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AUTO UNION Letzte Seufzer

aus DER SPIEGEL 19/1965

Von den bundesdeutschen Fernsehmattscheiben tönten im Dezember vergangenen Jahres zwei Prognosen aus dem Munde Dr. Walter Münstermanns, eines Direktors der Ingolstädter Auto Union GmbH. Münstermann: »Ich kann Ihnen versichern, daß das Zweitaktprogramm, so wie es jetzt gefahren wird, auch im nächsten Jahr in vollem Umfange weitergefahren wird.« Und: »Es ist nicht daran gedacht, hier eine VW-Fertigung aufzuziehen.« Münstermann irrte.

Am ersten Dienstag im Wonnemonat Mai wird Bundesschatzminister Werner Dollinger in Ingolstadt zur Auto-Union -Belegschaft sprechen. Anlaß: Das Auto -Union-Fließband für die Produktion von VW 1200 wird in Gang gesetzt.

Und in der vergangenen Woche gab das Wolfsburger Volkswagenwerk bekannt, die Produktion von Zweitakt-Automobilen des Werkes an der Donau werde eingeschränkt. Zwei Modelle, die Typen DKW F 11 und F 12, werden zum Sommer eingestellt. Nur der Mittelklassewagen DKW F 102 soll noch weiter gebaut werden.

Zu diesen Maßnahmen sahen sich die Wolfsburger, die im Oktober 1964 von der Daimler-Benz AG 50,28 Prozent des Auto-Union-Firmenkapitals (160 Millionen Mark) übernommen hatten, durch die Marktentwicklung veranlaßt.

Die Nachfrage nach dem Käfer nahm derart zügig zu, daß sie selbst nach Produktionsaufnahme des jüngsten VW-Werkes, Emden, nicht befriedigt werden konnte. Es lag daher nahe, ungenutzte Kapazität in Ingolstadt, vornehmlich Arbeitskräfte, für das Wolfsburger Spitzenprodukt zu mobilisieren.

Weit weniger freundlich dagegen nahm der Markt von den DKW-Kleinwagen F 11 und F 12 Notiz. Sie waren einst ausersehen, in der unteren Mittelklasse den Bestsellern VW 1200, Opel Kadett und Ford 12 M Konkurrenz zu machen. Dieser Aufgabe waren sie nicht gewachsen.

Als erster erschien 1963 der F 12 auf dem Markt. Schon das Styling konnte bei der Kundschaft kaum Begeisterung auslösen, denn er sah seinem Vorgänger, dem DKW Junior, zum Verwechseln ähnlich. Außer der Physiognomie hatte der F 12 vom alten Junior auch ein Handikap übernommen, das den Käuferkreis von vornherein begrenzte: Er war nach Art des Hauses mit einem Zweitaktmotor ausgerüstet (Dreizylinder, 900 Kubikzentimeter, 40 PS).

Die Techniker der Auto Union schwören auf den Zweitakter, weil er weniger

bewegliche Teile habe und robuster sei als ein Viertaktmotor. Anhänger des Zweitaktprinzips bildeten jedoch unter den Automobilisten stets nur eine Minderheit. Immer weniger Käufer mochten das typische Knattern und die Duftfahne des Zweitaktmotors tolerieren.

Das knatternde Gefährt vermittelte weniger Geltungsnutzen, war jedoch mit einem Preis von 5690 Mark teurer als die Konkurrenten VW (4980 Mark), Opel Kadett (5075 Mark) und Ford 12 M (5480 Mark). Da sich obendrein fertigungstechnische Mängel des F 12 herumsprachen und relativ häufig Motorschäden auftraten, blieb dem Automobil der erhoffte Erfolg versagt. Im Eröffnungsjahr 1963 produzierte die Auto Union noch 47 429 Exemplare, 1964 wurden es nur noch 26 580.

Das Ende des Autos begann sich abzuzeichnen. »Wenn der DKW F 12 seinen letzten Seufzer tut, wäre es falsch, sein Ableben der finanziellen Einmischung des Volkswagenwerks anzulasten«, schrieb das Fachjournal »Auto, Motor und Sport« über das unrühmliche Auto. »Auf seinem Grabstein wird nichts von einem toten Helden stehen. Eher, daß hier ein armer kleiner Hund begraben sei.«

Noch weniger reüssierte eine verbilligte Volksausgabe, der F 11 (800 Kubikzentimeter Hubraum, 34 PS, 5100 Mark). 10 640 F 11-Wagen wurden im ersten Produktionsjahr 1963 verkauft, 15 902 im Jahre 1964. Von beiden Modellen zusammen konnten die Händler im Januar 1965 nur 926 Autos verkaufen 57 Prozent weniger als im Januar 1964. Und obwohl im Februar insgesamt erheblich mehr Wagen als im gleichen Monat des Vorjahres abgesetzt wurden, erwiesen sich der F 12 (Schwund von 1948 auf 1689) und der F 11 (von 983 auf 613) wieder als die Verlierer.

Jahr für Jahr waren die Produktionszahlen der Auto Union geschrumpft: Von 126 237 (im Jahre 1960) auf 78 790 (im Jahre 1964). Die Halden wuchsen: Der Gesamtbestand unverkaufter Auto-Union-Wagen wurde noch vor kurzem auf rund 25 000 Einheiten geschätzt.

Um die Auto-Halden rascher ins Rollen zu bringen, senkte das VW-Werk im Januar für alle Auto -Union-Wagen die Preise. Der Entschluß, sich der beiden unrentablen Plagegeister DKW F 11 und F 12 zu entledigen, stand schon damals ebenso fest wie der Plan, von Mai an den Wolfsburger Geldverdiener VW 1200 auch in Ingolstadt zu fertigen.

Die Auto-Union-Händler, die bisher auf drei Beinen im Geschäft standen, müssen mithin in absehbarer Zeit auf einem Bein balancieren. Manche murren, aber die Händlerschaft hat andererseits zu ihrem neuen Chef, VW-Generaldirektor Heinz Nordhoff, Vertrauen. Erklärte der Juniorchef der Ingolstädter Auto-Union-Großhandlung Karl Brod: »Natürlich machen wir uns Sorgen, aber wir denken, da wird schon was kommen.«

Kommen wird, wahrscheinlich schon dieses Jahr, ein Bruder des überlebenden Zweitakters F 102. Er soll F 103 heißen und im Viertakt schnurren.

Auslaufender DKW-Typ F 11

Arme kleine Hunde...

Auslaufender DKW-Typ F 12

... werden begraben

Auto-Union-Werk Ingolstadt: Künftig Käfer von der Donau

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