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Auf der Suche nach einer besseren Welt Lehrer büßen für schwache Schüler

Im Bildungswesen brachte die Oktoberrevolution dem Sowjetvolk echte Erfolg,: Die Kommunisten beseitigten das Analphabetentum. Sie schufen ein umfassendes Schul- und Hochschulwesen Grundlagen jedes modernen Industriestaates. Fred M. Hechinger, 47, Pädagogik-Redakteur der »New York Times«, schildert In seiner Analyse Ansätze einer Änderung des starren sowjetischen Schulsystems In Richtung auf eine Erziehung zum selbständigen Denken.
aus DER SPIEGEL 44/1967

Die Schulen der Sowjet-Union mußten bislang hochspezialisierte, konformistische junge Leute in Massenfabrikation hervorbringen. Jetzt sollen sie einen neuen Menschentyp Copyright 1967 The New York Times News Service.

züchten, der den Anforderungen einer modernen Industriegesellschaft genügt: Staatsbürger mit der Fähigkeit zu selbständigem Denken, Arbeitskräfte mit größerer Anpassungsfähigkeit.

»Unser Lehrplan ist zu starr«, kritisierte Professor Michail A. Prokofjew, Erziehungsminister der Russischen Republik -- des größten der 15 Sowjet-Unionsstaaten -, das herkömmliche System.« Es gibt nicht genug Spielraum für vernünftige Initiative.«

»Die Schüler müssen lernen, ihr Wissen besser zu gebrauchen«, forderte Professor Wjatscheslaw P. Jeljutin, Unionsminister für Höhere Schulen. »Der moderne Ingenieur muß auch die grundlegenden Geisteswissenschaften kennen. Wir können ihn nicht alles lehren, was er braucht; wir müssen ihn aber lehren, wie man lernt.«

Seit 1917 war das sowjetische Schulwesen ein Schauplatz von Kontroversen. Und auch heute ist ein heftiges Tauziehen im Gange -- zwischen den Kräften des Fortschritts, zu denen Regierungsfunktionäre, Wirtschaftsbosse und Intellektuelle gehören, und den Konservativen, die meistens Pädagogen oder Parteifunktionäre sind.

Daher bietet das sowjetrussische Schulwesen augenblicklich ein Bild der Gegensätze. Höchst moderne und höchst veraltete Unterrichtsmethoden bestehen nebeneinander. Überall ist eine neue Klasse aufgestiegen, deren Angehörige aufgrund ihrer Ausbildung als »Neureiche« gelten.

Moskaus angesehenes Fremdspracheninstitut, das in einem Labyrinth altmodischer Gebäude aus der Zarenzeit untergebracht ist, verfügt über elektronische Sprach-Labors. Hier legen Lehrer und Dolmetscher ihre Prüfungen mit hervorragenden Ergebnissen ab. Dennoch lehren die meisten sowjetrussischen Oberschulen lebende Sprachen so, als handele es sich um Griechisch oder Latein.

Die höhere Bildung ist jedem zugänglich. Aber an den Elite-Universitäten wie Moskau und Leningrad studieren vorwiegend Söhne und Töchter der oberen Mittelschicht aus den Städten. Die Aufnahmeprüfungen sind derart streng, daß für Bewerber vom Lande besondere Vorbereitungs-Internate eingerichtet werden mußten.

In der Theorie ist die Sowjet-Union der These verpflichtet, alle Schüler seien gleich -- auch in den schulischen Chancen. In der Praxis jedoch gehen immer mehr begabte Schüler auf moderne Spezialschulen, die jeweils ein Fach besonders intensiv betreiben, zum Beispiel eine Fremdsprache, Mathematik, Geschichte oder eine naturwissenschaftliche Disziplin. Auf gute Schulbildung bedachte Eltern lassen nichts unversucht, um ihren Kindern den Besuch einer solchen Schule zu ermöglichen.

Das sowjetrussische Schulsystem erzielte bemerkenswerte Resultate. Als die Sowjets 1917 an die Macht kamen, erbten sie von den Zaren eine ungebildete Landbevölkerung mit schätzungsweise 75 Prozent Analphabeten. 1915 gingen in Rußland weniger als zehn Millionen Kinder in Grund- und Mittelschulen. Heute sind es 50 Millionen, von den vier Millionen Schülern der technischen Lehranstalten, der Berufs- und Fachschulen abgesehen.

