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Bürokratie Letzter Kaffee

Ein Schwerverbrecher stellte sich der Justiz, doch die wollte ihn nicht haben.
aus DER SPIEGEL 6/1991

Vormittags gegen zehn Uhr wurde die hannoversche Rechtsanwältin Hela Rischmüller-Pörtner durch einen dramatischen Anruf beim Aktenstudium unterbrochen. Am Telefon bat ein aufgeregter Mann um Hilfe, der sich als Sami Hamdemir zu erkennen gab: Er wolle sich nun den Behörden stellen.

Als aufmerksame Zeitungsleserin wußte die Anwältin, mit wem sie es zu tun hatte: Der türkische Taxifahrer hatte in Düsseldorf seine Frau, den Sohn und einen Schwager mit Messer und Pistole umgebracht. Der Polizei gestand er am Telefon die Tat: »Ich habe Scheiße gebaut.«

Hamdemir, nach Angaben der Ermittler immer noch bewaffnet, wurde wegen dreifachen Totschlags bundesweit gesucht. Die Anwältin meinte nun, sie könne in Hannover der Fahndung zu einem friedlichen Ende verhelfen: Sie bestellte ihren neuen Mandanten erst einmal in ihre Kanzlei, um ihn dann der Justiz zu überantworten. Doch die wollte ihn nicht haben.

Im hannoverschen Amtsgericht, wo solche Fälle landen, blitzte Hela Rischmüller-Pörtner zunächst bei Richter Manfred Bachmann ab. Der hatte nicht mal einen Blick für Anwältin und Mandant, sondern »telefonierte, telefonierte, telefonierte« (Rischmüller-Pörtner).

Im Geschäftszimmer nebenan ließen sich dann zwei nette Beamtinnen den blutigen Fall schildern. Sie schlugen schließlich vor, der Täter möge sich zur Kripo begeben, um sich dort verhaften zu lassen.

Der zufällig hinzugekommenen Haftrichterin Helga Reubert wurde abermals die Düsseldorfer Bluttat vorgetragen und auch der Wunsch, »Herrn Hamdemir endlich festzusetzen«. Doch Richterin Reubert reagierte abweisend: Zunächst einmal wisse sie nicht, ob sie überhaupt zuständig sei, und außerdem habe sie gerade etwas anderes zu tun.

Mittlerweile, es war bereits mittags, hatte Haftrichter Bachmann zu Ende telefoniert und schenkte der Anwältin Gehör. Doch auch er wollte den Gewalttäter nicht sistieren, weil ihm kein schriftlicher Haftbefehl vorliege. Er werde, so erklärte Bachmann nach Angaben der Anwältin, jedenfalls »erst mal Mittag« machen, die amtlichen Papiere könnten ja per Telefax in Düsseldorf angefordert werden. »Am besten«, riet Bachmann der erstaunten Anwältin, »lassen Sie Ihre Telefonnummer da und gehen mit Herrn Hamdemir in Ihre Praxis.«

»Ich habe geglaubt, ich spinne«, erinnert sich Hela Rischmüller. »Absolut kein Verständnis« für die laxen Hannoveraner brachte auch der Düsseldorfer Staatsanwalt Hans-Martin Blaskowitz auf. Er hatte, um Hamdemir zu fangen, bereits Häuser durchkämmen lassen, während Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag für Sicherheit sorgten und über Lautsprecher die Bevölkerung gewarnt wurde.

Immerhin konnten die Düsseldorfer Behörden nun, während Täter Hamdemir in der Anwaltskanzlei Kaffee trank, die Geschäftsstelle der Haftrichter in Hannover sensibilisieren. Die rief, der Nachmittag hatte begonnen, bei Anwältin Rischmüller-Pörtner an: Ob denn »das mit Herrn Hamdemir noch akut« sei? Wenn ja, möge sie »doch mal rüberkommen ins Amtsgericht« zur Haftrichterin Reubert, die mittlerweile ihre Zuständigkeit erkannt hatte. Denn endlich lag ein gutes deutsches Dokument vor: der schriftliche Haftbefehl.

Abermals brauste die Anwältin mit ihrem Mandanten ins Amtsgericht. Dort wäre die Inhaftierung fast noch gescheitert. Es war mittlerweile kurz vor Dienstschluß, nur mit Mühe konnte ein Wachtmeister mit Schlüsselgewalt aufgetrieben werden.

Im nachhinein kann Anwältin Rischmüller dem gemächlichen Trott in niedersächsischen Amtsstuben sogar noch was Positives abgewinnen. So sei ihrem türkischen Mandanten wenigstens noch »ein letzer Kaffee in Freiheit vergönnt« gewesen. o

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