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Brasilien Letzte Station vor dem Friedhof

aus DER SPIEGEL 32/1996

Fábios Blick flackert, sein pickeliges Schülergesicht zerfällt in unkontrollierte Grimassen. »Das Kartell von Medellín ist hinter mir her«, stößt er hervor. »Ich habe sie um 20 Kilo Kokain betrogen, jetzt wollen sie mich umbringen.«

Per Bus habe er kiloweise Kokain aus Bolivien nach São Paulo geschmuggelt. »Das Geld habe ich mit Frauen, Drogen und rauschenden Festen durchgebracht«, protzt der Teenager. »Ich hatte ein Mobiltelefon, trug eine Rolex und ein Goldkettchen.«

Dann blickt er sich mißtrauisch um und flüstert verschwörerisch: »Vielleicht muß ich bald fliehen. Das Kartell will die Klinik in die Luft jagen.«

Niemand würde ihn festhalten. Vila Serena, eines der besten Krankenhäuser für Suchtabhängige in São Paulo, ist keine geschlossene Anstalt. Dem verstörten Jungen bietet sie die letzte Chance, in ein normales Leben zurückzufinden. »Fábio leidet unter Verfolgungswahn«, sagt Dr. Walter Labonía Filho, Leiter der Drogenklinik. »Das ist die Crack-Paranoia.«

Drei Tage zuvor war der Junge in einem Park aufgelesen worden. Er zitterte am ganzen Körper, vier Tage lang hatte er Crack geraucht. Danach versank er in einen Dämmerzustand. Die »fisura«, wie die brennende Sucht nach dem nächsten Zug aus der Crack-Pfeife genannt wird, quälte Geist und Körper. Die verzweifelten Eltern brachten Fábio, 17, nach Vila Serena. Dort fabuliert er nun von einer Vergangenheit als Drogenkurier.

Der Wahn ist typisch für Crack-Süchtige. Bereits nach wenigen Zügen litten sie unter Zwangsvorstellungen, sagt der Arzt. Sie greifen Fremde an, die sie für Polizisten halten, sie bedrohen Freunde und Familienangehörige. Seine Mutter habe ihn verstoßen, sein Vater wolle ihn umbringen, beteuert Fábio.

Die Eltern bewohnen ein Luxusapartment im vornehmen Viertel Jardins. Die Mutter hat Psychologie studiert, der Vater betreibt ein Hotel. Schon einmal haben sie ihrem Sohn eine Entziehungskur bezahlt. »Wir hatten ihn verhätschelt«, bekennt seine Mutter. Mit 12 Jahren rauchte er den ersten Joint, auf einer teuren Privatschule probierte er zwei Jahre später Kokain. Fortan schnupfte er, bis seine Nasenschleimhäute zerfressen waren und er nur noch Blut rotzte.

Als er 15 war, bot ihm ein Schulkamerad erstmals eine Crack-Pfeife an. »Es war wie eine Explosion im Kopf«, schwärmt Fábio, »Crack ist stärker als alles, was ich bis dahin probiert hatte.«

Die Droge nennt Fábio »demônio«, Teufel. Ihm hat er seine teure Armbanduhr geopfert, sein Armani-Jackett und seine Reebok-Tennisschuhe. »Verlasse mich nicht«, fleht er den bösen Geist an. Er hätte auch das Auto, den Fernseher und den Videorecorder seiner Eltern für ein paar Brocken Crack eingetauscht, wenn er nicht aufgehalten worden wäre.

Crack hat längst die Ghettos verlassen. Dealer verteilen die Droge an Schulen, Süchtige taumeln über den traditionsreichen Platz der Republik mitten im Zentrum der Millionenmetropole, sie wanken durch die Slums am Stadtrand, und sie rauchen in den feinen Penthouse-Wohnungen von Jardins.

»Die Droge hat alle sozialen Schichten erfaßt«, bestätigt Arthur Guerra. Im städtischen Hospital das Clínicas behandelt der Rauschgiftspezialist jede Woche rund 120 neue Patienten. Doch gleichzeitig sterben in den Straßenschluchten der größten Stadt Südamerikas Tausende Jugendliche an dem Killergift.

Niemand weiß, wann die erste Crack-Pfeife in São Paulo angezündet wurde. Irgendwann Ende der achtziger Jahre beschlagnahmte die Polizei im Vorort São Mateus erstmals eine Handvoll der »Steine": Süchtige hatten Kokainpaste mit Backpulver gemischt und in einem Löffel erhitzt. Das Zeug kristallisierte zu schwefelgelben Brocken - Crack.

