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MODE Leichter als ein Blatt Papier

Thomas Mann, Prinzessin Diana und Erich Honecker zierten mit dem Panamahut ihr Haupt. Den Namen verdankt die berühmte Kopfbedeckung einem Mißverständnis: Nicht Panama, sondern Ecuador ist das Ursprungsland der luftigen Strohmodelle. Von Joachim Hoelzgen
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 34/1998

Ein früher Sonntagmorgen in den Anden Ecuadors. Das erste Licht beleuchtet weiße Wolken, die von den Bergen zum Dorf Sigsig segeln. Schemen lösen sich dort aus dem Dunkel der Gassen: Hochlandindianerinnen, die Strohhüte zum Platz vor der Kirche San Sebastián tragen.

Sie passieren dabei eine Kulisse, für die Sigsig in der ganzen Provinz Azuay bekannt ist, einer wilden Gegend zwischen den Ketten der östlichen und westlichen Anden-Kordillere. Überall in der Ortschaft stapeln sich Hüte und Strohbüschel, aus denen die Kopfbedeckungen geflochten werden. Sie liegen auf Veranden und in schattigen Höfen, auf Fenstersimsen, in kleinen Läden und sogar auf Bürgersteigen, es gibt sie festgezurrt auf den Dachgepäckträgern von Autos, und sie füllen, wie bei dem Händler Luciano López, die Räume eines ganzen Hauses aus.

López schaut zufrieden auf seine Vorräte. 3000 Hüte, die aber erst halb fertig sind, hat er im Erdgeschoß, die gleiche Anzahl im Wohnzimmer angehäuft. Es sind Rohlinge, »Stumpen« im Jargon der Hutmacher; das Stroh ragt noch weit über den Rand hinaus. »Wir sehen hier die Produktion von nur zwei Wochen«, erklärt López, »eingekauft bei 500 Flechterinnen.«

Die Allgegenwart der Hüte endet draußen erst vor dem Portal der wuchtigen Kirche. Sigsig wirkt mit den chaotisch aussehenden Kopfbedeckungen jeglicher Normalität entrückt. 24 000 Frauen flechten in Azuay und in der Nachbarprovinz Cañar Strohhüte, die der Inhalt ihres Lebens sind. »Sie haben das Flechten mit fünf oder sechs Jahren angefangen«, berichtet der Gemeindepfarrer Rafael Cabrera, »schon die Jüngsten spielen mit dem Stroh. Sie machen damit kleine Figuren, Vögel, Blumen und Zwergsombreros.«

Die Arbeit in den Dörfern ist hart und unerbittlich. »Wenn wir nicht flechten, gibt es nichts zu essen«, sagen die Frauen. Viele sind an diesem Morgen aufgebrochen, als noch das Kreuz des Südens über dem Gebirge stand. Von den Strapazen gezeichnet, zeigen sie die Strohhüte wie Mitbringsel aus einer anderen Welt vor.

Ecuador ist ein schönes und dramatisches Land, keine Guerrilla will hier das Volk mit Gewalt befreien. Vorigen Montag hat der neugewählte Präsident Jamil Mahuad Witt sein Amt angetreten, der einer Einwandererfamilie aus Hamburg entstammt. Man erwartet von ihm Großes: Als Bürgermeister hat er in Quito Trolleybusse eingeführt, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen, und er hat versucht, die Not junger Indianerinnen zu lindern. Sie sind aus dem Amazonasdschungel in die Hauptstadt gekommen und verkaufen hilflos und alleingelassen Bananen im Bankenviertel, umgeben von Geldtransportwagen und deutschen Achtzylindern.

Weiter im Süden, in Azuay und Cañar, leiden die Menschen wie der große Rest der Ecuadorianer noch unter den Exzessen des korrupten Präsidenten Abdalá Bucaram, der wegen »geistiger Unzurechnungsfähigkeit« abgesetzt wurde. Während sich Bucaram aus einem Geheimfonds bediente und gern im Fernsehen Gitarre spielte, verfielen im Hinterland die Straßen, wurden Brücken von El Niños Regen unterspült. An der Küste und in den Bergen ist Cholera ausgebrochen, 2000 Menschen sind gestorben. »Noch weit mehr werden ins Grab marschieren«, schreibt düster die Tageszeitung »El Mercurio«, die in Cuenca, der Provinzhauptstadt von Azuay, erscheint.