Vor der Revolution besuchten -- so die letzte Zählung aus der Zarenzeit -- 127 400 Russen weiterführende Schulen. Heute sind es vier Millionen; die Hälfte davon nimmt Abendunterricht oder hat Fernkurse belegt.

Die Höheren Schulen haben seit der Revolution 6,5 Millionen, die technischen Lehranstalten 10,5 Millionen Schüler mit Abschlußexamen entlassen.

Schulpflicht besteht von der ersten Klasse (Einschulungsalter: sieben Jahre) bis zur achten: vier Jahre Unterstufe und vier Jahre Mittelstufe. Der Besuch der Oberstufe (zwei Jahre) ist noch nicht obligatorisch. Ab 1970 aber soll die Schulpflicht auf zehn Jahre ausgedehnt werden.

Der Unterricht ist zwar altmodisch, doch meistens gut. Der Lerneifer wird von der Schule durch ständiges Einwirken auf die Eltern verstärkt. In regelmäßigen Elternversammlungen analysieren die Klassenlehrer Stärken und Schwächen der Schüler. Lassen die Leistungen eines Schülers nach, werden den Eltern Vorwürfe gemacht.

Der Löwenanteil am Erfolg im Klassenzimmer kommt den Lehrern zu. Wie eifrig sie sich auch einsetzen mögen -- der ständige Druck des Systems zwingt sie zu immer besseren Leistungen.

Dem 43jährigen Leiter der Moskauer Schule Nummer 84 stehen für 1000 Schüler der Klassen eins bis zehn 50 Lehrer zur Verfügung. Aber:

»Dieses Jahr entlasse ich zwei Lehrer » sagte er.

Nach den Motiven für einen so drastischen Entschluß befragt, antwortete der Direktor, er beurteile die Lehrer danach, wie viele ihrer Abiturienten zur Universität zugelassen werden oder wie ihre Schüler bei Wettbewerben in der gesamten Union abschneiden.

Die Lehrer haben ein hohes Sozialprestige ein wichtiger Faktor für die Gewinnung von Nachwuchs in einer Gesellschaft, die trotz der ideologischen Propaganda auf Arbeiter herabsieht. Andererseits werden die Lehrer -- im Gegensatz zu Universitätsprofessoren -- schlecht bezahlt: etwa 445 bis 600 Mark im Monat (Professoren verdienen das Fünffache).

Weil ihr Grundgehalt (für 18 Wochenstunden) so niedrig ist, machen die meisten Lehrer freiwillig viele bezahlte Überstunden und verringern so die Lehrerknappheit. Viele Schulen arbeiten noch mit zwei Schichten.

Der Grundlehrplan der sowjetrussischen Schule mit seinen 24 Wochenstunden in der Grundstufe und 30 bis 40 in der Mittelstufe ist genormt und verlangt viel. Mathematik -- Herz und Seele der sowjetrussischen Schule -- wird zehn Jahre lang unterrichtet, Physik und eine Fremdsprache stehen fünf Jahre, Chemie vier Jahre im Lehrplan. Hinzu kommt eine Menge Stoff in den Fächern Russische Sprache und Literatur, Geschichte, Erdkunde, Biologie, Astronomie, technisches Zeichnen, Schöne Künste, Musik und Sport. Außerdem müssen in Betrieben praktische Erfahrungen gesammelt werden.

Die russischen Pädagogen haben erkannt, daß ihr Schulsystem reformbedürftig ist. Sie wissen, daß heute junge Leute gebraucht werden, die über eine gute allgemeine Schulbildung verfügen und selbständig handeln, ohne auf Anweisungen und Befehle zu warten.

Aber trotz dieser Einsicht gibt es viele russische Pädagogen, die sich gegen durchgreifende Reformen sträuben. Diese konservative Haltung resultiert aus trüben Erfahrungen. Jede Schulreform in der Vergangenheit -- die ursprünglich fortschrittliche Reform in den Jahren 1918 bis 1931 ausgenommen -- wurde von Politikern, nicht von Pädagogen angeordnet. Aber nach jedem verpfuschten Experiment mußten die Pädagogen den Schaden wieder wettmachen.

Vor allem aber steht die Partei-Ideologie einem Wandel im Wege

besonders in den »empfindlichen« Fächern, den Geistes- und Sozialwissenschaften.