Junkies rauchen die Droge in selbstgebastelten Pfeifen. Über die Blutbahn erreicht der Stoff in Sekunden das Gehirn. Dort löst er einen Flash aus, der meist nur zehn Minuten dauert. Viele Jugendliche sind schon nach drei Trips abhängig. Ein Stein kostet zwischen fünf und zehn Dollar, weit weniger als Kokain.

Kuriere schmuggeln die Kokapaste aus Bolivien nach São Paulo. Dort wird sie zu Crack verarbeitet. Im nahen Rio, wo schwerbewaffnete Banden den Handel kontrollieren, hat die Kokainmafia das Teufelszeug verboten, denn Crack treibt ihre Kunden in den Wahnsinn und zerstört jedes geordnete Geschäft.

Im Moloch São Paulo dagegen teilen sich Hunderte kleine Drogenhändlerringe den Markt. Dealer, die selbst süchtig sind, verkaufen die Steine auf Straßen und Plätzen. Jüngst beschlagnahmte die Polizei 25 Kilogramm Crack in einer Apotheke.

»Ich kann nicht mehr ohne die Droge leben«, flucht Cláudio, 48, und zieht an seiner Pfeife. Der bärtige Alt-Hippie war einst der bekannteste Dealer in den bürgerlichen Stadtvierteln im Norden von São Paulo, Teil der Folklore. Schon in den siebziger Jahren verkaufte Cláudio im Wohnviertel Vila Guilherme Kokain und Marihuana. Vor sechs Jahren stellte er das erste Crack her: »Ich habe mit den Steinen ein Vermögen gemacht.«

Doch dann fing er selbst an zu rauchen. Heute ist er ein Wrack. Seit einer Schießerei mit der Polizei geht er an Krücken. Er krempelt sein schmutziges T-Shirt hoch und zeigt die Narben auf seinem Bauch. »Bei Kokain hätte ich vielleicht den Absprung geschafft, aber Crack ist zu stark.«

Seine Frau verließ ihn, mit seinen drei Kindern haust Cláudio jetzt in einer verdreckten Kellerwohnung. Wenn die Sucht ihn überkommt, schickt er die Kleinen ins Nebenzimmer. Sie sollen nicht sehen, wie ihr Vater über den Boden kriecht und Reiskörner aufliest, weil er sie für Crack-Krumen hält. »Man muß den Jungen helfen«, sagt er. »Wir Alten sind nicht mehr zu retten. An Kinder verkaufe ich nicht.«

Nach Einbruch der Dunkelheit gehört Vila Guilherme den »doidos«, den »Verrückten«, wie die Crack-Süchtigen genannt werden. An der Boca da Onça, dem »Jaguarschlund«, hocken sie in Gruppen und rauchen. Der kleine Platz, auf dem tagsüber Kinder spielen, verwandelt sich nachts in einen Junkie-Treff.

Wie Zombies taumeln Berauschte über die Straße. Da ist »Macumbinha«, 16, den seine Freunde das »Teufelsbaby« nennen, »weil ich für ein paar Brocken Crack meine Mutter verkaufen würde«. Der Teenie pflegt sich zum Rauchen in sein »Büro« zu verziehen, den Abort eines verlassenen Hauses. Grinsend hockt er sich neben die Kloschüssel und entzündet seine Pfeife.

Ein anderer Junkie preist flehentlich eine gestohlene CD an, um sich den nächsten Stein kaufen zu können. Er röchelt und hustet, eine Lungenentzündung macht ihm zu schaffen. Nach dem ersten Zug aus der Pfeife zucken seine Mundwinkel, laut knirscht er mit den Zähnen. »Er hat höchstens noch ein Jahr, dann stirbt er an einer Überdosis«, prophezeit sein Freund.

Die Mädchen in dem Kreis erwartet Ähnliches. Patrícia, 14, geht für 20 Dollar mit Fremden ins Motel. »Wenn ich einen Stein brauche, mache ich mit den Männern alles, was sie wollen.« Sie sei von sechs Drogenhändlern vergewaltigt worden, weil sie nicht bezahlen konnte, erzählt ihr Freund. Patrícia schweigt. Lieber beschreibt sie, wie sie im Einkaufszentrum Zigaretten und Musikkassetten klaut.