Cuenca ist eine stolze Stadt, ein Sevilla der Anden. In den Patios der alten Gebäude wachsen Papyrusstauden und Orchideen. Am Parque Calderón vor der Kathedrale fliegen Luftballons, flanieren Spaziergänger. An Ständen gibt es Meerschweinchen am Spieß und Zuckerwatte.

In Cuenca werden die Hüte aus den Anden von Exportfirmen versandfertig gemacht. Die Feinsten sind so dicht geflochten, daß die Struktur des Gewebes kaum erkennbar ist. Als Panamahüte zieren sie die vornehmen Hutgeschäfte der Welt, etwa J. J. Hat in New York und James Lock in der Londoner St. James's Street.

Man sieht sie als Symbole des gepflegten Müßiggangs auf den Vorbauten der Kolonialstilhäuser von Key West und auf den Sommerfesten des schleswig-holsteinischen Landadels. Bei der Royal Regatta im englischen Henley-on-Thames sind sie Teil einer modischen Apartheid, die Besucher ohne Blazer, Hosen aus weißem Flanell und Panamahut als Waldschrate ausgrenzt.

Das Hutmachen in Ecuador wurde voriges Jahrhundert aus der Not geboren. Auf den Plantagen an der Pazifikküste brauchten die Tagelöhner Schutz vor der Tropensonne. Aber auch die »hacendados«, die Latifundienbesitzer, suchten den Lichtschatten. Hoch zu Roß ritten sie bei den Flechtern persönlich vor, um sich mit dem Kopfschmuck einzudecken.

Weil die Hüte über Panama verschifft wurden, erhielten sie in Europa ihren Namen aufgrund eines Mißverständnisses. Als Modesensation erwies sich der »Hut aus Strohstoff« auf der Pariser Weltausstellung 1855. Feinsinnig beschrieb Marcel Proust die Gesellschaft der Belle Époque, die sich mit den Hüten schmückte.

Cuenca wollte an dem Aufschwung teilhaben, die Behörden machten das Flechten in Azuay zur Bürgerpflicht. Es kam zu Zwangsaushebungen von Kindern und Erwachsenen, Widerborstigen drohte Gefängnis. Noch im Jahr 1944 waren die Hüte der wichtigste Exportartikel des Landes.

Heute kommt das Stroh mit der Anden-Eisenbahn von Guayaquil aus ins Gebirge. Es wird aus den Blättern der Toquilla-Palme gewonnen, die auf einer Halbinsel westlich der dampfigen Hafenstadt wächst. Die Blätter werden von »pajeros«, Strohmännern, geschnitten und bis zum Stiel gekämmt. Dann kocht man die Büschel, ehe sie in Räucherkammern mit Vulkanschwefel gebleicht werden. Panamahüte sollen auf Hochzeiten und in der Stierkampfarena weiß glänzen, so wünschen es die Kunden aus Südamerika - und so schätzte es, im kalifornischen Exil, der Schriftsteller-Grande Thomas Mann.

Seit langem stellt sich Kurt Dorfzaun auf solche Forderungen ein. Er ist in Cuenca der Herr der Strohhüte. Jährlich verschickt sein Unternehmen 500 000 Exemplare, was ihn zum größten Fabrikanten seiner Branche gemacht hat.

1951 hat Dorfzaun mit der »exportación de sombreros« begonnen. Seine Eltern, die einen Parfümgroßhandel nahe des Münchner Hauptbahnhofs betrieben, waren 1938 mit ihm aus dem Hitler-Reich geflohen: »Am Morgen nach der Kristallnacht bin ich mit der Tram zur jüdischen Volksschule in der Herzog-Rudolf-Straße gefahren. Dort stieg aus den Fenstern Rauch. Ich bin gleich wieder heimgegangen.«

Dorfzaun beschäftigt 100 »azocadoras«, Zupferinnen, die das überstehende Stroh der Rohlinge zusammenziehen und abschneiden. Als nächstes bilden sie einen provisorischen, breit eingeflochtenen Rand, der bei Firmen wie Stetson in den USA, Borsalino in Piemont und Mayser im Allgäu-Städtchen Lindenberg den letzten Schick erhält.

