Zur Ausgabe
Artikel 58 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRANKREICH Leicht übersinnlich

Auf dem Rückflug aus Frankreich empfing Sowjet-Parteichef Breschnew ein Telegramm von Staatspräsident Pompidou, das nicht von Pompidou kam.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Wenn Staatschefs auf Reisen fremde Territorien überfliegen, schicken sie ihren Kollegen am Boden telegraphisch einen Gruß. Wenn sie einen Besuch im Ausland beendet haben, senden sie beim Ausflug ein Danktelegramm, und der Gastgeber telegraphiert zurück. So ist es ein -- vor allem im Ostblock beachteter -- Brauch.

So tat es auch Moskaus Generalsekretär Breschnew, zwar kein Staatsoberhaupt, aber als solches von seinem Gastgeber Pompidou in Paris empfangen. Und Pompidou grüßte zurück.

Besonderen Wert auf den diplomatischen Brauch legt die Kommunistische Partei der Sowjet-Union. Ihr Zentralorgan, die »Prawda«, druckt stets die Gruß- und Abschiedstelegramme der Staatsoberen im vollen Wortlaut -- meist auf der ersten Seite über mehrere Spalten. Fett druckt sie immer Rang und Namen der Adressaten und die Absender: Untrügliche Beweise für den internationalen Rang der Sowjet-Union.

Doch nach Breschnews Paris-Ausflug trog der Beweis: Die »Prawda« (Wahrheit) irrte. Als Breschnew am 30. Oktober Paris verließ und in seiner Iljuschin 62 Kurs auf Ost-Berlin nahm, dankte er mit einem formvollendeten Abschiedstelegramm an den Elysée-Palast. Den Text brachte die »Prawda« am nächsten Tag. Darunter setzte das Blatt der Staatspartei das was wie Georges Pompidous Antwort aussah: An 1162.

In dem Augenblick, da die sowjetische Delegation den französischen Himmel verläßt, möchten wir Leonid Breschnew im Namen der Werktätigen und des Volkes von Frankreich unsere heißen GrOße übermitteln. Wir bitten ihn, auch dem sowjetischen Volk die Gefühle tiefer Freundschaft des französischen Volkes weiterzugeben. G. Pompidou Der Sowjetchef und seine Redakteure hatten sich offensichtlich über die Depesche so gefreut, daß sie keinen Anstoß am majestätischen »Wir« des Präsidenten von Frankreich nahmen. Nach dem spärlichen Spalier des Volkes von Paris für den Sowjetgast gefiel wohl auch besonders, daß Pompidou nun »im Namen der Werktätigen« telegraphierte.

Vier Tage später aber erschien noch ein Pompidou-Telegramm in Breschnews Hauspostille. Diesmal galt es dem »Generalsekretär des ZK der KPdSU. dem Präsidiums Mitglied des Obersten Sowjet« Leonid Iljitsch Breschnew.

Pompidou hatte darauf geachtet, den in Rußland üblichen Vatersnamen »Iljitsch« an Breschnews Vornamen anzuschließen, er redete ihn höflich mit »Herr Generalsekretär« an und datierte sein Schreiben auf den 3. November.

Diesmal schrieb Pompidou im Singular, er schrieb von der »politischen, »wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit zwischen Frankreich und der Sowjet-Union«, dem »besseren Verständnis zwischen den beiden Völkern« und den »Gefühlen der Freundschaft, die das französische Volk für das sowjetische Volk hegt«. Von den Werktätigen schrieb der ehemalige Rothschild-Bankier Pompidou »kein Wort.

Die zweite Version allein, so der Elysée-Palast, sei echt: Pompidou habe erst am 3. November auf das Telegramm seines hohen Gastes geantwortet.

Woher die ersten Pompidou-Worte stammten, sagten weder Pompidou noch »Prawda«. Beamte der Pariser Sowjetbotschaft tippten auf einen »Piratensender«, der die Breschnew-Maschine angepeilt haben könnte. Die Lösung des Rätsels ließ sich der französischer KP-Zeitung »L'Humanité« entnehmen die am 1. November ein Kabel abgedruckt hatte, das dem »Prawda«-Telegramm verdächtig ähnelte:

Wir machen uns zu den Interpreten de Werktätigen und des Volkes von Frank reich, indem wir Leonid Breschnew unsere warmen GrOße übermitteln. Wir bitter ihn, dem sowjetischen Volk die Gefühle tiefer Freundschaft des französischen Volkes weiterzugeben.

Auf dem Weg in die »Prawda« wurden die »warmen« Grüße »heiße« -- und mit »Pompidou« garniert. Sie stammten, so »L'Humanité« leicht übersinnlich, von den »Weichenstellern des Himmels« -- dem Personal der Flugsicherung von Orly.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.