Zur Ausgabe
Artikel 22 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MUSLIME Lesen unter Polizeischutz

Wer sich in Deutschland für bedrohte muslimische Frauen einsetzt, muss oft um sein Leben fürchten.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Es passierte im April auf der Autobahn, auf dem Heimweg von einer Lesung in Saarbrücken: Die Buch-Autorin Fatma Bläser ("Hennamond") trat auf die Bremse - aber nichts passierte. »In Panik« fuhr sie mit hoher Geschwindigkeit auf den Seitenstreifen und ließ ihren Wagen dort ausrollen. Ein Mechaniker stellte später fest, dass jemand die Bremsen außer Gefecht gesetzt hatte. Anzeige hat die gebürtige Kurdin trotzdem nicht erstattet. »Was soll die Polizei da ausrichten?«

Bläser, die selbst vor einer Zwangsverheiratung floh, ein Buch über ihr Schicksal schrieb und nun Vorträge etwa in Schulen hält, sagt: »Bei Lesungen in Migrantenvierteln lasse ich mir Polizeischutz geben« - aber die Drohungen seien allgegenwärtig. Jüngst schrie ein junger Mann aus Albanien sie an: »Eh, du Schlampe, ich mach dich kaputt, du hetzt unsere Schwestern auf.« Andere drohten schon mit Fäusten oder verfolgten sie per Auto, bis sie in einer Polizeiwache Schutz suchte. Oft wurde schon an Bläsers Wagen manipuliert.

Die Schriftstellerin ist bei weitem nicht die Einzige, die unterdrückten muslimischen Frauen helfen will und deshalb von muslimischen Männern angegriffen wird. Die Berliner Anwältin und Autorin Seyran Ates etwa gab kürzlich aus Angst um ihr Leben ihre Zulassung als Anwältin zurück, nachdem Muslime sie wiederholt bedroht hatten. Ihre politische Arbeit will sie fortführen, aber die direkte Auseinandersetzung vor Gericht ist ihr zu gefährlich geworden. Denn jahrelang war die Deutsch-Türkin für muslimische Frauen eingetreten, hatte öffentlichkeitswirksam Missstände angeprangert. Bereits 1984 schoss ein Mann aus dem Umfeld der extremistischen »Grauen Wölfe« Ates in den Hals. Sie arbeitete damals in einem Berliner Frauenladen; die Kugel traf eine Halsschlagader. 2005 startete die türkische Tageszeitung »Hürriyet« eine Kampagne gegen sie. Und erst kürzlich schlug ein Ehemann direkt neben ihr auf ihre Mandantin ein, auf offener Straße.

Kenner der Szene bezweifeln, dass Menschen, die in Deutschland für die Rechte von muslimischen Mädchen und Frauen eintreten - Rechtsanwälte, Autoren, Sozialarbeiter - ausreichend geschützt werden. Aber sie bezweifeln auch, dass man sie ausreichend schützen kann. »Die Bedrohung für die Helfer ist sehr real«, sagt Rahel Volz von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Und sie »mache diejenigen mundtot, die noch etwas Positives bewirken können«. Nicht nur Autorinnen oder Anwältinnen lebten gefährlich, sondern sogar Lehrerinnen, die beispielsweise Schülerinnen vor Zwangsheiraten behüten wollen.

Noch gefährdeter als Deutsche seien Migrantinnen, sagt Volz, weil die als Nestbeschmutzer gelten würden. Sie kennt Juristinnen, die aus Angst keine muslimischen Frauen in Familiensachen vertreten.

Auch die Mitarbeiter des Berliner Hilfsprojekts Papatya, das muslimische Mädchen unterstützt, wissen, »dass wir ganz besonders im Fokus der Aggressionen der Familien stehen«, so eine der Betreuerinnen dort. Die Organisation agiert wie ein Geheimbund, kaum jemand kennt die Telefonnummer oder die Adresse, selbst die Mädchen wissen nicht die vollen Namen ihrer Betreuer. »Wir kennen den Druck und die Bedrohungen«, sagt eine Mitarbeiterin, »aber wie groß ist dann erst der Druck auf die Opfer?« Sie wisse, dass auch viele Mitarbeiter in Jugendämtern, die sich um Probleme von muslimischen Mädchen kümmern wollten, »kapituliert haben - aus Angst vor den Familien«.

Die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann ist auch deshalb »entsetzt und traurig« über den Rückzug der prominenten Anwältin Ates, weil der als verheerendes Signal wirken könne: »Es geht ans Eingemachte«, sagt sie. »Es geht an die Meinungsfreiheit.« Wenn Kritiker von Missständen im Islam eingeschüchtert würden, »müssen wir gegenhalten«.

CORDULA MEYER

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.