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ERNÄHRUNG Lemmers Konserven

aus DER SPIEGEL 29/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus Sorge um die mitteldeutschen Brüder fand sich die Bonner Regierung zu einem Angebot bereit, das den akuten Versorgungsnöten in Ulbrichts Arbeiter-und-Bauern-Republik abhelfen sollte: Die Westberliner Treuhandstelle für den Interzonenhandel, so wurde offiziell am Rhein erklärt, verhandle im Auftrag der Bundesregierung mit dem sowjetzonalen Handelsministerium über die Lieferung von Butter, Fleisch und Brotgetreide in die DDR.

Um den humanitären Charakter der Bonner Offerte vor aller Welt gebührend zu unterstreichen, teilte Staatssekretär Felix von Eckardt der Bundespressekonferenz mit, die Lebensmittelhilfe für die Zone werde weder an finanziellen noch an bürokratischen Schwierigkeiten scheitern, falls die Ostberliner Wirtschaftsfunktionäre überhaupt auf den westdeutschen Vorschlag eingingen. Die Bundesrepublik sei deshalb gewillt, die benötigten Nahrungsmittel notfalls auch kostenlos gen Osten zu liefern.

Die offizielle Bonner Erklärung enthob die Bundesregierung der Mühe, eine Antwort auf die knifflige Frage zu finden, ob westdeutsche Butter- und Fleischexporte in die Deutsche Demokratische Republik nicht geeignet sein könnten, Westdeutschlands Feind Nummer eins - das kommunistische DDR-System - von innen her zu stabilisieren.

In dem Augenblick nämlich, in dem Bonns edle Absichten über alle westlichen Sender in die Sowjetzone gefunkt wurden, blieb der Ostberliner Regierung gar keine andere Wahl, als die von Interzonenhändler Leopold zunächst ohne alle Propaganda-Absichten unterbreitete Hilfeleistung zurückzuweisen.

Höhnte »Neues Deutschland«, Ostberlins proletarische Hof-Gazette: »Eine aufschlußreiche Arbeitsteilung im Adenauer-Kabinett: Lemmer spioniert, sabotiert und handelt neuerdings mit Konserven, Erhard droht ... mit dem Wirtschaftskrieg und Strauß droht der DDR mit Raketen.«

Derart polemische Absagen vermögen allerdings nicht darüber hinwegzutäuschen, daß Leopolds Angebot für die Ostberliner Wirtschaftsfunktionäre eine Versuchung bedeutete, der sie schwerlich hätten widerstehen können, wäre es nur diskret genug behandelt worden.

Nicht einmal die parteiamtlichen SEDBlätter können ihren Lesern nämlich unterschlagen, daß die staatlich dirigierte Zonenwirtschaft in einer Krise steckt, die sich mit DDR-eigenen Mitteln kaum meistern läßt.

Berichten sowietzonaler Blätter war denn auch zu entnehmen, daß

- die Gaststätten in den Bezirken Leipzig und Dresden zwangsweise dazu übergehen mußten, zwei fleischfreie Tage einzuführen, und

- die gesamte DDR unter einer akuten Butterknappheit leidet, die Ulbrichts Handelsfunktionäre zwang, die Butter zu rationieren.

Die westdeutschen Zeitungen zogen aus solchen Nachrichten den Schluß, daß die 17 Millionen Deutschen der Zone »nicht genug zu essen« ("Bild«-Zeitung) hätten; und ein SPD-Sprecher in Bonn wollte gar über genaue Informationen verfügen, nach denen die Brotgetreide-Versorgung in der DDR vor dem Zusammenbruch stehe.

Die Tatsache, daß in Mitteldeutschland trotz mancher Engpässe keinesfalls

eine Hungersnot droht und die Knappheit an hochwertigen Nahrungsmitteln nur zu geringem Teil durch einen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion bedingt ist, fand in westlichen Klageliedern dagegen kaum Erwähnung.

Gerade das von westlichen Blättern so oft bemühte Butter-Beispiel zeigt, daß die Wirtschaft der Zone weniger an Buttermangel denn an einer strukturellen Krise leidet, die vornehmlich aus einem Überhang an Kaufkraft resultiert. Entgegen allen westlichen Vermutungen ist die Butterzuteilung an den Einzelhandel der Zone gegenüber 1960 nämlich nicht zurückgegangen, sondern, im Gegenteil, gestiegen.

