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JAPAN Leichter Sieg

Toilettentag, Toilettenmuseum, Toilettensymposium: Fortschritt muß sein - auch auf dem Klo. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Tokios derzeit schickstes Cafe liegt im 37. Stock des Ark-Mori-Hochhauses im eleganten Akasaka-Viertel: Man sitzt, mit atemraubendem Blick auf die Stadt, vor einer Ausstellung der teuersten und bizarrsten Toiletten der Welt. An der Kasse werden kleine Klos als Souvenirs verkauft.

Einst waren Bedürfnis-Einrichtungen in Japan ein Tabu-Thema, jetzt wird darüber auf Cocktailpartys gesprochen. Um Kunden anzuziehen, richten Tokios Kaufhäuser besonders ungewöhnliche Klos ein, werben modische Restaurants mit extravaganten Modellen.

Toiletten sind jäh Mode geworden in einem Land, das immer allen voran sein und dabei möglichst noch Geld machen will.

Die Porzellan-Schüsseln sind das Thema wissenschaftlicher Diskussionen, ein nationaler Toilettentag wurde eingeführt, in Tokio tagte gerade ein internationales Toilettensymposium mit 220 Vertretern aus zehn Ländern. Nächsten Monat wird die Stadt Kagawa ein »Toilettenmuseum« einweihen, das erste seiner Art in der Welt.

Hochtechnisierte Toiletten - »High-Tech-toire« genannt - sowie eine reichhaltige Auswahl an Zubehör werden in Hunderten von Geschäften und in Katalogen des Versandhandels angeboten. Unter dem Schleier strikter Geheimhaltung kämpfen die beiden größten Hersteller, Toto und Inax, wer als erster auf den Weltmarkt bringt, was im Jargon der Branche »die Toilette der Zukunft« heißt: ein Becken, dessen Benutzer die sofortige Aufschlüsselung seiner Exkremente auf dem Bildschirm ablesen kann.

»Anfangs wird es nur einfache Analysen geben, später werden diese Toiletten elektronisch an Krankenhäuser angeschlossen«, sagt Hideo Nishioka. Der Gelehrte war Professor für »Human Geography« an der angesehenen Keio-Universität, bis ihn Anfang der sechziger Jahre ein Bauunternehmen zum Berater in Toilettenangelegenheiten bestellte. Seitdem hat Nishioka 72 Länder bereist, um deren Sitzsitten zu untersuchen.

Er behauptet Sensationelles, etwa, daß die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg ihren Sieg in der Schlacht um Guadalcanal einem glücklichen Fehler beim Messen der Exkremente der japanischen Besatzungstruppen auf der Insel zu verdanken hätten.

Amerikanische Spione hatten nämlich das Volumen der von den Japanern ausgehobenen Latrinengruben richtig geschätzt, aber gemeint, daß jeder Japaner nur 100 Gramm Kot pro Tag abgebe, statt - wie in Wahrheit - 400 Gramm. Also stellte Amerika Invasionsstreitkräfte in vierfacher Stärke bereit - sie hatten dank ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit einen vergleichsweise leichten Sieg.

Der japanische Toilettenverband möchte vor allem die Zustände in den öffentlichen Abtritten verbessern. Ein nationaler Wettbewerb wurde zu diesem Zweck ausgeschrieben. An jedem 10. November, dem nationalen Toilettentag, sollen die zehn allerschönsten Modelle preisgekrönt werden.

Gemeinden wetteifern untereinander um die originellsten Klos. Manche Exemplare wecken Assoziationen an Kirchen, Tempel oder Weltraumstationen. In der Stadt Ito wurden sechs im Stil altjapanischer Teehäuser gebaute Toiletten eine örtliche Touristenattraktion. Eine Frau, Hatsuko Matsunaga, erwarb sich einen Ruf als Ausmalerin von Toilettenwänden. Sie verfaßte eine Monographie mit dem Titel »Toiletten für Frauen«.

Die Frauen sind ein spezielles Problem im Toilettenproblem der Japaner. Firmen entdeckten, daß weibliche Angestellte, besonders die jüngeren, während der Benutzung mehrmals spülen, einzig um das eigene Plätschern zu übertönen, das sie geniert. Da jede Spülung fünf Liter Wasser kostet, jedes Mädchen durchschnittlich dreimal spült und durchschnittlich fünfmal pro Tag zur Toilette geht, werden Millionen Liter Wasser sinnlos geopfert.

Die Lösung brachte der »Geräuschausmerzer«, der das Rauschen einer Toilettenspülung perfekt nachahmt, Kosten 9800 Yen (125 Mark). Japans Fuji Bank mit ihren 5000 weiblichen Angestellten sparte voriges Jahr acht Millionen Yen, nachdem sie 1600 dieser Geräte hatte installieren lassen.

Japanischer Fortschrittsglaube ist auch im Klowesen unschlagbar. Professor Nishioka meint allen Ernstes, noch vor der Jahrtausendwende könnten Exkremente des Menschen denen der Ziegen ähnlich gemacht werden: kleine trockene Bohnen, die leicht weiter verwendbar sind und nicht mal stinken.

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