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Berlin Lenin spricht

Im rasch zusammenwachsenden Berlin herrscht Gründerstimmung bei Bewohnern, Planern und Geschäftswelt.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Eine Szene wie aus den vierziger Jahren: Im Lagezentrum des West-Berliner Polizeipräsidiums nimmt ein Mann den pfundschweren Hörer von der Gabel des klobigen Feldtelefons, dreht dreimal an der Kurbel und drückt die Sprechtaste. »Wie in der Wolfschanze«, graust sich ein Beamter über das schwarze Bakelit-Gerät, das mit schwarzweißer Litze ans Hauptkabel angeklemmt ist.

Am anderen Ende hängt ein Alt-Apparat gleicher Machart im Ost-Berliner Polizeipräsidium nahe dem Alexanderplatz. Auf der Standleitung, die von den 460 Telefonverbindungen zwischen beiden Teilen Berlins auf Dauer abgezweigt ist, parlieren Beamte beider Seiten über Verkehrsprobleme, Ordnungsstörungen und die Lage am Brandenburger Tor.

Auch die Polizeipräsidenten Georg Schertz (West) und Generalleutnant Friedhelm Rausch (Ost) sagten sich auf diesem Weg schon die Meinung.

Seit den Tagen der sowjetischen Blockade vor 41 Jahren war kein einziger offizieller Polizeikontakt über die Sektorengrenze gelaufen; nun gibt es »polizeilich wieder ein Berlin, eine gesamte Stadt«, wie Schertz sich schon ausmalt.

Atemberaubend der Takt, in dem die zerschnittene Stadt wieder zusammenwächst, seit die Mauer zu einem Betonrest geschrumpft ist, der nur noch lästig, nicht mehr tödlich trennt.

Längst abgeschriebene Schienenstränge und Wasserwege, die einst die Stadtteile und das Umland miteinander verbanden, werden wiederentdeckt, Politikerkontakte auf allen Ebenen geknüpft. Durch insgesamt 22 Grenzübergänge (bisher: 12) können sich Westler und Zonies inzwischen gegenseitig besuchen. Auf dem Streifen hinter der Mauer, wo sich jahrelang noch nicht einmal die Karnickel hintrauten, spielen die Kinder inzwischen »Wiedersehen« und fallen sich in die Arme.

Ähnliches erleben die Bewohner vieler Grenzstädte in der Westrepublik, die bisher im Zonenrandgebiet vor sich hindämmerten. Bis Ende letzter Woche hatte der 1378 Kilometer lange deutschdeutsche Zaun zwischen Lübeck und Hof bereits über 50 legale Übergänge - mehr als an der Grenze zwischen der Bundesrepublik und Frankreich.

Millionen von Menschen aus dem Plasteland schaffen vor allem in Berlin ein städtisches Gewimmel, »das so ein bißchen an die zwanziger Jahre erinnert«, wie Dieter Schröder, Chef der Senatskanzlei, schwärmt.

In Kreuzberger Kneipen wird Freibier für Ostzecher ausgeschenkt, Wurst-Maxe und Kebab-Schnippler gewähren Nachlaß, in verschiedenen Geschäften wird östliche Aluminium-Mark zum Kurs 1 : 1 hereingenommen. Und Berlins Aids-Hilfe verteilt vor Schwulen-Kneipen Info-Blätter über die Gefahren des ungeregelten Grenzverkehrs: »Ihr werdet hier viel Positives erleben, aber auch vielen Positiven begegnen.«

Allerdings zeigen erste Jubel-Berliner auch Nerven, seit die armen Vettern eine der unliebsamsten DDR-Errungenschaften mitgebracht haben: die Schlange. Das stundenweise kaum mehr begehbare Berlin erlebt Ansätze zu »sozialen Spannungen« (siehe auch Kasten), wie der Regierende Bürgermeister Walter Momper, 44, konstatiert: »Die gängige Haltung ist: Wer gibt mir denn was?«

Für Naserümpfen sorgen auch die Trabi-Kolonnen, aus deren Auspüffen weit mehr Schadstoffe kommen als bei Westmobilen ohne Katalysator. Schon ist aus der Umweltverwaltung zu hören, daß bei Smoglagen ein Fahrverbot für die Stinkkisten nicht ausgeschlossen sei.

Doch noch herrscht Familienfeststimmung vor, nach Ansicht des Regierenden sogar langfristig. Die »nörglerische Grundstimmung« seiner Berliner, meint der Sozialdemokrat, sei der Überzeugung gewichen: »Diese Herausforderung bestehen wir auch noch.«

Das kollektive Lustgefühl überstrahlt mittlerweile die stadtweite Verdrossenheit an Mompers rot-grünem Senat und dessen teils schmerzhaften Reformeinschnitten. Momper sei »ein Glücksfall für Berlin«, feiert Ostpolitiker Egon Bahr den kahlhäuptigen Parteifreund, der vor einem Jahr noch den eigenen Genossen nicht mal gut genug fürs Wahlplakat war. Nun brilliere er als »König von Berlin«, spötteln die alternativen Koalitionspartner. Und die Redakteure der Tageszeitung staunten: »Eine Glatze geht um die Welt.«

Anders als Bonner CDU-Hardliner wie der Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger, die ihre Hilfsversprechen an immer neue DDR-Vorleistungen knüpfen, spricht Momper unbekümmert vom »Volk der DDR« - zum Verdruß des Bundeskanzlers. Bei einer gemeinsamen Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus zischelte Helmut Kohl während Mompers Rede von hinten dazwischen: »unerträglich«, »nicht zu glauben«, »Lenin spricht!«

Gegen die »Wiedervereinigungsrhetoriker von Bonn« (Momper) hat der Bürgermeister selbstbewußt die Losung für seine Ostpolitik ausgegeben: »Kooperation statt Okkupation.« Aufbruchstimmung und Gründerlaune verbreiten sich in der Stadt. Die Immobilienpreise ziehen an, bei der Senatsverwaltung bemühen sich Medien »bis nach Australien« um Standorte in der »city, where the action is«, so ein US-Diplomat.

