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AFFÄREN / DÜSSELDORF Leere vermieden

Kann durch Artilleriebeschuß nur gewinnen. Aus einem Sketch des Kom(m)ödchens über den Düsseldorfer Opern-Neubau 1955.
aus DER SPIEGEL 38/1967

Professor Friedrich Tamms, 63, Chef des Baudezernats der Stadt Düsseldorf, verbat sich die Kritik: »Das geht die Bildhauer einen Dreck an.«

Die Bildhauer, fünf Professoren der Düsseldorfer Kunstakademie, hatten im Juni dieses Jahres ihr Mißfallen an der neuerbauten städtischen Kunsthalle bekundet. In einer Presseerklärung hatten die Akademiker »den sofortigen Abriß« des Musentempels vorgeschlagen -- »das Biest«, so erläuterte Akademielehrer Norbert Kricke vor dem Neubau, »muß wieder weg«.

Die Forderung der rheinischen Kunstgelehrten« die eher rhetorisch gemeint war, reizte Stadtplaner Tamms gleichwohl zum Zorn -- er nahm sie ernst. Das Abrißverlangen« so ereiferte er sich, »ist natürlich total blöde«, darüber könne man »nur noch lachen«.

Dem Düsseldorfer »Baupapst« (wie ihn die Kunstzeitschrift »Artis« nannte) ist das Lachen seither vergangen. Denn das Professoren-Scharmützel eskalierte zu einem Architekten-Krieg, der nunmehr seit Monaten in den Spalten der Düsseldorfer Lokalpresse ausgetragen wird. Hauptthema: die selbstherrliche Amtsführung des Baudezernenten Tamms.

An drei Fronten zugleich geriet der Bauherr ins Gedränge:

> Die unter Mitarbeit des Tamms-Amts erbaute Kunsthalle 7,5 Millionen Mark) erregte Kritik bei Bürgern, Künstlern und Architekten.

> Ein im Bau befindliches städtisches Schauspielhaus (Kostenanschlag: 31,5 Millionen Mark) wird durch Fehlplanungen mindestens 4,5 Millionen Mark teurer werden.

> Der geplante Bau eines Düsseldorfer Rat-Hochhauses droht einen Skandal auszulösen: Der Architekt Rudolf Moser, 36, Gewinner des Rathaus-Wettbewerbs, erhebt öffentlich den Vorwurf, Tamms versuche durch Intrige, ihn bei der Rathausplanung auszuschalten. Düsseldorfs Stadtväter, die in lokalpatriotischen Festreden ihre Heimatstadt gern als »Tochter Europas«, »Klein-Paris« und »Kunststadt« feiern, hatten vor sieben Jahren beschlossen, die längst baufällige städtische Kunsthalle durch einen Neubau zu ersetzen.

Gewinner des Neubau-Wettbewerbs (erster Preis: 10 000 Mark) war der Architekt Bruno Dammann. Doch Dammanns preisgekrönter Entwurf erschien Stadtplaner Tamms verbesserungsbedürftig. Immer neue Änderungen am Kunsthallen-Modell verlangte Tamms dem Preisträger ab, bis Dammann schließlich auf die Ausführung des Projekts verzichtete.

Statt dessen präsentierten nun Tamms und sein Bauamt einen selbstgefertigten Entwurf. Es entstand ein Ausstellungsgehäuse, das vom Düsseldorfer Volksmund als »Kunstbunker«, von der Presse als »neureiche Nibelungenburg« geschmäht wurde.

Die Fenster der klobigen Kunsthalle schienen dem Kritiker der Zeitschrift »Artis« »eher mit der Kanone eingeschossen als überlegt placiert«. Die Lichtverhältnisse im Innern der Halle seien demzufolge »miserabel«, das Graphik-Kabinett »finster wie die Nacht, aber dafür auch zu niedrig«. »Schilda«, so »Artis«, »kann nicht weit von Düsseldorf entfernt liegen.«

Einen »Schildbürgerstreich« auch vermutete die Hamburger »Welt« hinter den Fehlplanungen zum Düsseldorfer Schauspielhaus, das nach dem Willen der Stadtväter zu einem repräsentativen Zentrum rheinischen Theaterlebens werden sollte.

58 Architekten, darunter auch Altmeister Richard Neutra, hatten sich an dem 1960 ausgeschriebenen Wettbewerb beteiligt. Für den Bau ausgewählt wurde das Modell des einheimischen Architekten Bernhard Pfau. Es gleicht einer riesigen doppelstöckigen Sahnetorte, an der, wie die »Welt« bemerkte, »auch aufmerksame Betrachter kaum eine gerade Fläche, geschweige einen rechten Winkel entdecken können«.

