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UMWELT Letzte Ausfahrt Genua

Neun Jahre nach dem Gipfel von Rio herrscht dicke Luft im Treibhaus Erde. Wenn die Bonner Klimakonferenz diese Woche scheitert, sollen die Staats- und Regierungschefs der G-8-Staaten das Klimaabkommen von Kyoto retten.
Von Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 29/2001

Im Kreise seiner EU-Kollegen fasste Jürgen Trittin die missliche Lage gewohnt charmant zusammen: »Die Amerikaner feiern Thanksgiving - und wir sind der Truthahn.« Das war im vergangenen November, am Tag des amerikanischen Erntedankfestes, das traditionell mit einem Truthahnessen seinen Höhepunkt erreicht.

Die Klimaminister der Europäischen Union brüteten übernächtigt und schwer frustriert über einer Entscheidungsvorlage des Niederländers Jan Pronk. Als amtierender Präsident der 6. Weltklimakonferenz in Den Haag hatte der, um vor allem die schon in der Clinton-Ära störrischen Amerikaner ins dümpelnde Klimaboot zurückzuholen, rigoros zentrale Forderungen der Europäer für ein ökologisch glaubwürdiges Klimaabkommen abgeräumt.

Geholfen hat der Schachzug wenig. Zwei Tage später geriet der Versuch, aus dem 1997 in Kyoto verabschiedeten Klimaprotokoll einen für alle 186 Vertragsstaaten ratifizierbaren Text zu schmieden, in seine bis dahin schwerste Krise. Jan Pronk hielt die Konferenz-Uhr an - in der Hoffnung, eine Denkpause werde die Verhandlungssituation entspannen.

Auch diese Erwartung zerschlug sich schnell. Wenn die Klimaminister ihre Mammutkonferenz diese Woche in Bonn wieder aufnehmen, sitzt mit den USA der mit Abstand größte Klimasünder, der allein für ein Viertel der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich ist, nur noch als ehemaliger Unterzeichnerstaat am Verhandlungstisch. Gleichzeitig ist der Einigungsdruck so hoch und das Desaster so nah wie nie.

An der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder warnte Uno-Generalsekretär Kofi Annan vergangenen Freitag in Berlin eindringlich vor dem endgültigen Scheitern des Klimaprozesses. »Der Klimaeffekt ist real«, mahnte Annan, »wenn wir jetzt nicht handeln, versündigen wir uns an denen, die nach uns kommen.«

Das Erdklima ändert sich rascher und stärker als bisher befürchtet. In den letzten hundert Jahren stieg die mittlere Temperatur auf der Erde noch moderat um 0,6 Grad - bis zum Ende dieses Jahrhunderts kommen drei, vielleicht sogar vier Grad hinzu. Die Differenz entspricht etwa der zwischen der letzten Eiszeit und heute.

Doch die 1992 beim Erdgipfel von Rio de Janeiro ausgerufene Weltumweltpolitik droht schon bei ihrer ersten großen Bewährungsprobe an nationalen Egoismen zu scheitern. Das Signal wäre verheerend: Die Welt hätte sich als unfähig erwiesen, auf globale Umweltherausforderungen mit globaler Umweltpolitik zu antworten.

Der Ernst der Lage ist inzwischen erkannt. »Die Klimageschichte«, heißt es aus der deutschen Delegation, werde auch den am Wochenende anstehenden Gipfel der G-8-Staaten in Italien »maßgeblich prägen«. Mit einer »braven Formulierung« im Schlusskommuniqué sei es diesmal nicht getan. Sollten sich die Verhandlungen in Bonn, wo die Klimaminister zeitweise parallel tagen, festfahren, sollen die Staats- und Regierungschefs ein paar hundert Kilometer weiter südlich entscheiden - letzte Ausfahrt Genua.

Immerhin eines hat »Klima-Killer« ("Die Woche") George Bush mit seinem Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll schon jetzt erreicht: Den Europäern fällt in einer für die Welt zentralen Zukunftsfrage die Führungsrolle zu. Ob sie diese Rolle - notfalls auch gegen die USA - ausfüllen können, wird sich in Bonn und Genua erweisen.

