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AFGHANISTAN Letzter Besuch

Das Ödland am Hindukusch wurde Republik. Putschführer Daud gilt dem Kreml als Verbündeter gegen China.
aus DER SPIEGEL 30/1973

Die Nachricht, daß er kein König mehr ist, überraschte den König im Schlamm.

Auf der Kurinsel Ischia brachte am vorigen Dienstag ein Leibwächter seinem Herrn Mohammed Sahir Schah, 58 -- seit fast 40 Jahren König von Afghanistan -, die Meldung ins Fango-Bad, daß daheim in Kabul der königliche Vetter Mohammed Daud Khan, 64, die Abwesenheit des Königs ausgenutzt hat, um die Monarchie abzuschaffen, die Republik auszurufen und die Macht im Lande zu übernehmen -- in einem Land, das nach den Statistiken der Unesco und der Weltbank zu den zehn ärmsten der Welt gehört.

Denn in Afghanistan, den wasserarmen, fast kahlen Faltengebirgen des Hindukusch, zweieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik, leben -- geschätzt -- zwischen 12 und 18 Millionen Menschen, die durchschnittlich 150 Mark im Jahr verdienen. Eine Volkszählung hat es nie gegeben.

Fast die Hälfte von ihnen sind Nomaden, Schafhirten, die in der steinigen Ödnis ständig nach Wasser und Weiden suchen. Auch in klimatisch günstigen Jahren leben Mensch und Tier stets am Rand der Existenz. Von fünf Kindern werden drei nicht älter als zwölf Jahre. Im ganzen Land gibt es nur 700 Ärzte. Über 90 Prozent der Afghanen können nicht schreiben und lesen.

In dem rückständigen Land ist die Macht rückständiger Feudalherren und islamischer Mullahs, die den geringsten Fortschritt wie Hygiene oder Schulbildung für Teufelswerk halten, ungebrochen. In ihren Stämmen und Klans sind die Afghanen den regionalen Fürsten und Priestern stärker unterworfen als der Staatsmacht im fernen Kabul.

Alle Versuche des jetzt abgesetzten Königs, die mittelalterlichen Zustände durch bescheidene Reformen zu verändern -- etwa den Schleier für die Frauen abzuschaffen und Parteien zuzulassen -, scheiterten am passiven Widerstand der Frommen und Großgrundbesitzer.

Putschführer Daud, durch Geburt Vetter und durch Heirat Schwager des abgesetzten Monarchen, möchte Afghanistan zur Politik der starken Hand zurückführen. Der General, der 1939 als Chef der Armee die Monarchie vor einem Aufstand königsfeindlicher Stämme rettete, der als einer der wenigen Westgäste an dem Begräbnis Stalins teilnahm und der den Stalin-Nachfolger Chruschtschow ins Land lud, war 1963 nach zehnjähriger Dienstzeit als Premier vom Vetter Sahir abgesetzt worden, weil Daud den König und das Parlament nicht mitregieren lassen wollte.

Unter strenger Einmann-Herrschaft -- Daud wurde in der vorigen Woche als Staatschef, Verteidigungs- und Außenminister in einer Person von seinen Anhängern gekürt -- will er Afghanistan in einen modernen Staat umwandeln. Helfen soll ihm dabei ein Nachbar, der schon in den fünfziger Jahren half: die Sowjet-Union. Fast 1,5 Milliarden Dollar hat Moskau in den letzten 20 Jahren in das verkarstete Land gepumpt, pro Einwohner mehr als in jedes andere Land der Erde -- und dreimal mehr als die Entwicklungshilfe der USA.

Moskau lieferte nach Afghanistan die ersten 1200 Lastwagen, sprengte fast Zweidrittel der befestigten Straßenkilometer in den Fels, baute in Kabul die erste Bäckerei. Die sowjetischen Berater und Techniker, die ins Land kamen. legten Flugplätze und Ölraffinerien an, zogen eine Radio-Telephon-Leitung von Moskau nach Kabul und eine Pipeline für den Transport von Erdgas aus dem Norden Afghanistans in die UdSSR.

Afghanistans Luftwaffe (6000 Mann) ist ausschließlich mit sowjetischen Maschinen ausgerüstet, das Heer mit sowjetischen Panzern. Die 50 jungen Offiziere, die in der vorigen Woche den Staatsstreich von Mohammed Daud unterstützten und organisierten, haben ihre Ausbildung, wie die meisten Kameraden, auf sowjetischen Militärakademien bekommen.

Der Preis, den Afghanistan für die Abhängigkeit vom großen Nachbarn zu zahlen hatte, war bisher nicht hoch: Moskau begnügte sich mit strikter Neutralität und nahm sogar ohne Einspruch hin, als der clevere Daud nach den Sowjets auch die Amerikaner und Westdeutschen zu verstärkter Hilfe animierte.

Doch spätestens seit dem Krieg um Bangladesch hat sich die geopolitische Strategie der Sowjets im mittleren Osten verändert. Das Militärbündnis mit dem bisher neutralen Indien und der gegen den China-Verbündeten Pakistan gewonnene Krieg versteifen auch in den Nachbarländern die Fronten.

Im Werben um den Iran und Sri Lanka (Ceylon) konnte das China Tschou En-lais Pluspunkte gegenüber den Sowjets verbuchen. Moskau hatte mit seinem überalterten Plan eines kollektiven Sicherheitssystems in Asien -- in dem die Sowjet-Union folgerichtig die Hegemonialmacht wäre -- die asiatischen Südstaatler mißtrauisch gemacht.

Für sich gewinnen -- unterstützt durch einen Millionen-Kredit -- konnte Moskau hingegen im vorigen Sommer den Irak. Das Bergland von Afghanistan, auf dessen Territorium so strategisch wichtige Punkte wie der Khaiber-Paß als Durchlaß nach Pakistan liegen, war im Streit zwischen Moskau und Peking der letzte neutrale Flecken im mittleren Asien.

Ende September schickte Moskau einen seiner fähigsten und ranghöchsten Diplomaten nach Kabul: Alexander Pusanow, in den fünfziger Jahren zusammen mit Breschnew Kandidat des ZK-Präsidiums, später Botschafter an neuralgischen Stellen, die für Moskau strategisch wichtig sind: Nord-Korea. Jugoslawien und Bulgarien.

Ende Mai reiste der sowjetische Staatspräsident Podgorny für einige Tage nach Kabul -- für das Königreich Afghanistan war es der letzte Staatsbesucher.

Wenige Stunden nachdem der Putschgeneral und alte Moskaufreund Daud die »Scheindemokratie, die auf persönlichen und Klasseninteressen beruht«, aufgelöst und die Anhänger des Königs im Zoo von Kabul eingesperrt hatte, erkannte die Sowjet-Union als erster Staat der Welt das neue Regime an -- noch vor Indien.

Zur gleichen Zeit ließ Moskau wissen. Parteichef Breschnew werde »binnen weniger Wochen« Indien einen Besuch abstatten. In Kabul macht er voraussichtlich Station.

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