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INTERZONENHANDEL Leidvoll verbunden

aus DER SPIEGEL 11/1960

Was der Politik bisher nicht gelungen ist, hoffen nun die einflußreichen Spitzen-Manager der Stahlindustrie von Rhein und Ruhr zu verwirklichen: eine gesamtdeutsche Wirtschaftskommission. Sie soll Stahlgeschäfte zwischen den beiden Teilen Restdeutschlands vermitteln und dabei der Ruhr weit größere Aufträge einbringen als bisher.

Urheber dieses neuesten gesamtdeutschen Plans ist der Hüttendirektor Ernst -Wolf Mommsen, Vorstandsmitglied des Stahlkonzerns Phoenix-Rheinrohr AG, gebürtiger Berliner und Enkel des Historikers und Nobelpreisträgers Theodor Mommsen. Der Ruhr-Direktor galt zwar schon immer als besonders aktiver Förderer des innerdeutschen Handels - er ist Vorsitzender des Interzonenhandels -Ausschusses der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl -, aber sein jüngstes Projekt überschritt selbst die Vorstellungen des sowjetzonalen Handelsministers Heinrich Rau.

In Begleitung des Mannesmann-Verkaufschefs Müller - genannt »Obermüller« - und einiger Direktoren großer Stahlunternehmen, die alle seit Jahren im Rahmen des Interzonenhandels-Abkommens mit der DDR Stahlgeschäfte abwickeln, war Mommsen auf der Leipziger Messe erschienen. Dort hatte er sich am vorletzten Montagnachmittag im Prominenten-Hotel »Astoria« zu einem Gespräch mit Rau eingefunden.

Nachdem Rau seine kapitalistischen Gäste mit Schnaps und Kaffee begrüßt hatte, beklagte er das Desinteresse amtlicher Bonner Stellen am Handel zwischen »den beiden deutschen Staaten« und strich zugleich den steigenden Stahlbedarf der DDR heraus, an dessen Befriedigung auch die westdeutsche Industrie führend partizipieren könne.

Immer wieder, so lamentierte Rau, werde von westdeutschen Behörden der Interzonenhandel erschwert oder gar gestoppt, weil die DDR mit ihren Lieferungen und Zahlungen manchmal in Rückstand gerate. Aggressiv fragte Ulbrichts Wirtschaftsminister die illustre Runde: »Aber letzten Endes haben wir doch noch jeden Pfennig bezahlt, oder ...?« Die Herren von der Ruhr nickten zustimmend.

Nun ergriff Ernst-Wolf Mommsen die Initiative. Unter Hinweis auf die Verbundenheit im Leid nach dem Zwickauer Bergwerksunglück schlug er eine Verbindung zwischen der westdeutschen Stahlindustrie und ihren DDR-Geschäftspartnern vor, um die Geschäfte zu erleichtern und zu forcieren. Er sprach sich für die Bildung einer gesamtdeutschen Kommission aus, die paritätisch mit Wirtschaftlern und Experten aus West- und Mitteldeutschland besetzt sein sollte. Auch für Vertreter der westdeutschen Bundesbehörden sind in Mommsens Kommission Sitz und Stimme vorgesehen.

Dieser gesamtdeutsche Stahlrat, so führte Mommsen aus, soll alle Möglichkeiten für eine Ausdehnung des Stahlgeschäfts zwischen den beiden Teilen Deutschlands sondieren und dann den beiden Regierungen Vorschläge unterbreiten, etwa, das Handelsvolumen zu, vergrößern und weniger komplizierte Abwicklungsverfahren einzuführen. Minister Rau, von dem Vorschlag völlig überrascht, beeilte sich zuzustimmen: »Die DDR wird mitmachen.«

Hinter dem Mommsen-Plan steht die Sorge der westdeutschen Industriellen, durch die Haltung der Bonner Regierung immer mehr vom mitteldeutschen Markt an das westliche Ausland zu verlieren. Während die westdeutschen Lieferungen an die DDR streng reglementiert sind und mühsam durch den Behörden-Wirrwarr geschleust werden müssen, schalten sich die westlichen Verbündeten ohne viel Skrupel in das Geschäft mit dem Ulbricht-Staat ein.