Früher, analysiert ein hoher Beamter in Berlin, wäre das Ausscheren der USA aus einem so wichtigen multilateralen Vertrag fast gleichbedeutend gewesen mit seinem Scheitern. Jetzt unternehmen die Europäer den Versuch, die Lücke zu füllen.

Inzwischen schrumpft die in Kyoto vereinbarte Frist bedrohlich, an deren Ende die Industriestaaten die Trendwende im Treibhaus Erde eingeleitet haben sollen. 2002, wenn in Johannesburg der symbolträchtige Gipfel »Rio plus 10« ansteht, soll das Kyoto-Protokoll nach dem Willen der EU-Staaten und der meisten Entwicklungsländer endlich in Kraft treten.

Zu Jahresbeginn veröffentlichte die 1988 von der Uno berufene Sachverständigengruppe IPCC - ein Gremium, in dem der weltweite wissenschaftliche Erkenntnisstand über den Klimaeffekt zusammengetragen wird - ihren dritten Zustandsbericht. Obwohl die Simulationen der hochgezüchteten Klimacomputer noch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet sind, zweifeln die IPCC-Experten jetzt kaum mehr daran, dass der Klimaeffekt der vergangenen Jahrzehnte vor allem »hausgemacht« ist. Als hauptverantwortlich gilt die immer noch rasant steigende Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Vulkane oder Variationen der Sonneneinstrahlung spielen nach Überzeugung der großen Mehrheit der Experten nur eine untergeordnete Rolle.

Unbestritten ist: Nie in den vergangenen 400 000 Jahren gelangte das Treibhausgas Kohlendioxid in höherer Konzentration in die Atmosphäre als heute - und in keinem Jahr seit Beginn der systematischen Temperaturmessungen war es auf der Erde wärmer als 1998.

»Der Klimawandel ist schon in vollem Gange«, sagt Hans-Joachim Schellnhuber, der Vorsitzende des von der Bundesregierung berufenen Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltänderungen. Steige die globale Fieberkurve um vier oder mehr Grad, wie manche Prognosen vorhersagen, werden unsere Enkel in »einer völlig anderen Welt« leben, glaubt der Potsdamer Physiker.

Die aktuellen Erkenntnisse des IPPC waren gerade offiziell auf dem Markt, da verabschiedeten sich die USA von ihrer jahrelangen hinhaltenden Taktik gegen das von ihnen mitunterzeichnete Kyoto-Protokoll - und schalteten auf Fundamentalopposition. Kühl erklärte der frisch ins Amt gewählte US-Präsident Bush, der seinen Erfolg nicht zuletzt dem großzügigen Spendenfluss aus der US-Ölindustrie verdankt, seine Administration werde sich aus dem Kyoto-Protokoll zurückziehen. Das Abkommen belaste die amerikanische Ökonomie und bedrohe den American Way of Life.

Ganz falsch war die Analyse nicht. Weil zuvor auch Bill Clinton nie ernsthaft daran gedacht hatte, den längsten Wirtschaftsboom der US-Geschichte mit Programmen zum effizienteren Energieeinsatz zu flankieren, schnellten die Kohlendioxid-Emissionen zwischen 1990 und 1999 um über 13 Prozent nach oben. Gegenüber diesem Trend müssten die Amerikaner im Jahr 2012 mehr als ein Viertel ihrer Klimagase einsparen, um die Kyoto-Verpflichtung von minus sieben Prozent zu erreichen. Das ist in so kurzer Frist aussichtslos.

Kein Wunder, dass vor allem US-Amerikaner das Kyoto-Abkommen »auf dem Totenbett« sehen - und als Leichenfledderer bereitstehen. Roger Ballantine etwa, ehemals Bill Clintons Klimaschutz-Direktor, schlug kürzlich vor, die bindenden Verpflichtungen der Industriestaaten um fünf Jahre zu verschieben.