Selbst im Kreuzberger Autonomenkiez, einem bundesweit bestaunten Krähwinkel der Schwarzledernen im Windschatten der Mauer, wird bald womöglich Bürofläche akquiriert - für »gutes Business in alle Himmelsrichtungen«, das die Werbeagentur Dorland per Zeitungsanzeige schon mal ausruft.

Leicht verdattert verfolgen Berlins Schutzmächte, wie die Stadt allmählich zusammenwächst. Den ersten Mauerdurchbruch hatte die DDR-Führung noch so zeitig mit der Sowjetseite abgestimmt, daß auf dem Draht zwischen den Großmächten nicht nur russische, sondern auch amerikanische Journalisten vor allen anderen Wind davon bekamen.

Doch eine symbolgewaltige Öffnung des Brandenburger Tores wurde von den Russen bereits zur innerdeutschen Sache herabgestuft - die Starreporter der US-Networks warteten vergebens auf Tips aus den diplomatischen Kanälen und bibberten im Nachtfrost.

Gerade abseits dieser Stelle aber ereignete sich fast stündlich Unerhörtes: *___West-Berliner Polizisten schirmten Arm in Arm mit ____Grenzern der Nationalen Volksarmee die neuen Übergänge ____gegen herandrängende Feier-Massen ab; *___acht West-Berliner Buslinien steuern nun DDR-Ziele von ____Potsdam bis Oranienburg an, S-Bahn-Waggons aus dem ____Osten werden in die überlasteten Westzüge eingehängt; *___Momper traf sich mit dem Ost-Berliner Stadtchef Erhard ____Krack im frisch gebrochenen Mauerloch am Potsdamer ____Platz, obwohl beide nach ihrem unterschiedlichen ____Statusverständnis jeweils für »ganz Berlin« zuständig ____sind und mithin Luft füreinander sein müßten.

Seit Ost-Berlins Bauarbeiter im August 1961 die ersten Hohlblock-Quader aufschichten mußten, war den Berlinern nur hilflose Ohnmacht geblieben - allein im einstigen Stadtzentrum wurden damals 193 Haupt- und Nebenstraßen abgeriegelt, 74 Übergangsstellen dichtgemacht. Doch die verbliebenen Nabelschnüre wurden auf beiden Seiten nie gekappt.

Berlins Kanalisation etwa hat die Spaltung überlebt. 80 Prozent der West-Berliner Abwässer versickern auf Ost-Berliner Rieselfeldern, West-Berliner Müll wird nach wie vor in der DDR deponiert.

Bis zum Mauerbau überquerten täglich rund 12 000 West-Berliner und 60 000 Ost-Berliner die Sektorengrenze als Arbeitspendler. Und auch danach wurde der innerstädtische Grenzverkehr nicht ganz abgebrochen. Montagetrupps, Handelsleute und sogar Wasserflohfänger für Aquarienläden durften auch in Zeiten des Kalten Krieges nach Osten passieren.

Doch seit die Mauer gänzlich durchlöchert ist, wird in den amtlichen Planerstuben wieder in großen Dimensionen geschwelgt. Devise der Senatskanzlei: »Das Umland mitdenken«. Bausenator Wolfgang Nagel schlägt eine west-östliche Planungskommission vor und fordert massive Unterstützung aus Bonn für den »Großraum Berlin«.

Denn annähernd vier Millionen Menschen wohnen in der Region, einem kleinen Ruhrgebiet mit ursprünglich hauptstädtischer Infrastruktur. Bisher noch zerstückelt ist *___ein äußerer Eisenbahnring (Länge: 123 Kilometer), der ____den Zugverkehr aus 13 Hauptrichtungen bündelt; *___der 226 Kilometer lange Autobahnring, der den ____Fernverkehr sowie 5 Zubringerstrecken aufnimmt und über ____rund 20 zusätzliche Abfahrten ins Stadtgebiet lenkt; *___das Wasserstraßennetz Berlins, mit 182 Kilometern eines ____der längsten Mitteleuropas, das auch entlegene Bezirke ____des Industriestandorts Berlin an Seehäfen und die ____Kanalsysteme Ost- und Westeuropas ankoppelt; *___der innerstädtische S-Bahn-Ring mit insgesamt neun ____Radialstrecken (Gesamtlänge: 325 Kilometer), der weit ____ins Umland reicht.

Das alles wollen die Stadtplaner nun peu a peu revitalisieren, Städte wie Potsdam und Oranienburg anbinden. Nagel: »Künftig ist West-Berlin auch Transitgebiet zwischen Ost-Berlin und dem Umland im Westen der Stadt.«

Kaum ist die Mauer auf, fühlen sich die Berliner, die noch nie unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten haben, als die Allergrößten. Geschmeichelt nehmen sie zur Kenntnis, daß Flüge von Schaulustigen auf Wochen ausgebucht sind. Seine Berliner, übertreibt Momper, hätten in den tollen Tagen »eins gemerkt: Wir sind jetzt wirklich wieder der Nabel der Welt«.

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