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Letzte Stimmen

Pubertät im Braunhemd, Beziehungskisten während des Bombenkrieges - mit einem neunstündigen TV-Marathon hechelt die ARD der Gefühlswelt unterm Hakenkreuz nach. *
aus DER SPIEGEL 43/1987

Denken stop! Maschinen stop! Lautlos gleitet die »MS Oceana« in den südnorwegischen Sogne-Fjord. Wasser stürzt von den Felsen, Nebel wabert wie auf der Bayreuther Bühne, die Sonne steht fahl über eisigen Gipfeln.

Auch das noch: Aus den Bordlautsprechern tönt ein guter alter Ohrwurm, Peer Gynt von Edvard Grieg. Mit professioneller Andachtsmiene stehen sie an der Reling. Anna, Kurt, Uschi und wie die Fernseh-Helden sonst noch heißen. Die Kamera streicht über die jugendkalten, wäßrig-schönen Züge des neuen Serienstars, Annette Uhlen, ihre blonde Haarseide legt sich wirksam in den Fahrtwind.

Und immer noch einen drauf. Mitten ins Grieg-Getöse spricht ein Zeitzeuge aus dem Off: »Dann sagte uns der Reiseleiter: ''Das ist der Gottesdienst der Deutschen.''« Und nach einer Pause pflichtet eine andere Geisterstimme ergriffen bei: »So was konnten sie, die Nazis.«

So eine Fahrt mit der Urlaubsflotte der Nazis, Teil des NS-Freizeitprogramms »Kraft durch Freude« (KdF), können auch zwei Fernsehmacher routiniert zeigen, die mit Hitler nichts am Hut haben: Drehbuchautor Wolfgang Menge, 63, TV-Veteran, Erfinder des Ekels Alfred, und Horst Königstein, 42, NDR-Regisseur und umtriebiger Nostalgie-Fachmann, der mit Glitzershows wie »Haus Vaterland« der Geschichte gern unter die Röcke guckt.

Die KdF-Seligkeit im Fjord ist Höhepunkt des zweiteiligen Fernsehspiels von Menge und Königstein unter dem Titel »Reichshauptstadt privat«, das in dieser Woche am Mittwoch und Sonntag jeweils nach der Tagesschau zu besichtigen ist.

Der Inhalt: Wie Millionen Deutsche fahren Kurt, ein angehender Architekt, und Anna, aus einem Berliner Modesalon 1938 nach Norwegen. Sie verlieben sich ineinander. Im Krieg gerät Kurt in Gefangenschaft und bietet Anna in einem Brief die Ferntrauung an. Als sie dies ablehnt, wendet er sich erfolgreich an Annas Freundin Uschi, die den Architekturstudenten schon immer liebte.

Lange nach dem Krieg trifft sich das unglückliche Liebespaar von einst in Berlin wieder. Bei der Lektüre von Annas altem Tagebuch steigen die Erinnerungen auf. Geschickt hat Menge die Handlungsstränge KdF, Berlin im Krieg, Berlin heute miteinander verwoben; eingestreut sind dokumentarische Elemente.

Begleitet wird das sentimentale Spiel von einer vierteiligen Dokumentation. Die hat Königstein allein zu verantworten; sie fährt, als Geleitschutz des KdF-Schiffspektakels im Ersten, über die Dritten Programme.

In dieser Dokumentation kommen Zeitzeugen zu Wort, prominente wie Margot Hielscher ("Die Flieger sahen fabelhaft aus"), Ilse Werner, Friedrich Luft, Brigitte Mira, Kristina Söderbaum und weniger prominente wie KdF-Stewards, ein Schiffsarzt, ein Ex-Reiseleiter ("Am wildesten waren die Ostpreußen, Sie glauben gar nicht, was die Frauensleute da für ein Temperament entwickelten"), BDM-Mädchen und darbende Kriegsbräute.

Neun Stunden insgesamt bietet öffentlich-rechtliches Fernsehen in Deutschland Privates, allzu Privates, aus der Nazi-Zeit, »nicht die Geschichte der Helden aus Widerstand und Verfolgung, sondern Lebenszeichen aus der hemmungslos jungen Nazi-Jugend: deren Musik, Moden, Prägungen, Ideale, deren postpubertäre Ängste und Wünsche ...«, wie Königstein selbstergriffen ankündigt.

Gewiß, da taucht im zweiten Teil ein jüdischer Junge mit gelbem Stern auf, dem der Zutritt in den Luftschutzkeller verwehrt wird, und die Protagonisten in Menges Fernsehspiel wundern sich, daß Juden zum Führen von Kraftfahrzeugen hinfort nicht mehr geeignet sind. Aber ansonsten sind in diesem Zweiteiler die Beziehungskisten so gezimmert, daß Zeitgeschichte nur noch als leises Außengeräusch bemerkbar ist.