Für Hendrik Vygen, Trittins obersten Klimaverhandler, wäre das »der Todesstoß für das Protokoll«. Die Bundesregierung sei »absolut dagegen«, den Kyoto-Text noch einmal aufzuschnüren oder in Bonn noch einmal auf eine Vertagung zuzusteuern.

Nach neun Jahren von vorn anzufangen wäre für die Klimagemeinde der Super-GAU. Schon die Einigung von Rio war nur unter heftigen Geburtswehen in der letzten Verhandlungsnacht zur Welt gekommen. Fünf Jahre dauerte es, bis in der alten japanischen Hauptstadt Kyoto die gute Absicht konkretisiert werden konnte: 39 Industriestaaten, die in der Vergangenheit rund 80 Prozent der hausgemachten

Klimagase in die Atmosphäre gepumpt hatten, sollten ihre Emissionen im Zeitraum bis 2012 gegenüber dem Basisjahr 1990 um durchschnittlich 5,2 Prozent reduzieren.

Alle Delegationen kehrten mit individuellen Reduktionsverpflichtungen heim. In späteren »Verpflichtungsperioden« sollten die Schrauben weiter angezogen werden. Ein - nur scheinbarer - Durchbruch.

Zwar versicherte George Bush dem Kanzler schon bei dessen vom Klimastreit beherrschten Antrittsbesuch in Washington, er werde die Klimaverhandlungen der anderen Vertragsstaaten nicht mit seinem Veto blockieren. Zwar hatte der Texaner dieses Versprechen noch im Juni in Göteborg gegenüber den EU-Staats- und Regierungschefs wiederholt. Trotzdem hielt es Gerhard Schröder letzte Woche für notwendig, die USA noch einmal aufzufordern, sich an die Zusage zu halten.

Und als sei tiefes Misstrauen zwischen befreundeten Staaten das Normalste der Welt, schickt der amtierende EU-Ratspräsident und belgische Regierungschef Guy Verhofstadt einen Abgesandten nach Washington, um die Amerikaner ebenfalls noch einmal an ihr Versprechen zu erinnern.

Selbstbewusst und in möglichst geschlossener Phalanx wollen die europäischen Regierungschefs auch in Genua auftreten. Der US-Präsident soll an die zugesagte klimapolitische Neutralität erinnert werden, wenn seine Abgesandten am Rhein trotz ihres offiziellen Ausstiegs aus dem Protokoll gegen eine Einigung der anderen Vertragsstaaten arbeiten. Am Ende, so die Hoffnung im Kanzleramt, werde Bush sich nicht noch einmal vor der Weltöffentlichkeit als Öko-Rambo präsentieren.

Hinweise darauf, dass die USA den Kyoto-Prozess aktiv hintertreiben, lieferte in den vergangenen Wochen vor allem der erst im April in sein Amt gewählte japanische Premierminister Junichiro Koizumi. Vor seinem Antrittsbesuch bei Bush hatte der Japaner die amerikanische Fundamentalopposition als »bedauerlich« beklagt, nach der Visite überraschend Bushs klimapolitisches Engagement gepriesen und angedeutet, Japan werde das Protokoll erst ratifizieren, wenn die USA wieder dabei seien.

Nun blühen die Spekulationen. Setzen die Amerikaner ihre asiatischen Alliierten unter Druck, wie EU-Umweltkommissarin Margot Wallström nach einem Besuch in Tokio vermutete? Oder sucht Japan nur einen eleganten Ausweg aus seinem eigenen Klimadilemma? Das japanische Kohlendioxidkonto stieg in den neunziger Jahren ähnlich rasant wie das der USA. In Kyoto verpflichteten sich die Japaner auf minus sechs Prozent bis 2012.