In ihrem Bestreben, der Sowjetzone nicht durch wirtschaftliche Hilfe zur Stabilität zu verhelfen, besteht die Bundesregierung nach wie vor darauf, das jährliche Handelsvolumen vertraglich genau zu begrenzen. Klagt man an der Ruhr: »Wenn die DDR ein Volumen von jährlich drei Milliarden Mark verlangt, dann akzeptiert Bonn nur zwei Milliarden.«

Selbst dieser beschränkte Handel wird dann noch hemmenden Prozeduren unterworfen. So müssen die westdeutschen Firmen bei den Bundesbehörden ihre Kontrakte mit der DDR vorlegen, die Behörden prüfen mehrmals den vereinbarten Preis, ein Revers über die Zahlungsbereitschaft der DDR ist beizubringen, und die Lieferung wird von regierungsamtlichen Warenbegleitscheinen abhängig gemacht.

Am meisten wird jedoch der Warenfluß über die innerdeutsche Grenze durch das Ausschreibungsverfahren des Bundeswirtschaftsministeriums gehemmt. Obwohl der Gesamtumfang des Interzonenhandels jährlich vereinbart wird, gibt das Ministerium die Lieferungen nur bruchstückweise und in Abständen frei.

So sind etwa für 1960 westdeutsche Stahllieferungen im Wert von 200 Millionen Mark vereinbart worden. Um eine zügige Produktion und Auslieferung zu ermöglichen, hätten alle Lieferungen zu Beginn des Jahres 1960 freigegeben werden müssen. Ludwig Erhards Ministerium genehmigte jedoch für die ersten drei Quartale dieses Jahres nur Lieferungen im Wert von 110 Millionen Mark, und die Stahlindustrie fürchtet, daß die Freigabe der noch offenen Lieferungen - Wert: 90 Millionen - zu spät kommt, um die Aufträge noch 1960 termingerecht ausliefern zu können. Ein Teil von ihnen würde dann verfallen.

DDR-Organe und die westdeutsche Stahlindustrie haben sich deshalb seit Jahren darum bemüht, mehrjährige Lieferverträge abschließen zu können und das Lieferverfahren vom behördlichen Ballast zu befreien - die westdeutsche Stahlindustrie, für die Mitteldeutschland jahrzehntelang ein wichtiges Absatzgebiet war, hat durch die Bonner Interzonenhandelspolitik schon genug Terrain verloren.

Bis zum Zusammenbruch 1945 lieferten die Stahlwerke an der Ruhr durchschnittlich zwei Millionen Tonnen im Jahr nach dem Gebiet der heutigen DDR. Zur Zeit sind es nur 200 000 Tonnen, während die Sowjet-Union jährlich 1,5 Millionen Tonnen Stahl dorthin verfrachtet.

Dabei steigt der Stahlbedarf der DDR von Jahr zu Jahr. Neben dem normalen Anstieg des Stahlkonsums in einer modernen Industriewirtschaft wird der Verbrauch in Ulbrichts Staat noch auf Jahre hinaus durch den: Umstand angeheizt werden, daß der Sowjetzone im Rahmen der Moskauer Großraumpläne die Rolle eines Chemie- und Maschinenbau-Zentrums für den Ostblock zufällt. Einen Teil der dazu benötigten zusätzlichen Stahlmengen soll die Bundesrepublik liefern.

Wie die DDR allerdings die für höhere Stahllieferungen nötigen Beträge an D-Mark-West verdienen soll, darüber haben die west-östlichen Stahlpartner nur recht vage, wenn auch optimistische Vorstellungen. Sie meinen, daß der hart umkämpfte westdeutsche Markt noch für größere Mengen DDR-Erzeugnisse der feinmechanischen und optischen sowie der Nähmaschinen und Fahrradindustrie aufnahmefähig sei. Sollte das Stahlgeschäft forciert werden können, so erklärten Mitarbeiter des Ministers hau in Leipzig, dann wäre die DDR auch bereit, in größerem Umfang als bisher (zur Zeit für 150 Millionen Mark jährlich) Dieselöl und Benzin nach Westdeutschland zu liefern - was angesichts der westdeutschen Mineralölschwemme recht erfolglos zu bleiben verspricht.

Obwohl also Mommsens gesamtdeutscher. Stahlrat im politisch-wirtschaftlichen Eiertanz des Interzonenhandels keinen leichten Stand haben wird, mag er sich doch immerhin in einer Absicht mit Bonn einig wissen: den »Ausschuß zur Förderung des innerdeutschen Handels« aus dem Interzonengeschäft auszuschälten.

