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LYNCHJUSTIZ Leiche im Pearl River

aus DER SPIEGEL 1/1960

Drei maskierte Männer rüttelten an den Eisenstäben der Gefängniszelle, in der sich eine Horde stoppelbärtiger Untersuchungshäftlinge zusammendrängte. Einer der Maskierten hantierte am Türschloß der Zelle, während eine Stimme grölte: »Wer von euch ist der Parker?« Eifrig zeigten die Häftlinge auf einen untersetzten Neger, den 23jährigen Lastwagenfahrer Mack Charles Parker, der sich vor einem Gericht wegen der angeblichen Vergewaltigung einer weißen Frau verantworten sollte.

Wenige Sekunden später stießen die Maskierten die Zellentür auf und fielen über den Neger her. Von Pistolenknäufen und Holzknüppeln blutig geschlagen, jammerte Parker unentwegt: »Ich war es nicht! Ich war es nicht!« Dann schleiften die Eindringlinge den Körper des Negers zur Zelle hinaus und schlossen wieder die Tür. Ein Maskierter herrschte die Häftlinge an: »Haltet ja euer verdammtes Maul!«

Aus dem engen Fenster ihrer Zelle konnten Parkers Mithäftlinge noch beobachten, wie der Neger von den weißen Rowdys in eines der vier wartenden Autos hineingestoßen wurde. Die Wagen fuhren an. Ihr Motorengeräusch ging bald in dem Gejohle einiger Teenager unter, die soeben ein Tanzlokal verließen.

Die Entführung des Negers Mack Charles Parker aus dem Gefängnis von Poplarville, einer Ortschaft im amerikanischen Baumwoll-Staat Mississippi, am 25. April 1959 war nur der Beginn eines juristischen Skandals, der jüngst den amerikanischen Justizminister William P. Rogers an der Gerechtigkeit im größten Staat der freien Welt zweifeln ließ. Die gerichtliche Behandlung des Falles Parker, so erregte sich der Justizminister öffentlich, sei »der schreiendste Mißgriff der Justiz, der mir je vorgekommen ist«.

Zwar hofft der Justizminister, daß ein Bundesgericht, das im Dezember mit dem Fall Parker befaßt wurde, doch noch die Mörder des Negers belangen wird. Einstweilen aber muß sich Rogers mit der bitteren Erkenntnis begnügen, daß die Bundesregierung in Washington keine lokale Instanz der amerikanischen Staaten-Union zwingen kann, namentlich bekannte Mörder zu verfolgen und abzuurteilen.

In der Tat weigern sich die Gerichte des negerfeindlichen Südstaates Mississippi, den Mord an Parker aufzuklären. Sie werden dabei sogar von den amerikanischen Strafgesetzen geschützt, die Eingriffe des Bundes in örtliche Verfahren nur in ganz besonderen Fällen zulassen.

Die Rassentrenner in Mississippi gaben denn auch schon wenige Tage nach dem Verschwinden des schwarzen Lastwagenfahrers den Washingtoner Behörden zu verstehen, daß sie den Fall Parker allein behandeln wollten. Justizminister Rogers und seine Bundeskriminalpolizei (FBI) setzten sich jedoch über dieses Hindernis hinweg; Rogers entsandte 60 FBI-Detektive nach Poplarville, die sich sofort auf die Spurensuche machten.

Als rechtliche Basis für seine Intervention in Mississippi diente dem Minister ein Paragraph des Menschenraub-Gesetzes, der besagt, daß die Bundeskriminalpolizei eingreifen darf, sobald der begründete Verdacht besteht, das Opfer eines Menschenraubes sei aus einem Bundesstaat in einen anderen verschleppt worden; ereignet sich aber ein Verbrechen in zwei US-Staaten zugleich, so wird für diesen Fall automatisch der Bund zuständig. Da der verschwundene Parker 24 Stunden nach seiner Entführung noch immer nicht aufgefunden war und mithin der Verdacht bestand, daß der Neger in einen anderen Staat verschleppt worden sei, konnte die Bundeskriminalpolizei in Aktion treten.

Den FBI-Beamten gelang es schnell, die Parker-Affäre aufzuklären. Die Bundes-Detektive fanden nicht nur die Leiche Parkers, von zwei Pistolenkugeln durchbohrt, unter dem Treibholz des Pearl River; sie konnten auch alle Personen namhaft machen, die in den Lynchmord verwickelt waren.