Bisher segelten Koizumis Vorgänger unauffällig in einer von den USA angeführten Staatengruppe ("Umbrella Group") mit, die seit der Unterzeichnung der Kyoto-Vereinbarung vor allem immer neue Schlupflöcher zur Entschärfung der Klimaverpflichtungen zu öffnen suchte. Nun, nach dem Ausstieg der Amerikaner, rutscht Japan ungewollt in eine Schlüsselrolle, weil das Kyoto-Abkommen erst in Kraft tritt, wenn es mindestens 55 Unterzeichnerstaaten ratifizieren, die darüber hinaus für mindestens 55 Prozent der 1990 von den Industriestaaten ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich sind.

Diese zweite Bedingung ist nach der Absage der Amerikaner, die allein 36 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen der Industriestaaten verursachen, nur zu erfüllen, wenn sich neben den Europäern auch Russland, die osteuropäischen Staaten und eben Japan dem Abkommen anschließen.

Fast händeringend forderten Schröder und Annan den japanischen Premier auf, sich seiner »historischen Verantwortung« zu stellen.

Innenpolitisch entwickelt sich Kyoto für den Newcomer Koizumi zur ersten Zerreißprobe. Umweltschützer hoffen noch immer, dass sich Japan unter ihm ein Stück weit aus der traditionellen US-Umklammerung befreit, und verweisen auf den drohenden Image-Schaden, wenn die japanische Stadt Kyoto dauerhaft mit dem Scheitern der 1992 ausgerufenen Weltumweltpolitik verbunden bleibt.

Wirtschaftsvertreter warnen dagegen vor einer Verschärfung der Rezession, wenn das Land das Kyoto-Protokoll ratifiziert und den in der Vergangenheit vernachlässigten Klimaschutz forciert. Koizumi selbst schwankt seit Wochen, ohne sich festzulegen. Die Zeit für eine Entscheidung sei »noch nicht reif«.

Eisern und geradezu verzweifelt halten Politiker und Umweltschützer in Europa trotz der unendlichen Querelen am Konzept des Protokolls fest. Manche der immer neuen Vorschläge zur Rettung des Weltklimas, die am Rande jeder Klimakonferenz präsentiert und diskutiert werden, hätten möglicherweise zu Beginn des Prozesses Chancen gehabt. Jetzt nicht mehr.

»Zu Kyoto«, wird Jürgen Trittin nicht müde zu wiederholen, »gibt es keine Alternative.« Das Protokoll sei ein »lebenswichtiges Instrument«, erklärt Greenpeace - sofern es hält, was es einst versprochen hat.

Die Hoffnungen richten sich weniger auf den ersten Schritt als auf den Mechanismus, den das einmal installierte Kyoto-Abkommen auslösen würde: Dann wären alle Vertragsstaaten verpflichtet, die Atmosphäre immer stärker zu entlasten.

Ein Ergebnis allerdings halten die Umweltschützer für schwer erträglich: Wenn am Ende ein schlechtes, maßgeblich von den USA über Jahre verwässertes Umweltschutzabkommen in Kraft träte - ohne die USA. GERD ROSENKRANZ

Digitales Orakel

Grundlage für die Klimapolitik sind Computersimulationen, die Vorhersagen über die mögliche Temperaturentwicklung auf der Erde liefern. Weil die Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Land und Wasser ungeheuer komplex sind, vermögen nur die leistungsstärksten Supercomputer die gigantischen Datenmengen zu verarbeiten.

Je engmaschiger die Klimaforscher das aktuelle Wetter- und Strömungsgeschehen erfassen und mit Daten aus der Klimageschichte kombinieren, desto zuverlässiger sind die Prognosen. Bis heute haben die Computermodelle allerdings Schwächen: Einige physikalische Prozesse, etwa die genauen Abläufe in der Atmosphäre, sind nur ungenau verstanden; andere, bislang womöglich unentdeckte Phänomene sind noch gar nicht berücksichtigt.

* Im Februar 2000 mit Nordrhein-Westfalens MinisterpräsidentWolfgang Clement (2. v. r.) bei der Einweihung einerWindkraftanlage in Bergheim.* Am vergangenen Donnerstag vor dem US-Generalkonsulat inHamburg.

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