Zoila Morocho, 50, kann davon nur ahnen. Sie sitzt an der Serpentinenstraße nach Sigsig vor ihrer Lehmhütte, in der es nur die Kochstelle, eine Bettpritsche und darauf ein Strohlager gibt. Sie teilt das Bett mit ihren beiden Töchtern, deren Männer »New Yorkinos« sind - sie arbeiten als Illegale auf Baustellen in New York. Das Kapital von Zoila Morocho sind 42 Strohbündel, 7 braucht sie für einen Hut. Der nadelfeine Regen stört sie nicht, weil Feuchtigkeit das Stroh elastisch hält. Sengende Sonne muß Zoila Morocho meiden, da sie das Stroh spröde und brüchig macht.

Wie alle Flechterinnen webt sie das Stroh vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, früher bei Kerzenlicht und jetzt beim Schein der Kerosinlampe. »Arme Christen«, sagt sie, »haben kein elektrisches Licht.«

Als Werkzeuge dienen lange und spitz zulaufende Fingernägel, die das Weben erleichtern. Ihr Blick ruht auf dem Stroh, das sie flink und gefühlvoll aneinanderreiht. Immer wieder taucht sie die Finger in eine Wasserschale, um die Fäden anzufeuchten. Der Priester von Sigsig hat beobachtet, daß die Flechterinnen täglich zwölf Stunden arbeiten. »Manche schlafen nur drei Stunden«, sagt er, »denn wer wirklich arm ist, macht am Tag zwei Stumpen.«

In dieser Welt am Rand der Wolken scheitern viele, bevor sie überhaupt etwas begonnen haben. Das zeigt sich auch vor der Kirche San Sebastián, wo die Aufkäufer der Exporteure rüde die Preise diktieren. Sie haben Einkaufstaschen hingestellt, die bis zum Rand mit Banknoten gefüllt sind. Der Anblick soll bei den Flechterinnen nicht den Wunsch nach gerechtem Lohn aufkommen lassen, sondern ihn eher betäuben.

Die Augen einer Händlerin durchleuchten die Ware. Sie hält einen Hut gegen die Sonne, um Unregelmäßigkeiten zu erkennen. »Ah, der ist 14 000 Sucre wert, mach weiter so.« 14 000 Sucre sind 4,60 Mark.

Die Mehrzahl der Flechterinnen begnügt sich mit dem, was immer war - aber nicht alle. Sie arbeiten einer Genossenschaft in Sigsig zu, der »Asociación de Toquilleras«, bei der man nicht feilschen muß; sie unterstützt ältere Flechterinnen und zahlt ein Weihnachtsgeld von 30 000 Sucre. Stolz zeigt die Leiterin das Fax eines deutschen Kunden vor. Es kommt von der Schnupftabak-Firma Alois Pöschl in Landshut, die für eine Werbeaktion 6500 Panamahüte bestellt hat.

Am Zustandekommen der Genossenschaft war eine junge Fernsehjournalistin beteiligt, die in Quito beim Sender Kanal 8 arbeitet. Tania Granja hat vier Jahre ein Programm der Welthandelsorganisation in Genf betreut, mit dem die Situation der Flechterinnen in den Anden und in der heißen Küstenprovinz Manabí verbessert werden sollte. Sie hat für die Indio-Frauen viel erreicht. »Die saßen vorher allein in den Hütten. Niemand hat auf sie gehört, und sie konnten keine Rechte einklagen.« Tania Granja hat aber auch die Exporteure in Cuenca beraten. Sie ist nach Deutschland und in die USA gereist, um dort das Image der Panamahüte zu verbessern.

Es hatte Kritik gegeben, weil sie in Stahltanks mit einer Lauge aus Schwefel und dem Haarbleichmittel Wasserstoffperoxid getaucht werden, damit sie noch stärker aufhellen. Die Genfer Welthandelsorganisation entsandte einen Chemiker und Italiens berühmten Hut-Designer Attilio Sorbatti, um Cuencas Produzenten beim Gebrauch von Chemikalien zu mäßigen.