So wurden im Bezirk Suhl im ersten Quartal dieses Jahres 26 Tonnen, im Bezirk Halle 181 Tonnen Butter mehr bereitgestellt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die Statistik erweist zudem, daß der Butterverbrauch in der DDR erheblich über dem westdeutschen Durchschnitt lag: Im Gegensatz zum Bundesbürger, der 1960 rund 8,3 Kilo Butter kaufte, konsumierte der DDR-Bürger 13 Kilo. Auch nach Einführung der Butterrationierung - pro Kopf und Woche werden maximal 250 Gramm Butter abgegeben - dürfte sich an dieser Relation vorerst wenig ändern.

Wie bei der Butter, ist auch der Engpaß in der Fleischversorgung nicht etwa darauf zurückzuführen, daß die Produktionsergebnisse unter der überstürzten Kollektivierung der sowjetzonalen Landwirtschaft gelitten hätten. Der Viehbestand in den DDR-Kolchosen ist vielmehr erheblich angewachsen: Ende Juni dieses Jahres wurden in den DDR-Ställen rund eine Million Schweine und 300 000 Stück Rindvieh mehr gezählt als Ende Juni 1960.

Die Wirtschaft der Zone ist dennoch außerstande, die Butter- und Fleischnachfrage zu decken. Es gelingt ihr nämlich nicht, den Kaufkraftüberhang der mitteldeutschen Bevölkerung durch ein attraktives Angebot industrieller Konsumgüter abzuschöpfen.

Die durchschnittlichen Wartezeiten für Fernsehgeräte, Waschmaschinen, Kühlschränke und Automobile fordern den Untertanen Walter Ulbrichts ein solches Maß an Geduld ab, daß der Anreiz entfällt, die Anschaffung gehobener Konsumgüter durch Einsparungen am täglichen Lebensmittelbedarf zu finanzieren.

Nimmt eine westdeutsche Arbeiterfamilie, die sich einen Wagen anschaffen will, Margarine zum Kochen, muß der mitteldeutschen Hausfrau dieser Konsum-Verzicht geradezu sinnlos erscheinen: Kauft sie die qualitativ meist unzureichende sowjetzonale Margarine, kann sie den Erwerb eines der wenigen in volkseigener Produktion hergestellten DDR-Automobile deshalb noch lange nicht beschleunigen.

Vorbestellungen für den sowjetzonalen Kleinwagen »Trabant« beispielsweise werden seit einiger Zeit nicht mehr entgegengenommen, weil die Lieferung vor 1970 nicht möglich wäre und solche Fristen selbst sowjetzonalen Handelsfunktionären unzumutbar erscheinen.

Getreu dem Vorbild der Sowjet-Union hat die DDR nämlich jahrelang den Ausbau der Konsumgüter-Industrie zugunsten der Schwerindustrie vernachlässigt, zumal die Moskauer Ostblock-Zentrale auf die mitteldeutschen Werkzeugmaschinen nicht verzichten mochte.

Das Ergebnis der Moskauer Plan -Auflagen: Die Sowjet-Union fühlt sich mittlerweile stark genug, die Gleichrangigkeit von Schwerindustrie und Konsumgüter-Produktion zu verkünden, während die Deutsche Demokratische Republik, durch deren erzwungene Lieferungen der russische Wirtschaftsaufstieg weiterhin gesichert werden soll, ihren Bürgern die begehrten Konsumgüter auf Jahre hinaus nicht bieten kann.

Der katastrophale Mangel an Industrie-Waren aber führt in Mitteldeutschland zu einer künstlichen Krise in der Lebensmittelversorgung, weil die DDRBürger, die ihre Freßwelle noch längst nicht überwunden haben, zusätzlich in den täglichen Mittagstisch investieren, was sie unter normalen Bedingungen lieber für Waschmaschinen, Textilien. Automobile und Fernsehgeräte ausgeben würden.

