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SOWJET-UNION Letzte Barrikade

Offener Protest gegen den Chefredakteur der führenden Reform- Zeitschrift - es kam zu antisemitischen Schmähungen, sogar zu Prügeleien.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Wie immer, wenn es ernst wird, versammelte Michail Gorbatschow die Sprecher der hauptstädtischen Intelligenzija um sich - seine eigentlichen Verbündeten. Vor Kulturschaffenden und Wissenschaftlern verteidigte er sich vorletzten Freitag gegen Argumente wie: »Die Perestroika führt zum Chaos«, sie habe sozial und wirtschaftlich »nichts gebracht«, die Lage habe sich sogar verschlechtert; Mehrparteiensystem und Privateigentum seien fällig.

Der Generalsekretär nannte ein geheimgehaltenes Defizit im Staatshaushalt in Höhe von zwei Monatslöhnen jedes Werktätigen als Quelle allen Übels und bemerkte: »Insgeheim sehnt sich dieser und jener schon nach der ,guten alten Zeit' zurück« - obwohl »wir alle fühlten, daß man auf die alte Art und Weise nicht weiterleben konnte«.

Bedrängt von rechten wie von linken Kritikern seiner Reformpolitik, rügte er Folgen seiner eigenen, wichtigsten Errungenschaft - Glasnost: Gorbatschow hielt freimütigen Massenmedien vor, mitunter »Lügen« zu verbreiten.

Das war das Stichwort für ein paar Konservative unter seinen Zuhörern, die Speerspitze der Reform zu attackieren - »Ogonjok« (Feuerchen), die einzige Illustrierte der Sowjet-Union, mit einer Auflage von 1,8 Millionen. Vor zweieinhalb Jahren übernahm Witalij Korotitsch, 52, Lyriker, Romanautor ("Der 10. Mai") und Parteimitglied seit 1967, die Chefredaktion. Seither nutzt die Zeitschrift am verwegensten von allen Sowjetblättern die neue Meinungsfreiheit, beleuchtet schonungslos die dunklen Seiten des realen Sozialismus (etwa: Strafvollzug) und bewältigt brutal die Stalin-Vergangenheit.

Korotitsch enthüllte auf der Parteikonferenz im Juli 1988, daß vier der Delegierten Kriminelle seien. Auf dem fast zehnstündigen Intellektuellen-Treff mit Gorbatschow verdammte Kollege Anatolij Iwanow, Chef der reaktionären Literaturzeitschrift »Junge Garde«, »Ogonjok« als militärfeindlich; dem Vorsitzenden des Russischen Schriftstellerverbandes Sergej W. Michalkow, Autor der Nationalhymne, paßte die ganze Richtung nicht.

Da griff Gorbatschow mit einem Scherz ein: »Sergej Wladimirowitsch, warum übernehmen unsere Schriftsteller nicht das Prinzip der einseitigen Abrüstung?« Gelächter, Applaus - damit war Korotitsch noch einmal davongekommen. »Manchmal glaube ich«, sagte er, »ich bin der letzte Frosch, der im Sumpf herumspringt.«

Auf einer Zusammenkunft des Russischen Schriftstellerverbandes im Dezember hatten ihn Partei-Konservative beschuldigt, er versuche, die Reform-Debatte zu »monopolisieren«. Die Zeitschrift »Politisches Selbststudium« warf ihm Heuchelei vor: Sie druckte eine Buchbesprechung nach, mit der Korotitsch, vormals Sekretär des Ukrainischen Schriftstellerverbandes, im letzten Breschnew-Jahr die Kriegserinnerungen des seinerzeit herrschenden Generalsekretärs gepriesen hatte.

Autor Breschnew, so Rezensent Korotitsch 1982, schreibe »bemerkenswert modern«, sei eine »äußerst anziehende Persönlichkeit«, sein Werk sollte man »jeden Tag lesen«.

Das hätte sich noch satirisch deuten lassen, doch Korotitsch fand die vertraute Ausrede, die lobhudelnden Passagen seien ihm hineinredigiert worden, gegen seinen Protest. Das Polit-Studienblatt druckte auch noch im Faksimile die Honorarquittung für die Breschnew-Eloge, das Fachorgan »Journalist« spottete: »Korotitsch mahnt die Sünden der anderen an und will uns seine eigene ,schöpferische' Biographie vergessen lassen.« Er sei, so die Zeitschrift »Moskwa«, ein »verdorbenes Kind« der Breschnew-Ära.

Zum Krach kam es vorigen Montag auf einer Versammlung in Moskau zur Kandidatenaufstellung für den neuen Volkskongreß. Gegen die Bewerbung des Radikalreformers Korotitsch wetterten Dutzende Delegierte, schwenkten höhnisch Fahnen mit dem Davidstern und riefen antisemitische Schmähungen: »Gib deine Silberlinge zurück, Jude Korotitsch.«

Die Störer gehörten zur faschistoiden »Pamjat«-Organisation, deren Filialen über das ganze Land verbreitet sind und deren Zentrale Märsche über die Moskauer Gorki-Straße veranstaltet. In Leningrad versammelten sich bis vor kurzem die Anhänger von »Pamjat« (Gedenken) öffentlich in schwarzen Hemden und gaben in aufpeitschenden Reden landfremden Nichtrussen, speziell den Juden, die Schuld an jederlei Unglück, auch an Tschernobyl.

Und: »Verbietet Russen, Andersstämmige zu heiraten! Raus mit allen Andersstämmigen aus Rußland!« Pamjat-Flugblätter rufen zum »Partisanenkrieg« gegen bestimmte Sowjetpolitiker auf, die auf einer schwarzen Liste stehen.

Auf der Kandidaten-Wahlversammlung wandte sich sogar der angesehene Sibirien-Schriftsteller Walentin Rasputin gegen Korotitschs Mandat, ebenso der Romanautor Jurij Bondarew, der schon voriges Jahr auf der Parteikonferenz »nihilistische Kritik« an der Vergangenheit und »Sittenlosigkeit der Presse« angeprangert hatte, dazu ein beabsichtigtes Verderben der Jugend, den Sturz anerkannter Autoritäten, auch »Lügen«. Damals bekam Bondarew den Beifall vieler Genossen und die erklärte Zustimmung des Gorbatschow-Gegenspielers Jegor Ligatschow.

Diesmal erhielt er den Beistand der Pamjat-Rowdys. Die Wahlversammlung endete in einer Schlägerei zwischen Pamjat-Leuten und Korotitsch-Anhängern. »Ich bin in der Ukraine aufgewachsen«, sagte nachher Korotitsch - kein Jude -, »ich habe Nazis gesehen in meinem Leben, und dies war nicht viel besser.«

Im nächsten »Ogonjok« will er Photos der Prügelszenen veröffentlichen. Warum hatten gerade er und sein Blatt sich soviel Zorn der Perestroika-Gegner zugezogen? Korotitsch: »Weil wir die letzte Barrikade sind.« #

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