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VIETNAM / HUE Letzter Versuch

aus DER SPIEGEL 8/1968

Wahrscheinlich waren sie einmal eine Familie gewesen, so wie die Ruinen um sie eine Stadt. Jetzt waren beide, die Familie und ihre Stadt Hué, nur nocH Reste, die nicht wußten, ob sie überleben würden.

Über den brüchigen Brettersteg, der das Stahlgewirr überspannte, das einst eine Brücke war und nun im Fluß lag, krochen zwei alte Leute, blutüberströmt vom Kopf bis zur Hüfte, aneinandergeklammert und von einem Halbwüchsigen gestützt. Hinter ihnen kam ein junger Mann, unverletzt. Er trug ein kleines Mädchen, sechs vielleicht und tot.

Sie waren nur eine Familie von Tausenden, die mit ihrer Stadt, dem alten Kaisersitz im annamitischen Hochland, litten oder starben.

3000 Opfer, so verkündete die Regierung in Saigon am selben Tag, habe die Neujahrs-Offensive der Vietcong unter der Zivilbevölkerung in ganz Vietnam (außerhalb von Saigon) gefordert -- eine Wunsch-Ziffer wie viele andere Zahlen auch: Insgeheim schätzten die Amerikaner in Saigon die Zahl der zivilen Opfer auf 21 000, und mindestens 3000 gab es allein in Hué.

Aber vielleicht zählt diese Stadt nicht für Saigon, obwohl es die drittgrößte des Landes ist: Denn Hué, die Metropole von Glorie und Geist Vietnams, wo einst Präsident Ho Tschiminh und sein Premier Pham Van Dong zur Schule gingen, ist auch Zentrum seiner rebellischen Jugend.

Vor mehr als anderthalb Jahrhunderten hatte Kaiser Gia Long von Hué aus erstmals ein vereintes Vietnam regiert. Seither war die Stadt zwischen dem »Fluß der Wohlgerüche« und den Königsbergen immer ein Symbol .für das Land gewesen.

In Hué wuchs der Widerstand gegen die französischen Kolonial-Herren -- und die Stadt büßte dafür im ersten Indochina-Krieg.

In Hué putschten 1966 Buddhisten und Intellektuelle gegen den Amerikahörigen Fliegermarschall Ky und zündeten das amerikanische Generalkonsulat an. Es war ein letzter Versuch, von der alten Metropole aus -- die nicht nur geographisch mitten zwischen Saigon und Hanoi liegt -- eine dritte, nationalistische Kraft zwischen Kommunisten und Korruptionisten zu schaffen.

Der Versuch scheiterte, und fortan waren die Bürger von Hué mehr gegen die Amerikaner als gegen die Kommunisten. So konnten die roten Soldaten und Guerillas, drei Regimenter stark, die Stadt als Hauptziel ihrer Tet-Offensive kampflos nehmen.

Sie erkoren Hué zu ihrem Alkazar. Als in anderen gestürmten Städten nur noch rote Scharfschützen und Sabotage-Trupps übrig waren, wehte über dem Kaiserpalast der Zitadelle von Hué noch immer die kommunistische Flagge.

Südvietnamesische Infanteristen, Fallschirmjäger und Ranger schafften nicht, was ihre Generale befahlen: Hué zu nehmen, und zwar schnell. Amerikas Ledernacken eroberten im Nahkampf die Vorstadt südlich des Flusses, scheiterten aber an den fast vier Meter dicken Mauern der Zitadelle.

Das war das Todesurteil für die Stadt. Sie blutete schon vorher aus vielen Wunden. Die Universität und die mit deutscher Hilfe erbaute Neurologische Klinik waren verwüstet, der Markt war eingeäschert, in den Ruinen zwischen den Fronten starben Hunderte von Menschen, ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne medizinische Hilfe. (Die deutschen Ärzte der Klinik waren in die Hände der Vietcong geraten und mußten rote Verwundete versorgen.)

30 000 Menschen flüchteten, zu Fuß in die Dörfer und Berge um die Stadt, auf Sampans den Fluß hinunter, oder sie verkrochen sich unter den Trümmern der Vorstädte. Im Stadtzentrum aber hielten sich, verstärkt durch Studenten und Buddhisten, die roten Soldaten und Guerillas unter dem Kommando eines Generals aus Hanoi.

Doch die heimliche Hauptstadt des Landes durfte nicht in der Hand des Feindes bleiben. US-Oberbefehlshaber General Westmoreland schickte seinen Stabschef, General Abrams, nach Hué. Erstmals seit Amerikas nun schon legendärem Pazifik- und Korea-General MacArthur übernahm ein Armeegeneral das Kommando über Marine-Infanteristen.

Abrams entschied: Wenn Hué nicht genommen werden könne, solle es zerstört werden.

SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz sah, wie die Amerikaner begannen, das Todesurteil für Hué zu vollstrecken. Am letzten Mittwoch um 12.14 Uhr -- dem 16. Tag der Schlacht -- stieß der erste F-8-Crusader-Jet der Mannes aus Richtung der Königsberge, die Hué vor stürmischen Südwinden schützen, auf die Dächer der Zitadelle nieder. Dunkle Feuerbälle blitzten auf und formten sich zu schwarzen Rauchpilzen.

Skyraider der südvietnamesischen Luftwaffe versuchten, die Zitadellen-Mauern mit Sprengbomben zu brechen, Hubschrauber-Gunships schossen mit Raketen und Gasgranaten, vor der Küste ankerten US-Kriegsschiffe und eröffneten das Feuer aus ihren 152-Millimeter-Geschützen. Es war das größte kombinierte Luft-, See- und Landbombardement einer südvietnamesischen Stadt.

Doch über den Fluß kamen nur neue Flüchtlinge und Verwundete -- wie immer in Vietnam Kinder, Frauen, Greise.

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