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Briefe

Letzten Rest von Ethik zerschlagen
aus DER SPIEGEL 5/1999

Letzten Rest von Ethik zerschlagen

Nr. 3/1999, Bildung: Ist jeder dritte Student unfähig?

»In die Pfanne gehauen« hat Professor Kaesler wohl niemanden. Schon eher aus dem Gleichgewicht gebracht, was auch ganz offensichtlich aus den Reaktionen der »Opfer des Lauschangriffs« hervorgeht. Allerdings bin ich der Ansicht, daß Professor Kaesler durchaus recht hat, wenn er sagt, daß es sinnvoll wäre, »Eignungsgespräche« zu führen, um sich auf diese Weise ein ungefähres Bild vom jeweiligen Bewerber machen zu können. Universität oder Berufsleben - wo liegt der große Unterschied?

AUGSBURG BARBARA NAZAREWSKA

Wer die Leistungsparameter der einen oder anderen regelmäßig untersucht, wird jedem Studienjahrgang und jedem Dekanat den dringenden Rat geben, auf den gegenseitigen Vorwurf der Dummheit zu verzichten.

MÜNCHEN STEFFEN SCHABEL

Nicht nur, daß Professor Kaesler offensichtlich humorvolle Worte nicht versteht. Nein, er zerschlägt auch noch den letzten Rest von Ethik, der bislang in den Wissenschaften verblieben ist. Ein derartiges Verhalten lernte ich in meinem Studium der Ethnologie als »verdeckte Feldforschung« kennen, etwas, das als niederträchtig erachtet wurde, da es den unfreiwillig Untersuchten in seiner Würde verletzte.

WEIDEN (BAYERN) DR. THOMAS STEMMER

Hört, hört! Ein Drittel aller Studenten sind unfähig. Gerade Herrn Kaesler als Soziologen sollte aufgefallen sein, daß die moderne Hochschule, welcher Form auch immer, sich vom Hort einer Elite zu einem Dienstleistungsbetrieb des Bildungswesens gewandelt hat. Ein Umstand, dem nicht gerade alle Hochschullehrer mit ihrer Einstellung und der Qualität ihrer Vorlesungen entsprechen. Wir zweifeln den repräsentativen Charakter seiner »Studie« an. Weiterhin ist ihm sicherlich entgangen, daß eine Hochschule ein Ort der Persönlichkeitsbildung ist. Einer Persönlichkeit, welche sich oft nicht bewußt ist, was sie gedenkt zu studieren. Die Motivation von so manchen Studenten löst sich in Wohlgefallen auf, nachdem sie etwas Zeit mit dem angestrebten Studienfach verbracht haben; genauso wie sich Unsicherheit in Begeisterung wandeln kann, wenn der erste Kontakt zum Fach hergestellt ist. Daher erscheint uns ein Auswahlgespräch, als Kriterium im Sinne des Herrn Kaesler, zur Studienzulassung vollkommen ungeeignet.

SIEGEN JÖRG KÖNIG, MARTIN KOSCHEL

Egal, ob hier unfair recherchiert wurde, das Ergebnis scheint uns realistisch zu sein. Das Problem setzt jedoch schon früher in der Ausbildung an, wissen wir beiden als Studienräte doch, wer heutzutage mit seinem Abitur die allgemeine Hochschulreife erhält. Machten Anfang der siebziger Jahre noch circa 10 Prozent eines Jahrgangs das Abitur, sind es in einigen Städten Deutschlands heute 50 Prozent, was politisch wohl so gewollt ist. Sollte der Staat ein Interesse daran haben, daß ihm nicht private Institutionen die Bildung seiner begabteren, interessierteren und zahlungskräftigeren Jugendlichen streitig machen, müssen Bildungswege eröffnet werden, die neben dem normalen Abitur Zusatzleistungen abverlangen. Den »normalen« Abiturienten könnten auch akademisierte Ausbildungsgänge als Krankenpfleger oder Bankkaufmann/-frau schmackhaft gemacht werden.

BREMEN SABINE UND MATTHIAS HABEKOST

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