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USA Legale Minen

Außer den Kandidaten der beiden großen Parteien bewerben sich Dutzende von Außenseitern um die Präsidentschaft. Mit im Rennen: Angela Davis, die für Amerikas KP Vizepräsidentin der USA werden will.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Ihr Mann hat mehr Erfahrung im Wahlkampf um die Präsidentschaft als Jimmy Carter und Ronald Reagan.

Schon zum drittenmal bewirbt er sich nun um das höchste Amt in den USA; weder Carter noch Reagan haben so überzeugte Anhänger wie er.

Und dennoch macht sich Elizabeth Hall, die Frau des Kandidaten, keine Hoffnungen, als Hausherrin »demnächst Fenster zu putzen in der Pennsylvania Avenue 1600«, im Weißen Haus zu Washington.

Denn ihr Mann Gus Hall, 69, Wahlkampf-Veteran von 1972 und 1976, ist zum Beispiel in Moskau oder der DDR immer noch weit bekannter als daheim -- als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten, die im Stammland des Kapitalismus ein Schattendasein am Rande der Gesellschaft führt.

Daran ändert vermutlich auch nichts, daß dem Alt-Kommunisten Gus Hall beim dritten Versuch eine besonders S.197 attraktive Partnerin zur Seite steht: Für das Amt des Vizepräsidenten kandidiert die Genossin Angela Davis, 36, Professor für ethnische Studien und Frauenfragen an der San Francisco State University.

Die brillante Marcuse-Schülerin und Revoluzzerin war Anfang der 70er Jahre berühmt geworden: Sie zählte zu den zehn meistgesuchten Tatverdächtigen der USA und wurde vom FBI per Fahndungsplakat im ganzen Lande verfolgt. Ihr Verbrechen: Angeblich hatte sie schwarzen Häftlingen für einen Fluchtversuch Waffen beschafft.

Die Schwarzen der Nation haben ihr das -- Kommunismus hin, Kommunismus her -- nie vergessen. Wo immer die Davis auftritt, sind die Säle auch heute noch voll.

Doch das Team Hall/Davis gehört zu den »fringe candidates«, den Außenseiter-Kandidaten, die kämpfen mögen, so hart sie können, und dennoch nicht die Spur einer Chance haben.

Nicht weniger als 180 solcher Kandidaten hatte die Bundeswahlkommission in Washington im Januar registriert. Vorige Woche waren es zwar nur noch 37, weil die Kommission, so eine Sprecherin, »die Akten all derjenigen geschlossen hat, die weniger als 5000 Dollar auf ihrem Wahlkampf-Konto hatten«.

Aber auch die ausgedünnte Liste der Außenseiter-Kandidaten enthält noch immer eine bunte Schar von angesehenen Professoren und seltsamen Exzentrikern, von Überzeugungstätern wie dem Kommunisten Hall bis zu Bürgern, die später ihren Enkeln erzählen möchten: »Ich habe mich auch mal um die Präsidentschaft beworben.«

Da gibt es etwa den Präsidentschaftskandidaten Donald Badgely aus New York. Er wirbt für sich mit weißem Rauschebart, als Schäfer verkleidet, auf Busbahnhöfen.

Der Kandidat Lyndon LaRouche, 57, andererseits galt einmal als ganz Linker. Nun, als selbsternannter Demokrat, schreckt er die Bürger mit bizarren Verschwörungstheorien: Kissinger, Chomeini und das englische Königshaus gegen die westliche Welt -- und die ganze Welt gegen Lyndon LaRouche, dessen Hirngespinste in Europa eine nimmermüde Schar von Anhängern der »Europäischen Arbeiter Partei« unter ihrer Anführerin, der La-Rouche-Ehefrau Helga Zepp, populär zu machen sucht (SPIEGEL 39/1980).

Auf dem Jahrmarkt der Außenseiter tummeln sich aber auch Edward E. Clark, 50, ein Rechtsanwalt aus Los Angeles, der 1978 mit seiner Libertarian Party bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien immerhin fast 380 000 Stimmen gewann, und der Biologie-Professor und Umweltschutz-Experte Barry Commoner, 63, Präsidentschaftskandidat der Citizens'' Party.