Täglich verrauchen die Junkies von der Boca da Onça Crack im Wert von 500 Mark. Das Geld beschaffen sie durch Einbrüche und Überfälle. Fernseher und Stereoanlagen tragen sie zu den Dealern in die Favela. »Wenn sie von der Sucht gequält werden, geben mir die Junkies oft ihren Wohnungsschlüssel«, berichtet Roberto, ein Crack-Dealer. »Meine Jungs holen dann raus, was sich verkaufen läßt.«

Am Wochenende setzt Roberto fast 200 000 Mark um. Er selbst nimmt keine Drogen: »Ich habe schließlich Frau und Kinder.« Roberto gewährt Kredit. »Aber wer die Schulden nicht abzahlt, muß sterben.« Für solche Fälle heuert er einen Justiçeiro an, einen Auftragskiller.

70 Prozent aller Morde in São Paulo haben mit Crack zu tun, schätzt die Polizei. In den trostlosen Vororten im Osten und Süden werden mehr Menschen umgebracht als in den Drogenmetropolen Kolumbiens. »Unser Soweto« nennt Kommissar André Silas die Gegend.

Die Polizei führt einen aussichtslosen Kampf. Jede Nacht durchkämmt sie die Elendsviertel. Mit ihren schweren Stiefeln zertreten die Beamten Crack-Pfeifen und Feuerzeuge. Doch die Klein-Dealer kommen in der Regel unversehrt davon: Sie sind meist nicht strafmündig.

Einige Polizisten verkaufen selbst Crack oder schnupfen Kokain. Vier Mitglieder der Rota, einer berüchtigten Spezialtruppe der Militärpolizei, stehen derzeit vor Gericht, weil sie sich als Auftragskiller verdingt haben sollen.

Im Streit um ein paar Brocken werden die Süchtigen oft auch zu Mördern. Besonders häufig muß die Mordkommission nach »Craquolândia« ausrücken. So nennen Anwohner die heruntergekommene Gegend um den Bahnhof Estação da Luz im alten Zentrum von São Paulo. »Craquolândia ist die letzte Station vor dem Friedhof«, sagt ein Dealer. Dutzende Jugendlicher liegen in den Hauseingängen und halluzinieren: menschliches Strandgut, hoffnungslos verloren.

Aus abgebrochenen Autoantennen und Plastikrohren basteln sich die Junkies ihre Crack-Pfeifen. In der Rua do Triunfo, wo früher Pornofilmproduzenten ihre Studios betrieben, wärmen sich rund 20 Süchtige an einem Lagerfeuer, unter ihnen eine ehemalige Lehrerin und ein Bankangestellter. Im Delirium kriechen sie über die Straße und suchen den Asphalt nach heruntergefallenen Crack-Stückchen ab.

Die meisten der etwa 500 Straßenkinder im Zentrum von São Paulo sind süchtig. Rund 100 Mark rafft Washington, 12, täglich durch Betteln und kleine Diebstähle zusammen. »Das reicht für 20 Steine.« Seit zwei Jahren raucht er Crack, seine Pfeife hat er sich aus einem Kugelschreiber und einem Flaschenverschluß gebastelt.

Seine Freundin Andresa, 13, ist in der »nóia«, wie die Kinder den Crack-Wahn nennen. Mit tiefer Stimme imitiert sie einen Freier, kichert hysterisch und ergötzt sich an sexuellen Kraftausdrücken. Etwa 15 Mark kassiert sie für ein »programa« in den billigen Absteigen von Craquolândia. Als sie acht war, hat sie die erste Pfeife geraucht. Das jüngste Straßenkind, das die Polizei mit der Droge erwischte, war sechs.

Gegen Mitternacht rücken die Beamten des 13. Reviers zu einer Routine-Razzia aus. Mit zwei Streifenwagen sperren sie die Rua do Triunfo, die Süchtigen werden vor einer Hauswand zusammengetrieben. Sie müssen den Mund weit aufsperren, oft verbergen Junkies die Crack-Brocken unter der Zunge.

Als ein weißer VW-Bus vorfährt, beginnen die Jüngeren zu weinen. Sie wissen, was sie erwartet: Das Fahrzeug hat der Jugendrichter geschickt, der sie in ein staatliches Heim einweisen wird.

Drei Männer in langen schwarzen Mänteln und eine blonde Sozialarbeiterin steigen aus dem Wagen. Bevor sie die schmuddeligen Kinder einsammeln, streifen sie weiße Einweghandschuhe über. »Ihr bekommt ein warmes Essen und dürft duschen«, lockt die Frau und zerrt einen Jungen zum Auto.

»Was soll das?« protestiert der. »Ich habe Aids, rauche Crack und lebe auf der Straße. Laßt mich in Ruhe sterben.«

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