Doch nun sind die Folgen der Globalisierung auch schon in den einsamen Andentälern spürbar. In der Handelskammer Cuencas herrscht mit Blick auf die nichtfeudale Kundschaft Sorge. Denn 1997 ist die Ausfuhr von Strohhüten um mehr als die Hälfte zurückgegangen - vor allem, weil die Plantagenarbeiter in Brasilien und Mexiko, die wichtige Abnehmer waren, Billigware aus China und Fernost aufsetzen. Der Verfall der asiatischen Währungen hat die Preise noch weiter gedrückt. »Die Japaner verkaufen Hüte aus Reisstroh als ,Panama hats', weil der Name nicht geschützt ist«, sagt Tania Granja. Unzufrieden ist auch Dorfzaun: »Wir können nichts dagegen tun, die sind nur halb so teuer.« Er setzt auf Qualität - ein Dankschreiben Prinzessin Dianas hängt in seinem Büro unter Glas - und auf die Gefahren des Ozonlochs. Australien sei deshalb ein neuer Absatzmarkt, man trage dort überall Panamahüte an den Stränden.

Dorfzaun selbst hat die Höhe Cuencas (2580 Meter) unterschätzt. Er ist gerade aus New York zurückgekehrt, wo er wegen Hautkrebs operiert wurde. Seine kecke Tolle ist Teil einer Perücke und verbirgt die Krankheit. Ja, hätte er nur immer einen seiner Hüte aufgehabt, sinniert er, »das Schicksal wäre mir erspart geblieben, dafür bin ich der lebende Beweis«.

Allerdings hätte auch der Panamahut-Fan Erich Honecker kein Vorbild sein können. Dorfzaun weist auf ein Foto, das Honecker anläßlich einer Maiparade zeigt. »Da trägt er eine Imitation aus Kunststoff. Ich erkenne das, weil die Sonne praktisch durch den Hut scheint. Honecker muß wie unter einer Wärmflasche gelitten haben.« Für Damen und Herren von Welt wie die Schauspielerin Jane Seymour verschickt Dorfzaun auch Panamahüte aus Pile, einem Dorf in Manabí, das bis vor kurzem von Wasser umschlossen war. Das Eisengerippe einer Brücke ist dort wie ein Schiffswrack im Flußbett versunken.

Niemand in Pile trägt einen Hut, es gibt niemanden, der sich das leisten könnte. Ein paar Männer dösen in dem Geisterdorf in Hängematten. Hier entstehen die »Montecristi«, die schönsten und teuersten Hüte aus Toquilla-Stroh. In den internationalen Metropolen können sie mehr als 1000 Dollar kosten.

Die Chapeaus, man unterscheidet zwischen dem »Montecristi fino« und dem »Montecristi superfino«, fühlen sich leichter an als ein Blatt Papier und dünner als die Seite eines Buchs. Man kann sie zusammenrollen und ins Jackett stecken, ohne daß sie aus der Fasson geraten.

Die Sonne hat in Pile alles in die Farben einer vergilbten Postkarte verwandelt. Die meisten jungen Frauen haben das Dorf verlassen, um sich als Dienstmädchen in Venezuela zu verdingen. Viele ehemalige Flechter leisten lieber Schwerarbeit in einer Ziegelei oder bewachen mit Gewehren riesige Garnelenfarmen am Pazifik.

Drei Monate müssen die Dagebliebenen an einem Montecristi flechten. Diese Hüte gingen weg wie »pan caliente«, wie warme Semmeln, sagt Don Rosendo, ein Aufkäufer, der sich nur noch selten bis nach Pile durchschlägt. 100 Dollar zahlt er für die dreimonatige Fron. Um die Wölbung des Hutes genauestens zu kontrollieren, müssen die Flechter im Stehen weben, nach vorn gebeugt an einem Bock aus Holz.

Der amerikanische Botschafter erschien mit seiner Familie zur Anprobe bei Don Rosendo. Den machte das glücklich: »Er hat nicht gefeilscht. Er hat erkannt, wie wertvoll ein Panamahut ist.«

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Export von Panamahüten 1997

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Export von Panamahüten 1997

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