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KRIMINALITÄT Letzter Zipfel

Eine internationale Zuhälter-Bande ist in Frankfurt vor Gericht -- Mädchenhandel, wie er sonst nur im Buche steht.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Ständig wurden sie ausgerufen, »Chato«, »Amador« oder »Omar«, stündlich gingen sie in die Zelle, »Pepe« und »Peco«. Aus der Schar der südamerikanischen Stammgäste war immer einer an der Strippe.

Am Telephon des Spezialitätenlokals »La Camargue«, mitten in Frankfurts Ebbelwei-Viertel Sachsenhausen, regelten die Herren aus Argentinien und Uruguay ihre Geschäfte. In Italien gebe es dafür, sprach etwa der »Cacho« dem »Semilla« in Mailand gut zu, »eine Menge Jungen; meine haben sie ganz flott geheiratet«.

Der ..Negro Marcello« trieb seine, die »Domenica« in der Frankfurter Moselstraße 40. zu mehr Umsatz an, sonst werde er sie »durch die Mitte teilen«. Kontakte gab es auch nach Brüssel, Amsterdam und Montevideo; aus Buenos Aires avisierte der »Carlitos« sich und seine »Aurora« und bat um die Flugtickets.

Dirnen-Importe aus Südamerika, Zuhälterpraktiken in Frankfurt und Hochzeiten auf italienisch, die Themen am Telephon -- all dies präsentierte die Staatsanwaltschaft als Ergebnis ihrer Ermittlungen. Seit letzter Woche steht es vor der 23. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts zur Verhandlung -- im umfangreichsten Prozeß dieser Art, der je deutsche Gerichte beschäftigte.

Bis Ende Februar müssen sich elf Südamerikaner verantworten, neben ihnen die gebürtige Argentinierin »Delfa«, die sich in dem Männerzirkel von der Dirne zur Matrone hochdienen konnte.

Die Anklage wirft den Ausländern vor, sie hätten eine kriminelle Vereinigung gebildet und gewerbsmäßig Prostituierte ausgebeutet, unerlaubt Pistolen getragen und Papiere gefälscht, dazu Rauschgift in geringen Mengen gehandelt -- Mädchenhandel mit allem Drum und Dran, wie es sonst nur im Buche steht.

Der Prozeß gibt Einblick in Aufbau und Wirkungsweise einer weltweit operierenden Gruppe, die durch Prostitution Millionen verdient, ein straff organisiertes Unternehmen, in dem die Aufgaben der Mitglieder klar verteilt sind. In ständiger Fluktuation stießen die Männer und ihre Mädchen stets in die günstigsten Marktlücken -- und scheiterten vorerst in Frankfurt an der dort fest etablierten Konkurrenz.

Wieder einmal hatte sich, Ende letzten Jahres. eine ausländische Organisation in Frankfurt niedergelassen, seit Jahren schon Anziehungspunkt des internationalen Geschäfts mit der Kriminalität. Von israelischen und jugoslawischen Diebes- und Hehlerbanden ohnehin ins Dirnengewerbe zurückgedrängt, sahen die bodenständigen Unterweltler nun die Gefahr, so ein einheimischer Loddel, »daß man uns auch noch den letzten Zipfel abjagt«.

Der Tip über die Umtriebe der Mädchen und ihrer Hintermänner kam denn auch direkt aus dem Milieu. Frankfurts Kripo ließ Telephonanschlüsse überwachen, Beamte mischten sich unter die Gäste im Treffpunkt »La Carmargue« und observierten zwei Wohnungen in der Dreieich- und der Börnestraße, Unterschlupf der Unternehmensführung.

Bei einer Razzia vergangenen März überprüften Fahnder dann in Bordellen des Bahnhofsviertels rund 50 südländische Dirnen und ließen »den festeren Kern« der Filiale am Main hochgehen, darunter

* José Alfredo Bouzas. 34, genannt »Gallego«, angeblich Textilhändler in Buenos Aires, der den Ermittlungen zufolge als Leiter der Niederlassung am Main schon mal Dirnen, die nicht »sauber« waren, den Laufpaß gab,

* Norberto Juan del Bono, 41, genannt »Cacho«, angeblich Druckereibesitzer in Buenos Aires, der, so die Anklage, als zweiter Mann mitunter drei Mädchen laufen ließ und barsch reagierte, wenn eine mal »einen Ruhetag einlegen« wollte.

»Gallcgo« wies, das glauben die Fahnder, den Dirnen die Reviere zu und berichtete anderen Zweigstellen im Ausland über die Geschäftslage. »Cacho« handelte danach vornehmlich mit Bordellbesitzern die Zimmerpreise aus. Dem »Omar« oblag es. die Verbindungen nach Italien zu pflegen, und »Wilfredo« besorgte. falls nötig, falsche Papiere.

Die Geschäftsführer sollen auch für Nachschub aus der Heimat gesorgt haben, wenn in den deutschen Etablissements Personalnot war. Über einen Gewährsmann in Montevideo erfragten die Organisatoren nur den Namen der Frau, eventuell auch des Beschützers, wollten »morgen schon die Tickets« auf den Weg geben: »Kommt schnell, denn ich habe schon alles, um alles zu regeln.«

In Frankfurter Eroszentren waren die Zimmer schon reserviert, schriftliche Anweisungen über Praktiken und ihre Preise lagen dabei: »30 marcos con goma; 40 desnuda; 50 con franchesa; 60 franchesa desnuda; 70 franchesa los dos; 100 media hora; 200 una hora; sin goma minimo 100.«

Ihre Dienste boten die Dirnen während der ersten drei Monate »roh« an -- den Behörden gegenüber pochten sie auf ihren Touristenstatus. Nach Ablauf der Frist allerdings mußten sie kurz nach Italien, wo ihnen Mittelsmänner aus Mailand schnell einen Ehemann zuführten -- um den Frauen, so die Staatsanwaltschaft, »den Status des Angehörigen eines EG-Landes zu sichern und damit eine Ausweisung zu erschweren«.

Für 2000 Mark wurden laut Ermittlung Arbeitslose und Insassen aus Altersheimen angeworben und zu den Standesämtern in Mailand, Genua und Verona gebracht. Mitunter gab es Hindernisse, weil, so notierte ein Kripobeamter, »der entsprechende Bräutigam entweder betrunken ist, zu viel Angst hat oder im Gefängnis sitzt«.

Als jungvermählte Senoras »Mussonni« oder »Molina« flitterten die Frauen dann mit vielen Freiem, von ihren »minas« (Mädchen) forderten die Zuhälter pro Nacht wenigstens »fünf Qambas« (500 Mark), manche gar »zwei Lucas« (2000 Mark). Mit guten Ratschlägen und handfesten Drohungen hielten sie die Dirnen bei der Stange.

Wenn ein Mädchen weglief, das schrieb der von Fahndern bezeugte Ehrenkodex vor, mußte die Organisation dem Zuhälter bei der Suche nach einer neuen Dirne behilflich sein. So wurde etwa für den schnöde verlassenen »Chileno« zur Sammlung aufgerufen: »Ein großer Mann, und alle schätzen ihn.«

Wer aber gegen die Gesetze der Gruppe verstieß, auch hier stand Chicago Pate, dem kamen sie aufs Haupt. Dem »Tito« habe er, meldete ein Mitglied Vollzug, »mit dem Griffstück der Knarre ein paar übergezogen«. ·

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