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ZEITUNG Lesefreudige Huren

aus DER SPIEGEL 39/1999

Deutschlands einzige mehrsprachige Prostituiertenzeitung »La Muchacha« erscheint seit vergangener Woche in Frankfurt. Das Blatt ist so international wie die Zielgruppe: Artikel erscheinen auf Deutsch, Spanisch, Englisch und Thailändisch. Leserinnen sind die etwa 1000 Huren, die in den 26 Frankfurter Bordellen arbeiten. Für eine Mark erhalten die Prostituierten nutzwertige Informationen über wichtige Termine: Informationstage von SAP, Buchmesse und der Deutsche Marketing-Tag etwa lassen offensichtlich besonders viel Verkehr erwarten. Sorgen über womöglich illegale Geschäfte mit den Einnahmen aus der Prostitution zerstreut das Interview mit dem Bordellbetreiber »G. S.«, der sich gegen den Verdacht wehrt, Prostitutionsgelder würden in Drogen oder Waffen investiert: »Ja also Drogen...«, wird G. S. zitiert, »wenn Kaffee eine Droge ist, dann ist das richtig.« Neben Alltagsthemen wie Verhütung ("Was bedeutet das Kondom für Dich?") oder Polizeirazzien ("Wie die Wilden") setzt »La Muchacha« aber auch Seiten lang auf eher schwere Kost: Tagungsberichte (über die »Gesundheit von Migrantinnen") und abgehobene Debatten ("politisch motivierte Ausgrenzung in der Hurenbewegung") lassen erahnen, dass dem Trägerverein der Zeitschrift vor allem nur Vertreter fachfremder Berufsgruppen angehören: Soziologen, Germanisten und ein promovierter Philosoph.

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