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BERLIN Leerer Magen

aus DER SPIEGEL 44/1965

Der Jüngling machte ein klägliches Gesicht und preßte die Hände gegen den Bauch. Er habe, so gestand er dem Nacht-Arzt des Städtischen Krankenhauses Wilmersdorf zu West -Berlin, Selbstmord verüben wollen und 13 Tabletten geschluckt. Doch nun reue ihn die Tat.

Der erfahrene Mediziner argwöhnte, der junge Mann simuliere sein Bauchweh. Sicherheitshalber aber ließ er ihm den Magen auspumpen. Ergebnis: Im Körper des West-Berliners Ralf Franz, 24, fanden sich keine bedrohlichen Stoffe.

Gleichwohl konnte das Krankenhaus der vorgesetzten Gesundheitsbehörde eine umfassende Diagnose übermitteln. Stadtrat Dr. Erwin Forst erfuhr, daß der vermeintliche Selbstmord-Kandidat auf diese ungewöhnliche Art Stoff für eine Krankenhaus-Reportage sammeln wollte. Franz war Reporter der West -Berliner SED-Zeitung »Die Wahrheit«; auf normalem Wege, klagte Franz dem Pflegepersonal, erhalte das Blatt von Senatsdienststellen keine Auskünfte mehr.

West-Berlins einziges Groschenblatt, das dreimal in der Woche erscheinende Organ der »SED-Westberlin«, führt ein redaktionelles Untergrunddasein. Und das Dutzend Genossen, das unter der Leitung des Altkommunisten und Ost -Berliner Ehrenbürgers Hans Mahle (richtiger Name: Heinrich August Ludwig Mahlmann) die Zeitung am Wedding produziert, ist in einem permanenten Kleinkrieg mit Justiz, Senat und Alliierten verstrickt.

»Die Wahrheit« (Auflage 15 000) erscheint seit zehn Jahren. Da sie in West-Berlin anfangs nicht Fuß fassen konnte, leisteten Parteifreunde in der DDR Entwicklungshilfe. Sie stellten das für den Westmarkt aufgemachte Objekt in Ost-Berlin her und schleusten es mit der unter DDR-Aufsicht stehenden S-Bahn nach West-Berlin ein.

Zunächst nahm der West-Berliner Senat an der Ost-Berliner »Wahrheit« keinen Anstoß. Das aber änderte sich, als das Blatt 1959 in West-Berlin Unterschlupf fand. Die SED-»Wahrheit« wurde Kunde beim Druckhaus Norden, das gerade den CDU-nahen »Kurier« als Auftraggeber verloren hatte.

Bald darauf wurde ruchbar, daß die Genossen die schwache Kapitalisten -Firma für anderthalb Millionen Mark erworben hatten, und der West-Berliner Senat sann auf Mittel und Wege, die »Wahrheits«-Kommunisten wieder von ihrem Nistplatz im französischen Sektor zu vertreiben. Die Franzosen aber mahnten zur Mäßigung: Schließlich sei die SED eine von den Besatzern genehmigte Partei.

Dennoch gerieten die ,Wahrheit« - Macher vom Wedding schnell in Schwierigkeiten:

- Auf Wunsch der US-Behörden

machte die Justiz dem verantwortlichen »Wahrheit«-Redakteur Albert Grohmann wegen Beleidigung einer Besatzungsmacht den Prozeß: Das Blatt hatte, wie alle Berliner Zeitungen, Angriffe des DDR-Chefs Ulbricht gegen die Amerikaner nachgedruckt.

- Der West-Berliner Polizeipräsident untersagte der Redaktion eine Betriebsfest-Tombola: Nach dem Lotterie-Gesetz müsse der Ertrag Zwekken allgemeiner Billigung zugute kommen, worunter Zwecke der Sozialistischen Einheitspartei keinesfalls zu verstehen seien.

Landespostdirektion lehnte die Annahme des SED-Blattes in den Zeitungsvertrieb ab. Die Postzeitungsordnung setze voraus, daß eine Zeitung im ganzen Bundesgebiet bezogen werden dürfe, und das treffe auf die West-Berliner »Wahrheit« - die in der Bundesrepublik als verbotene kommunistische Literatur gilt - nicht zu.

Auf den Postvertrieb aber hatten die Genossen alle Hoffnung gesetzt, da die alternden Parteidamen des ehrenamtlichen Zustelldienstes müde werden und der ohnehin mäßige »Wahrheits«-Absatz auch anderweitig behindert ist: Kioske führen das SED-Organ nach einer Übereinkunft zwischen West-Berlins Verlegern und Händlern nicht.

Ohne kommerzielle Erfolge, möchte der auf. West-Bewährung tätige Ost -Kommunist Mahle (er wurde 1951 in der Sowjetzone während einer Spionage-Affäre als Intendant des Berliner Rundfunks abgesetzt) seiner Parteiführung wenigstens einen Achtungserfolg präsentieren. Sein erklärtes Ziel ist, die »Wahrheit«-Redakteure trotz aller Mißlichkeiten in West-Berlin hoffähig zu machen und zu erreichen, daß sie künftig zu allen - ihnen bislang generell verschlossenen - offiziellen Presse -Veranstaltungen zugelassen werden.

Dieses Bemühen, so meint das »Wahrheit«-Kollektiv, habe Reporter Franz mit seiner Tat sabotiert. In einer Partei-Einvernahme bestritt der Krankenhaus-Tester zwar jede provokatorische Absicht und beteuerte, er habe wirklich einen Selbstmordversuch unternommen. Dennoch wurde er beurlaubt; ein Sprecher der Redaktion verkündete: »Was auch geschehen sein mag, von uns hatte er keinen Auftrag. Das ist nichts als die Wahrheit.«

Der brotlose Redakteur muß sich nach seinem Magen nun auch noch sein Portemonnaie anzapfen lassen. Das Gesundheitsamt Wilmersdorf sieht einen Täuschungsversuch als erwiesen an und betreibt den Ersatz der Arztkosten. Nach der Preußischen Gebührenordnung sind 150 Mark Honorar fällig.

West-Berliner SED-Zeitung

»Nichts als die Wahrheit«

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