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PRESSE Letztes Gift

Der »Abend«, jahrzehntelang leichte Lektüre für Berliner, erscheint nicht mehr. Dazu beigetragen hat offenbar das Konkurrenzdenken eines Verlegers, der eigentlich ein Partner des »Abend« war.
aus DER SPIEGEL 5/1981

Wolfgang Völz und manchem anderen Berliner ist der Tagesanbruch ruiniert. »Das Beste am Morgen«, warb der Schauspieler noch vor kurzem, »ist für uns der ''Abend''.« Nun schon, vergangenen Freitag, erschien das Blatt zum letzten Mal.

Auf einer Betriebsversammlung hatten die 125 Mitarbeiter von Verlag und Redaktion tags zuvor erfahren, der »Abend« werde »aus wirtschaftlichen Gründen« eingestellt -- »vorläufig«, wie Verleger und Chefredakteur den Abgang matt zu mildern versuchten.

Fast 35 Jahre lang hat die bald nach Kriegsende mit einer Lizenz der amerikanischen Militärregierung gestartete Boulevard-Zeitung ihre Lesergemeinde mit leichter Lektüre versorgt. Doch die zunächst kaum einem Ku''damm-Bummler entbehrliche bunte Mischung aus Politik und Prominententratsch, Feuilleton und Fußball verblaßte über die Jahre.

Verlegerische Fehlentscheidungen taten ein übriges, die einst mit über 100 000 Exemplaren vertriebene Mittagszeitung an den Rand des Ruins zu bringen.

Bereits im Juni vergangenen Jahres sprachen alle Anzeichen für einen endgültigen Hinschied. Das »Spandauer Volksblatt«, das zusammen mit dem liberalen »Tagesspiegel« gegen den fast achtzigprozentigen Marktanteil der Springer-Zeitungen anschreibt, läutete dem Dritten im Bunde schon die Sterbeglocke: »Es gilt Abschied zu nehmen« und »das Ende des ''Abends'' zu verkünden«.

Doch dann erschien als Wunderheiler der Multimillionär Hossein Sabet, persischer Teppichhändler und Wahlberliner seit Anfang der sechziger Jahre. Sabet erwarb das marode Blatt (damalige Verkaufsauflage: 44 000) für einen nie genannten Preis vom Vorbesitzer, dem Frankfurter Fuhrunternehmer Carl Eberhard Press, stellte den »Abend« auf morgendliches Erscheinen um und etablierte eine fast vollständig neue Redaktionsmannschaft.

Noch einmal durfte das finanziell und personell verkümmerte Blatt aus dem vollen wirtschaften. Zum Morgen-Debüt leistete sich Sabet eine Startauflage von 100 000 Exemplaren, stiftete den mit 150 000 Dollar dotierten »Abend-Cup ''80« für Tennisprofis und mietete der Redaktion eine Büro-Etage von erster Berliner Adresse, vis-a-vis der Gedächtniskirche. Moderne Zeiten brachen an, der »Abend« wurde im computergesteuerten Lichtsatz hergestellt.

Chefredakteur, später gar Herausgeber sollte der Fernsehjournalist Dieter Gütt werden. Doch der ließ seinen »verehrten und achtungsgebietenden Freund Hossein Sabet« schon nach zwei Wochen wissen, daraus könne nichts werden; der Westdeutsche Rundfunk, Gütts Arbeitgeber, sei dagegen.

Karsten Peters, den Sabet von der Münchner »Abendzeitung« geholt und der solange als Redaktionsleiter amtiert hatte, rückte auch im Impressum -- als Chefredakteur -- eins auf. Und mit ungebrochenem Optimismus ließ Sabet noch in der vorletzten Woche von einer Leasingfirma eine ganze Ladung Eingabegeräte für den Lichtsatz liefern.

Doch als Sabets Satz-Hersteller Jürgen Kleindienst, bei dem das Blatt mit über 300 000 Mark in der Kreide steht, am Donnerstag einen »Abend«-Scheck über 60 000 Mark vergeblich einzulösen versuchte, war alles zu spät. Auch die »Mercator«-Druckerei, an der »Tagesspiegel«-Verleger Franz Karl Maier und Sabet je zur Hälfte beteiligt sind, erwirkte am selben Tag einen Arrestbefehl und Pfändungsbeschluß über rund 800 000 Mark.

Monatlich 200 000 Mark zuviel, so begründete der »Abend«-Verleger seinen Einstellungsbeschluß, habe ihm der Partner für den Druck abgenommen. Sabet über den Konkurrenten vom »Tagesspiegel": »Er hat uns den Krieg erklärt.«

Schon am 27. November letzten Jahres war der »Abend« nicht erschienen, weil »Mercator«-Geschäftsführer Maier den Druckern kurzerhand die Herstellung untersagt hatte. Seither mußte Sabet auf Gerichtsbeschluß täglich erst 8500, seit zwei Wochen sogar 10 000 Mark bei Maier abliefern -- der den unliebsamen Partner, zumal seit der »Abend« am Morgen kam, mit seiner Preispolitik unter Druck setzte. Hinweise Sabets, westdeutsche Druckereien würden erheblich preiswerter produzieren, verschlugen bei Maier nicht.

Nach der »Abend«-Pleite werden nun auch Arbeitsplätze beim Setzer Kleindienst und beim Drucker »Mercator« in Gefahr geraten. Seinen eigenen Leuten dagegen erklärte Sabet, sie könnten sich als »freigestellt« betrachten und mit drei Monaten Lohnfortzahlung rechnen. Einen Sozialplan konnte er dem bei der Trauerfeier anwesenden IG-Druck-Funktionär Gerd Ballentin nicht vorweisen.

Im Verleger-Krieg von Berlin, der durch eine Reihe anhängiger Zivilprozesse mindestens etliche Juristen noch eine Zeitlang ernähren wird, mag sich Sabet jedoch noch nicht geschlagen geben. Melodramatisch beschrieb er seinen Gegner, ohne ihn freilich beim Namen zu nennen, als »alten Skorpion«, der »uns, den Schwächeren, mit seinem letzten Gift auslöschen« wolle; jedoch »wir werden ihn überleben«.

Höchstwahrscheinlich. Hossein Sabet ist Mitte Vierzig, Franz Karl Maier 70 Jahre alt.

S.90Am Freitag letzter Woche.*

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