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SYRIEN Leuchtturm der Hilfe

Syrien möchte bei der Fertigstellung des Euphrat-Oamms sowjetische Hilfe durch Bonner Gelder ersetzen. Die Bundesregierung zögert.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Subalterne Behörden plaudern mit diplomatischen Randfiguren über Zukunfts-Möglichkeiten; zuständige Minister deuten diese Sondierungen in Verhandlungen um; auf direktes Befragen weiß niemand etwas Genaues: In Arabien wird ein Geschäft vorbereitet.

Syrische Fachbehörden, so das Bonner Auswärtige Amt, diskutierten mit der Schutzmacht der BRD in Damaskus, der französischen Botschaft, über eine mögliche künftige Wirtschaftshilfe Bonns für den arabischen Staat. Bonn. das in Damaskus ohne diplomatische Beziehungen eine fast vollbesetzte Schattenbotschaft unterhält, läßt wissen: Wirtschaftshilfe kommt vor der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen nicht in Betracht.

Syriens Minister Wannus, zuständig für den Bau eines Riesen-Staudamms am Obenauf des Euphrat, versucht den Dialog auf Schleichwegen in Gang zu halten. Journalisten versichert er: »Die Deutschen waren lange unsere Freunde. Warum sollen sie es nicht wieder werden?«

Denn im Jahr 1973 soll am Euphrat-Damm die zweite Baustufe beginnen. Und Syrien möchte gern, daß dann Bonn statt der bisher beteiligten Sowjets mit Krediten und Ingenieuren hilft.

Bonn muß dazu nur einen alten Vertrag reaktivieren: 1957 hatten die Sowjets Pläne für einen Staudamm beim Euphrat-Dorf Tabka entworfen. Den Zuschlag aber erhielt 1961 die Bundesrepublik. Bonn versprach 500 Millionen Mark Kredite für Ausrüstung, die in Deutschland gekauft werden müsse. Zusätzliche Bedingung: Die deutschen Erdölbohrstellen in Syrien dürften nicht verstaatlicht werden. Ölkaufmann Raben über den geplanten Dammbau: »Leuchtturm der Entwicklungshilfe.«

Die Syrer sahen es anders, sie fühlten sich gegängelt. ihr damaliger Premier: »Deutschland will die ganze syrische Wirtschaft in die Hand bekommen.«

Nach dem Abbruch der Beziehungen zwischen Bonn und Damaskus 1965 stiegen die Sowjets in den Vertrag ein.

1968 begann der Bau. Hundert Kilometer südlich der türkischen Grenze soll ein 60 Meter hoher und 4500 Meter langer Damm eines Tages 14 Milliarden Kubikmeter .Wasser anstauen. 600 000 Hektar Steppenland sollen damit bewässert, acht Turbineneinheiten mit einer Gesamtleistung von 800 000 Kilowattstunden angetrieben werden.

Doch Damm-Minister Wannus denkt nicht nur in Zahlen: »Da oben im Norden entsteht das neue Syrien.«

Was vom neuen Syrien bereits steht, ist beeindruckend. Rund um die Uhr schuften in Acht-Stunden-Schichten 7500 syrische Arbeiter zusammen mit 1650 syrischen und 850 russischen Ingenieuren auf der Riesenbaustelle. Mit ihren Angehörigen bilden sie die erste homogen geplante, moderne syrische Stadt. Einwohnerzahl: 35 000.

In vierstöckigen, tabakbraunen Häusern mit weißen, durchbrochenen Treppenhaus-Fassaden leben Familien und Junggesellen. Hilfsarbeiter hausen in Zementhütten. Sportstadion. Schwimmbad, Kulturzentrum sollen die Gemeinschaft bilden helfen.

Nur eines fehlt im neuen Tabka: die sonst für arabische Siedlungen unerläßliche Moschee.

Den Syrern wird der Aufenthalt trotz harter Arbeit leichtgemacht. Bei mietfreier Wohnung verdienen sie die höchsten Löhne im Land. Ein ungelernter Arbeiter beginnt mit fünf syrischen Pfund (4,25 Mark) pro Tag, muß jedes Jahr eine Prüfung machen und steigt bei Bestehen in die nächsthöhere Klasse. Höchster Tageslohn: 29 Pfund.

Abdul Ghazi Haddad, 24, Englisch-Lehrer aus Damaskus und zeitweise Fremdenführer in Tabka, schwärmt: »Das alte Feudalsystem ist hier verschwunden. Die Ingenieure sind die neue Oberklasse.«

Ist der Damm fertig, dann sollen die emanzipierten Arbeiter nicht zurück ins alte System. Fachleute entwerfen 15 landwirtschaftliche Musterdörfer rund um den Stausee, die unter kooperativer Leitung Getreide, Früchte und Gemüse anbauen sollen.

Minister Wannus plant außerdem die Ansiedlung von Industrie, ein landwirtschaftliches Forschungszentrum, Fachschulen und sogar eine Universität. An Syriens Zukunft könnte Bonn noch mitbauen. Bis 1973 soll der Damm 50 Meter hoch sein und drei Turbineneinheiten antreiben. Die restlichen 20 Meter und fünf Einheiten würden, so Bonns Botschaftsrat Eduard Miro in Damaskus, »die Sowjets hebend gern« noch bauen. Doch Miro meint: »Die Syrer ziehen uns vor.«

Minister Wannus ist durch das Zögern Bonns noch nicht entmutigt: »Wir haben uns zu sehr isoliert. Das soll jetzt anders werden.«

Miro: »Hoffentlich kriegen wir das noch hin.«

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