In der Nacht vor der Entführung Parkers - so ermittelte die Polizei - hatten sich 35 Männer auf einer Farm in der Nähe des Gefängnisses von Poplarville versammelt und einstimmig beschlossen, »den Nigger rauszuholen«. Auch der Ehemann der angeblich von Parker vergewaltigten Frau war zu der Versammlung eingeladen worden, hatte jedoch das Angebot zurückgewiesen. Darauf hatten sich elf Männer zu dem unbewachten Gefängnis begeben,während der Sheriff zwei Häuserblocks entfernt speiste; drei Männer waren in Parkers Zelle eingebrochen und hatten ihn entführt.

Kaum hatten die FBI-Beamten ihre Ermittlungen abgeschlossen, da rüsteten die Rassentrenner Mississippis zu einem Gegenschlag In der Südstaaten-Presse erschienen Sensationsmeldungen, in denen Washingtons Detektive beschuldigt wurden, aus harmlosen Bürgern Geständnisse erpreßt zu haben; der Bürger Reyer zum Beispiel sei von den Kriminalisten so drangsaliert worden, daß er zusammengebrochen und in ein Krankenhaus eingeliefert worden sei.

Schrieb Mississippis Staatsrevisor Boyd Golding an den Gouverneur des Baumwoll -Staates: »Ich hätte nie gedacht, noch einmal zu erleben, daß Fremde in den souveränen Staat Mississippi eingeladen werden, um die Menschen zu belästigen, einzuschüchtern und bis nahe an den Tod zu quälen. Haben Sie doch nun den Anstand, die FBI-Agenten des Landes zu verweisen!«

Verbittert reagierte die Bundeskriminalpolizei mit einer Erklärung, in der kaum verhüllt unterstellt wurde, daß die Mörder Parkers gedeckt würden. Die »entstellenden Berichte« über Ausschreitungen des FBI, so wehrte die Polizeiführung ab, stammten lediglich von Personen, »die offenkundig kein Interesse an der Aufklärung dieses Falles haben«.

Gleichwohl war der Druck der negerfeindlichen Elemente so stark, daß Mississippi-Gouverneur James P. Coleman es für geraten hielt, das Beweismaterial der Bundeskriminalpolizei zu ignorieren. Als Justizminister Rogers dem Gouverneur Anfang Juni den Bericht seiner Rechercheure zustellen ließ, weigerte sich Coleman, das bei Lynchmorden übliche Sonderschwurgericht einzuberufen und dort Anklage gegen die namentlich bekannten Mörder Parkers zu erheben.

Gouverneur Coleman erklärte vielmehr, es genüge, wenn sich das normale, örtlich zuständige Große Schwurgericht mit dem Mordfall Parker beschäftige; dieses Gericht sollte aber erst im November wieder zusammentreten. Beruhigte Coleman: Er werde zu »gegebener Zeit« das Untersuchungsmaterial des FBI dem Gericht übergeben.

Justizminister Rogers aber mußte zusehen, wie Gouverneur Coleman und seine negerfeindlichen Anhänger jede weitere gerichtliche Verfolgung des Falles sabotierten. Am seltsamsten gebärdete sich gerade der Mann, dessen juristische Argumente die Geschworenen im November für oder gegen eine Behandlung des Falles Parker beeinflussen konnten: der Richter Sebe Dale, Vorsitzender des Großen Schwurgerichts im Pearl-River-Landkreis.

»Wäre die vergewaltigte Frau«, brauste der Richter Dale auf, »ein Mitglied meiner Familie gewesen, dann - so muß ich befürchten - hätte ich den Angreifer selber getötet. Ich habe Parker gesehen. Ich habe niemals einen Mann erblickt, der so selbstzufrieden ausschaute. Es war, als säße er da, um noch einen Orden für seine Untat zu bekommen.«

Solche Kundgebungen juristischer Vor-Urteile ließen die Beamten im Washingtoner Justizministerium mit Recht befürchten, daß die gerichtliche Behandlung des Falles Parker nur eine Farce werden würde. Denn der Bund konnte nichts mehr unternehmen: Justizminister Rogers hatte bei der Übergabe des FBI-Berichts an Gouverneur Coleman bestätigen müssen, daß der Fall Parker »kein Bundes-Verbrechen« sei; der Neger war innerhalb der Staatsgrenzen Mississippis getötet worden, mithin gehörte der Fall ausschließlich in die Zuständigkeit des Mississippi-Staates. Keine Macht der Welt aber konnte ein Mississippi -Gericht zwingen, Mörder zu verfolgen, die offensichtlich die Sympathie breiter Bevölkerungsschichten genossen.

