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I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 5. Der Vatikan und die Weltkirche Leibfeindliche Lehren

aus DER SPIEGEL 50/1998

▷ Warum verdammt die katholische Kirche die Empfängnisverhütung, hält am Zölibat fest und lehnt Frauen als Priesterinnen ab?

Um Fragen der Sexualmoral und der Rolle der Frau in der Kirche schwelen seit Jahrzehnten Dauerkonflikte. Wer - gar als Theologe oder hoher Kleriker - an die Reizthemen Frauenordination, Priesterehe, Wiederheirat von Geschiedenen oder Empfängnisverhütung rührt, sieht sich dem inquisitorischen Machtapparat des Vatikans gegenüber; innerkirchlichen Kritikern drohen Amtsenthebung und Entzug der Lehrerlaubnis.

In seiner Enzyklika »Humanae vitae« hatte Papst Paul VI. 1968 die althergebrachte Auffassung über die Unauflöslichkeit der Ehe und die Fruchtbarkeit als ersten Ehezweck zementiert. Kondom, Spirale und vor allem die Pille sind damit jedem Katholiken bis heute verboten, auch in den Ländern, in denen Hunderttausende den Hungertod als Folge der Überbevölkerung sterben.

Über die »Pillen-Enzyklika« brach Ende der sechziger Jahre ein weltweiter Sturm der Entrüstung aus. Doch der Vatikan hat seinen ehernen Standpunkt zur Geburtenregelung immer wieder bekräftigt.

Daß eine Lockerung des Verhütungsverbots die Zahl der Abtreibungen - weltweit 60 Millionen im Jahr - vermindern könnte, ließ Paul VI. sowenig als Argument gelten wie sein Nachfahre Johannes Paul II. Der möchte die Abtreibung gar in die Nähe des Holocaust rücken und stürzte die deutschen Bischöfe in einen Konflikt, weil er zum Ausstieg der katholischen Einrichtungen aus dem staatlichen Beratungssystem zum Schwangerschaftsabbruch drängt.

Die italienische Anthropologin und ehemalige Nonne Ida Magli meint, daß die starre Haltung des Papstes »einen unbewußten Haß auf die Freiheit der Frau erkennen« lasse.

Auch dessen konservative Marienfrömmigkeit, eng mit dem Glauben an Wunder und Erscheinungen verbunden, stößt bei vielen Christen, vor allem in der westlichen Welt, auf Befremden. Mit der Verehrung Marias geht ein traditionelles Frauenbild einher, das modernen Vorstellungen von Emanzipation und Gleichberechtigung widerspricht.

Die leibfeindliche Einstellung der obersten Glaubensinstanz äußert sich schließlich auch im Festhalten am Priesterzölibat, der 1983 im kirchlichen Gesetzbuch, dem »Codex Iuris Canonici«, bekräftigt wurde. Die Kirche koppelt das geistliche Amt mit dem Heiratsverbot, vordergründig für eine »bessere Verkündigung« ihrer Botschaft, gleichzeitig aber zur Sicherung ihrer hierarchischen Strukturen. Dennoch wächst der Druck auf die Kirchenführung, den einschlägigen Canon 277 zu reformieren, vor allem weil die Bischöfe in aller Welt über den enormen Priestermangel und die Stimmung unter den Pfarrern alarmiert sind.

Trotz fehlenden Priester-Nachwuchses bleiben Frauen vom Priestertum ausgeschlossen. 1975 griff der Tübinger Theologe Hans Küng das brisante Thema in seinen »20 Thesen« auf: Es gebe in der Bibel keinen Beleg dafür, daß Frauen nicht als Priesterinnen zugelassen werden könnten.

Die römische Glaubenskongregation wollte die Diskussion 1977 mit einem kategorischen Verbot beenden. Doch innerkirchliche Oppositionsgruppen forderten weiterhin Gleichberechtigung für die Frauen. Johannes Paul II. bekräftigte daraufhin 1994 in seinem Apostolischen Schreiben »Über die nur den Männern vorbehaltene Priesterweihe«, alle Gläubigen müßten diese Entscheidung als »endgültig« akzeptieren.

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DES SOZIALEN WANDELS; VI. ... DER MEDIZIN; VII. ... DES KAPITALISMUS; VIII. ... DES KOMMUNISMUS; IX. ... DES FASCHISMUS; X. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; XI. ... DER MASSENKULTUR; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DERIMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ...DER BEFREIUNG; V. ... DES SOZIALEN WANDELS; VI. ... DER MEDIZIN;VII. ... DES KAPITALISMUS; VIII. ... DES KOMMUNISMUS; IX. ... DESFASCHISMUS; X. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; XI. ...DER MASSENKULTUR; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND

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