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RECHTSCHREIBREFORM Letzte Chance

Niederlage für die Kultusfunktionäre: Die ungeliebte Rechtschreibreform wird überprüft. Ein Rat aus Schriftstellern, Journalisten und Sprachwissenschaftlern soll Korrekturen einarbeiten.
Von Volker Hage, Horand Knaup, Christoph Schmitz und Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 42/2004

Die Sitzordnung im weiträumigen Büro des Regierenden Bürgermeisters von Berlin war locker, der Ton von Anfang an rau. »Es kann nicht sein, dass da einer einfach ausschert«, polterte die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD). Der so attackierte niedersächsische Regierungschef Christian Wulff (CDU) keilte aus seinem Couchsessel zurück: »Das ist hier doch alles Parteipolitik.«

Parteipolitik? »Das lasse ich mir von Ihnen nicht gefallen«, dröhnte wiederum der Sozialdemokrat Peer Steinbrück, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

Wie immer bei ihren vierteljährlichen Treffen hatten sich die 16 Ministerpräsidenten zum Kamingespräch hinter verschlossene Türen zurückgezogen. Kaum waren sie unter sich, schoss die Phonzahl in die Höhe. »Bleiben Sie bei der Wahrheit«, blaffte der Mecklenburger Harald Ringstorff (SPD) den Kollegen Wulff an. Der konterte: »Sie können nicht von mir verlangen, dass ich das zurücknehme.«

Anlass für die ruppige Auseinandersetzung war Wulffs Ankündigung, sein Land werde, auch wegen der verunglückten Rechtschreibreform, aus der Kultusministerkonferenz (KMK) austreten. Das Bürokratenwerk ist ihm wie Millionen Bürgern und Hunderten Schriftstellern, Sprachwissenschaftlern und Verlagsoberen schon lange ein Gräuel: »Sie stiftet nur Verwirrung.« Jede Nichteinigung, so appellierte der Bayer Edmund Stoiber (CSU) am Donnerstagabend an die Streithähne, führe zu einer Blamage und damit Schwächung aller.

Widerwillig ließen sich auch Reformfreunde wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) für einen Kompromiss gewinnen. Die neue Rechtschreibung wird zum 1. August 2005 eingeführt. Aber: Vorher prüft ein »Rat für deutsche Rechtschreibung«, dem Gegner und Befürworter angehören, welche Neuerungen wirklich Verbesserungen bedeuten.

Auch auf der Frankfurter Buchmesse war der Streit um die Orthografie, neben dem überraschenden Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek, das Topthema. Die einen hofften auf eine Renaissance des Bewährten, andere witterten ein Täuschungsmanöver der Politik.

»Ich erwarte von dieser neuen Entwicklung Gutes, auch wenn sich die Befürworter einer schlichten Rückkehr zum Bewährten nicht durchsetzen konnten«, sagte Martin Walser. »Ganz auf null zurück - das geht wohl nicht. Dass man jetzt die Reform reformieren will, und zwar wegen der Kritik an ihr energischer als ursprünglich geplant, ist doch ein Zeichen von Lebendigkeit.«

Skeptischer äußerte sich der Schriftsteller Bodo Kirchhoff: »Wir können jetzt nur noch auf einen Aufstand der Buchstaben hoffen. Die Politik betrachtet Sprache als ein Vereinfachungsinstrument zur Durchsetzung eigener Interessen. Daher ist es logisch, dass sie in einen Gegensatz zu allen tritt, für die Sprache vor allem ein Ausdrucksmittel ist.«

Nach jahrelangem Reformstreit ist der bizarre Disput um Fremdwörter und Trennungen, Getrennt- und Zusammenschreibung in eine neue, möglicherweise entscheidende

Phase getreten. Ein 36-köpfiges Gremium aus Pädagogen und Germanisten, Verlagsleuten und Literaten soll das umstrittene Regelwerk bis zum Stichtag im August noch einmal überprüfen.

Allerdings: »Wenn der Rat mit seiner Entscheidung nicht fertig wird«, sagt ein einflussreicher Ministerpräsident, »steht auch der Einführungstermin wieder zur Disposition.«

Abgerissen ist der Protest gegen die von Ministerialen und Sprachexperten ausgetüftelte und 1998 eingeführte Reform nie. »Ich kenne niemanden, der Ketchup nach den neuen Regeln schreibt«, grummelte der Saarländer Peter Müller (CDU) im Kreis der Ministerpräsidenten. »Warum wir gerade jetzt, im Zeitalter der Globalisierung, mit der Eindeutschung beginnen«, stöhnt Stoiber, »versteht kein Mensch.«

Die großen Zeitungsverlage sind gespalten. Soeben kehrten die meisten Blätter aus dem Verlag Axel Springer zur alten Schreibweise zurück. Die »FAZ« hatte die Neuerungen nach kurzer Erprobung verworfen. Das Verlagshaus Gruner + Jahr wiederum akzeptierte die Reformregeln weitgehend. Der SPIEGEL kündigte jüngst die Rückkehr zur alten Schreibweise an, sollte es nicht zu substanziellen Veränderungen kommen.