Die hatte sich im vorigen Jahr gebildet, weil die »Wählerschaft mit den herkömmlichen Politikern unzufrieden ist wie nie zuvor«, so der Autor und Mitbegründer Richard J. Walton.

Clark und Commoner rechnen vor allem mit einem Protest-Votum der Enttäuschten und hoffen auf mindestens fünf Prozent der Stimmen, was für Außenseiter -- wie in der Bundesrepublik -- eine Traumgrenze darstellt: Ihnen wird dann vom Staat ein Teil ihrer Wahlkampf-Ausgaben rückerstattet.

Citizens''-Kandidat Commoner versteht seine Partei als »sozialdemokratisch«. Sie hat die Konzerne als Ursprung der Wirtschaftsmisere ausgemacht und verkündet: »Wir brauchen nicht Saudi-Arabiens Ölfelder zu besetzen, wir müssen nur die Ölfelder von Texas übernehmen.« Verbraucher-Anwalt Ralph Nader unterstützt die Partei. Die Nominierung der Comanche-Indianerin LaDonna Harris für das Amt des Vizepräsidenten soll das Engagement der Citizens'' für die Minderheiten dokumentieren. (LaDonnas Ehemann Fred, ehemaliger demokratischer Senator aus Oklahoma, bewarb sich 1976 selbst vergebens.)

Commoner will im November in 40 Bundesstaaten kandidieren, Rivale Clark von der Libertarian Party sogar in allen 50 Staaten.

In den einzelnen Bundesstaaten haben Republikaner und Demokraten allerdings im Laufe der Jahre eine Fülle von restriktiven Gesetzen geschaffen, die es den Außenseitern schwermachen, in den Wettbewerb einzutreten.

Um zum Beispiel in Kalifornien (gut 22 Millionen Einwohner) überhaupt auf den Wahlzettel zu gelangen, müssen Präsidentschaftskandidaten 102 000 Unterschriften vorweisen; das entspricht einem Prozent der registrierten Wähler. In Arizona andererseits (2,5 Millionen Einwohner) sind rund 10 500 Unterschriften erforderlich -zwei Prozent der Stimmen, die bei den letzten Gouverneurswahlen abgegeben worden waren.

In einigen Staaten wird die Unterschriften-Sammlung obendrein noch schikanös erschwert: In West Virginia beispielsweise dürfen nur Einheimische und auch die nur in ihrer Nachbarschaft, also nicht etwa im Einkaufszentrum am Stadtrand, Unterschriften sammeln. Und gültig sind nur Unterschriften von Bürgern, die wohl als Wähler registriert sind, sich aber nicht an den Vorwahlen der Republikaner oder Demokraten beteiligt haben.

Für die Kommunisten ist das »legale Minenfeld«, so Gus Halls Wahlkampfmanager Simon Gerson, in einigen Staaten geradezu unüberwindlich: So verlangt Louisiana von allen Kandidaten eine eidesstattliche Erklärung, in der sie den Kommunismus verurteilen. Und in Jimmy Carters Heimatstadt Georgia enthält das Wahlgesetz eine Klausel gegen Unterwanderung, die jeden Beamten ermächtigt, Kommunisten von der Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen auszuschließen.

KP-Kandidat Hall hofft dennoch, im November in rund 30 Staaten mit dabeizusein und besser abzuschneiden als je zuvor. Übertreffen müßte er eine bescheidene Bilanz: 1972 erhielt er 25 000 Stimmen in 13 Staaten, 1976 immerhin schon 59 000 Stimmen in 19 Staaten. Sein Slogan diesmal: »People before profits« -- »Menschen sind wichtiger als Profit«.

Wie einst den Russen-Einmarsch in Prag verteidigt Hall jetzt die Sowjet-Invasion in Afghanistan. Seine Hauptthemen aber holt er sich aus der Innenpolitik: Arbeitslosigkeit, Inflation und die Registrierung der Jugendlichen im Wehralter.

In Kalifornien bemühten sich die Kommunisten besonders intensiv, die notwendigen Unterschriften zu sammeln, um ihren Präsidentschaftskandidaten auf die Wahlliste zu bekommen. Sie schafften es schließlich dank ihrer aktivsten Sammlerin: der potentiellen Vizepräsidentin Angela Davis.

S.197Bei ihrer Eheschließung mit dem Amerikaner Hilton Braithwaite imJuli 1980.*

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