Wenn sich Anna und Kurt im Speisesaal der »MS Oceana« näherkommen, verweilt die Kamera meist auf dem Techtelmechtel. Da mag sich die Spielscharführerin Edeltraud von Garmitz (die schmallippige Fassbinder-Schauspielerin Irm Hermann in einer Super-Charge) noch so sehr mit dem Verlesen einer Rede des Führers der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Robert Ley, während des KdF-Mittagessens mühen, die _(Kostümfest auf der »MS Oceana«. )

TV-Macher Königstein und Menge interessiert einzig das Private.

Leys Geschwafel, die Erläuterung der ideologischen Ziele, die die Nazis mit KdF verfolgten, das alles bleibt bewußt im Hintergrund. Geschichte stört in diesem »Sittenspiegel« der NS-Zeit, der, so wollen es die Macher, alles Didaktisch-Belehrende vermeidet. So bedenkenlos wie Menge und Königstein hat das Fernsehen hierzulande noch nie NS-Realität in Seifenoper verwandelt. Verräterisch klingt, was Königstein über die ursprünglichen Intentionen zu dem drei Millionen Mark teuren Projekt sagt: »Erste Gespräche mit Menge drehten sich nur um eines: Was wollen wir nicht? Zu viele Filme über die Nazi-Zeit haben die Zuschauer erschöpft, zu oft wurden jene Zuschauer ausgeschlossen, die immer noch der Meinung sind, dieser Teil ihres Lebens könne nicht so völlig falsch und fehlgeleitet gewesen sein.«

Damit jene »Ausgeschlossenen« (wer schloß sie aus, wenn nicht sie sich selbst durch verweigerte Trauerarbeit?) auch angemessen zu Wort kommen, warfen sich Menge und Königstein auf eine »Archäologie der kleinen Dinge und Erlebnisse«. Über die Zeitungen wurden Fernsehzuschauer aufgefordert, Berichte, Bilder und Erinnerungen aus dem alten Berlin, von den KdF-Fahrten und so weiter an den NDR zu schicken. Mehr als 500 Zuschauer meldeten sich. Bald stöberten Menge und Königstein in langen Erlebnisberichten und kompletten Photoalben. Rechercheure eilten über Land und ließen Zuschauer in die Kamera sprechen, nicht um den alltäglichen Nationalsozialismus zu zeigen, sondern »die kleinen Tricks, die Mißverständnisse, die Eng- und Hartherzigkeiten, die List im Alltag, die Lebenslust und den Lebensspaß«.

Im Entdeckungsrausch einer »Geschichte der Gefühle« verklärte sich das Private zu quasi überirdischer Inspiration. Königstein schwärmte später: »Kleine Altäre gegen das Vergessen stehen in den Mietwohnungen, Photos und gesammelte Zeitungen, durch Bombenstaub und Fluchtbewegung gezerrt - rund 50 Jahre haben diese Unterlagen oft auf ihre Archäologen gewartet. Man spürt, es sind die letzten Stimmen.«

Und was, wenn diese sorgfältig zwischen Seidenpapier geklebten Belanglosigkeiten nicht für die Fernseh-Nation ausgegraben worden wären?

Ohne Menges Zweiteiler wäre manchem verborgen geblieben, wie absurd sich Ferntrauungen ausnahmen, wenn die Braut statt dem Bräutigam einem neben ihr liegenden Stahlhelm die Hand zum Ja-Wort auflegte. Und auch, von der lässigen Swingbegeisterung in Berlin als Affekt gegen die vorherrschende Nazi-Zackigkeit hätte das große TV-Publikum der Spätgeborenen vielleicht nichts erfahren trotz Kempowskis »Tadellöser & Wolff« und der bereits darin dokumentierten Liebe zum Jazz.

Wie auch immer, die Geschichte muß solcher Tagebuch-Erkenntnisse wegen nicht neu geschrieben werden. Schon der Regensburger Literaturhistoriker Hans-Dieter Schäfer hat in seinem Buch »Das gespaltene Bewußtsein« auf die tiefen Gegensätze zwischen Nazi-Ideologie und Praxis hingewiesen, darauf, daß beispielsweise 1937 während eines Mussolini-Besuchs bei Hitler in Berlin auf dem Kurfürstendamm auch ein Hollywood-Film zu sehen war und auf einem Nazi-Presseball offiziell als Negermusik verpönter Swing gespielt wurde.

Nur viel kritischer als Menge und Königstein analysiert Schäfer die dermaßen erlebte Realitätsspaltung als subjektive Begünstigung der Nazi-Herrschaft: Mit dem Rückzug aufs Private blendeten sich die Deutschen aus dem Realitätszusammenhang aus.

Menge und vor allem Königstein, der seine Dokumentation vollmundig als »letzten, großen Versuch zur Genauigkeit« und bewußt nicht als »Tribunal über Mitschuld« annonciert, verfällt immer distanzloser dem Stoff, aus dem die privaten Erinnerungen an die Nazi-Zeit sind.

Kostümfest auf der »MS Oceana«.

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