Daß es sich in der Tat um eine strukturelle Krise handelt, hat mittlerweile auch die SED erkannt und Mitte vergangener Woche beschlossen, ihren schwerfälligen Planapparat neu zu organisieren: Die staatliche Planungskommission wurde in eine »Abteilung für Perspektiv-Planung« und in einen »Volkswirtschaftsrat« umgewandelt.

Der Volkswirtschaftsrat trägt künftig die Verantwortung für die Erfüllung der gesteckten Planziele, während die Abteilung Perspektiv-Planung Normen für die künftigen Jahre fixieren soll. Zum Chef der Perspektiv-Planung wurde der Rostocker SED-Funktionär Karl Mewis bestellt, der im vergangenen Jahr als Einpeitscher bei der Zwangskollektivierung sozialistische Lorbeeren erntete. Dem bisherigen Planungschef Bruno Leuschner obliegt künftig die Koordinierung der Arbeit der beiden neuen Planungsgremien.

Da dem Konsumgüter-Mangel in absehbarer Zeit nicht abzuhelfen ist, blieb den DDR-Wirtschaftsplanern keine andere Chance, als den Versuch zu wagen, Zumindest der hohen Nachfrage nach

hochwertigen Nahrungsmitteln durch forcierte landwirtschaftliche Produktion und durch Lebensmittel-Importe aus dem Ostblock zu begegnen.

Die Bemühungen der Ostberliner Planwirtschaftler, den Mangel an Konsumgütern durch ein Überangebot an Nahrungsmitteln auszugleichen und so die Kaufkraft abzuschöpfen, wurden jedoch durch ein Ereignis gestört, das weder in die sowjetischen noch in die sowjetzonalen Wirtschaftspläne einkalkuliert worden war:

Die Hungersnot in Rotchina zwang nicht nur die Sowjet-Union, Nahrungsmittel, die sie ihren osteuropäischen Satelliten hätte liefern können, nach Fernost zu dirigieren - zugleich wurden die landwirtschaftlichen Produktionspläne der DDR und der Tschechoslowakei durch den Ausfall vertraglich vereinbarter Lieferungen aus China erheblich gefährdet.

Die akute Futtermittel-Knappheit, die vornehmlich durch den Ausfall rotchinesischer Importe entstand, hatte zur Folge, daß die Milchproduktion der Sowjetzone in den letzten Monaten rückläufig war, obschon die Zahl der Kolchos-Kühe von 2,1 Millionen (1960) auf 2,2 Millionen (1961) gestiegen ist. Mao Tsetungs Landwirtschaft war nämlich nicht in der Lage, jene 300 000 Tonnen Sojabohnen-Schrot in die DDR zu verschiffen, die Pekings Außenhändler den Ostberliner Genossen für die Fütterung sowjetzonalen Rindviehs zugesagt hatten.

Die jäh aus dem Plankonzept geworfenen Ernährungs-Funktionäre Ulbrichts hätten der Versuchung wohl kaum

widerstanden, das westdeutsche Lebensmittel-Angebot sorgfältig zu prüfen. Die vorschnelle Publizität, mit der Bonn die diskreten Gespräche seines Westberliner Unterhändlers Leopold zum Scheitern brachte, läßt jedoch den Schluß zu, daß man am Rhein eher auf propagandistische Effekte denn auf wirksame Hilfe sann.

Im propagandistischen Schlagabtausch zwischen den Deutschen inOst und West hat die Ostberliner Regierung denn auch prompt reagiert: Die Kinderlähmungs-Epidemie in Nordrhein-Westfalen, so tönten die sowjetzonalen Sender gen Westdeutschland, erweise eindeutig die Überlegenheit der ostdeutschkommunistischen Gesundheitspolitik.

Das Hilfsangebot der DDR, den poliogefährdeten Nordrhein-Westfalen drei Millionen Einheiten des russischen Schluck-Impfstoffes »Sabin-Tschumakow« zur Verfügung zu stellen, wurde ebensowenig einer positiven Antwort gewürdigt wie die nicht minder propagandistische Lebensmittel-Offerte aus Bonn.

Käufer-Schlange in Leipzig: Sparen ist sinnlos

Interzonenhändler Leopold

Keine Butter

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