für alle Bürger (und für ihren Präsidenten). Denn Eggerts gibt es viele.

Hermann Schreiber
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