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EXEKUTION Leibbrands Hiwis

aus DER SPIEGEL 3/1962

An jedem Freitag hat sich der Professor Dr.-Ing. Kurt Leibbrand auf dem 15. Polizeirevier in Stuttgart -Feuerbach zu melden. Er bekommt dort einen leeren DIN-A4-Bogen vorgelegt, den er signieren muß.

Nach dieser Prozedur - so erzählt der Professor freimütig - drücke ihm der amtierende Polizeimeister Vogel jedesmal »sehr kräftig und sehr herzlich« die Hand und habe einmal sogar teilnehmend hinzugefügt: »Unglaublich, was man heutzutage mit einem alten Soldaten macht.«

Dem »alten Soldaten« - dem erst 47jährigen Leibbrand - soll im April der Prozeß gemacht werden, weil er 1944 als Oberleutnant die widerrechtliche Erschießung von italienischen Hilfswilligen ("Hiwis") befohlen hat. Um sicherzugehen, daß der Professor bis dahin - bis zur Hauptverhandlung - greifbar bleibt, hat die Stuttgarter Justiz, bei der das Verfahren gegen den in Stuttgart wohnhaften Leibbrand anhängig ist, neben Zahlung einer Kaution von 250 000 Mark das wöchentliche Melden bei der Polizei angeordnet.

Außerdem darf Leibbrand, der seinen Reisepaß abgeben mußte, die Bundesrepublik nicht verlassen. Dieses Verbot trifft ihn besonders empfindlich: Der Professor ist seit 1954 Ordinarius für Eisenbahn- und Verkehrswesen an der Technischen Hochschule Zürich. Daneben hat sich Leibbrand als »Karajan der Verkehrsplanung« (Münchner »Abendzeitung") international einen Namen gemacht. »Europas Verkehrsplaner Nr. 1« ("Bild") arbeitete für zahlreiche Städte sogenannte Generalverkehrspläne aus, unter anderem für Rom, Athen, Ankara, Den Haag, Basel, Zürich, Berlin, Bonn, Bochum, Münster, Bremerhaven und Wanne-Eickel.

Mehrere Kommunen, darunter München und Frankfurt, deren Verkehrsnöte Leibbrand ebenfalls beheben sollte, mußten nun freilich umdisponieren.

Der Mann, der den Professor Leibbrand im August 1959 wegen Erschießung italienischer »Hiwis« anzeigte, ist ein früherer Angehöriger der von dem ehemaligen Oberleutnant Leibbrand geführten 6. Kompanie des Eisenbahn -Pionier-Regiments 6: ein ehemaliger Obergefreiter, heute Bauingenieur in Köln-Rodenkirchen.

Obwohl die Identität des beschuldigten früheren Wehrmachtsoffiziers Leibbrand mit dem Züricher Verkehrsprofessor Leibbrand schon drei Wochen nach der Anzeige vom amerikanischen Document Centre in Berlin zweifelsfrei ermittelt worden war, entschloß sich erst zwanzig Monate später - am 20. April 1961 - die Staatsanwaltschaft Stuttgart, Haftbefehl zu erlassen. Bis zur Verhaftung des Professors verging dann noch ein weiteres Vierteljahr. Erst am 23. Juli baten Kriminalbeamte den Professor auf dem Flughafen Frankfurt diskret in ein Separee.

Leibbrands Haftbeschwerde wurde zunächst vom Stuttgarter Amtsgericht abgelehnt. Die Erste Große Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts hingegen gab der Beschwerde statt, weil sie nur Totschlag-Verdacht, nicht Mord -Verdacht gegeben sah.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft jedoch erhob dennoch Anklage wegen Mordes in 26 und Mordverdachts in fünf Fällen; Totschlag wäre verjährt.

Zu Mord oder Totschlag war es am 21. August 1944 in Südfrankreich gekommen. Damals erreichte die 6. Kompanie des Oberleutnants Leibbrand, in der mindestens 35 Hilfswillige mitmarschierten, auf dem Rückzug den Ort Orange unweit Avignon*. Dort wurde bei dem einsamen Waldgehöft La Mornasse kampiert. Am Lagerfeuer wurden für alle - für Soldaten und Hiwis - Hühnchen gebraten.

Als Leibbrands Einheit im Morgengrauen weiterzog, blieben 31 Italiener im Gras liegen, 26 tot und fünf schwerverletzt.

Es habe einen Regimentsbefehl gegeben, so führt heute Leibbrand zur Entschuldigung an, sich der Hilfswilligen zu »entledigen«. Allerdings soll beispielsweise der Chef der 2. Eisenbahnpionier-Kompanie, die der 6. benachbart war, diesen Befehl anders ausgelegt haben.

Dieser Offizier, so wurde jetzt während der Ermittlungen gegen Leibbrand bekannt, habe seinen Hiwis Marschverpflegung in die Hand gedrückt und sie einfach weggeschickt.

Dennoch prophezeit Leibbrand für seinen Prozeß, der im April stattfinden wird: »Das gegen mich eingeleitete Verfahren muß eingestellt werden oder mit einem Freispruch wegen erwiesener Unschuld enden.« Denn: »Ich kann mit Zeugenaussagen Punkt für Punkt der Anklageschrift widerlegen.«

Hauptpunkt der Anklage, die Leibbrand »in sich zusammenbrechen lassen will«, ist der Vorwurf, der ehemalige Oberleutnant habe die Italiener »ohne Kriegsnotwendigkeit und ohne vorheriges gerichtliches Verfahren aus dem Hinterhalt erschießen lassen«.

Leibbrand macht demgegenüber geltend, daß die Hilfswilligen angesichts der näherrückenden anglo-amerikanischen Invasionstruppen »einfach nicht mehr mitmachen wollten«, also »gemeutert« hätten.

Demgegenüber stehen Schilderungen, daß die 31 Hiwis nichtsahnend im Nachtlager bei Orange auf eine Wiese geführt und dort auf ein Zeichen von Leibbrands Stellvertreter - einem Leutnant - von zwei getarnten MG niedergeschossen worden seien.

In einer Stellungnahme zu einer Veröffentlichung in der Illustrierten »Quick« erklärte Leibbrand, er habe zwar den Befehl zum Erschießen der Hiwis »weitergegeben«, sei aber bei der Bluttat selbst nicht zugegen gewesen. Er habe sich nur »den Vollzug melden lassen«.

Den Einsatz getarnter MGs verurteilte der Professor: »Diese Schweinerei hätte ich nicht gemacht.« Hätte er, der Oberleutnant Leibbrand, seinerzeit nicht dringend wegfahren müssen, »wäre es eine ordentliche militärische Erschießung geworden«.

* Hilfswillige waren unbewaffnete und unvereidigte Ausländer ohne rechtlichen Status, die in Arbeitsgruppen der Wehrmacht zusammengefaßt wurden.

Professor Leibbrand

Nach dem Hühnchenessen ...

Oberleutnant Leibbrand

... MG-Salven aus dem Gebüsch

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