Die kurvenreiche Schöpfung stellte die rheinischen Statiker vor kaum lösbare Probleme. Bereits beim ersten Bauabschnitt mußten 60 Prozent mehr Stahlruten in die Theaterwand eingezogen werden, als ursprünglich vorgesehen war. Die Statiker waren von 100 000 Kubikmeter umbauten Raums ausgegangen -- in Wahrheit waren es rund 133 000 Kubikmeter.

Die Stadt setzte einen Prüfungsausschuß ein, der seit Februar dem Versagen der Bauleitung nachzugehen trachtet. Freilich kam es dabei zu einem Düsseldorfer Kuriosum: Obwohl er selber -- in Arbeitsgemeinschaft mit dem Architektenbüro Pfau -- an den Vorarbeiten für das Bühnen-Haus maßgeblich beteiligt ist, wurde auch Baudezernent Tamms Mitglied der Untersuchungskommission; er ermittelt nun gegen sich und seine eigene Behörde.

In Presseerklärungen und Schreiben an den Düsseldorfer Oberstadtdirektor verlangten deshalb Professoren der Kunstakademie sowie die »Jungsozialisten Düsseldorf-Mitte« nach einer »neutralen Instanz«, als mit der skandalträchtigen Rathaus-Planung unlängst die dritte Düsseldorfer Bau-Affäre aufkam.

Bereits zweimal in diesem Jahrhundert hatte die Stadt Düsseldorf Rathaus-Wettbewerbe ausschreiben lassen -- 1912 und 1925. Doch beide Male scheiterte der Bau an Geldmangel. Nun, am 10. Juni 1961, versammelte sich unter dem Vorsitz von Professor Tamms ein Preiskomitee, um den dritten Düsseldorfer Rathauswettbewerb zu entscheiden.

Einmütig sprach die Jury den ersten Preis (30 000 Mark) einem Baumeister zu, dessen Name selbst Fachleuten bis dahin unbekannt war: dem Architekturstudenten Rudolf Moser, damals 29. Student Moser hatte einen Rathaus-Komplex entworfen, der drei riesige Hochhauswaben (165, 130 und 119 Meter hoch) in sternförmiger Anordnung vereint.

Die baugrundsparenden Moser-Türme erfüllten in idealer Weise die Wettbewerbsbedingungen der Preisrichter, die auf karger Grundfläche einen würdigen Blickfang gefordert hatten. Und auch die Einwohner der Düssel-Stadt, die gegen die Rhein-Rivalin Köln eine gemütliche Erbfeindschaft pflegen, zeigten sich von Mosers Monsterwaben entzückt: Das neue Rathaus würde den Dom zu Köln um runde sieben Meter überragen.

Doch auf den glücklichen Beginn folgten für Moser Jahre des Mißvergnügens. Sie begannen bald nach der Preisentscheidung, als Stadtplaner Tamms dem jugendlichen Baukünstler nahelegte, sich mit den erfahrenen Düsseldorfer Hochhaus-Architekten Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg zu einer »Arbeitsgemeinschaft (,Arge') Rathaus« zu verbinden. Bauprofessor Hentrich, der dem Kollegen Tamms aus gemeinsamer Studienzeit duzfreundschaftlich verbunden ist, hatte beim Rathaus-Wettbewerb nur den sechsten Preis davongetragen.

Bereits nach einjährigem »Arge«-Wirken begann, was Architekt Moser rückblickend als »Taktik des Zermürbens und Hinausdrängens« ansieht. In schier endlosen Querelen bemäkelten Tamms und sein Bau-Amt buchstäblich alle Ecken und Enden der verschiedenen »Arge«-Entwürfe« die während der folgenden fünf Jahre entstanden.

Die Behörde erließ einen sogenannten Bebauungsplan -- Vorschriften für Grundriß und General-Maße des Bauwerks. Freilich: Entwürfe, die dieser Vorschrift entsprachen, mußten zwangsläufig unwirtschaftlich ausfallen; das Verhältnis von nutzbarer Bürofläche zu Versorgungstrakten (Korridoren, Fahrstühlen, Treppenhäusern) geriet ungünstig. Der Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit führte dann wiederum zur Ablehnung des betreffenden Entwurfs durch das Büro Tamms.

Immer mehr verstärkte sich für den Jung-Architekten Moser der Eindruck, daß durch behördliche Auflagen sein ursprünglicher Entwurf verwässert und er selber als Urheber des preisgekrönten Rathaus-Konzepts in den Hintergrund oder gar zum Verzicht gedrängt werden sollte.

