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US-Streitkräfte Leichtes Aufpolieren

In Washington erschoß sich der Oberbefehlshaber der Marine. Er hatte vor seinen eigenen Ansprüchen versagt.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Der Tag fing schlecht an. Als Jeremy Boorda, Vier-Sterne-Admiral und Chef der US-Marine, am Donnerstag morgen das Pentagon betrat, begrüßte ihn die Streitkräftezeitung Stars and Stripes mit einem Tiefschlag. Auf der Titelseite prangte ein Bericht über die Verhaftung von 13 Marineangehörigen wegen Drogenvergehens.

Die Rauschgift-Matrosen gehörten zum Nato-Kommando Südeuropa in Neapel, das Boorda bis vor zwei Jahren geleitet hatte. Der Bericht war bestens geeignet, beim Heer oder bei der Luftwaffe Vorurteile zu festigen, nach denen die US-Marine nur noch ein übler Skandalverein sei, den niemand in den Griff bekommen könne. Schon seit Jahren macht die Navy durch Sex-Affären und Durchstechereien von sich reden.

Und die nächste dumme Geschichte ließ nicht lange auf sich warten. Kurz nach Mittag unterrichtete Konteradmiral Kendell Pease, Chef-Sprecher der Marine, seinen Vorgesetzten darüber, daß Newsweek ein paar Fragen zu Tapferkeitsnadeln stellen wolle, die der Admiral bis vor einem Jahr getragen hatte.

Ein peinliches Thema: Unzweifelhaft hatte sich Boorda bei zwei Aufenthalten in Vietnam je eine Auszeichnung verdient. Doch der Marinechef hatte die Ordensbänder mit einem Aufstecker in Form eines »V« getragen. Der Buchstabe steht für »valor« und soll den Dekorierten als besonders tapfer ausweisen.

Nicht, daß Boorda jemals feige gewesen wäre, aber den mit V versehenen Orden erhielten im Vietnamkrieg nur Soldaten, die sich in feindlichem Feuer bewährt hatten, was ihm erspart geblieben war. Eine kleine Aufbesserung an einer ohnehin imposanten Ordensbrust - mehr war gar nicht passiert.

»Was machen wir jetzt?« fragte Boorda, 57, seinen Sprecher und antwortete selbst: »Wir sagen die Wahrheit.« Doch seinen Lunch mochte der Admiral nicht mehr anrühren. »Ich gehe nach Hause«, sagte er zu Pease. Ob er zum Interview wieder da sei, wollte der Sprecher noch wissen. »Yep«, antwortete der Offizier mit dem Ausdruck, den Amerikaner gern für forsche Zuversicht benutzen.

Die war gespielt. Boorda schickte seinen Fahrer nach Hause und fuhr selbst auf die andere Seite des Potomac. Dort liegt Washingtons Navy Yard, auf dessen Gelände sich die Dienstvillen für die Marinechefs befinden. Er griff sich die Pistole seines Schwiegersohns, ging in den Hof und erschoß sich. Den Lauf der Waffe hatte er da angesetzt, wo er sonst seine Orden zu tragen pflegte, auf der linken Seite der Brust.

Für einen Moment schockte der Selbstmord auch die abgebrühtesten Militärpolitiker. Niemand wollte glauben, daß sich ein Offizier, der mit 17 die High School verlassen hatte, um - ein Jahr zu jung - zur Marine zu gehen, wegen einer solchen Lappalie das Leben nehmen könne.

Und dennoch: Ausweislich zweier Abschiedsbriefe (einer davon ging an seine Frau) erschoß sich Boorda, um neuerlichen Schmähartikeln über die Marine zuvorzukommen. Kritische Journalisten hatte er beschieden: »Schreibt, was ihr wollt über die U.S. Navy. Wir werden sie besser machen.«

Nachdem sein Vorgänger wegen einiger Sexgeschichten von Offiziersanwärtern, um deren Aufklärung er sich nicht ernsthaft bemüht hatte, frühzeitig in den Ruhestand gegangen war, hatte Boorda im April 1994 das Amt übernommen, um den lädierten Ruf der Navy wieder aufzubessern.

Als ein Admiral im vorigen Jahr einige taktlose Bemerkungen über die Vergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens durch US-Soldaten auf Okinawa abließ ("Warum haben die sich nicht einfach eine Prostituierte gekauft?"), befürwortete Boorda den Rücktritt des hochdekorierten Offiziers: »Jede Regelübertretung, jedes mißverständliche Signal - und davon hatten wir einige in der jüngsten Vergangenheit - erniedrigt uns und beschämt die Marine.«

Seinen Untergebenen verordnete er einen Tag lang Exerzitien. Alle Arbeiten mußten liegenbleiben, damit Matrosen wie Offiziere Vorträge über »Ordnung und Disziplin« anhören konnten. An seinen eigenen Maßstäben mußte er nun die leichtsinnig aufpolierten Orden messen lassen.

Boorda wurde zum Opfer seines übersteigerten Ehrgefühls, nachdem er sich in den vergangenen Monaten auch persönlichen Angriffen ausgesetzt gesehen hatte. Der ehemalige Marineminister James Webb giftete ihn mit einer rhetorischen Frage an: »Welcher Admiral hat denn noch den Mut, seine Karriere zu riskieren, um die Integrität seiner Untergebenen zu verteidigen?«

Als vorigen Donnerstag Newsweek-Bürochef Evan Thomas pünktlich 14.30 Uhr zum Interview erschien, stellten Ärzte im Washingtoner General Hospital gerade den Tod des Admirals fest.

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