Dieser gesamtdeutsch besetzte Ausschuß hat sich - in Bonner Sicht - politisch kompromittiert. 1954 gegründet, sollte das Gremium die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Teilen Deutschlands intensivieren. Sein achtköpfiger Vorstand ist je zur Hälfte mit DDR-Funktionären und Westdeutschen besetzt. Während die Sowjetzone drei Generaldirektoren ihrer Handelsgesellschaft und ihren Wirtschaftsideologen Professor Freund in den Vorstand delegiert hat, wird die Bundesrepublik von vier freien Kaufleuten vertreten. Ihr Sprecher ist der Berliner Repräsentant der Mannesmann AG, Helmut Brams. 200 westdeutsche Kaufleute gehören dem Ausschuß an und finanzieren ihn mit ihren Mitgliedsbeiträgen von 30 Mark im Monat.

Im Zwielicht des Interzonenhandels (Brams: »Der Handel mit der DDR ist ja wohl ein Politikum") haben es die - auf lukrative Geschäfte mit dem Ulbricht-Staat bedachten - westdeutschen Kaufleute nicht verstanden, sich von den politisierenden Ostmitgliedern hinreichend zu distanzieren. Sie gelten - wie ihnen der nationalbewußte »Industriekurier« attestierte - als »würdelose Kaufleute«.

Um das Wohlwollen der DDR-Handelsorgane bemüht, ließen die westdeutschen Mitglieder des Ausschusses auch auf der diesjährigen Leipziger Messe wieder das von ihnen erwartete westlich-nationale Selbstbewußtsein vermissen. Im Leipziger Neuen Rathaus, unter dem alten Deckenspruch »Das sind die Narren, die im Irrtum verharren« und unter dem Patronat des sowjetzonalen Volkskammer-Präsidenten Dr. Johannes Dieckmann, der auf der Wirtschaftsveranstaltung heftig gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr und die Frontstadt Westberlin polemisierte, machten die Bundesdeutschen am vorletzten Dienstag im Westen unfreundlich vermerkte taktische Verbeugungen vor ihren potentiellen sowjetzonalen Auftraggebern

Der Tabakhändler Bernhard Mönkebuscher zum Beispiel, Landesvorsitzender des Ausschusses in Bremen, bedankte sich »im Namen der Bremer Kaufmannschaft für das Wohlwollen«, das die DDR-Organe den Kaufleuten entgegenbringen. Mannesmann-Vertreter Brams konterte den Hinweis eines bundesrepublikanischen Kaufmanns auf die Unangreifbarkeit westdeutscher Wirtschaftsstatistik mit der von Dieckmann und seinen Funktionären beschmunzelten Behauptung: »Daß die statistischen Berechnungen unangreifbar sind - da bin ich anderer Meinung.«

Während die Veranstaltungen des Ausschusses von der DDR-Prominenz regelmäßig besucht werden, ignoriert Bonn diese Vereinigung. Gesteht Brams: »Unser Einfluß und unsere Resonanz in Bonn sind gleich Null.«

In diese verfahrene Situation will sich nun die westdeutsche Stahlindustrie rettend einschalten. Deren Repräsentanten gelten als politisch zuverlässig - auf das Berlin-Ultimatum Chruschtschows vom November 1958 beispielsweise hatten sie demonstrativ mit großen Investitionen in Westberlin geantwortet. Sie wollen lediglich das ihnen und der DDR gemeinsame Interesse, nämlich höhere Stahllieferungen aus Westdeutschland in die Sowjetzone, in praktikable Geschäfte umsetzen. Handelsminister Rau bot in Leipzig den westdeutschen Stahlkonzernen anstelle der von Bonn zugelassenen einjährigen Lieferverträge Abmachungen mit einer Laufzeit von »fünf oder auch zehn Jahren«. Mahnte Rau: »Voraussetzung dafür wäre jedoch, daß sich die Bonner Regierung ihrerseits verpflichtet, die entsprechenden Lieferungen freizugeben.«

Für Mommsen und seine Ruhrkollegen hatte Rau verlockendeAussichten parat: »Nach unseren Vorstellungen könnten wir unsere Walzstahlbezüge aus Westdeutschland bis zum Jahre 1965 verdoppeln, das heißt also auf 400 Millionen Mark, und bis 1970 verdreifachen, also auf 600 Millionen Mark erhöhen.«

Stahllieferant Mommsen

Letzten Endes ...

... noch jeden Pfennig bezahlt: Stahlbezieher Rau (auf der Leipziger Messe)

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