Zu dieser Vermutung paßte auch, daß Mosers »Arge«-Partner Hentrich und Petschnigg zusehends von dem Avantgardisten abrückten. Tamms-Freund Hentrich versuchte mehrfach die Arbeitsgemeinschaft aufzulösen und scheute schließlich auch vor Geschäftsordnungstricks nicht zurück: Durch Verweigerung ihrer Unterschrift sperrten Hentrich und Petschnigg ihrem Kompagnon praktisch den Zugang zum gemeinsamen »Arge«-Konto.

Geldmangel war indes nicht der einzige Grund, »der den bedrängten Dritten vom Prozessieren abhielt: Ein Rechtsstreit unter den Entwurfspartnern würde dem Bauherrn Tamms ermöglicht haben, was Moser als dessen Geheim-Ziel ansehen mußte: der »Arge« den Auftrag für die Rathausplanung vollends zu entziehen.

Das Grundmotiv für die von Tamms betriebenen Brems- und Verhinderungsmanöver glaubt Moser mindestens zu erahnen. Der Stadtbaumeister, am Amts-Schreibtisch ergraut, möchte womöglich -- so meint Moser -- das Ruhmeswerk des neuen Rathauses eher an seinen Namen als an den eines »hergelaufenen Anfängers« (Tamms über Moser) heften.

Solche Vermutung wurde genährt, als Moser im März 1966 bei einem Besuch im Düsseldorfer Hochbauamt eine Bauskizze ausmachte, die der kundige Architekt sogleich als Hochhaus-Grundriß identifizierte: Während Moser neuen Entwurfs-Aufträgen entgegenharrte, hatten sich Tamms und seine Beamten selber an die Gestaltung eines Rathausmodells gemacht.

An Stelle der schlanken, wohlproportionierten Moser-Türme ersann der Bau-Senior einen wuchtigen, plump wirkenden Hochhaus-Komplex auf W

* Links: Moser-Entwurf, rechts: Tamms-Entwurf.

förmigem Grundriß, flankiert von einem kreisrunden Flachbau, der eher wie ein Getreidesilo anmutet. Urteil des Fachblatts »Bauwelt« »"Der dreimal abgewinkelte Hochhausklotz ... sprengt alle Maßstäbe und steht in eklatantem Widerspruch zu allen ... Tugenden des ersten Moser-Entwurfs.«

Auf ungewöhnliche Weise suchte Tamms den Düsseldorfer Bürgern seinen Gegen-Entwurf vertraut zu machen. In einem Prachtband »Düsseldorf -- ja, das ist unsere Stadt«, den Tamms 1966 herausbrachte, präsentierte er das Photo eines Stadtmodells, bei dem zwischen Altstadt und Rheinufer das massige Tamms-Rathaus aufragte.

Der oberste Bau-Beamte hatte das in der sogenannten »Planungsbaracke« ausgestellte Stadtmodell korrigieren lassen -- das von der Jury ausgezeichnete Moser-Rathaus war durch den Tamms-Entwurf ersetzt worden. Auf Anfrage des SPIEGEL motivierte der Bauplaner die Maßnahme als eine »übliche Methode, Leerstellen in einem städtebaulichen Gesamtmodell zu vermeiden«.

Mehrfach ermunterte derweil die Düsseldorfer Tagespresse ihre Stadtverwaltung, die verworrene Rathausplanung zu überprüfen. Bereits im Juli vergangenen Jahres kündigte Oberstadtdirektor Gilbert Just eine Untersuchung an. Doch inzwischen hat sich Stadtplaner Tamms auf die alte Düsseldorfer Rathaus-Tradition besonnen: Die Planungsarbeiten, so ließ er vor zwei Monaten wissen, müßten wegen Geldmangels für unbestimmte Zeit unterbrochen werden.

Die Düsseldorfer aber witterten Skandal. Men müsse befürchten, so argwöhnte das Kollegium der Kunstakademie in einer Presseerklärung, daß durch den »Planungsabbruch eine kritische Untersuchung der Planungsvorgänge gegenstandslos gemacht« werden solle.

Bis Dienstag dieser Woche wollen nun die von Professoren und Presse hart bedrängten Stadt-Oberen einen Prüfungsbericht fertigstellen, in dem freilich -- laut Oberstadtdirektor Just -- die gegen Tamms gerichteten »Unterstellungen im wesentlichen widerlegt« werden.

Kenner des Düsseldorfer Verwaltungsapparates sehen dem Behördenbericht mit Skepsis entgegen. Akademie-Professor Joseph Beuys ·."Was kann man schon erwarten, wenn die Stadt gegen die Stadt ermittelt?«

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