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Geheimdienste Leicht verwirrt

Auch der frühere Kanzleramtschef Schreckenberger war eine Stasi-Quelle. Ein Agent schöpfte Helmut Kohls Vertrauten ab.
aus DER SPIEGEL 36/1994

Helmut Kohl hat eine feine Witterung für Feinde und Renegaten. Seinen deutschen Schäferhund Igo hatte er in Mainzer Tagen so gut abgerichtet, daß der mehrfache Pfalzsieger auf die Frage »Bist du ein Soz?« gleich ganz bedrohlich knurrte und bellte. In Bonn hat »Helle«, wie Vertraute den Regierungschef nennen dürfen, Verräter sofort enttarnt, vor allem die in den eigenen Reihen.

Sein alter Schulkamerad Waldemar Schreckenberger von der Oberrealschule in Ludwigshafen, den Kohl 1982 als Chef-Gehilfen ins Kanzleramt geholt hatte, war da von anderer Natur. Ein zutraulicher, sehr freundlicher Mann, Typ zerstreuter Professor, der im Labyrinth Bonner Alltäglichkeiten zwar oft in die Irre ging, aber stets ohne Arg.

»Schrecki«, wie »Helle« ihn rief, hat dem Kanzler in seinen sieben Bonner Dienstjahren manchen Kummer bereitet, aber daß er dem mißtrauischen Kohl die Stasi in den Pelz gesetzt hat, ist auch für eine »langjährige Freundschaft« (Kohl) kein Klacks.

Die Sache kam raus, als Mitarbeiter des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz nach Washington reisten und Unterlagen einsahen, die sich die Freunde von der CIA während der Wende in Ost-Berlin gesichert hatten. Auf einer Karteikarte der Abteilung X der Hauptverwaltung Aufklärung standen kryptische Hinweise auf einen Agenten mit dem Decknamen »Luft«.

»Luft«, das war den deutschen Auswertern rasch klar, mußte über Jahre enge Kontakte zu Größen und Halb-Größen der CDU gesucht haben, unter anderem zu Waldemar Schreckenberger.

Die Verfassungshüter waren alarmiert: War der einst höchste Beamte des Bonner Regierungsapparates, Kanzleramtschef, Koordinator der Regierungsarbeit, Herr der Geheimdienste und Kanzler-Intimus, ein klammheimlicher Informant der Stasi-Abteilung »Desinformation«?

Selbst die Leute von der CIA reagierten irritiert. Der Name Schreckenberger war ihnen ein Begriff. Als Kohls Kanzleichef bekam der CDU-Mann auch geheimste Berichte der amerikanischen Späher zu sehen. Was die Amis nicht wußten: Mancher Report verschwand im Bermudadreieck auf Schreckis chaotischem Schreibtisch.

Ein Oberstaatsanwalt von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und ein Kriminaldirektor vom Bundeskriminalamt machten sich flugs auf den Weg nach Speyer, wo Professor Schreckenberger seit seinem Weggang aus Bonn 1989 wieder an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften lehrt.

Schreckenberger wirkte leicht verwirrt und bat um ein paar ergänzende Hinweise zu dem Agenten »Luft«. Nach einigem Grübeln kam ihm die Erleuchtung: »Luft« könne eigentlich nur Felix-Erik Laue, 63, sein, Diplompolitologe, Journalist, Ex-Landesvorsitzender des Bundes der Steuerzahler in Berlin. Ein netter, kenntnisreicher Mann, wie Schreckenberger höflich vermerkte.

Als die Ermittler Laue auf dem Flughafen Berlin-Tegel festnahmen, war der perplex, wahrte aber die Form: Er erzählte von seiner 1981 verstorbenen Mutter, dankte für das »Kompliment«, ihm eine Flucht zuzutrauen, und die »hohe Meinung« der Strafverfolger über seine Person.

Sieben Stunden verhörten die Beamten den Mann. Langatmig berichtete Laue von zahlreichen Treffen mit Leuten aus der früheren DDR. Daß seine Gesprächspartner von der Stasi gewesen sein könnten, beteuerte er immer wieder, sei ihm nie in den Sinn gekommen. Als ihn schließlich ein Ankläger der Bundesanwaltschaft in die Mangel nahm, kam Laue die Erinnerung. Natürlich habe er von der Stasi Geld für seine Dienste bekommen. Von 1982 bis 1985 kümmerliche 6000 Mark, von _(* Im Oktober 1969 mit Söhnen in Mainz. ) 1986 an rund 12 000 Mark im Jahr, unter dem Strich 50 000 Mark.