Große Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger haben ihr Entsetzen über die Reform ("nur noch ein Trümmerhaufen") eindringlich zu Protokoll gegeben, ebenso der Deutsche Elternverein. In der vergangenen Woche auf der Buchmesse unterzeichneten rund hundert Autoren eine Resolution gegen das Diktat der Kultusbürokratie, darunter Enzensberger, Günter Grass, Siegfried Lenz und Ulla Hahn.

Tatsächlich stiftete die Reform eher Verwirrung als Klarheit. Was früher ein »frischgebackener« Ehemann war, ist heute ein »frisch gebackener«. »Feuer speiend« und »Hilfe suchend« ist Pflicht, »heilbringend« aber möglich. Es gibt den »Fotografen« und die »Grafologie«, aber weiterhin den »Philosophen«. Kaum weniger kunterbunt sind die Trennungsregeln und die Kommasetzung ausgefallen. Was vorher nur ein »vielversprechender Politiker« war, ist heute auch ein »viel versprechender Politiker«.

Wer so genannte Experten an der Sprache »herumfummeln lässt«, so der Schriftsteller Günter Kunert, »wird mitschuldig daran, dass wir Deutschen auch im Denken immer mehr absacken«. Dass es vor allem darauf ankomme, dass Schüler möglichst wenige Fehler machten, sei ein schlichter Denkfehler: »Es kommt doch gerade darauf an, dass möglichst viele Schüler ihr Gehirn so anstrengen, dass sie die Sprache, wie sie ist, beherrschen.«

Eine letzte Chance, zumindest den schlimmsten Aberwitz zu eliminieren, bietet der nun beschlossene Rechtschreibrat. Mitreden dürfen viele: 18 Mitglieder aus Deutschland, jeweils 9 aus Österreich und der Schweiz. Wobei allerdings offen bleibt, warum 18 Deutsche 82,5 Millionen Bundesbürger repräsentieren, während 9 österreichische Delegierte 8 Millionen Österreicher und 9 Schweizer knapp 5 Millionen Deutsch sprechende Schweizer vertreten.

»Plural« geht es auf deutscher Seite auch bei der Auswahl der Vertreter zu: 16 sollen es sein, vom Institut für Deutsche Sprache, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über den Dudenverlag und die Verbände der Journalisten, Zeitungs- und Zeitschriftenverleger bis zum deutschen PEN-Zentrum und zum Germanistenverband.

Jeder Verband hat einen Sitz, zwei Sitze bekommen lediglich das Institut für Deutsche Sprache und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Eine gerechte Sache, viele kommen zu Wort. Aber sind es am Ende nicht zu viele?

Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit meldete vergangenen Freitag Zweifel an, ob ein solcher Groß-Rat überhaupt »konsensfähig« sei. Akademie-Präsident Klaus Reichert hält das Gebilde gar für einen »unbeweglichen Elefanten«. Reichert ist noch gar nicht sicher, ob er im Rat überhaupt mitwirken will.

Als größtes Handicap könnte sich erweisen, dass viele Verbände nicht in der Lage sind, einen Standpunkt zu definieren, weil sich Gegner und Befürworter im eigenen Verein erbittert gegenüberstehen. Im Rat können sie aber nur mit einer Stimme auftreten, was leicht zu einem Minimalkonsens verleiten kann.

Der Dichter Durs Grünbein hat bereits alle Hoffnung fahren lassen: »Ich bin in dieser Angelegenheit Fatalist - ich habe keine Hoffnung mehr, dass wir zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Ich schreibe zwar weiter, wie ich will. Aber mein Kind wird mich bald lesen wie einen Autor aus der Mörike-Zeit.«

Politiker, die immer mit Kompromissen leben müssen, sehen das naturgemäß weniger düster. Der deutsche Bundeskanzler, den im fernen Hanoi die Nachricht von der Einsetzung des Sprachrats ereilte, gab sich entspannt. Gerhard Schröder ist zwar kein Freund der auch von ihm als merkwürdig empfundenen Neuerungen, akzeptiert sie aber notgedrungen, weil sie mittlerweile an den Schulen gelehrt werden. Allerdings tue er sich mit jeder Form von Rechtschreibung schwer, gab er bereitwillig zu. Er diktiere eben schon zu lange fast alle Texte. Als Ministerpräsident von Niedersachsen hatte er Autogrammkarten mit den Worten »Frohe Weinachten« verteilt, was ihm umgehend ein Kooperationsangebot des Legastheniker-Verbands einbrachte.

Am vergangenen Donnerstag, beim Eintrag in das Gästebuch der Gedenkstätte für Mahatma Gandhi in Neu-Delhi, erging es ihm nicht viel besser. Er verewigte sich mit einem Hermann-Hesse-Zitat, leichte Unsicherheiten bei der Groß- und Kleinschreibung sowie das scharfe »ß« der alten Rechtschreibung inklusive: »Damit das mögliche entsteht, muß immer wieder das unmögliche versucht werden.«

VOLKER HAGE, HORAND KNAUP, CHRISTOPH SCHMITZ, MATHIAS SCHREIBER

* Edmund Stoiber, Peter Müller, Christian Wulff, PeerSteinbrück, Heide Simonis, Wolfgang Böhmer, Ole von Beust am 7.Oktober.

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