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Sozialisten Letzte Reservate

Die PDS-Arbeitsgemeinschaft »Cuba sI« verherrlicht das Castro-Regime in Havanna - peinlich für die Parteispitze um Bisky und Gysi.
aus DER SPIEGEL 16/1996

Die Begegnung mit den Companeros war kurz, aber heftig. Direkt vor dem Berliner Büro der kubanischen Fluggesellschaft Cubana de Aviacion hatte der Journalist Frank-Reginald Evertz, 38, ein Protestplakat entrollt. Aufschrift: »Euer Paradies, deren Hölle. Stoppt das Leiden, fahrt nicht nach Kuba«.

Mehrere Angestellte der Airline rannten daraufhin auf den Bürgersteig, entrissen dem Einzelkämpfer das Plakat und beschimpften ihn wüst. Einmal in Rage, griffen die Kubaner auch einen Fotografen an, der die Szene beobachtet hatte, und versuchten, ihm die Kamera zu entreißen.

Was die kubanischen Companeros nicht wissen konnten: Sie attackierten einen Genossen. Evertz ist seit anderthalb Jahren Mitglied der PDS.

Wie viele Linke gehörte auch der freie Journalist aus Berlin zunächst zu den Sympathisanten des sozialistisch regierten Karibikstaates. Gemeinsam mit der PDS-Arbeitsgemeinschaft »Cuba sI« wollte er dort gar ein Kibbuz nach israelischem Vorbild gründen. PDS-Wahlkämpfer Stefan Heym war sofort angetan von der revolutionären Idee, PDS-Kopf Gregor Gysi sicherte Unterstützung zu.

Doch die Begeisterung für die Synthese aus Sommer, Sonne und Sozialismus schwand bei Evertz schnell. Während einer zweimonatigen Bildungsreise begegnete er Anfang des Jahres einheimischen Regimegegnern, die unter schweren Repressalien zu leiden haben. Der PDS-Mann knüpfte Kontakt zu der Dissidentengruppe »Bewegung für die Wahrheit« und kam zu dem Ergebnis: »Auf Kuba herrscht tropischer Stalinismus.«

Mit dieser äußerst deftigen Einschätzung steht der PDS-Mann unter den Kuba-Experten seiner Partei ziemlich allein. Als die kubanische Luftwaffe Ende Februar zwei Sportflugzeuge von Exilkubanern abschoß, die in den Luftraum des Landes geflogen waren, entdeckte Evertz am Schwarzen Brett der Berliner PDS-Zentrale eine Stellungnahme von »Cuba sI«, die den Angriff als gerechtfertigt feierte, Motto: »Die Geduld hat Grenzen«.

Solche harten Sprüche gehören bei der PDS-Aktionsgruppe zum guten Ton. Die 1991 gegründete Arbeitsgemeinschaft, die insgesamt 28 regionale Zirkel mit zusammen mehreren hundert Aktiven zählt, versteht sich als Castros deutsche Lobby.

Per Fax und Telefon halten die selbsternannten »Castristen« engen Kontakt zum Zentralkomitee der kubanischen KP. In Absprache mit den Genossen in Havanna verbreitet »Cuba sI« Propagandatexte, in denen beispielsweise Politbüromitglied Abel Pietro über die »sogenannten Menschenrechte« wettert und das eigene Regime zur »Demokratie« schönschreibt, »an der alle teilhaben«.

In Wirklichkeit gehört Kuba neben Nordkorea und China mit ihren freilich weit brutaleren Regimes zu den letzten kommunistischen Reservaten der Welt. Der aktuelle Jahresbericht der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International verzeichnet eine lange Reihe von Übergriffen des Castro-Staates auf Oppositionelle. Nach Angaben der Amnesty-Experten sitzen in kubanischen Gefängnissen etwa 600 politische Gefangene.

Den Chef der PDS-Truppe »Cuba sI« ficht das alles nicht an. Umrahmt von Che-Guevara-Postern, roten Wimpeln der Kommunistischen Partei Kubas und einer Flasche Rum, sitzt der hauptamtliche PDS-Funktionär Reinhard Thiele in seinem Büro im fünften Stockwerk des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses und erwärmt sich am »lebendigen Mythos der kubanischen Revolution«.

Schon als Junger Pionier habe er im Alter von sechs Jahren Bleistifte für den antiamerikanischen Vorposten gesammelt, berichtet der Fidel-Fan; mit 19 sei er erstmals als Mitglied einer FDJ-Delegation ins Palmenparadies gereist. Seitdem versteht er sich als Botschafter der kubanischen Sache.

Die Kritik von Menschenrechtlern an der Verfolgung von Oppositionellen läßt Thiele kühl abperlen: »Die Kubaner sind selber in der Lage, die Probleme zu erkennen.« Ob Ein- oder Mehrparteiensystem, befindet der PDS-Kader, »ist in Kuba nicht die Frage«.

Im Festlegen dessen, was die Frage ist, hat Thiele lange Erfahrungen sammeln können. Der Jeanshemdträger, der seinen Haarschopf zum Pferdeschwanz zusammengebunden hat, stand bis Ende des Jahres 1989 als Oberleutnant im Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit, Bezirksverwaltung Berlin.

Seine Kuba-Propaganda steht im krassen Widerspruch zur offiziellen Parteilinie. Um die SED-Nachfolgeorganisation koalitionsfähig zu machen, bemühen sich Führungsleute wie der Vorsitzende Lothar Bisky und Frontmann Gregor Gysi, der PDS ein sozialdemokratisch geliftetes Image zu geben. Stereotyp versichern die beiden, ihre Partei habe sich »vom autoritären Staatssozialismus abgewandt« (Gysi) und vertrete ein »Höchstmaß an Demokratie und Liberalität« (Bisky).

Der Erfolg von »Cuba sI« ist deshalb für das Führungsduo überaus peinlich. Die Aktionsgruppe hat vor allem unter Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren regen Zulauf, die »humanitären Hilfsaktionen«, mit denen der Castro-Fanklub für sich wirbt, sind ganz auf die jugendliche Klientel zugeschnitten. So sammeln die Mitglieder für Milchpulver oder besorgen Medikamente und medizinisches Gerät wie ausrangierte Zahnarztstühle und Krankenhausbetten.

Hoch im Kurs stehen bei den Aktivisten auch Reisen auf die Zuckerrohrinsel, die »Cuba sI« über ein Reisebüro organisiert. Betreut werden die Besucher von linientreuen Funktionären, der Kontakt zu Dissidenten wird sorgsam vermieden.

Wie schwer sich auch die PDS-Führung damit tut, von vertrauten Kuba-Klischees Abschied zu nehmen, zeigt die Reaktion auf ein Protestschreiben des Genossen Evertz, der sich bei Gregor Gysi über das repressive Castro-Regime beklagte. In dem Brief fordert das PDS-Mitglied, die Arbeitsgemeinschaft müsse schleunigst aufgelöst werden.

Gysi hat das Schreiben kommentarlos an die Bundesschiedskommission weitergeleitet, und die erklärte sich, so ist der Fall erst mal erledigt, für »nicht zuständig«. Y

Als Junger Pionier sammelte Thiele Bleistifte für Castros Regime

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