So postuliert der Geschichts-Lehrplan für die Mittelstufe: Der Sinn des Geschichtsunterrichts bestehe darin, »Unduldsamkeit gegen die bürgerliche Ideologie« hervorzurufen. Den Schülern müsse klargemacht werden, daß der Sturz des Kapitalismus und der Sieg des Kommunismus unvermeidlich seien.

Vom erzieherischen Standpunkt aus gesehen, ist das Ritual der ideologischen Schulung noch nicht das Schädlichste. Die Schüler lassen die Indoktrinierung über sich ergehen wie jedes andere langweilige Fach. Bedenklicher erscheint, daß überhaupt nicht diskutiert wird. Selbst an den Universitäten nimmt eine Fakultätskonferenz, die ein Lehrbuch für ein »empfindliches« Fach auswählen soll, ohne Protest oder Diskussion den »Vorschlag« des Parteivertreters an -- in der Regel ist er ein jüngeres Fakultätsmitglied.

Die Mischung aus Konservatismus und politischer Überwachung verlockt nicht eben zu selbständigem Denken. Dennoch wird nach neuen Methoden gesucht, die Selbständigkeit und Initiative fördern.

Die Tendenz ist eindeutig: Professor Prokofjew, einer der prominentesten Befürworter von Selbständigkeit und Initiative, macht der gegenwärtigen Schule vor allem den Vorwurf, sie irre sich »über die Menge der Fakten, die auswendig gelernt werden müssen«.

Zum ersten Mal wurde im Schuljahr 1966/67 Schülern der neunten und zehnten Klasse erlaubt, pro Woche vier Stunden Unterricht in Wahlfächern zu nehmen. Die Stundenzahl soll im kommenden Jahr auf sechs erhöht werden, und der Wahlunterricht soll schon in der achten Klasse beginnen.

Pädagogen sagen voraus, daß den Schülern innerhalb Jahresfrist mehr Zeit für das Lernen nach Wunsch gegeben werden wird -- im amerikanischen Stil. Denn: wie die Wirtschaft schaltet auch die Schule von der Sechs- zur Fünftagewoche um. Ein Teil des verlängerten Wochenendes -- so sagen die Pädagogen -- könne für Wahlunterricht verwendet werden.

Während viele Pädagogen über diese »amerikanische Methode, die Kinder selbst ihre Ausbildung bestimmen zu lassen«, die Nase rümpfen, haben sich manche hochgeachtete Fachleute schon auf diese Veränderung eingestellt.

In Moskau verbringt ein 80jähriger Gelehrter, Professor Michail A. Melnikow, ehemaliger Vizepräsident der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften, seinen Ruhestand, indem er die Versuchsschule 710 leitet. Sein Programm, so legte er dar, entwickelt sich aus den »besonderen Interessengebieten der Schüler«. Es gibt keine Tests, es gibt nur ein Minimum an Pflichtfächern, und es gibt einen verblüffenden Rekord: 95 Prozent seiner Schulabgänger bestanden die Aufnahmeprüfungen weiterführender Schulen.

Jetzt, vor Einführung der obligatorischen Oberstufe, wird ein Dogma durchlöchert. »Wir behaupten nicht mehr, daß alle Kinder gleich seien«, sagte ein Schulpsychologe. Die Erziehungs-Psychologie, die zusammen mit den Lehren von John Dewey und Sigmund Freud als bürgerliche Pseudo-

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Wissenschaft verbannt war, erlebt ein Comeback.

Wer als Besucher in die Schulen und Universitäten kommt, spürt neuen Stil und neuen Schwung. Die Jungen und Mädchen zwischen 13 und 19 sind, trotz ihrer viktorianischen Schuluniformen (die viele Mädchen durch kniefreie Röcke und pastellfarbene Strümpfe modernisieren), Vertreter eines neuen Typs -- sie lächeln häufiger und haben mehr Selbstvertrauen.

Doch es ist leichter, den Grundsatz der Selbständigkeit zu proklamieren, als ihn nach fünfzig Jahren erzwungener Konformität zu verwirklichen.

Der Kampf zwischen der alten Garde und den neuen Männern ist noch keineswegs entschieden. Wenn die Zentralbürokratie beschließt, die Kontrolle zu verschärfen, kann die Atmosphäre in den Schulen und Universitäten wieder bedrückend werden.

Fred M. Hechinger
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