Gegen eine Kaution von 30 000 Mark wurde Laue freigelassen - die Anklage wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit von 1979 bis zum Ende der DDR soll in den nächsten Monaten fertiggestellt werden.

Bei den Christdemokraten in Bonn kommt nach dem Fall Laue verhaltene Unruhe auf. Im April erst war der frühere Bonner Flick-Lobbyist Adolf Kanter, 69, nach fast 30 Jahren Stasi-Tätigkeit (Deckname: »Fichtel") aufgeflogen.

Der Erfinder der Flickschen Spezialbriefe (Umschläge mit Geldbeträgen bis zu 10 000 Mark) an Politiker und Parteifunktionäre hatte besonders liebevoll die rheinland-pfälzische CDU des Helmut Kohl gepflegt. Einer der engsten Kohl-Gefährten, Hanns Schreiner, 64, langjähriger Regierungssprecher der CDU in Mainz, kannte nicht nur Kanter; er hat auch dem Stasi-Spitzel Laue den Weg ins Kanzleramt geebnet.

Im Herbst 1986 meldete sich Schreiner bei Schreckenberger und avisierte den Besuch von Laue. Er kenne und schätze den Mann, der früher auch für die Illustrierte Quick gearbeitet hatte. Parteifreund sei er auch. Der Journalist war stellvertretender Vorsitzender des Berliner CDU-Ortsverbandes Kurfürstendamm.

Laue interessierte sich angeblich für Schreckenberger »als Persönlichkeit«. Die Herren sahen sich etwa drei- bis viermal im Jahr. Wenn Laue, der einen kleinen Pressedienst fütterte und deshalb ein journalistisches Interesse vorgab, den Kanzlertrakt betrat, trafen sie sich zunächst bei Schreckenberger.

Dessen Zimmer lag nicht weit von Helmut Kohls Arbeitsraum, aber ins Allerheiligste des Kanzlers ist der mutmaßliche Spion offenbar niemals vorgedrungen.

Gelegentlich wurde Laue in den Salon gebeten, der für kleine Arbeitsessen gedacht ist. In Erinnerung hat er noch die winzigen Speisekarten und daß es statt Wein nur Selters gab. Die Herren wollten einen klaren Kopf behalten.

Die Gespräche drehten sich um das Ost-West-Verhältnis, SS-20- und Pershing-2-Raketen. Sie plauderten über den Skandal mit den Blaupausen der U-Boote für Südafrika, und einmal verriet Schreckenberger sogar, wie schlecht ein großer befreundeter Dienst arbeite. Nicht mal den Staatsanwälten will Laue bislang verraten, um welchen Geheimdienst es sich handelte, dabei weiß jeder in Bonn, daß der Kanzlergehilfe die CIA meinte.

Die Stasi konnte mit Schreckenbergers Erzählungen kaum etwas anfangen, doch Erich Mielkes Geheime waren von dem Kontakt in die Schaltzentrale der westdeutschen Macht begeistert. Der Vorgang Schreckenberger wurde vom Referat 3 der Abteilung X geführt, die sich um »Schaffung und Steuerung von Einflußagenturen (Kanäle, Multiplikatoren)« kümmerte.

Die geheimste Truppe des Spionagechefs Markus Wolf sollte systematisch den Klassenfeind im Westen desinformieren und destabilisieren. Das Konzept war simpel und manchmal auch erfolgreich, wenn auch nicht bei Schreckenberger: Die aus dem Westen kommenden Informationen wurden leicht verändert wieder zurückgespielt und schufen im Westen nicht selten beträchtliche Verwirrung.

Den Agenten »Luft« fand die Stasi so wichtig, daß sie ungewöhnliche Risiken einging: Stasi-Oberst Rolf Rabe von der Abteilung X kam sogar nach West-Berlin, um Laues Schilderungen aus dem Kanzleramt zu lauschen.

Die Stasi plante zeitweilig, Schreckenberger mit einer privaten Beziehung unter Druck zu setzen. Doch Laues Führungsoffiziere verwarfen den Gedanken - angeblich, weil Laue dem Oberst Rabe ins Gewissen redete.

»Wenn ihr Schreckenberger anrührt«, habe er Rabe gedroht, »begehe ich Selbstmord.« Y

Plauderei über SS-20 und U-Boot-Blaupausen

* Im Oktober 1969 mit Söhnen in Mainz.

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