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PRESSE Lehmann contra »FAZ«

Lehmann contra »FAZ«
aus DER SPIEGEL 12/2001

Zwischen dem jüngst zum Kardinal ernannten Mainzer Bischof Karl Lehmann und dem Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« tobt ein Kleinkrieg. Der Grund: Unter der Überschrift »Blauer Brief - Der Papst mahnt Lehmann« berichtete das Blatt am vergangenen Montag über ein »kirchenpolitisches Kabinettstück«. Danach habe der als liberal geltende Kirchenmann »zu seiner Ernennung einen Brief mit auf den Weg« bekommen, in dem sein Aufstieg »mit bestimmten Erwartungen verknüpft wird«. Dies sei »ein erstaunlicher Vorgang«, so die Zeitung. Tatsächlich haben den siebenseitigen Brief, in dem der Papst »Verwirrung und Missbräuche« im deutschen Katholizismus beklagt, neben Lehmann auch alle acht weiteren deutschen Kardinäle erhalten. Bis auf die Anrede waren die Schreiben wortgleich - ein Detail, das die Geschichte »Papst mahnt Lehmann« praktisch hinfällig macht. Das war am Tag darauf auch in der »FAZ« nachzulesen, allerdings nicht im Feuilleton, sondern im Lehmann-freundlicheren Politik-Ressort; die dort abgedruckte Glosse ("Dumm nur, dass nicht nur Lehmann, sondern alle deutschen Kardinäle ... der Sorgen des Papstes teilhaftig wurden") las sich wie eine kritische Replik ans eigene Feuilleton. Das legte tags darauf mit der Glosse »Lehmanns Post« noch einmal nach: Der Autor betonte Lehmanns Rang als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ("primus inter pares") und mithin seine Verantwortung für die vom Papst kritisierten Zustände. Am Freitag meldete sich der Kardinal im Interview mit dem »Rheinischen Merkur« selbst zu Wort und kritisierte den »FAZ«-Kulturteil. Seine Schelte galt dabei offiziell nicht der Papstbrief-Berichterstattung, sondern der über die Gentechnik, wurde in Frankfurt aber richtig verstanden: »Wenn ich zum Beispiel sehe, welche Beiträge im Feuilleton der 'FAZ' einen großen Raum erhalten haben«, so der Kardinal, »wünsche ich mir wahrlich eine kritischere Diskussion.« Die Antwort ließ nicht auf sich warten: Feuilleton-Chef Patrick Bahners wehrte sich in einem erneut dezidiert Lehmann-kritischen Beitrag am Samstag ("Sein Nein ist endlich ein Nein: Kardinal Lehmanns Biopolitik") gegen den Vorwurf - schließlich habe Lehmanns Mitbruder Walter Mixa in der »FAZ« »auf großem Raum die Haltung der Kirche zur Biowissenschaft erläutert«.

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