Derart zur Untätigkeit verurteilt, kamen die Justiz-Beamten in Washington auf eine naheliegende Idee: Um die Gerichte Mississippis mit Hilfe der öffentlichen Meinung unter Druck zu setzen, ließ das Justizministerium Details aus dem geheimen FBI -Bericht in die Presse sickern. Bald wußte das ganze Land, wo die Mörder saßen und wer sie schützte. Die gesteuerten Indiskretionen provozierten reformfreudige Senatoren und Abgeordnete in Washington zu der Forderung, die juristischen Befugnisse des Bundes gegenüber den Einzelstaaten müßten verstärkt werden. Im Kongreß wurde der Entwurf eines Anti-Lynch -Gesetzes herumgereicht.

Republikanische und demokratische Politiker erklärten, die Lynchaffäre Parker erinnere wieder einmal an den makabren Ruhmestitel Mississippis, der Staat mit den weitaus meisten Lynchmorden zu sein. Tatsächlich ereigneten sich von den 4730 Lychfällen, die Amerikas Geschichte seit 1882 zu verzeichnen hat, 574 auf dem Gebiet des Baumwoll-Staates Mississippi. »Der kalkulierte Mißgriff der Justiz, der sich jetzt wieder in Mississippi zugetragen hat, ist das stärkste Argument für die Annahme eines Bundes-Lynchgesetzes«, wetterte »New York Times«.

Schürte Rogers die Empörung gegen die südstaatliche Lynchjustiz: »Man spricht viel von den Rechten der Einzelstaaten. Das ist gut, aber es gibt auch Pflichten der Einzelstaaten. Wenn ein Einzelstaat nichts von der Handhabung der Justiz hält, nicht einmal so viel, daß er - wie im Falle Parker - Zeugen aufruft, dann muß die Bundesregierung Abhilfe schaffen.« Rogers ließ durch fein dosierte Indiskretionen die Version verbreiten, das Justizministerium arbeite bereits an einem neuen Gesetz, das dem Bund größere Rechte gegenüber den Einzelstaaten einräumt.

Solche verzweifelten Tricks versteiften jedoch nur den Widerstand der Rassentrenner in Mississippi. Gouverneur Coleman eilte nach Washington, um gegen jegliche Verringerung der Einzelstaaten-Rechte zu protestieren. Den verhängnisvollen Schlag führte dann Richter Dale. Als im November das Große Schwurgericht des Landkreises Pearl River zusammentrat, instruierte Dale die Geschworenen so parteiisch, daß sie es ablehnten, den Fall Parker weiterzuverfolgen.

Doch der Justizminister Rogers gab den Kampf nicht auf. Ende November beauftragte er seine Beamten noch einmal, alle Bestimmungen des »United States Code«, der Sammlung amerikanischer Bundesgesetze, daraufhin durchzusehen, ob sie nicht doch die Möglichkeit bieten, den Fall Parker vor ein Bundesgericht zu bringen. Sie spürten schließlich zwei Bestimmungen auf, die allerdings in den letzten Jahrzehnten von Washington bewußt vergessen wurden, weil sie aus einer Zeit stammen, an die sich Amerikaner ungern erinnern: aus der sogenannten Rekonstruktions -Zeit, in der die Bajonette und Kommissare des siegreichen Nordens die im Bürgerkrieg (1861 bis 1865) geschlagenen Südstaaten beherrschten.

In der Tat billigen Teil 241, Paragraph 18, und Teil 242, Paragraph 18 des »United States Code« den Bundesorganen eine Zuständigkeit in örtlichen Verfahren zu, wenn

- der Bürger eines Einzelstaates seiner verfassungsmäßigen Rechte (im Falle Parkers: des Rechtes zur Verteidigung vor Gericht) durch Funktionäre des Einzelstaates beraubt worden ist oder

- ein örtlicher Sheriff einen Untersuchungshäftling nicht ordnungsgemäß beschützt hat, obwohl er die feindselige Stimmung der Bevölkerung gegenüber dem Häftling kannte.

Die Gesetzes-Fahnder des Justizministeriums entschieden, beide Bestimmungen träfen auf den Fall Parker zu. Anfang Dezember beantragte William P. Rogers namens der Bundesregierung bei dem für Mississippi zuständigen Bundesdistriktsgericht eine Untersuchung darüber, ob im Falle Parker eine »Verschwörung vorlag, einen Bürger seiner konstitutionellen Rechte zu berauben«.

Bejaht das Gericht diese Frage, dann hat das Justizministerium in Washington freie Hand, die Mörder von Mack Charles Parker vor einem Großen Bundes-Schwurgericht anzuklagen. Prophezeite Rogers: »Das amerikanische Volk wird einen Schock bekommen, wenn die ganze Wahrheit herauskommt.«

Lynch-Opfer Parker

So selbstzufrieden

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